Wehrle | Schwarzwald sehen und sterben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Wehrle Schwarzwald sehen und sterben

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-198-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-96041-198-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Auf der Beerdigung von Oma Rosi ist der Teufel los - im Grab der Alt-68erin liegt bereits eine Leiche. Und zwar die des allseits unbeliebten ehemaligen Geschichtslehrers Lothar Sattler. An Mordverdächtigen mangelt es nicht, da sich der seltsame Kauz zu Lebzeiten jede Menge Feinde gemacht hat. Bei ihrer Suche nach dem Täter schenken die Hobbyermittler Max und der pensionierte Polizist Thomas Braun den römischen Münzen, die der Tote bei sich hatte, zunächst keine Beachtung. Bis ein zweites Mordopfer im Titisee gefunden wird ...

Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
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EINS

Hatten die Kroaten denn nichts Besseres zu tun gehabt, als so ein überflüssiges Ding zu erfinden? Seit einer gefühlten Ewigkeit kämpfte Max Futterer jetzt schon mit einer dunkelgrauen Krawatte, die sich einfach nicht binden lassen wollte. Wie eine ohnmächtige Blindschleiche baumelte sie schlaff um seinen Hals.

Herrschaftszeiten, fluchte er lautlos. So schwer konnte das doch nicht sein, andere bekamen das schließlich auch hin. Doch egal, wie er es anstellte– der Knoten ließ sich einfach nicht bis zum obersten Hemdknopf schieben. Krawattenbinden war wohl eine Wissenschaft für sich. Zugegeben mangelte es ihm in dieser Disziplin an Übung, denn Max konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so einen Henkerstrick aus Seide getragen hatte. Vermutlich bei seiner Kommunionsfeier, als ihm in der Christkönigskirche übel geworden war. Sehr zum Leidwesen seiner Mutter, der es furchtbar peinlich gewesen war, dass er sich beinahe übergeben hatte, als ihm der Pfarrer erstmals die Hostie auf die Zunge legte. Als ob es seine Schuld gewesen wäre, dass die Ministranten ausgerechnet an jenem Tag beschlossen hatten, mit geschickten Dreihundertsechzig-Grad-Schwenkungen des Weihwasserkessels das ganze Kirchenschiff unter Dampf zu setzen. Seither konnte Max Weihrauch nicht mehr riechen, ohne dass sich ihm der Magen umdrehte. Und Kirchen betrat er nur noch, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Ob es in Einsegnungshallen auch so fürchterlich nach dem Zeug roch? Hoffentlich nicht, ihm war auch ohne Weihrauch schon schlecht genug.

Erneut fummelte Max an seiner Krawatte herum, kapitulierte dann aber und warf sie in die Ecke seines Badezimmers, wo bereits eine schmutzige Jeans, drei Hemden und ein mit Kaffeeflecken verziertes graues T-Shirt lagen und sehnsüchtig auf die Waschmaschine warteten. Normalerweise konnte es Max nicht leiden, wenn sich in seiner Wohnung Unordnung breitmachte, aber momentan hatte er wahrlich andere Sorgen als seine Schmutzwäsche.

Erleichtert öffnete er den obersten Knopf seines weißen Hemdes, das er in den Bund seiner schwarzen Hose gesteckt hatte, und fuhr sich mit der Hand durch seine kurz geschnittenen Haare.

Seine Oma würde ihm die fehlende Krawatte bestimmt nicht übel nehmen, sie hatte noch nie viel auf Konventionen gegeben. Bei seiner Mutter war er sich da nicht so sicher, doch darauf konnte er jetzt echt keine Rücksicht nehmen.

Nach einem letzten Blick in den Spiegel verließ Max eilig das Badezimmer und zog sich seine schwarzen Schuhe an, die er sonst nur im Theater trug, weil sie so unbequem waren. Obwohl in Freiburg der Frühling schon lange Einzug gehalten hatte und die Forsythien in voller Pracht standen, schnappte er sich vorsichtshalber seine dunkle Lederjacke, die an der Garderobe hing, bevor er die Wohnungstür hinter sich zuzog. Er hatte keine Lust, sich zu erkälten, denn in seinem Heimatort konnte es sogar noch Anfang Mai empfindlich kühl sein, wie er aus eigener leidvoller Erfahrung wusste.

Max seufzte unwillkürlich. Dem rauen Klima im Schwarzwald, wo er aufgewachsen war, hatte er noch nie etwas abgewinnen können. Wenn er nur daran dachte, wie oft er Ostereier im Schnee hatte suchen müssen. Es grenzte an ein Wunder, wenn sie nicht tiefgefroren waren. Nein, da waren die milden Temperaturen in Freiburg schon eher sein Ding, auch wenn es in seiner Altbauwohnung mitten im Stühlinger im Sommer ganz schön heiß werden konnte.

Im Treppenhaus kam ihm seine Nachbarin, eine resolute Dame Mitte siebzig, entgegen. Sie wies starke Ähnlichkeit mit Klementine aus der Waschmittelwerbung auf– nur dass Frau Willmann keine Klempnerhosen, sondern eine graue Leinenhose mit dazu passendem Blazer trug. Mit einer Hand zog sie eine leicht übergewichtige Promenadenmischung an der Leine hinter sich her, in der anderen hielt sie einen Strauß Tulpen, der bestimmt aus ihrem kleinen Garten hinter dem Haus stammte.

Der Hund, dessen Schnauze im selben Farbton ergraut war wie die Dauerwelle seines Frauchens, knurrte bei Max’ Anblick bedrohlich.

Frau Willmann hingegen lächelte erfreut, als sie stehen blieb. »Grüß Gott, Herr Futterer. Sie haben sich heute aber schick gemacht«, versuchte sie, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ihr neugieriger Blick wanderte zu seinen glänzend polierten schwarzen Schuhen, und die Frage, ob er mit einer Frau verabredet sei, hing unausgesprochen im frisch geputzten Treppenhaus. Ihrer Ansicht nach wurde es als Mann mit sechsundzwanzig Jahren nämlich höchste Eisenbahn, eine Familie zu gründen. Oder sich wenigstens eine Freundin zu suchen.

Eine Einschätzung, die Max nicht wirklich teilte. Seit seine letzte Beziehung in die Brüche gegangen war, wusste er sein Single-Leben durchaus zu schätzen. Gut, dieser Zustand musste nicht ewig anhalten, aber momentan kannte er keine einzige Frau, mit der er gewillt gewesen wäre, sein Leben zu teilen.

»Ist das Wetter nicht traumhaft heute? Da kommen selbst in mir Frühlingsgefühle hoch«, plauderte Frau Willmann weiter. »Als ich noch in Ihrem Alter war, ich kann Ihnen sagen…« Sie kicherte wie ein Teenager.

Unauffällig warf Max einen Blick auf seine Uhr. Normalerweise nahm er sich immer ein paar Minuten Zeit, um mit seiner verwitweten Nachbarin ein Schwätzchen zu halten, aber heute war ihm wirklich nicht nach Small Talk zumute. »Tut mir leid, ich habe einen Termin und bin eh schon spät dran«, wimmelte er sie im Weitergehen ab. Was nicht einmal gelogen war. Denn wenn er sich jetzt nicht sputete, würde er zur Beerdigung seiner eigenen Großmutter zu spät kommen.

»Was sagst du dazu, Willi?«, hörte er Frau Willmann noch enttäuscht sagen, als er aus dem Haus stürmte. »Die jungen Leute heutzutage. Immer im Stress, immer in Hektik. Das kann auf Dauer doch nicht gesund sein.« Was der Hund dazu meinte, bekam Max nicht mehr mit, weil die Tür bereits ins Schloss gefallen war.

Er spurtete die Ferdinand-Weiß-Straße entlang, wo er am Abend zuvor unter einer der vielen Linden seinen weißen Toyota abgestellt hatte.

Beim Einsteigen richtete sich sein Blick nach oben zu den Baumkronen. So schön die Bäume auch waren, manchmal hätte er sie am liebsten eigenhändig umgehackt. Nicht mehr lange, dann würde klebriger Blütenstaub sein Auto gelb färben, die Scheiben verschmieren, und er wäre wieder Dauergast in der Waschstraße.

Als er den Zündschlüssel herumdrehte, entlud sich Vivaldis Sommergewitter mit voller Wucht im Fahrzeuginnern. Auch wenn er das Violinkonzert sonst zu schätzen wusste– heute vertrug er die spannungsgeladenen Töne absolut nicht. Mit einem Knopfdruck würgte er die Streichinstrumente ab, griff ins Handschuhfach und holte eine andereCD heraus, die besser zu seiner trüben Stimmung passte. Begleitet von »The End« von The Doors machte er sich auf den Weg nach Titisee-Neustadt.

Ach, Oma. Während sich Max durchs Höllental quälte, spürte er, wie seine Kehle eng wurde. Er mochte gar nicht daran denken, dass seine Großmutter, zu der diese altmodische Bezeichnung nie gepasst hatte, in knapp einer Stunde unter den Boden gebracht wurde. Gerade mal sechsundsechzig war sie geworden, bevor sie einem Schlaganfall zum Opfer gefallen war. Die Nachricht von ihrem Tod hatte Max bis ins Mark erschüttert. Irgendwie hatte er immer geglaubt oder besser gesagt gehofft, dass Oma ein biblisches Alter beschieden wäre. Von wegen, mit sechsundsechzig fängt das Leben an, schoss es ihm bitter durch den Kopf.

Wenigstens konnte niemand behaupten, sie hätte ihr Leben nicht bis zum Schluss genossen, versuchte er sich zu trösten.

Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Oma war schon immer eine Nummer für sich gewesen. Mit neunzehn hatte sie dem Titisee den Rücken gekehrt und war nach Freiburg gezogen, um Germanistik zu studieren. Sie wollte unbedingt Journalistin werden, was in ihrem Heimatort schon für genügend Befremden gesorgt hatte. Eine junge Frau allein in der Stadt, weit weg von ihren Eltern und Verwandten, das konnte einfach nicht gut gehen.

Noch größer war das Entsetzen gewesen, als Oma nach wenigen Wochen ihr kleines Zimmer im Wohnheim aufgab und mit Sack und Pack zu zwei bärtigen Studenten zog, die jede Menge Zeit damit verbrachten, sich gegen die herrschende Klasse aufzulehnen– zumindest theoretisch in nächtelangen Diskussionen, wie ihm Oma später schmunzelnd erzählt hatte.

Etwa ein halbes Jahr lang hatte sie mit den beiden Tisch und– wie hinter vorgehaltener Hand im Ort gemunkelt wurde– auch Bett geteilt. Die Empörung über Omas ungebührlichen Lebensstil legte sich erst, als sie für alle völlig überraschend mit einem durch und durch bürgerlichen Geschäftsmann, den sie als Aushilfsbedienung in einem Café kennengelernt hatte, vor den Traualtar trat.

Ein wüstes Hupen, das von einem Lastwagen hinter ihm kam, ließ Max hochschrecken. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er immer langsamer geworden war. Schleunigst stieg er wieder aufs Gaspedal, um den Lkw-Fahrer nicht zu waghalsigen Überholmanövern zu animieren. Im Rückspiegel sah er, dass der Mann am Steuer »Jupp« hieß, zumindest prangten die vier Buchstaben groß auf einem Schild, das an der Windschutzscheibe klebte. Mit einer Hand hielt Jupp ein Handy an sein Ohr, mit dem Zeigefinger der anderen tippte er sich erregt an die Stirn. Vermutlich galt die beleidigende Geste nicht seinem Gesprächspartner, sondern dem langsamen Fahrer vor ihm.

Ob Jupp wohl gelenkig genug war, seinen Lastwagen mit den Füßen zu lenken?, fragte sich Max irritiert, dann wanderten seine Gedanken wieder zurück zu seiner Oma.

Kaum...


Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als freie Autorin und Journalistin.



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