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Wehinger | Die Geigerin und die Stadt der Entscheidung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 122 Seiten

Wehinger Die Geigerin und die Stadt der Entscheidung

Auszeit ins Glück
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-565-03171-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Auszeit ins Glück

E-Book, Deutsch, 122 Seiten

ISBN: 978-3-565-03171-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Auf Marlies Dorn wartet eine große Zukunft als Star-Geigerin. Doch die junge, ehrgeizige Musikerin befindet sich in einem künstlerischen Tief. Sie hat ihre Leichtigkeit und Spielfreude verloren. Ihre Sehnsucht nach einer Auszeit führt Marlies in eine kleine italienische Stadt, voller Flair und bezaubernder Menschen. Nur auf den Café-Besitzer Marco ist sie nicht vorbereitet.

Beni Wehinger (*1983 in Flawil/ Schweiz) ist Schlagzeug-Pädagoge, Schulleiter und Lehrer an der Schlagzeugschule DRUMMER'S input in Widnau, Schweiz. Er lebt seit seiner Kindheit in Feldkirch, Österreich. Als glücklicher Familienvater findet er auch Zeit musikpädagogische Sachbücher und Romane zu schreiben.
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Kapitel 1

Der Beifall des Publikums hallte noch in ihren Ohren, während sie mit steifem Rücken in den Spiegel starrte, der vor ihr über dem Tisch hing. Die Violine war wieder in ihrem Koffer verstaut und über ihrem rosa Kleid trug sie bereits den dünnen Mantel. Noch eine ganze Zeit lang saß sie alleine in ihrer Garderobe und starrte in ihr Spiegelbild. Ihre blauen Augen sahen müde aus, und ihr bleiches Gesicht zeugte von der körperlichen Anspannung und Konzentration, die sie eben hinter sich gebracht hatte. Ihr innerstes aber stand in ihrer Gedankenwelt noch immer neben dem Dirigenten auf der Bühne. Selbst ihre Finger zuckten weiter, und schienen die einzelnen, technisch äußerst virtuosen Abschnitte zu wiederholen und weiter perfektionieren zu wollen.

Beethovens Violin-Konzert, gespielt von einem fantastischen Orchester, mit Marlies Dorn als Solistin. Das klang doch gut, redete sie sich ein. Marlies Dorn - im weltberühmten Konzertsaal der Mailänder Scala. Eine steile Karriereleiter, die sie mit gerade einmal fünfundzwanzig Jahren erklomm. Plötzlich wurde sie aus ihrer Gedankenwelt gerissen. Ihr Handy klingelte. Etwas widerwillig drückte sie auf das grüne Symbol, als sie sah, dass die Nummer ihrem Vater gehörte.

»Na mein Kind? Wie ist es gelaufen?«, kam dieser gleich zur Sache.

»Eigentlich ganz gut, ich habe …«

»Die Stelle im ersten Satz, du weißt, welche ich meine, du hast die Passage gut gemeistert?«

»Technisch war sie einwandfrei«, sagte Marlies selbstsicher.

»Sehr schön. Ich bin stolz auf dich. Wir sehen uns morgen Nachmittag, ja? Du weißt, wir müssen für deine Mozart-Aufführungen noch einige Details herausarbeiten.«

»Ach weißt du …«, Marlies nahm allen Mut zusammen. »Vielleicht ist dein Plan für mich …«

»Na, na!«, unterbrach sie ihr Vater, »Du meinst unser Plan. Als dein Manager - und als dein Vater - weiß ich, was das Beste für dich ist. Glaub’ mir. Und du kennst die letzten Kritiken, die über dich geschrieben wurden.«

»Natürlich, du erinnerst mich ja ständig daran«, seufzte Marlies.

»Auch wenn ich die Kritiken nicht geschrieben habe, und sie vielleicht etwas streng ausfielen, so muss ich ihnen doch beipflichten. Aber ich bin mir sicher, dass du heute all diese arroganten Wichtigtuer zum Verstummen gebracht hast. Auch wenn es mir heute leider nicht möglich war dein Konzert mitzuerleben, so bin ich dennoch davon überzeugt, dass du alles so umgesetzt hast, wie wir es zusammen erarbeitet haben. Das hast du doch, oder?«

Marlies zögerte: »Ich - ja, ich denke schon.«

»Ganz sicher sogar. Du wärst nicht meine Tochter, wenn du nicht schnell wieder zu deiner alten Stärke zurückfinden würdest. Ach, was sage ich - wenn du nicht noch besser wirst!«

Wortlos ließ sich Marlies in den Sessel zurückfallen.

»Ruh dich jetzt erstmal aus, meine Kleine. Das Hotel, das ich für dich ausgesucht habe, entspricht doch hoffentlich all deinen Wünschen?«

»Ein einfacheres Hotel hätte es auch getan«, meinte Marlies leise. Obwohl sie noch gar keine Zeit fand einzuchecken und das protzige Fünf-Sterne-Hotel lediglich von außen sah.

»Für die Tochter von Michael Dorn nur das Beste«, erwiderte er. »Wir sehen uns dann morgen.«

»Gute Nacht«, quälte sie sich zu diesen letzten Worten, legte auf, und ließ das Handy auf den Tisch fallen. In diesem Augenblick klopfte es an ihrer Tür. Rasch rieb sie sich mit einem Handtuch über ihr Gesicht, um etwas Röte hineinzubringen, strich ihre blonden, bis zu den Schultern fallenden Haare zurecht und bat die Person mit angestrengt freundlichem Ton herein.

»Bravo, Signorina!«, kam ihr der Intendant des Opernhauses entgegen und klatschte dabei in seine Handflächen. »Ein wunderbares Konzert. Darf ich Ihnen vielleicht noch etwas bringen? Benötigen Sie noch irgendwas?«

»Nein, vielen herzlichen Dank. Das heißt, Sie könnten mir bitte ein Taxi rufen, das mich in mein Hotel bringt.«

»Sie wollen schon gehen?«, fragte der Intendant verwundert. »Ihre Kollegen - der Maestro und das komplette Orchester - sie warten im Foyer auf Sie. Der letzte Abend einer so erfolgreichen Aufführungsreihe muss doch gebührend gefeiert werden?«

»Bitte richten Sie ihnen doch meine besten Grüße aus. Es war mir eine Ehre mit Ihnen auf der Bühne gestanden zu haben. Doch ich bin müde, und auf mich wartet eine anstrengende Woche.«

»Selbstverständlich. Ich rufe sofort ein Taxi für Sie.« Er nickte und verließ das Zimmer.

Marlies griff nach ihrem Geigenkoffer und lief mit ihren langen Beinen im energischen Schritt den Gang entlang. Sie beschloss den Hinterausgang zu nehmen, um sich den Weg durch das Foyer und die dortige Verabschiedung zu ersparen. Für Erklärungen und Rechtfertigungen für ihr frühes Verschwinden fühlte sie sich in diesem Augenblick außerstande. Sie wollte nur noch weg und diesen Abend hinter sich lassen. Gerade als sie hinter die Bühne zum Ausgang lief, vernahm sie die Stimme des Dirigenten, der sich mit dem ersten Geiger des Orchesters unterhielt. Marlies hatte ihre Hand schon auf der Türfalle, als sie hörte, wie im Gespräch ihr Name fiel. Sie blieb stehen und lauschte.

»… Kaum zu glauben. Ich weiß beim besten Willen nicht, wann mich eine Solistin, mit solch einem Talent wir Marlies Dorn, das letzte Mal derart enttäuscht hat. Wo ist bloß ihr brillantes Gespür für die Gestaltung des Tempos, die Agogik, geblieben? Ihre unverkennbare Anmut? Ihre Energie? Ich fürchte, ihre Karriere wird noch schneller fallen, wie sie gestiegen ist …«

Fluchtartig stieß Marlies die Tür auf und rannte, so gut es ihr Kleid und ihre Schuhe zuließen, nach draußen, wo ihr ein kräftiger Wind entgegenblies. Ein Sommergewitter stand kurz davor, sich zu entladen. Unter den Rundbögen des Haupteingangs blieb sie schließlich stehen und sehnte dem Taxi entgegen, während die ersten dicken Regentropfen von den Pflastersteinen auf ihre schwarz lackierten Schuhe spritzten. Gerade rechtzeitig vor dem kräftigen Wolkenbruch blieb ein weißer Wagen mit gelbem Taxischild direkt vor ihr stehen. Sie öffnete die Tür und streckte dem Fahrer die Visitenkarte des Hotels entgegen. Sie fürchtete, ihre Stimme würde beim ersten Wort augenblicklich versagen, so einen Kloß steckte ihr im Hals. Die Musikerin setzte sich mit ihrem Geigenkoffer auf dem Schoß auf die Rückbank. Ihr Atem zitterte, während sie einmal tief Luft holte. Sie blickte hinaus in die schwarze Nacht und beobachtete im Rückspiegel die verschwommenen Lichtpunkte der Mailänder Scala, ehe diese immer kleiner wurden und schließlich gänzlich verschwanden. Die Anspannung, der Druck und der Stress der letzten Tage jedoch wollten nicht von ihr weichen und lastete weiterhin hartnäckig auf ihren Schultern. Mit festem Griff klammerte sie sich an ihren Instrumentenkoffer und kämpfte gegen ihre Tränen an. Wieder und wieder ging sie im Geiste ihren Auftritt durch. Ihr Spiel war fehlerfrei. Und auch technisch gab es wohl kaum etwas auszusetzen. Aber das musikalische Gesamtpaket war auf diesem hohen Niveau bestenfalls Durchschnitt und genügte keinesfalls den Ansprüchen. Weder denen des Intendanten noch denen des Dirigenten. Ganz bestimmt auch nicht ihrem Vater, und am wenigsten wurde sie ihrer eigenen Erwartung gerecht. Wenn der Abend auch nicht in einem Debakel endete, so war sie von ihrem eigenen Anspruch an sich selbst seit Monaten meilenweit entfernt. Je mehr sie sich bemühte und sich anstrenge perfekt zu sein, desto mehr entfernte sie sich von der Musik. Noch nie war ihr Herz so weit von der Musik distanziert wie an diesem Abend.

Der Wagen bog zum Hotel ein.

»Danke«, sagte Marlies knapp, während sie dem Fahrer das Kleingeld in die Hand drückte. Der Regen peitschte gegen die Scheibe, durch die sie einen Mann erblickte, der mit weißen Handschuhen und einem Regenschirm in der Hand auf sie zueilte. Nachdem Marlies die Autotür geöffnet hatte, begleitete der Mann sie erst vom Taxi zu ihrem Wagen, wo sie noch ihre Reisetasche holen musste, und schließlich bis zum Hoteleingang. Kaum in der Lobby angekommen, trat ein vornehm gekleideter Herr mittleren Alters an Marlies...



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