Weigel | Robin und Jennifer. Historischer Liebesroman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Weigel Robin und Jennifer. Historischer Liebesroman


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-88769-958-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-88769-958-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Robin ist nicht wie die meisten Mädchen. Sie will frei wie ein Mann leben, aber im konservativen Cannstatt um 1900 hat ihre strenge Tante für sie vorgesehen, zu heiraten und Mutter zu werden. Als das Mädchen eine starke Zuneigung zu Paula entwickelt, hält die Tante sie für abartig und will sie in eine Irrenanstalt stecken. Ein Familiendrama passiert, Robin erstickt in Schuldgefühlen und wird schließlich von ihrem Bruder in die Künstlerkolonie nach Ascona mitgenommen.

Jennifer kommt aus einer ganz anderen Welt, doch auch sie musste fliehen.
Zwei Welten und zwei gegensätzliche Charaktere prallen aufeinander, als sich Robin und Jennifer auf dem Monte Veritá kennenlernen.

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Robin
Wenn es wehtat, verschwand die Traurigkeit. Zwölf Stufen. Robin saß auf der obersten, rutschte ein wenig hin und her und spürte durch den Stoff ihres Matrosenkleides hindurch das glatte Eichenholz. Gestern hatte sie die Trittflächen mit Wachs polieren müssen, wie jeden Samstag. Ihre Arme und Knie schmerzten heute noch. »Roberta! Wo bleibst du schon wieder?« Tante Erna rief nach ihr. Robin ließ ihre Absätze über die Kante der elften Stufe rutschen. Fast reichten ihre ausgestreckten Beine bis zur achten. Sie schlug die Spitzen ihrer geknöpften Stiefel aneinander, trotz der schwarzen Wichse sah man, wie alt und verknittert das Leder bereits war. Mit den Zehen wackeln konnte sie darin nicht. Unten in der Küche hantierte Tante Erna mit dem Backblech. Scheppernd wurde es in den Ofen geschoben. Mit ihrem Geburtstagskuchen. Der Robin egal war, denn sie hasste ihre Geburtstage. Auch den zwölften. Sie lehnte sich zurück, sie wusste genau, in welchem Winkel die Abfahrt am schnellsten sein würde – und am schmerzhaftesten. »Roberta! Herrschaftnochmal!« Schritte kamen näher. Tapp, tapptapp. Tante Erna stapfte. Jetzt erschienen die grauen Haare über dem Treppengeländer. Robin drückte die Handkanten gegen die zwölfte Stufe, wartete, bis sie den strammen Knoten am Hinterkopf der Tante erblickte, aber noch nicht das Gesicht. Sie stieß sich ab, hob die Fersen an und rutschte über die Kanten. Das Rumsen ihrer Talfahrt dröhnte durch die Diele. Ihr Ellenbogen schlug gegen die Wand, das Steißbein begann zu brennen. Auf den kalten Fliesen am Fuß der Treppe blieb sie liegen, den Kopf auf den Armen. »Eine Schande bist du. Steh auf, los.« »Was ist denn passiert?« Vater. Er musste den Lärm gehört haben, denn seine Apotheke lag gleich neben der Diele. Tante Erna zerrte an ihr, bis sie stand. »Deine Mutter muss sich ja im Grab rumdrehen. Gott hab sie selig.« Robin wehrte die Hände ab. »Rede nicht so von meiner Mutter!« »Da siehst du mal«, sagte Tante Erna zu Vater, »warum ich genug von ihr habe!« Sie klopfte mit den Händen auf ihre Schürze, die voller Mehlstaub war. Vater nahm die Brille ab und begann sie mit einem Taschentuch zu reiben. Er trug über dem Sonntagsanzug, mit dem er in der Kirche gewesen war, einen weißen Kittel. Egal ob Feiertag oder Sonntag, er verbrachte die meiste Zeit in der Offizin, deswegen roch er auch immer nach herben Kräutern. Robin strich ihren Matrosenkragen glatt und stellte sich ein Stück näher zu ihrem Vater. Tante Erna redete auf ihren Schwager ein: »Sie schafft nichts, liest nur, und ich sag dir, Anton, sie ist zu oft allein hier im Haus. Ich habe meine eigene Familie zu versorgen, ich kann nicht dauernd hinter ihr herrennen.« »Mhm, mhm.« Er nickte. Tante Erna gab einen grunzenden Laut von sich. »Meine Schwester in Schorndorf braucht Hilfe mit den Zwillingen, da hätte sie keine Zeit für Faxen.« Robin hob die Hände. »Ich will nicht weg! Vater, bitte!« Er setzte die Brille wieder auf, legte das Taschentuch umständlich zusammen und drückte es anschließend zwischen den Handflächen glatt. Und schwieg. »Es ist keiner da, der sie erzieht. Nur mit dir und ihren Brüdern, das kann ja nichts werden.« »Ich geh doch zur Schule. Und nachmittags muss ich Aufgaben machen.« »Aufgaben machen! Nicht mal stopfen hast du gelernt. Außerdem ist die Schule ja bald beendet.« »Bitte Vater, ich will weiter zur Schule gehen.« Endlich steckte er das Taschentuch weg. »Ins Gymnasium!« »Du willst aufs Gymnasium gehen?« Vater beugte sich ein wenig zu ihr. »Das wirst du ihr aber nicht erlauben! Für meine Mädle hat die höhere Töchterschule gereicht.« Tante Erna drehte sich brüsk um und ging in Richtung Küche. »Nicht die höheren Töchter!« Robin sah ihren Vater flehentlich an. »Dort lernt man nur kochen.« Tante Erna war schon im dunkleren Teil der Diele angekommen, doch ihre Stimme dröhnte deutlich genug. »Das kommt davon, wenn ein Kind ohne Mutter aufwächst, deswegen hat sie Flausen im Kopf. Ich mache das nicht mit!« Vater zuckte zusammen, und Robin hätte am liebsten die Arme um ihn gelegt. »Wird’s bald? Oder muss ich alles allein machen?« Tante Erna brüllte aus der Küche. »Jetzt geh und hilf ihr.« Vater wandte sich zur Apotheke. »Darf ich? Bitte, Vater!« Robin hielt die Klinke fest, damit er die Tür nicht schließen konnte. »Wir werden sehen. Ärgere deine Tante nicht, sie ist uns eine große Hilfe.« Am langen Holztisch in der Mitte der Küche putzte Tante Erna Karotten, Erde und Schale flogen in hohem Bogen. Alles an ihr war rund, und ihr Mund stand immer offen, auch wenn sie nichts sagte. Ohne das Schaben zu unterbrechen, sah sie Robin finster entgegen. »Bilde dir nur nichts ein auf deine feine Herkunft. Deine Mutter lebt nicht mehr.« Robin drückte ihren verletzten Ellenbogen und zuckte zusammen, als der Schmerz hineinschoss. Sie spürte Feuchtigkeit unter ihren Fingern und versuchte, einen Blick darauf zu werfen. Tante Erna hatte sie nicht aus den Augen gelassen. »Blutest du etwa? Kremple den Ärmel hoch!« Übelkeit stieg in Robin auf, sie hockte sich auf die Kante eines Stuhls und krampfte die Hände ineinander. »Du wirst doch nicht umkippen? Reiß dich zusammen. Immer das Gleiche mit dir. Geh zu deinem Bruder, der soll dich verarzten.« Mit weichen Knien ging Robin durch die Diele. Als sie die gute Stube, die neben dem Eingang gegenüber der Apotheke lag, erreicht hatte, hörte sie Tante Erna rufen: »Beeil dich gefälligst!« Bruno lag auf dem Sofa und las Zeitung. »Na?«, sagte er freundlich, ohne die Augen von der Seite zu nehmen. Robin schob seine Füße beiseite, die er samt Schuhen auf einem Kissen abgelegt hatte. Auch dieses Leder hatte sie gestern blankgerieben. Sie atmete tief durch und beschloss, drei Dinge im Raum anzusehen, oder besser vier. Meist verging dann die Übelkeit. Der ovale Tisch, schon ausgezogen, mit Damasttüchern bedeckt – eins. Die Palme in der Zimmerecke – zwei. Auf der wuchtigen Anrichte tickte eine Pendeluhr – drei. Im Silberrahmen die Fotografie ihrer Mutter. Robin schluckte. »Sag mal, du hast es heute aber schwer, dabei ist doch dein Geburtstag.« Bruno faltete die Zeitung zusammen und richtete sich auf. Er war genauso zierlich wie Vater und hatte die gleichen traurigen Augen. »Wieso schwer?« Robin rieb sich die Nase. »Erst veranstaltest du Rabatz, dass Tante Erna brüllt wie der Oberfeldwebel der Armee«, Bruno brachte Robin zum Lachen, als er die Arme steif an die Seiten presste und die Stirn in Falten zog, »und dann seufzt du wie das Leiden Christi.« Er machte ein klägliches Gesicht. »Was ist los?« »Ich blute«, flüsterte Robin. Sofort wurde Bruno ernst. »Wo?« Sie hielt ihm den Ellenbogen hin. »Ich schaue mir das gleich an. Aber zuerst musst du dein Geschenk auspacken.« Er holte unter dem Kissen hinter seinem Rücken ein Päckchen hervor, das ungeschickt in Packpapier gewickelt war. Robin lächelte und öffnete es. »Winnetou II. Das ist famos! Danke!« Sie betrachtete den Stich auf dem Einband, während Bruno ihre Manschette aufknöpfte und den Stoff nach oben rollte. »Ist es arg schlimm?« Sie kniff die Augen zusammen. »Nein. Ich hole Jod und Pflaster, und du denkst daran, ein Indianer hat keine Angst vor Blut.« Robin öffnete die Augen und lachte. »Ein Indianer kennt keinen Schmerz, so muss es heißen.« »Du bist ein schlaues Köpfchen. Ich bin gleich wieder da.« Bevor er aufstehen konnte, legte Robin eine Hand auf seinen Arm. »Kannst du bitte mit Vater sprechen?« Er sah sie erstaunt an. »Nicht wegen der Verletzung«, fuhr Robin fort, »wegen Tante Erna. Sie will mich loswerden. Ich soll nach Schorndorf, aber ich möchte hier bleiben, bei euch.« Bruno strich mit der Hand über sein dunkles, mit Pomade geglättetes Haar. »Du willst doch wohl keine Apothekerlehre machen?« »Natürlich nicht! Ich will aufs Gymnasium gehen!« Er verzog anerkennend den Mund. »Eine Frauenrechtlerin also.« »Was meinst du? Was ist eine Frauenrechtlerin?« »Das sind Frauen, die doch tatsächlich einfordern, dass man ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie den Männern.« Robin hörte an seinem Tonfall, wie interessant er das fand. »Sie wollen sein wie Männer? Dann werde ich auch eine Frauenrechtlerin!« »Lass das bloß die Tante nicht hören.« »Hast du von ihnen in der Zeitung gelesen?«, fragte Robin. »Ja, schau nach, irgendwo in der Mitte.« Er reichte ihr die Zeitung und erhob sich. »Sprichst du mit Vater?« »Wenn du mir nachher erklären kannst, was in dem Artikel über die Frauenrechtlerinnen steht.« »Ich gebe dir auch mein Kuchenstück«, rief Robin. »Ich denke darüber nach!« Als sie wenig später mit einem Pflaster auf dem Ellenbogen in die Küche zurückging, hantierte Tante Erna neben ihrer Tochter Martha am Herd. »Du lebst ja noch!« Martha öffnete die Ofenklappe und schob zwei Briketts nach. Die Arme ins Kreuz gestützt, richtete sie sich wieder auf. »Komm, hilf mir beim Tischdecken.« »Du bleibst schön hier und schälst Kartoffeln«, fuhr Tante Erna dazwischen. »Das gute Porzellan mach ich lieber selber. Roberta, rühr den Spätzleteig an.« Sie stapfte hinaus. »Auch gut«, sagte Martha und nahm ein Messer und eine Kartoffel zur Hand. Laut flüsterte sie: »Ich muss dir vom Referendar erzählen. Er will mich heiraten!« Robin schüttete Mehl in eine Schüssel und sagte nichts. Martha war...



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