E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Weigel Eissommer
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7349-9364-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-7349-9364-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elke Weigel ist Diplom-Psychologin und Tanztherapeutin und lebt in Stuttgart. Neben ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit verfasst sie Fach- und Sachbücher. Seit einigen Jahren schreibt sie historische Romane und Krimis. Geschichte wird für sie spannend, wenn sie fragt: Und was war mit den Frauen? In ihren Romanen entwirft sie Sichtweisen, wie es gewesen sein könnte, und lässt Frauengeschichte lebendig werden.
Autoren/Hrsg.
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Juni 1815
Rose konnte sich an Georgette nicht sattsehen. Seit die Sonne die ersten Strahlen ins Zimmer geschickt hatte, lag sie neben ihr im Bett, den Kopf in die Hand gestützt, und bewunderte die weiße Haut. Die Freundin schlief. Auf dem Kissen lag ihr schwarzes Haar in langen Strähnen und wirkte sturmzerzaust, was die Zartheit ihrer Gesichtszüge hervorhob.
Ein Weilchen lasse ich sie noch schlafen, dachte Rose. Ihr Blick wanderte über Georgettes Hals zu ihrer Brust, die sich mit dem Atem hob und senkte. Vorsichtig zog Rose die Bettdecke ein Stückchen nach unten. Schon streifte sie Georgettes Brustspitzen. Beim nächsten Einatmen, rechnete sie aus, müsste die Decke fast von selbst hinunterrutschen, sie brauchte nur ein klein wenig nachhelfen, die Freundin würde es nicht bemerken.
Ihr Herz schlug schneller, während sie wartete. Jetzt, jetzt gleich musste Georgette wieder einatmen und die Brust sich heben. Nichts geschah. Jetzt? Nein.
Georgette lachte leise und die Decke glitt herab.
»Was machst du da?«, fragte sie mit klarer Stimme.
»Oh, bist du wach?«
»Nein, ich träume von einem Mädchen, das vor lauter Neugier kein Auge zumacht.« Georgette umarmte Rose und zog sie auf sich. »Ich habe dich beobachtet.«
Rose küsste endlich Georgettes Mund und genoss den Zitrusgeschmack, der immer von ihm ausging. Sie barg ihr Gesicht an ihrer Halsbeuge und schnupperte.
»Du meine Schlehe, du.«
Georgette streichelte über Roses Rücken und presste ihre Hüften gegen Roses in einem Rhythmus, den sie beide gut kannten. Feuchtigkeit perlte zwischen ihren Leibern.
Rose warf ihre hellen Haare nach hinten.
»Küss mich«, forderte sie. Sie beugte sich hinunter zu Georgettes Mund. Ihr Haar fiel wieder nach vorn und bedeckte sie beide mit einem Schleier. Georgette griff danach, wickelte es um ihre Hand und zog daran.
»Es schimmert hellgrün«, murmelte sie.
Rose gab einen wohligen Ton von sich und steigerte das Tempo ihrer Beckenbewegung.
Es war gut, so gut. Rose sah in Georgettes braune Augen, die immer dunkler wurden, und wartete auf den Moment, da sie sie schloss, das Kinn hob und einen leisen Schrei von sich gab.
Jetzt. Der Blumenduft im Raum verbreitete sich so überwältigend, dass Rose glaubte, sie seien Büsche voller Blüten, die das betörendste Parfüm verströmten, das sie je gerochen hatte.
»Kannst du es auch riechen?«, fragte Rose, als sich ihr Atem wieder beruhigt hatte.
Georgette nickte. »Du duftest wie eine Heckenrose.«
»Und du wie eine Schlehe.«
Sie hielten sich umschlungen, Haut an Haut, und Rose nickte ein.
»Ich muss gehen«, sagte Georgette plötzlich, »es ist schon viel zu spät.«
Im Aufsetzen fuhr sie über Roses nacktes Bein, das unter der Decke hervor sah. Schnell versteckte Rose ihren Fuß.
Sie hatte sechs Zehen, und wenn auch Georgette niemals igitt schrie oder sich abwendete, verbarg sie lieber ihre Missgestalt.
Mit einem Ruck fuhr Rose im Bett hoch und sah zur Tür. Stand sie einen Spalt offen? Verklangen Schritte auf dem Hof? Sie lauschte angespannt, aber es war ganz still. Georgette war verschwunden. War sie doch ein Traumgespinst? Dabei gab es viele Anzeichen, dass sie existierte: Rose roch immer noch ihren Zitrusduft, spürte ihre Berührungen auf der Haut, das Bett war zerwühlt, als hätten zwei darin geschlafen und die Lippen fühlten sich wund an von den Küssen.
Rose griff nach ihrem Kleid und hatte es plötzlich eilig hinauszukommen. Seit ein paar Tagen bemerkte sie schon, dass sie es im Haus kaum mehr aushielt. Obwohl es drinnen eine Waschschüssel gab, wusch sie sich lieber am Brunnen.
Sie trat an die Viehtränke. Tag und Nacht plätscherte das Wasser in einen ausgehöhlten Baumstamm. Rose liebte das Geräusch. Sie hielt die flachen Hände unter den Strahl und sah zu, wie Millionen Tröpfchen nach allen Seiten sprühten. Dann trank sie direkt mit dem Mund am Eisenrohr.
Rose war klein und muskulös. Ohne zu ermüden konnte sie den ganzen Tag arbeiten. Sie schleppte schwere Wasserkannen zum Feld oder hackte trockene Erde auf. Ihre Hände waren rau, die Nägel abgebrochen. Doch ihre Haut an Gesicht und Körper schimmerte hell und so durchscheinend wie die eines Säuglings. Ihre feinen, hellblonden Haare rutschten immer wieder aus dem Zopf und klebten unangenehm am Hals oder auf der Stirn, sodass Rose sie mehrmals am Tag neu zusammenflechten musste. Dies war ihr so sehr zur Gewohnheit geworden, dass sie es gar nicht mehr bemerkte, wenn sie dazu ihre Finger wie einen Kamm benutzte.
An diesem Morgen stutzte sie. Ein hellgrüner Schimmer lag auf ihrem Haar, wie Georgette es gesagt hatte! Ihr Herz stockte einen Moment. Aber dann sagte sie sich, dass es dieses Jahr nur früher von der Sonne ausgebleicht worden war als die Jahre zuvor und dass das Grün der Tannen darin reflektiert wurde.
Entschlossen warf Rose den Zopf nach hinten und verbat sich das Grübeln über Georgette; sie konnte das Rätsel ja doch nicht lösen.
An den Hüften strich sie das Kleid glatt. Am liebsten trug sie das Braune ohne Gürtel, weil der Stoff vom Waschen so dünn geworden war, dass sie ihn kaum auf der Haut spürte. Wenn niemand zugegen war und ihre Zehen anstarrte, ging sie barfuß.
Rose stellte die Blechkanne unter den Strahl und sah zu, wie das Wasser hineinströmte.
Der Wandelhof lag weit oberhalb des Dorfes, nahe an den schwarzen Tannen. Nur in dieser Höhe wuchs der Waid, den die Frauen in Schrattingen brauchten, um ihre geklöppelten Borten blau einzufärben.
Ein Jahr war es her, seit Roses Mutter verschwunden war, seit einem Jahr fanden die Schrattinger, dass es für ein Mädchen zu einsam sei, hier oben zu leben.
Aber keiner hatte Interesse, den Hof zu bewirtschaften, also überließen sie ihn Rose und keiner merkte, dass Georgette zu ihr kam.
Sie kam, um Rose zu trösten.
»Alle sagen, sie sei beim Waldgeist. Soll das heißen, sie ist tot? Das glaube ich nicht, ich würde es doch spüren.« Georgette hörte zu, strich ihr die Haare aus der Stirn und küsste ihren Mund.
Ein paar Wochen später, nachdem ein Gewitter Roses Garten verwüstet hatte, kam Georgette wieder und streichelte allen Kummer weg.
Danach fand sich häufig ein Grund, warum Georgette kommen musste: Um Rose zu trösten. Sie zu küssen. Und immer länger legten sie die Lippen aufeinander und ein seltsamer Hunger breitete sich aus. Er wuchs, nahm schließlich den ganzen Körper in Besitz und war nur schwer zu stillen. Die Hände mussten dazugenommen werden und bald warteten sie nicht mehr, bis Rose traurig wurde, um mit den Zärtlichkeiten zu beginnen.
Wir lieben uns, wusste Rose, und sie wusste auch, dass sie es heimlich tun mussten.
Während Rose den Waid wässerte, dachte sie darüber nach, dass andere Frauen ebenfalls freundlich zueinander waren und sich halfen, wenn ein Unglück geschehen war. Aber niemals hatte sie gesehen, dass zwei sich auf diese Art berührten und so zärtlich miteinander umgingen.
Und weil im Dorf über alles getratscht wurde, das irgendwie auffiel, beschloss sie, Georgette geheim zu halten.
Eine Furcht war damit verbunden, die schwer zu fassen und noch weniger zu erklären war.
»Anni ist weg!« Eine Männerstimme riss Rose aus ihren Gedanken. Sie fuhr herum und rannte zum Haus. Gerade schlüpfte sie in die Holzschuhe mit den schiefgetretenen Absätzen, da bog Ludwig um die Hausecke. Rot im Gesicht stützte er die Hände auf die Knie und keuchte. Seine Mütze rutschte vom Kopf und fiel auf den Boden.
Rose sah auf seine Haare, die in schwarzen Büscheln nach allen Seiten abstanden.
»Was rennst du so?«, fragte sie. »Sie wird nicht weit sein.«
Anni war zwölf und nicht richtig im Kopf, sie lief weg, wenn man nicht auf sie aufpasste. Dann schwärmten die jungen Männer des Dorfes aus und suchten sie.
Ludwig kam wieder zu Atem. Er richtete sich auf und sah Rose an. Das Hemd spannte über seinen Schultern, sein Kinn war kantig wie ein abgeschlagener Stein. Der Sohn des Schmieds hatte neben Rose in der Schulbank gesessen. Seit einiger Zeit arbeitete er bei seinem Vater und sie traf ihn nur noch selten, aber jedes Mal schien er ihr dreister geworden zu sein.
Er packte Roses Unterarm. »Du und ich könnten auch was anderes machen, als Anni zu suchen.«
Sie sah auf die grobe Hand und dann in seine Augen.
»Jetzt hab dich nicht so«, sagte er, ließ sie jedoch los und drängte: »Du findest sie doch immer.«
»Habt ihr wieder gewettet?« Rose rührte sich nicht von der Stelle. Die tumbe Anni war ihm egal, sie sah es an seinem Lachen.
»Nun komm schon.«
Vom Weg her waren Stimmen zu hören. Die anderen Kerle des Dorfes kamen johlend und stöckeschwingend näher.
Schaudernd wandte sich Rose um. Schnell ging sie am Waidfeld entlang auf den Wald zu. Ludwig folgte ihr.
»Hei, du wirst immer draller. Komm doch mal zum Tanz.« Sein Schritt krachte wie der eines Ebers durchs Unterholz.
Rose schüttelte den Kopf. Er zog an ihrem Rock und grapschte nach ihrem Hinterteil.
»Mit dir macht’s sicher viel Spaß.«
Mit einer einzigen Bewegung fuhr sie herum und schlug peitschend nach seiner Hand.
»Autsch.« Ludwig lachte immer noch, aber Rose bemerkte zufrieden, dass sie eine rote Strieme auf seiner Haut hinterlassen hatte. Verstohlen rieb er seinen Arm, sah auf ihre Hand, dann...




