Wedekind | Lulu | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 190 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Wedekind Lulu

Eine Tragödie in vier Aufzügen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401847-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Tragödie in vier Aufzügen

E-Book, Deutsch, 190 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401847-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur.
Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.

Lulu – nymphomane Kindfrau und Männerphanstasie. Frank Wedekinds Stück wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach seinem Erscheinen postwendend verboten.

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Autoren/Hrsg.


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Erster Aufzug


Geräumiges Atelier. – Rechts hinten Entreetür, rechts vorn Seitentür zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich. Links vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brustbild eines jungen Mädchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. Darüber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter.

Erster Auftritt


SCHWARZ und SCHÖN.

SCHÖN (auf dem Fußende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf der hinteren Staffelei)

Wissen Sie, dass ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennenlerne?

SCHWARZ (Pinsel und Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane)

Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. – Es war mir kaum möglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten.

SCHÖN (auf das Bild deutend, ihn ansehend)

Finden Sie das darin?

SCHWARZ

Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung während der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen.

SCHÖN

Dann verstehe ich den Unterschied.

SCHWARZ

(taucht den Pinsel ins Ölnäpfchen und überstreicht die Gesichtszüge).

SCHÖN

Glauben Sie, es wird dadurch ähnlicher?

SCHWARZ

Man kann nicht mehr tun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie möglich nehmen.

SCHÖN

Sagen Sie mal …

SCHWARZ (zurücktretend)

Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen.

SCHÖN (ihn ansehend)

Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt?

SCHWARZ (geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurück)

Der Stoff ist noch nicht genügend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, dass ein lebender Körper darunter ist.

SCHÖN

Ich zweifle nicht daran, dass die Arbeit gut ist.

SCHWARZ

Wenn Sie hierhertreten wollen.

SCHÖN (sich erhebend)

Sie müssen ihr wahre Schauergeschichten erzählt haben.

SCHWARZ

So weit wie möglich zurück.

SCHÖN (zurücktretend, stößt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um)

Pardon …

SCHWARZ (den Rahmen aufhebend)

O bitte …

SCHÖN (betroffen)

Was ist das …

SCHWARZ

Kennen Sie sie?

SCHÖN

Nein.

SCHWARZ (setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schäferstab in der Hand)

Ein Kostümbild.

SCHÖN

Die ist Ihnen aber gelungen.

SCHWARZ

Sie kennen sie?

SCHÖN

Nein. Und in dem Kostüm?

SCHWARZ

Es fehlt noch die ganze Ausführung.

SCHÖN

Na ja.

SCHWARZ

Was wollen Sie. Während sie mir steht, habe ich das Vergnügen, ihren Mann zu unterhalten.

SCHÖN

Sagen Sie …

SCHWARZ

Über Kunst natürlich, um mein Glück zu vervollständigen.

SCHÖN

Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft?

SCHWARZ

Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fällt mir hier herein, ob ich seine Frau malen könne. Nun natürlich, und wenn sie runzlig wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Türen auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fühle jetzt noch, wie mir die Knie schwankten. Ein stocksteifer, saftgrüner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie sich meine Lage. Ich öffne die Tür da (nach rechts deutend). Nur ein Glück, dass schon alles in Ordnung war. Das süße Geschöpf huscht hinein, und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schüttelnd.) Ich habe nie so was gesehen. (Geht nach rechts und starrt an die Schlafzimmertür hin.)

SCHÖN (der ihm mit dem Blick gefolgt)

Und der Schmerbauch steht Schildwache?

SCHWARZ (sich umwendend)

Der ganze Körper im Einklang mit dem unmöglichen Kostüm, als wäre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Füßchen vom Teppich zu heben – mir schießt oft das Blut zu Kopf …

SCHÖN

Das sieht man dem Bild an.

SCHWARZ (kopfschüttelnd)

Unsereiner, wissen Sie …

SCHÖN

Hier führt das Modell die Konversation.

SCHWARZ

Sie hat den Mund noch nicht aufgetan.

SCHÖN

Ist’s möglich!

SCHWARZ

Erlauben Sie, dass ich Ihnen das Kostüm zeige. (Nach rechts ab.)

SCHÖN (allein, vor dem Pierrot)

Eine Teufelsschönheit. (Vor dem Brustbild.) Hier ist mehr Fond. (Nach vorn kommend.) Er ist noch etwas jung für sein Alter.

SCHWARZ (kommt mit einem weißen Atlaskostüm zurück)

Was das für Stoff sein mag?

SCHÖN (den Stoff befühlend)

Atlas.

SCHWARZ

Und alles in einem Stück.

SCHÖN

Wie kommt man denn da hinein?

SCHWARZ

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

SCHÖN (das Kostüm bei den Beinen nehmend)

Diese riesigen Hosenpfeifen!

SCHWARZ

Die linke rafft sie hinauf.

SCHÖN (auf das Bild sehend)

Bis übers Knie!

SCHWARZ

Sie macht das zum Entzücken.

SCHÖN

Und transparente Strümpfe?

SCHWARZ

Die wollen nämlich gemalt sein.

SCHÖN

Oh, das können Sie.

SCHWARZ

Dabei von einer Koketterie!

SCHÖN

Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht?

SCHWARZ

Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt. (Trägt das Kostüm in sein Schlafzimmer.)

SCHÖN (allein)

Wenn man schläft …

SCHWARZ (kommt zurück, sieht nach der Uhr)

Wenn Sie übrigens ihre Bekanntschaft machen wollen …

SCHÖN

Nein.

SCHWARZ

Sie müssen im Augenblicke hier sein.

SCHÖN

Wie oft wird denn die Dame noch sitzen müssen?

SCHWARZ

Ich werde die Tantalusqual wohl noch ein Vierteljahr zu erdulden haben.

SCHÖN

Ich meine die andere.

SCHWARZ

Entschuldigen Sie. Dreimal höchstens. (Ihn zur Tür geleitend.) Wenn mir die Dame dann nur ihre Taille dalassen will.

SCHÖN

Mit Vergnügen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stößt in der Tür auf Dr. Goll und Lulu.) In Gottes Namen!

Zweiter Auftritt


DR. GOLL. LULU. DIE VORIGEN.

SCHWARZ

Darf ich vorstellen …

GOLL (zu Schön)

Was treiben denn Sie hier?

SCHÖN (Lulu die Hand küssend)

Frau Medizinalrat.

LULU

Sie wollen doch nicht schon gehen?

GOLL

Welcher Wind führt denn Sie hierher?

SCHÖN

Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen.

LULU (nach vorn kommend)

Ihre Braut ist hier?

GOLL

Sie lassen hier also auch arbeiten?

LULU (vor dem Brustbild)

Sieh da! Bezaubernd! Entzückend!

GOLL (sich umsehend)

Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt?

LULU

Das ist also das süße Wunderkind, das Sie zu einem Menschen gemacht …

SCHÖN

Sie sitzt meistens am Nachmittag.

GOLL

Und davon erzählen Sie einem nichts?

LULU (sich umwendend)

Ist sie denn wirklich so ernst?

SCHÖN

Wohl noch die Nachwirkung der Pensionszeit, gnädige Frau.

GOLL (vor dem Brustbild)

Man sieht, dass Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben.

LULU

Nun dürfen Sie sie aber auch nicht mehr länger warten lassen.

SCHÖN

In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekanntzumachen.

GOLL (zu Lulu)

Lass uns keine Zeit verlieren. Hopp!

LULU (zu Schön)

Denken Sie, wir fuhren im Trab über die neue Kaibrücke. Ich habe selber kutschiert.

SCHÖN

(will sich verabschieden).

GOLL

Nein, nein. Wir beide sprechen nachher weiter. Geh, Nelli. Hopp!

LULU

Jetzt kommt’s an mich!

GOLL

Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab.

LULU

Ich hatte mir das viel amüsanter...



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