Weigand / Haitel | GESPIEGELTE FANTASIE | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Weigand / Haitel GESPIEGELTE FANTASIE

Franz Rottensteiner zum 80. Geburtstag
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-831-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Franz Rottensteiner zum 80. Geburtstag

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-95765-831-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er ist unbezweifelbar einer der besten Kenner des Fantastischen und der Science-Fiction-Literatur im deutschen Sprachraum, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eigentlich sogar weltweit. Er ist kompetent in seinem Urteil - soweit das Beurteilte innerhalb der von ihm selbst gesetzten Grenzen der literarischen Qualität liegt. Er ist selbstbewusst in seinem Urteil und wenig flexibel gegenüber allen Meinungen anderer, die seinen Anforderungen von Qualität nicht genügen. Franz Rottensteiner ist ein Spezialist. Er ist gut auf seinem Gebiet und wie alle, die innerhalb ihres Sachgebietes ausgewiesen gut sind, ist er apodiktisch in seinen Forderungen und Begutachtungen. Er ist daher ein gefürchteter Kritiker. Franz Rottensteiner ist ein reger Herausgeber, Lektor und Kritiker, ein unermüdlicher Herausgeber, dessen Bemühungen sogar in den fernen USA zu Buche schlagen. Der Herausgeber Franz Rottensteiner hat eine große literarische Bandbreite bei den Themen, die von ihm berücksichtigt werden: Neben Science-Fiction und klassischer Fantastik bearbeitet er auch - mit Einschränkungen - den Horror. Dazu kamen einige Zeit lang Auswahlen von Märchen, Sagen und Legenden aus aller Herren Länder, dazu Geister- und Gespenstergeschichten. Franz Rottensteiner feiert am 18. Januar 2022 seinen achtzigsten Geburtstag - und Freunde, Weggefährten und Fans zollen ihm in diesem Buch Respekt und Ehre.

Franz Rottensteiner (* 18. Januar 1942 in Waidmannsfeld, Niederösterreich) ist ein österreichischer Publizist und Kritiker auf dem Gebiet der Science-Fiction und der Fantastik. Ausführlich widmet sich die deutsche Wikipedia seiner Person.
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Karl-Ulrich Burgdorf Un Boche


1


Er öffnete die Augen …

… und schloss sie sofort wieder.

Hoch auflodernde Flammen … heulende Derwische … das Klirren von Glas – ein Pandämonium!

Und woher kamen diese entsetzlichen Kopfschmerzen? Aber noch wichtiger: Wo war er? Und: Wer war er? An beides konnte er sich nicht erinnern. Ich muß einen Schlag auf den Kopf bekommen haben, dachte er. Aber wenn dem so ist, dann kann ich sicherlich eine Beule ertasten!

Er wollte den Arm heben, um die Hand an seinen Schädel zu führen, musste aber feststellen, dass seine beiden Arme nicht mehr an Ort und Stelle zu sein schienen. Spüren konnte er sie jedenfalls nicht, allerdings schienen sie sich irgendwo hinter ihm zu befinden. Gegen was lehnte er da überhaupt mit seinem Rücken?

Trotz der Kopfschmerzen schlug er die Augen wieder auf. Ganz in seiner Nähe standen Bäume, die sich wie schwarze Skelette gegen das Licht des Vollmondes abzeichneten. Also war die Vermutung naheliegend, dass auch er – wie er feststellte, in sitzender Haltung – an einem Baum lehnte. Aber natürlich! Seine Arme waren abgestorben, weil jemand sie hinter diesem Baum straff zusammengebunden hatte. Auch seine Beine waren auf Höhe der Knöchel mit einer Art Lederriemen gefesselt. Er war also ein Gefangener jener heulenden Derwische, die er jetzt wieder wie betrunken um das Feuer herumtorkeln sah! Und wenn er die Augen ein wenig zusammenkniff, konnte er ein Stückchen vor sich mit einiger Mühe noch zwei weitere Gefangene erkennen, die man wie ihn an Bäume gebunden hatte.

Gut, dachte er, das hilft mir immerhin dabei, mir über meine Lage klar zu werden. Aber es beantwortet nach wie vor nicht die beiden wichtigsten Fragen: Wo bin ich? Und vor allem: Wer bin ich?

Ganz langsam schloss er die Augen wieder und versuchte, in seine Erinnerungen abzutauchen. Da war etwas mit einem Zug gewesen … eine Brücke im Gebirge, über die dieser Zug fuhr und die hinter dem letzten Wagen in sich zusammenbrach. Aber irgendwie schien es ihm, als liege das schon etwas länger zurück. In einem Gebirge befand er sich jedenfalls im Moment nicht, sondern eher in einer Ebene … Ja, richtig! Der Zug war weitergefahren, über eine grasbestandene Ebene hinweg, die bis zum Horizont kein Ende zu nehmen schien. Und dann waren da Tiere auf den Schienen gewesen, zwischen denen der Zug regelrecht festgesteckt hatte – riesige Tiere, die einen ganz besonderen Namen trugen …

Bisons! Dann befand er sich also in Nordamerika, und die endlose Ebene nannte man eine Prärie! Aber wenn er in Nordamerika war, dann waren die heulenden Gestalten, die um das Feuer tanzten, keine Derwische, sondern – Indianer! Indianer also hatten ihn gefangen genommen, aber bei welcher Gelegenheit? Der Zug … ja, sie hatten den Zug überfallen! Und er … er war unter den Wagen des Zugs entlanggekrochen, um die Lok und den ersten Wagen abzukoppeln, damit die Lokführer und die Reisenden in diesem Wagen entkommen und die Besatzung eines nahe gelegenen Fort der US-Armee alarmieren konnten!

Und dann fiel ihm auch alles Übrige wieder ein. Das absurde Duell seines Herrn in dem fahrenden Zug, das nur durch den Indianerüberfall verhindert worden war … der Schlag auf den Schädel, den ihm einer der Indianer versetzt hatte, als er wieder unter dem Salonwagen aufgetaucht war …

Rund um das Feuer tanzten also keine heulenden Derwische, sondern von zu viel Feuerwasser trunkene Indianer, die die von ihnen geleerten Flaschen in ihrer Raserei auf dem Boden zerschmetterten!

Und plötzlich erinnerte sich der Gefangene auch wieder an seinen Namen.

Er hieß …

2


Genau in diesem Moment berührte ihn etwas ganz leicht an der Schulter.

Mon Dieu, dachte er. Jetzt ist es aus mit mir. Gleich wird man mir die Kehle durchschneiden. Was für ein erbärmlicher Tod nach einer so langen Reise um fast die ganze Welt!

Doch dann flüsterte eine fast unhörbare Stimme auf Englisch an seinem Ohr: »Ganz ruhig! Meine Freunde und ich sind hier, um Sie und Ihre Begleiter zu befreien. Aber Sie dürfen die Sioux, die Sie gefangen genommen haben, auf gar keinen Fall auf sich aufmerksam machen. Also: keine unbedachte Bewegung! Ich werde Sie jetzt als Erstes losschneiden, anschließend gebe ich Ihnen das Messer, und Sie beugen sich unauffällig vor und schneiden Ihre Fußfesseln durch.«

»Das wird leider nicht möglich sein, Monsieur. Meine Arme sind durch die Fesselung total abgestorben, sodass ich das Messer gar nicht halten könnte.«

»Ah, vous êtes français? Bon, dann werde ich Ihnen eben die Arme und Hände so lange massieren, bis das Blut wieder zirkuliert. Aber ich warne Sie: Meiner Erfahrung nach ist das im ersten Moment äußerst schmerzhaft. Beißen Sie also bitte die Zähne zusammen – jede laute Klage aus Ihrem Mund könnte uns verraten. – So, Ihre Fesseln habe ich schon einmal durchtrennt. Jetzt beginne ich mit der Massage. Sie sprechen übrigens ein ausgezeichnetes Englisch. Wie kommt das?«

»Das liegt daran, dass ich in den Diensten eines englischen Gentleman stehe«, entgegnete der Gefangene im gleichen Flüsterton wie sein Befreier. »Wir reisen nämlich …«

»Sehr gut, aber über den Zweck Ihrer Reise können Sie mir später mehr erzählen. Jetzt ist es erst einmal vorrangig, Sie und die beiden anderen zu befreien.«

»Das wird schwierig«, wisperte der Gefangene. »Die beiden befinden sich doch viel näher am Feuer, und ich glaube nicht, dass Sie es schaffen werden, bis dorthin vorzudringen, ohne dass die Sioux Sie bemerken.«

»Oh, das dürfte kein Problem sein. Auch für die ist schon Hilfe unterwegs. Wenn Sie ganz genau hinsehen, werden Sie vielleicht einen Schatten bemerken, der sich gerade durch das Gras anschleicht.«

Tatsächlich – da war dicht über dem Boden ein weiterer Schatten im Gras, und er näherte sich langsam und mit unendlicher Vorsicht den beiden anderen Gefangenen!

»Wie ist das möglich?«, flüsterte der Gefangene. »Kein normaler Mensch kann sich so anschleichen!«

»Ein Weißer vielleicht nicht, ein Indianer aber schon. – Spüren Sie schon etwas?«

»O ja. Merde, das tut weh!«

»Gut, dann wirkt die Massage ja. Kann ich Ihnen jetzt das Messer geben?«

»Ich denke, es wird gehen.«

»Gut. Hier ist es. Und nun ziehen Sie die Beine etwas an und lassen Sie den Kopf nach vorne weit sinken, damit Sie nicht so weit herunterreichen müssen. Dann ein schneller Schnitt, und Sie sind frei.«

Der Franzose folgte den Anweisungen seines unsichtbaren Helfers, und einen Augenblick später waren die Fesseln gefallen.

»Was nun?«

Inzwischen hatte der kriechende Schatten die anderen Gefangenen erreicht, und auch dort würde sicherlich ein scharfes Messer seine segensreiche Arbeit tun.

»Nun warten wir auf das Ablenkungsmanöver, das ein weiterer Freund von mir sogleich einleiten wird. Aber bitte nicht erschrecken. Es könnte vielleicht ein wenig spektakulär werden.«

Genau da brach von einem Moment zum anderen die Hölle los!

Aus dem Dunkel zwischen den Bäumen kamen mit lautem Wiehern und mit Schaum vor den Mäulern und Nüstern panikerfüllte Pferde herangestürmt, angetrieben von Flintenschüssen und dem kaum weniger lauten Knallen einer Peitsche. Sie galoppierten genau zwischen den inzwischen losgebundenen Gefangenen hindurch, direkt auf das lodernde Feuer mit den trunken darum herumtanzenden Sioux zu. In wilden Sprüngen setzten sie über die Flammen hinweg und rannten dabei die Indianer, die die Gefahr in ihrem Zustand der Intoxikation durch das überreichlich genossene Feuerwasser zu spät bemerkt hatten, gnadenlos nieder. Das Geheul der Sioux ging in laute Schmerzensschreie über, als ein Indianer nach dem anderen von Hufen und schweren Pferdeleibern getroffen wurde.

Hinter dieser Stampede kam hoch zu Roß ein merkwürdiger kleiner, fast gnomenhaft wirkender Mann mit einem struppigen schwarzen Bart geritten, der in der einen Hand ein Gewehr und in der anderen eine Peitsche hielt, mit deren Hilfe er die Pferde der Sioux in helle Panik versetzt hatte. Dahinter folgten zwei weitere, ebenfalls nach Westmannart gesattelte Pferde, die mit dem ersten durch lange, am Sattelknauf des Führungspferdes festgemachte Leinen verbunden waren.

Ehe der Franzose sich einen Reim auf all das machen konnte, wurde er gewahr, dass seine beiden Mitgefangenen aufsprangen und zusammen mit einem groß gewachsenen Indianer, bei dem es sich wohl um jenen Schatten handelte, den er beobachtet hatte und der nun plötzlich aus dem Gras hochschnellte, das ihn bisher verborgen hatte, auf die herannahenden Pferde zu rannte. »Los jetzt!«, rief im selben Moment sein eigener Befreier, den er immer noch nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. »Wir müssen schon ein ganzes Stück des Weges nach Fort Kearney zurückgelegt haben, ehe die Sioux zur Besinnung gekommen sind und versuchen, ihre Pferde wieder einzufangen. Sie sitzen hinter mir auf, und meine beiden Freunde nehmen jeweils einen Ihrer Mitgefangenen zu sich aufs Pferd. – Gut gemacht, Sam!«, rief er im selben Atemzug dem Gnom zu, während er sich schon auf eines der Pferde schwang und den Franzosen zu sich hinaufzog.

»Hihi«, lachte der mit ›Sam‹ Angesprochene. »Das war doch überhaupt nicht schwierig! Die beiden Wächter, die die Sioux bei ihren Pferden zurückgelassen hatten, haben nämlich aus Langeweile dermaßen dem Feuerwasser zugesprochen, dass es ein Leichtes war, sie ins Land der Träume zu schicken. Die Hauptarbeit habt also eigentlich ihr beiden Anschleichkünstler gemacht …« Mit diesen Worten...



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