E-Book, Deutsch, 223 Seiten
Wegener Wo die Welt schreit
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-03848-544-5
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wunder und Wagnisse im Camp der Vergessenen am Rande Europas
E-Book, Deutsch, 223 Seiten
ISBN: 978-3-03848-544-5
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Wegener hat mehrere Einsätze in Katastrophengebieten erlebt (Irak, Haiti) und wurde auf eigenen Wunsch über die Partnerorganisation GAiN nach Griechenland ausgesandt; dort arbeitet sie unter der einheimischen Hilfsorganisation EuroRelief. Sie hat bereits zwei Bücher geschrieben: 'Entkommen aus dem Netz des Jägers. Begegnungen mit verfolgten Christen im Irak.' und 'Ein Quäntchen Trost'.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 16
Persönlich: Adnan
Sein Name Adnan bezeichnet den Garten Eden, das Paradies. Er wurde 1997 in Syrien, an der Grenze zur Türkei, in eine kurdische Familie hineingeboren, und seine Lebensumstände waren nicht besonders paradiesisch.
«Es gab in Syrien nicht viele Jobs für Kurden», erzählt Adnan, den ich per Videoanruf kontaktiere. Er spricht hervorragend Englisch, und erst gegen Ende unseres Interviews wird mir klar, dass wir unser Gespräch genauso gut auf Deutsch hätten führen können. Adnan lebt in Deutschland und hat so schnell fast akzentfrei Deutsch gelernt, dass ich zutiefst beeindruckt bin. Hier ist seine Geschichte:
Mein Vater war viel unterwegs. Noch bevor ich geboren wurde, brachte die Regierung meinen Onkel und meine Tante um und konfiszierte ihr Haus und ihre Sachen. Sie hatten sich für die Unabhängigkeit Kurdistans eingesetzt. Ich selbst habe neben der Schule gearbeitet, um die Familie mit zu versorgen, seit ich neun war, erst in einer Werkstatt, dann als Brotverkäufer.
Als ich 14 war, kam der Krieg, und wir hatten sowieso keine Schule mehr. Sare kaniye (arabisch Ra's al-Ain), unser Heimatort, wurde angegriffen; drei Tage blieben wir noch dort, während um uns herum geschossen wurde, Bomben niedergingen und ständig Flugzeuge über uns hinwegflogen.
Dann beschloss mein Vater, dass wir den Ort verlassen würden; wir gingen nach Kurdistan im Nordirak. Ich arbeitete dort drei Monate lang in einem türkischen Betrieb. Aber ich wollte dort nicht bleiben! Ich verließ meine Arbeit und schlug mich – das war Anfang 2013 – zur irakisch-syrischen Grenze durch, ohne meiner Familie Bescheid zu geben.
Ich wollte mich der YPG anschließen, der kurdischen Volksverteidigungseinheit, die damals selbst noch recht neu war. Aber ich war ja noch minderjährig, und sie nahmen mich zuerst nicht. Ich kam aber immer wieder und bettelte, dass ich auch kämpfen wollte, und so wurde ich schließlich zum Training zugelassen und nach drei Monaten in meiner Heimatstadt eingesetzt.
Dort hatten türkische Soldaten die Regierungstruppen vertrieben, und sie versuchten nun, auch andere kurdische Städte unter ihre Kontrolle zu bringen.
Wenn sie eine Stadt einnahmen, plünderten sie sie. Wir von der YPG kämpften also gegen diese türkischen Soldaten, und es war ein langer Kampf. Die Scharfschützen waren immer das Schlimmste, aber auch die ständigen Bomben, die Flugzeuge, die Straßenkämpfe forderten ihren Preis.
Einmal wurde ich selbst schwer verletzt; ich habe davon noch Schrapnell-Splitter in meinem Körper. Ich erinnere mich, dass ich dort auf dem Boden lag; ich konnte nicht viel hören, weil die Bomben solchen Lärm machten, aber ich konnte sehen, wie zwei meiner Kumpel neben mir fielen. Einer war in der Schule einer meiner besten Freunde gewesen.
Auch meine Freundin fiel in dieser Zeit. Sie war sechzehn, und wir waren schon zusammen zur Schule gegangen. Ich sah ihre Leiche noch kurz, bevor sie weggebracht wurde. Wir hatten keine Möglichkeit, unsere Gefallenen selbst zu beerdigen, und so wurden sie im Nachbarort gewaschen und bestattet.
Ich habe nicht zur Trauerfeier gehen können, ich kämpfte ja. Aber so ist das Leben. Jeder muss irgendwann diese Welt verlassen, und Gott weiß, wann dieser Zeitpunkt für jeden gekommen ist.
Und doch: Wenn wir uns als Soldaten gegenseitig immer wieder versichern, dass wir bereit sind zu sterben, machen wir uns selbst etwas vor! In Wirklichkeit kämpft jeder von uns um das nackte Überleben.
In unserer Stadt, Rasalien (arab. Al-Hasaka), waren wir zu Beginn der Kämpfe noch etwa 300 Leute, aber im ersten Kampf nahmen 260 Reißaus. Wir standen mit vierzig Leuten gegen sechs- oder siebenhundert, aber zum Glück kamen uns Soldaten aus der Nachbarstadt zu Hilfe, und wir mussten nicht aufgeben.
Ich war noch so jung, und wir waren mit Waffen und Geräten so schlecht ausgestattet, dass es gerade zum Verteidigen reichte. Zum Gegenangriff hatten wir nicht genügend Mittel zur Verfügung. Nach drei Monaten fand unser Leiter ein Waffenarsenal der Regierung, und wir nahmen an uns, was wir dort fanden. Neun Monate nachdem der Kampf begonnen hatte, zogen die Gegner einfach ab. Das alles war von 2013 bis 2014, noch bevor irgendjemand über den IS sprach.
Aber das änderte sich: Vom Irak her kommend, zog der IS in der Stadt ein. Die Kämpfer hatten eine enorme Schlagkraft; sie waren gut ausgebildet, hatten hervorragende Waffen, Fahrzeuge und sogar Panzer. In einem zehntägigen Kampf hätten sie uns fast besiegt, aber es gelang uns, sie in drei Nächten aus der Stadt zu vertreiben. Der Leiter unserer Truppe wollte einen Waffenstillstand mit ihnen vereinbaren und fuhr mit zwei Freunden zu einem IS-Stützpunkt. Aber sie erschossen alle drei, und die Kämpfe gingen weiter.
In der ganzen Zeit hatte ich keinen Kontakt zu meiner Familie, sie wussten nicht einmal, ob ich noch lebe. Mein Vater suchte mich, aber er wurde an den Checkpoints nicht durchgelassen; es war ja alles Kampfzone.
Im April 2014 wurden dann in einem Kampf elf IS-Fürsten getötet, und ohne Führung kämpften ihre Truppen zuerst planlos und flüchteten dann aus der Stadt. Nach über einem Jahr war der Kampf um meine Heimatstadt beendet, nachdem erst syrische Regierungstruppen, dann türkische Soldaten und schließlich der IS über sie hergefallen waren.
Ich konnte meinen Vater nun treffen. «Komm doch zurück», bettelte meine Familie. Also ging ich wieder in den Nordirak und arbeitete dort in einem kurdischen Restaurant, dann bei einer Ölgesellschaft. Aber ich konnte mich nicht an das normale Leben gewöhnen. Beziehungen funktionierten nicht, und ich fand es schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.
Ich war hin- und hergerissen: Einerseits hatte ich genug vom Krieg und vom Kämpfen und hatte zu viele Freunde verloren, andererseits wollte ich wieder nach Syrien.
Ende 2014 zog ich also wieder in den Krieg. Ich wurde zuerst in Qamischli eingesetzt, und als wir mehr Waffen hatten, in Teltamer. Der IS hatte diesen Ort eingenommen. Es war die härteste Schlacht, die ich je erlebt habe. Die Kämpfe hörten nie auf, es gab überall Tote, und niemand half uns. Es gab auch keine Unterstützung aus der Luft. Die drei Monate kamen mir wie zehn Jahre vor. Es war eine lange, finstere Zeit, in der so viel Böses und Dunkles um mich herum war. Man wusste bloß eines nicht: Wann man selbst sterben würde.
Die YPG baute dann ein ausgeklügeltes Tunnelsystem unter der Stadt und platzierte überall Bomben. Zehn Tage lang wurden all diese Bomben gesprengt, danach waren alle Häuser zerstört, der IS zog sich zurück. So war das immer: Wir Kurden waren die Einzigen, die wirklich gegen den IS kämpften. Erst im Juni 2015 bekamen wir endlich Hilfe aus den USA. Ich verließ die Armee wieder – und diesmal für immer.
«Warum geht ihr nicht nach Europa», schlug mein Vater meinem älteren Bruder Ibrahim und mir vor. Aber ich hatte mich immer nur unter Kurden bewegt, und ich liebte mein Land. So blieb ich noch in Erbil und arbeitete. Erst ein halbes Jahr später, Ende 2015, war ich innerlich so weit, weggehen zu können, und es war mir egal, wo in Europa ich landen würde.
Ibrahim, ein Freund von mir und ich, wir drei kamen illegal über die Berge zur türkischen Grenze, wo wir von türkischen Soldaten aufgegriffen wurden. Sie schlugen mit ihren Gewehrkolben auf uns ein und brachten uns zu einem Armeestützpunkt irgendwo im Niemandsland, wo noch andere Leute waren, viele Männer und auch einige Familien, die versucht hatten, über die Grenze zu kommen. Die Soldaten ließen uns dort niedere Arbeiten erledigen: Räume und Klos putzen und so weiter. Einer ihrer Offiziere trank seinen Saft immer vor unseren Augen und schleuderte die Flasche dann weg, und wir mussten anschließend den Boden putzen.
Ich führte in dieser Zeit ein Tagebuch über das, was ich so erlebte, und ich hatte diesen Satz hineingeschrieben: «Nun sind wir in Kurdistan!»
«Gib mir dieses Notizbuch», forderte einer der Offiziere, und dann brüllte er mich an: «Es gibt kein Kurdistan!»
«Doch, Sie stehen auf kurdischem Boden», widersprach ich.
Er drückte mir die Mündung seines Gewehrs an den Kopf: «Wenn du noch einmal von Kurdistan sprichst, bringe ich dich um!», schrie er.
Ich glaube aber nicht, dass er wirklich abgedrückt hätte. Es gab in der Nähe einige Hilfsorganisationen, und die hätten das sicher mitbekommen und öffentlich gemacht.
Nach acht Tagen wurden wir von dort weggebracht, in ein früheres Basketballstadion ungefähr eineinhalb Stunden entfernt. Wir waren dort 3000 Leute, und es war so voll, dass wir nur im Sitzen schlafen konnten: Die Familien waren unten auf dem Feld, und wir hatten die Sitzreihen. Wir waren dort sechs Tage.
In dieser Zeit hatte ich einen Traum: Wir befanden uns im Gebirge unter Tausenden von Menschen, und alle sprachen miteinander. Aber ich konnte nichts verstehen. Plötzlich fielen brennende Steine aus dem Himmel, die trafen die Menschen, aber sie trafen auch einen Berg vor uns und brachen eine Schneise hinein, so dass ein Weg frei wurde. Plötzlich fielen die Steine nicht mehr, der Himmel riss auf, und ein Mann auf einem weißen, geflügelten Pferd erschien; er hatte einen Hirtenstab in seiner Hand. Er kam auf uns zu, das Pferd legte sich hin. Der Mann stieg ab und stand dort zwischen den Leuten und zeigte ihnen den Weg durch die Berge. Wir drei wollten gerade dorthin aufbrechen, da wurde ich wach. Es war vier Uhr morgens, und ich war sehr verwirrt. Was sollte das bedeuten?
Um sechs Uhr kam ein türkischer General mit einer Liste, auf der mein Name stand, der meines Bruders und der meines Freundes....




