Wehrle | Bächle, Gässle, Bombenstimmung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Wehrle Bächle, Gässle, Bombenstimmung

Der Badische Krimi
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-333-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Badische Krimi

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-96041-333-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Humorvoll und authentisch: ein vielschichtiger Kriminalroman. Eine Explosion im Freiburger Colombipark beendet jäh die Dreharbeiten zu einem Bollywood-Film. Wenig später wird ein Kameramann der Crew erschossen. Als dann noch der Regisseur und der Hauptdarsteller ins Visier des Täters geraten, übernimmt Journalistin Katharina Müller die Ermittlungen, die sie vom Schwarzwald bis ins indische Goa führen.

Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
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1

Dicke Tränen rannen wie Sturzbäche über sein faltiges Gesicht, begleitet von heftigem Schluchzen. »Mein über alles geliebter Sohn. Ich bereue zutiefst, was ich getan habe. Es war der größte Fehler meines Lebens, dich zu verstoßen.« Demütig neigte ein älterer Mann, der einen Turban trug, sein Haupt vor einem gut aussehenden jungen Inder in Jeans und schwarzem Hemd, der mit betroffener Miene ein Schwarzwaldmädel an der Hand hielt, das ebenfalls zum Steinerweichen flennte. Dazu hatte sie auch allen Grund: Bei gefühlten dreißig Grad im Schatten waren Bollenhut, Tracht und dicke weiße Kniestrümpfe bestimmt kein reines Vergnügen.

»Ach, Vater. Ich bin so glücklich. Nach all den langen Jahren…« Jetzt fing auch der junge Inder an zu schniefen. »Endlich ist mein Leben wieder voller Hoffnung und Freude.« Lautstark setzte orientalisch klingende Musik ein, gefolgt von einem vielstimmig gesungenen süßlichen »Aaah, aaah«. Wie aus dem Nichts tauchten Tänzerinnen in bunten Saris auf, falteten ihre Hände und ruckelten rhythmisch mit den Köpfen.

»Cut!« Die Musik stoppte, die Köpfe verharrten abrupt, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Alle blickten zu einem untersetzten Mann mit rotblonden Haaren, der die Szene mit Argusaugen beobachtet hatte. Auf seinem hellblauen Hemd wurden erste Schweißflecken sichtbar, die sich unschön vom Stoff abhoben. »Habe ich euch nicht schon tausendmal gesagt, ihr sollt von links kommen? Links. Left! Das ist das andere Rechts, versteht ihr?«, brüllte er los und deutete in die entsprechende Richtung.

Als Reaktion folgte ein betretenes Nicken.

»Also das Ganze noch mal. Und dieses Mal gefälligst von der richtigen Seite, kapiert? So schwer kann das doch nicht sein.« Der Mann wischte sich über die Stirn und holte tief Luft. »Action!«

Ein riesiges Puschelmikrofon, das an einer langen Stange befestigt war, schob sich erneut über die Menschengruppe im Freiburger Colombipark. Gehalten wurde es von einem spindeldürren Mann mit schwarzen Haaren, der aussah, als wäre er nur knapp dem Hungertod entronnen. Sein Körper war kaum breiter als die Stange, die er vorsichtig schwenkte. Der Kameramann, der Khaki-Bermudas trug, schob sich einen Kaugummistreifen in den Mund, rückte seine Schildmütze zurecht und brachte sich ebenfalls in Position. Seine aufgerollten Hemdsärmel erlaubten einen ungehinderten Blick auf einen tätowierten grinsenden Totenschädel, der seinen Unterarm zierte.

»Mein über alles geliebter Sohn. Ich bereue zutiefst, was ich getan habe…«

»Herrje. Was für ein Kokolores«, seufzte es neben Katharina, die mit gerunzelter Stirn von einer Parkbank aus seit geschlagenen neunzig Minuten das Geschehen beobachtete. »Und dafür rückt ein Filmstudio allen Ernstes eine Million Euro heraus. Das soll einer verstehen.«

Die Bemerkung kam von Alexandra Freyer, einer schlanken Frau Anfang vierzig, die sich wie Katharina ihren Lebensunterhalt mit Schreiben verdiente. Katharina hatte sie vor einigen Wochen bei dem Konzert einer AC/DC-Coverband im Jazzhaus kennengelernt. Seither trafen sich die beiden Frauen nicht nur privat, sondern gelegentlich auch beruflich. So wie heute. Gemeinsam mit anderen Kollegen von Print, Radio und Fernsehen, die sich in den unterschiedlichsten Stadien der Langeweile befanden, hatten sie das zweifelhafte Vergnügen, in einem eigens für die Medien reservierten Bereich im Colombipark die Dreharbeiten für ein Bollywood-Spektakel mit dem verheißungsvollen Titel »Deine Tränen werden versiegen« hautnah miterleben zu dürfen, das zuvor in einer Pressekonferenz unter riesigem Bohei vorgestellt worden war– Interviews mit den Stars inklusive.

Es war nun weiß Gott nicht das erste Mal, dass Freiburg als Filmkulisse herhalten musste. Schon in den achtziger Jahren waren Ärzte und Krankenschwestern aus der beliebten Serie »Die Schwarzwaldklinik« durch die Altstadt geschlendert, und vor nicht allzu langer Zeit war die Stadt Schauplatz eines »Tatorts« gewesen, bedauerlicherweise eines derart lausig schlechten, dass es in Freiburg wochenlang kein anderes Thema mehr gegeben hatte. Eigentlich war Katharina der Meinung gewesen, dass »Deine Tränen werden versiegen« auch nicht schlimmer werden konnte als der gähnend langweilige Fernsehkrimi, doch schon seit einer gefühlten Ewigkeit wurde sie zu ihrem Leidwesen eines Besseren belehrt.

Das einzig Bemerkenswerte an der Sache war, dass ein waschechter Freiburger Regie führte, der dafür eigens aus Indien angereist war. Lutz Wolf war schon als Schüler des Rotteck-Gymnasiums Mitglied in der Theater-AG gewesen, bevor er nach dem Abi die Medienakademie in München besucht hatte. Auf verschlungenen Wegen, die er zur Erleichterung der Journalisten nicht näher ausgeführt hatte, war er schließlich in Mumbai, dem Zentrum der indischen Filmindustrie, gelandet, wo er diverse Streifen ähnlicher Machart verbrochen hatte, in denen hauptsächlich getanzt, gesungen und geheult wurde. Trotz– oder vor allem wegen– seines Erfolgs in Indien wollte er sich nun endlich auch in seiner alten Heimat als Regisseur einen Namen machen, wie er den Medienvertretern nur allzu gern verraten hatte. Und was wäre dafür besser geeignet als eine rührende Liebesgeschichte, die mitten im Schwarzwald spielte?

Katharina hegte die starke Vermutung, dass Wolf in Indien schlicht zu viel Gras geraucht haben musste. Anders konnte sie sich nun wirklich nicht erklären, wie jemand auf die Schnapsidee verfallen konnte, in einer derart kruden Story, gegen die selbst Rosamunde Pilchers Schmonzetten über eine gewisse Realitätsnähe verfügten, den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu sehen. In der Tat war die Handlung mehr als dürftig: Junger Inder verliebt sich während seines Urlaubs im Schwarzwald unsterblich in ein Schwarzwaldmädel, weshalb ihn der traditionsbewusste Vater verstößt, nur um ihn Jahre später nebst dessen Herzdame reuevoll in die Arme zu schließen.

Katharina jedenfalls würde sich den Film ganz sicher nicht anschauen, zumal sie im Kino sowieso mehr auf Action à la Bruce Willis stand. Bedauerlicherweise war das, was sie sich gerade ansehen musste, Lichtjahre davon entfernt. Dafür war der Kitschfaktor extrem hoch, und Katharina hätte es nicht gewundert, wenn sich ein Regenbogen über den Park gespannt hätte, auf dem goldene Einhörner tanzten.

»Aaah, aaah.« Die Musik hatte wieder eingesetzt, die Tänzerinnen erschienen, dieses Mal von der richtigen Seite.

»Mein über alles geliebter Sohn.« Erneut flossen Tränen.

Dass die Filmromanze in den Kinosälen ein Millionenpublikum begeistern würde, wie Oberbürgermeister Winkler in der Pressekonferenz hoffnungsvoll verkündet hatte, wagte Katharina doch sehr zu bezweifeln. Geschweige denn, dass das schwülstige Machwerk die Produktionskosten wieder einspielte. Warum sollte jemand freiwillig Eintritt bezahlen, um sich drei geschlagene Stunden zu langweilen? Dafür gab es schließlich Fernsehen.

»Hört sich an, als sängen zehn Mickymäuse ein Kinderlied«, sagte Alexandra mit ihrer rauchigen Stimme lauter als nötig.

Der Kollege vom Radio, der hinter ihr saß, grinste. »Mich erinnert das eher an die Bee Gees. Klingt mindestens genauso eunuchenmäßig.«

»Wo bleibt eure romantische Ader?«, fragte Dominik, dessen Finger unentwegt den Auslöser seines Fotoapparats betätigte. »So schlecht finde ich das Spektakel gar nicht. Zumindest ist es wesentlich unterhaltsamer als die Haushaltsdebatten im Gemeinderat.« Immerhin er schien mit einer gewissen Begeisterung bei der Sache zu sein. Zum x-ten Mal richtete er den Sucher auf die Tänzerinnen, die zappelten, als ständen sie unter Starkstrom.

Dafür, dass er sich die Nacht zuvor auf der Geburtstagsparty eines Kumpels ausgiebig vergnügt hatte, sah ihr Kollege unverschämt fit aus, befand Katharina ein wenig neidisch. Sie selbst war ebenfalls weit nach Mitternacht von einer Kneipentour mit ihren Freunden nach Hause gekommen. Leider hatte sie die Menge des verträglichen Rotweins leicht überschätzt. Erst nach drei Tassen Kaffee und einer Aspirin war sie wieder halbwegs in die Gänge gekommen, um zumindest bis jetzt ohne einzuschlafen das Medienspektakel zu überstehen. Dennoch hätte sie freiwillig ihre letzte Zigarette gegeben, um sich für ein paar Minuten auf die Parkbank legen und die Augen schließen zu können.

»Aaah.«

Wenn wenigstens das Gedudel aufhören würde. Am liebsten hätte sich Katharina die Ohren zugehalten.

»Ich finde es super.« Helena, die Katharina bei ihrem jüngsten Urlaub in Überlingen kennengelernt hatte und die jetzt die Sommerferien nutzte, um ein dreiwöchiges Praktikum beim »Regio-Kurier« zu machen, mischte sich mit leuchtenden Augen in das Gespräch ein. »Habt ihr gesehen, wie toll die Tänzerinnen geschminkt sind? Und der ganze Schmuck, den sie tragen? Voll krass.«

Tatsächlich waren die Mädchen geschmückt wie Pfingstochsen. An ihren Armen und Hälsen klimperte massenweise falsches Gold, und über den Augen glitzerten selbstklebende Bindis mit winzigen Kunstperlen. Dagegen muteten die Schmetterlingsohrringe, die an Helenas Ohren baumelten, ausgesprochen bescheiden an.

Wie viel das Glitzerzeug wohl wog, das an den Mädchen hing?, überlegte Katharina kurz, doch dann riss sie sich zusammen und versuchte sich auf das Geschehen zu konzentrieren. Redaktionsleiter Anton Gutmann hatte ihr einhundertzwanzig Zeilen auf der ersten Seite frei gehalten, die sie bis zum Redaktionsschluss um zwanzig Uhr schreiben musste. Im Geiste formulierte Katharina bereits die Überschrift. »Falsches Gold und falsche Tränen« gefiel ihr ausnehmend...


Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als freie Autorin und Journalistin.



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