Weigl | Der Tod ist nichts für Deppen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Weigl Der Tod ist nichts für Deppen

Seltsame Geschichten über noch seltsamere Begegnungen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-2844-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Seltsame Geschichten über noch seltsamere Begegnungen

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-7534-2844-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seltsame Begegnungen im Zug, ein römisches Schleuderblei oder ein Mann, der einen echten Totentanz mitmachen muss. Der Autor Bernhard Weigl eröffnet uns mit seinen Geschichten einen anderen Blickwinkel auf Leben, Tod, Schuld und Unschuld.

Bernhard Weigl lebt mit Frau und Sohn in der Oberpfalz. Neben mehreren Sachbüchern über historische Themen hat er eine Erzählung verfasst. Mehr zum Autor und seinen Arbeiten finden Sie auf seiner Homepage: https://bernhardweigl-buecher.hpage.com
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Schatten zwischen den Gleisen


Ich stand draußen. Vor den Trittstufen des letzten Zugwagens. Hier war die Luft nicht so stickig wie drinnen bei meinen Kameraden. Unter mir tauchte immer weiter das Band der zwei Schienen auf und verschwand dann in der endlosen Ferne. Tarapp, tarapp. So machte es jedes Mal, wenn der Zug über die Stoßstellen der Gleise fuhr. Wie ein Maschinengewehr, dachte ich. Wie ein Maschinengewehr. Ich hätte jetzt gerne eine Zigarette gehabt. Dabei bin ich eigentlich Nichtraucher. Doch alle meine Kameraden rauchen. Und das würde irgendwie auch zur Situation passen, dachte ich. Tarapp, tarapp.

Von drinnen drang ausgelassenes Gelächter zu mir. Es hörte sich für mich mehr wie das Brüllen eines Pavians an. Der Offizier hatte Schnaps genehmigt. Nein, er hatte ihn nicht nur genehmigt. Er hatte die Schnapsflaschen mit offenen Armen selbst unter die Leute verteilt. Nach so einem Einsatz bräuchten die Männer das.

Die Tür zum Abteil öffnete sich. Ich erschrak leicht, denn mit einem Mal klang das Gelächter von drinnen wie Schläge in meinem Ohr. , meinte Hubert. Was für ein geistreicher Satz. Aber er hielt mir seine Schachtel mit Zigaretten hin. Ich zog mir eine davon heraus und nickte zum Dank leicht. Er hielt mir auch sein Feuerzeug mit offener Flamme hin. Ich schüttelte aber nur leicht den Kopf. Dann drehte ich die Zigarette endlos zwischen Mittelfinger, Zeigefinger und Daumen hin und her. Offenbar wollte er reden, wusste aber nicht wie und wo er beginnen sollte. Also lehnte er sich an das Geländer, starrte mit mir auf die Schienen und rauchte seine Zigarette. brach ich schließlich das Schweigen. Er rauchte weiter. Tarapp, tarapp dröhnte es von den Schienen herauf. , entgegnete er endlich und starrte weiter auf die Gleise. redete er weiter. Er zog an seiner Zigarette und sah mich von der Seite her an. Dann fuhr er fort: erwiderte ich. Dann sagte ich nichts mehr. Dieses Gefasel von wegen Weichei und so weiter. Damit brauchte er mir nicht zu kommen. Jetzt lächelte er spöttisch. Ich hätte ihm dafür auf der Stelle eine reinhauen können. Und wer weiß, eine weitere Provokation und ich hätte es wirklich getan. Doch Hubert warf seinen Zigarettenstummel über das Geländer, drehte sich um und ging wieder wortlos nach innen.

Ich stand gerne hier draußen alleine. Ich musste nachdenken. Meine Kameraden dagegen wollten sich offenbar nur betäuben. Denken. Denken. Nein, das ging nicht. Ich konnte meine Gedanken nicht in geistige Worte fassen. Nur Bilder, Bilder schwebten vor meinem geistigen Auge. Als ob sich mein Blick auf mich selbst richtete und mich langsam umrundete, wie ich so dastand mit dem Gewehr im Anschlag.

Wieder öffnete sich die Tür zum Abteil. Mein Kamerad Horst kam heraus. Horst war für mich nicht wie die anderen. Man konnte da schon fast von Freundschaft sprechen. Er hatte aus unerfindlichen Gründen Hemd und Unterhemd ausgezogen und stand nur noch mit seiner Uniformhose und den Hosenträgern bekleidet da. sagte er leise. Und weiter: Ich brummte etwas verächtlich. Hubert war einfach ein Idiot. sagte ich, Horst verschränkte die Finger ineinander. Fast so, dachte ich, als ob er beten wollte. meinte Horst, Ich sah ihn an. Eine Frage brannte mir auf den Lippen: Er antwortete nicht gleich, sondern dachte etwas nach: fragte ich. Er lachte. war die Antwort. Ich nickte. Horst klopfte mir auf die Schulter. Dann ging er wieder rein.

Ich konnte Horst gut leiden. Seine Worte waren aber nichts anderes gewesen als eine lauwarme Soße, die zu allem irgendwie passte. Immerhin hatte er mich aus meinem Gedankenstrudel herausgerissen – wenn auch nur für kurz. Vielleicht sollte ich mich ja von mir selbst distanzieren. Mich betrachten wie einer, der seinen Körper verlassen hat und jetzt als Geist über demselben schwebt und herunterschaut auf sich selbst. Von so etwas wird ja immer wieder berichtet. Von innen kam zwischen dem Stimmenwirrwarr ein Schrei. Es hörte sich fast an wie ein Schluchzen, dachte ich. Egal.

Ein weiterer Kamerad kam zu mir heraus. Es war ein Mann namens Friedrich. Noch ein Idiot, dachte ich bei mir. Friedrich stellte sich breitbeinig neben mich und begann Kniebeugen zu machen. Nach fünf Stück davon schaute er mich an, verschränkte die Finger und ließ sie kräftig knacksen. Dann grinste er mich dämlich an. Das Grinsen war so breit, dass man hätte meinen können, Friedrich hätte in der Lotterie gewonnen. , fragte ich. Sein Lächeln verschwand schlagartig. fuhr er mich an. er zeigte dabei abwechselnd auf mich und auf sich selbst, erwiderte ich. Ich erinnerte mich. Antreten hatte es geheißen. Mit geladenem Gewehr über der Schulter. Von einer schweren, aber notwendigen Aufgabe hatte der fremde Offizier gesprochen. , warf mir Friedrich jetzt entgegen. Ja, nein, ja. Es war alles so schnell gegangen. Tatsächlich hatte der Offizier alle vor die Wahl gestellt. Die Aufgabe sei notwendig. Trotzdem werde niemand hierzu gezwungen. Wer diesen Dienst am Vaterland nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne, der solle vortreten. Niemand dürfe ihm hierfür etwas vorwerfen und er müsse auch keine Konsequenzen fürchten. Niemand trat vor, jeder lugte mit seinen Augen nur nach links und rechts zu seinen Kameraden. Und dann war diese Zwischenpause auch schon wieder vorüber.

Friedrich fing wieder mit seinen Kniebeugen an.

Ich schrie ihn an: Erst war sein Blick erstaunt. Dann kniff er die Augen zusammen, hob seinen Finger und erwiderte dann langsam, wobei er jedes Wort einzeln betonte: Ich wendete meinen Blick ab und sah wieder auf die verschwindende Landschaft hinter dem Zug. Die Tür wurde aufgeschlagen und Horst kam mit glasigen Augen heraus. brüllte er, meinte Friedrich. Das Wort spuckte er fast aus. Ich war peinlich berührt. Warum musste er das sagen. Doch Horst bekam davon nicht viel mit. Er hielt sich mit einer Hand an der Haltestange fest, beugte sich in Richtung Gleise und kotzte hinter den Zug. Als er den Kopf wieder hob, schüttelte er sich kurz und nahm einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche, die er in der anderen Hand hielt. Dann lachte er wie irre. Wohl eine ganze Minute lang. Richtig wie ein Verrückter, dachte ich. Und tatsächlich: Das Lachen hörte abrupt auf, wich einem zornverzerrten Gesicht und Horst schleuderte die halbleere Flasche auf die Bahnschwellen. Als ich dachte, das sei es gewesen, stieß er seine Stirn immer und immer wieder gegen die Wand neben der Abteiltür und gab dabei einen langen Klagelaut von sich. Friedrich hielt ihn schließlich...



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