E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Broken Artists
Weiler A Poet's Heart (Broken Artists, Band 1)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7320-2429-2
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Broken Artist meets The Girl Next Door - Strangers-to-Lovers-Romance mit Wohlfühlvibes
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Broken Artists
ISBN: 978-3-7320-2429-2
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rebekka Weiler schrieb mit zehn Jahren ihren ersten (und ziemlich kurzen) Roman und hat seit damals nie wieder aufgehört, emotionale Geschichten mit Tiefe und authentischen Figuren zu entwickeln. Auf ihren Reisen nach Skandinavien hat sie sich hoffnungslos in Schweden verliebt und all die Orte besucht, die die Broken Artists ihr Zuhause nennen dürfen. Sie selbst wohnt in Süddeutschland, wo sie als Lehrerin tätig ist. Wenn sie nicht gerade an einem neuen Buch arbeitet, liest sie gern, malt, geht schwimmen oder hört stundenlang dieselben Songs. Weitere Informationen zur Autorin auf Instagram und TikTok unter @rebekka.weiler
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Yva
A change of heart
A change of light
A change of season
A change of night
[Fenn Lindberg – Changes]
Manche Veränderungen spürt man bereits, bevor sie eintreten. Ein Knistern in der Luft, ein Grummeln in der Magengegend, ein Ziehen in der Brust. Ein Gefühl innerer Anspannung, das Wissen, dass etwas passieren wird. Und dann gibt es Veränderungen, die unerwartet kommen. Die einen überfallen. Aus dem Nichts, hinterrücks. Einfach so. Man spürt nichts, man ahnt nichts, man fühlt nichts. Meistens sind es diese Veränderungen, die nachhallen. Laut und leise, stark und schwach. Aber vor allem dauerhaft. Und so, so heftig.
Der Wind wirbelt meine Haare durcheinander, als ich an den alten roten und gelben Häusern vorbeihaste. Ich bin verdammt spät dran. Und auch wenn ich weiß, dass mir niemand den Kopf wegen fünf Minuten Verspätung abreißen wird, muss ich mich beeilen. Es ist nicht fair, Mats länger als nötig auf mich warten zu lassen.
»Sorry, sorry, sorry«, rufe ich ihm zu, kaum dass ich die Tür zum Tonstudio aufgerissen habe. Er ist natürlich schon da und sitzt hinter dem kleinen Empfangstresen, an dem sich Besuch anmelden muss, um eine Kabine des Studios zu nutzen. Im Gegensatz zu mir ist Mats immer die Pünktlichkeit in Person, obwohl ihm mit Sicherheit nichts passieren würde, würde er zu spät kommen. Das Studio gehört seinen Eltern und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihren eigenen Sohn rauswerfen würden. Dazu sind sie viel zu nett.
Als er mich hört, sieht er von seinem Tablet auf und hebt grinsend die Hand. »Sieh an, wen der Wind hereingeweht hat.« Wie immer reicht sein Grinsen über das ganze Gesicht. Weil Mats einfach so ist. Stets gut gelaunt und nie um einen Spruch verlegen.
»Professor Andersson hat mal wieder überzogen«, erkläre ich im Vorbeilaufen und rausche weiter zum Personalraum. Hier hinten ist alles eng und verwinkelt, was wir der zentralen Lage des Gebäudes verdanken. Das Petrichor befindet sich im Herzen Stockholms, in einer der vielen schmalen Gassen von Gamla Stan, und ist nur zu Fuß zu erreichen. Doch das hält die Stars und Sternchen von morgen nicht davon ab, uns mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht jede einzelne Kabine von früh bis spät belegt ist. Denn es ist sicher nicht von Nachteil, wenn man als Nachwuchskünstler behaupten kann, in einem Studio von Svenstrid, Schwedens bekanntesten Pop-Musikern seit ABBA, aufgenommen zu haben.
Eilig schlüpfe ich in mein schwarzes Arbeitsshirt, das alle Mitarbeitenden von Astrid und Sven Johansson tragen, um ganz mit der dunklen Schallisolierung des Studios zu verschmelzen. Während unsere Kundschaft an den Mikrofonen sitzt, ist es unsere Aufgabe, im Hintergrund dafür zu sorgen, dass die Aufnahmen störungsfrei ablaufen.
Selten hat mir ein Nebenjob so viel Spaß gemacht wie der im Petrichor. Was nicht zuletzt an Mats liegt. Dass ich ihm vor drei Jahren zu Beginn des ersten Semesters auf der großen Anfangsparty begegnet bin, war ein totaler Glücksfall. Seit diesem Tag sind wir befreundet. Vor knapp einem Jahr hat er mir den Job bei seinen Eltern angeboten, nachdem meine Vorgängerin gekündigt hat, weil sie mit ihrem Studium fertig war.
Während ich mir die Haare zu einem Zopf flechte, sehe ich mich im Raum um. Die Schließfächer sind beklebt mit Dutzenden Postern schwedischer Bands und Soloartists. ABBA, Roxette, Robyn, Kent, Gyllene Tider, Håkan Hellström, Svenstrid. Eine Collage unzähliger Musikschaffender, die den Raum ebenso besonders macht wie das ganze Studio. Überall stehen alte Schallplatten herum, Polaroids bedecken Wände und Türen. Und im Flur gibt es eine riesige Stelle, an der sich jeder, der hier aufgenommen hat, verewigen darf. Manchmal bilde ich mir sogar ein, die Musik hier drin nicht nur zu hören, sondern sie auch riechen zu können. Den ganz eigenen Geruch der Schallplatten, die Bleistiftminen, mit denen die Musiker auf Notenpapier schreiben, das Holz der Gitarren. Es ist eine besondere Welt, ich liebe es hier und freue mich ausnahmslos auf jede Schicht.
»Hej«, begrüße ich Mats noch einmal richtig, als ich schließlich zurück nach vorne komme. »Tut mir leid, ich muss mir echt angewöhnen, ganz hinten zu sitzen, damit ich mich rausschleichen kann, wenn Andersson wieder kein Ende findet.«
»Alles gut.« Mats winkt ab. Leider ist es auch für ihn nichts Neues, dass mein Professor an manchen Tagen gnadenlos überzieht. »Es war nicht viel los.« Zur Bekräftigung seiner Worte schiebt er mir das Tablet entgegen, auf dem das Programm mit den Reservierungen geöffnet ist. »Livia und Raik kommen klar, ich werde ihnen nachher nur kurz zeigen, wie man die einzelnen Tonspuren voneinander trennt. Und Fenn ist in Kabine drei und kennt sich sowieso aus. Ihm musste ich nichts erklären.«
»Oh, das Phantom ist da?« Ich grinse, als Mats die Stirn runzelt.
»Das was?«
»Ich meine deinen Mitbewohner. Den geheimnisvollen Fenn.«
»Er ist nicht geheimnisvoll. Nur schweigsam.«
»Ja. So schweigsam und schüchtern, dass ich ihm noch nie begegnet bin, wenn ich dich besuche. Wie lange wohnt er jetzt schon in deiner WG? Vier Monate?«
»Fünf.«
»Noch schlimmer.«
Mats seufzt. »Ich weiß auch nicht, was Linus sich dabei gedacht hat, ihm die Zusage für das Zimmer zu geben.«
»Vielleicht redest du Linus zu viel und er wollte jemanden haben, der das ausgleicht?« Mein Grinsen wird noch breiter. Mats weiß, dass ich ihn nur auf den Arm nehme. Aber seinen mysteriösen Mitbewohner würde ich dennoch gern kennenlernen. Er ist zwar seit ein paar Monaten mindestens zweimal in der Woche bei uns im Studio für Songaufnahmen, aber wie in der WG hat er es jedes Mal geschafft, mir auch hier aus dem Weg zu gehen. Ich habe bisher nur zweimal seinen Rücken gesehen.
»Wahrscheinlich liegt es genau daran.« Mats’ Stimme trieft vor Sarkasmus.
»Keine Sorge, du bist bestimmt trotzdem sein Lieblingsmitbewohner.« Mit Schwung setze ich mich neben ihn. »Und Livia und Raik sind auch da, hast du gesagt? Kann ich mitkommen, wenn du ihnen die Einweisung gibst? Ich würde gern ein TikTok drehen, während du mit ihnen sprichst. Der Algorithmus liebt diese Behind-The-Scenes. Und ein Feature auf unserem Unternehmensaccount ist gute Werbung für sie.«
»Klar. Sie haben sicher nichts dagegen.«
»Dann frage ich sie gleich mal und lasse sie die Einverständniserklärung unterschreiben. Wenn man ihre Songs im Hintergrund hört, sind wir abgesichert.«
»Das ist eine gute Idee, ja.«
»Okay.« Ich nicke und schnappe mir den Laptop aus dem abschließbaren Fach des Schreibtisches. Es dauert nicht lange, bis ich die Datei gefunden habe, damit ich Livia und Raik die Erklärung per Mail schicken kann. Anschließend ziehe ich das Arbeitshandy hervor. Mein Blick ist fest auf das Display gerichtet, als ich TikTok öffne und anfange, Kommentare zu beantworten, die sich angesammelt haben. Unsere Community wächst stetig, die meisten Videos erreichen solide Views im vierstelligen Bereich, immer wieder gehen wir sogar richtig viral, was mich wie eine stolze Mutter fühlen lässt. »In unserer nächsten Schicht filme ich dich für eine kurze Mitarbeitervorstellung, ja? Du musst dir auch echt keine Sorgen machen, ich stelle dir nur ein paar Fragen.«
»Muss ich?« Mats verzieht das Gesicht. »Der Kram frisst so viel Zeit, nur damit am Ende ein Video rauskommt, das ein paar Sekunden lang ist.«
»Na ja. Deine Eltern bezahlen mich dafür«, scherze ich. »Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Betrachte es einfach als Investition in unsere Zukunft. Ist doch prima, wenn die Leute das Petrichor über die App entdecken. Auch wenn wir ganz gut belegt sind, schadet es nicht, im Gespräch zu bleiben. Einige neue Kunden erwähnen ja inzwischen sogar, dass sie uns über Social Media gefunden haben.«
»Kann sein, keine Ahnung. Es ist einfach nicht meine Welt.« Er seufzt leise und schüttelt den Kopf.
»Deshalb musst du das auch nicht machen. Sondern ich. Dein Job ist es nur, mir die Fragen zu beantworten. Okay?« Ich stoße ihn sanft in die Seite und kümmere mich darum, einen Kommentar unter unserem letzten Video mit einem Herzchen zu versehen. Das ist kein Hexenwerk, und auch wenn es mir Spaß macht, die Videos zu schneiden, verstehe ich, dass Mats keine Lust darauf hat. Er ist niemand, der viel am Handy hängt. Dafür liebt er es viel zu sehr, in einen der Nationalparks zu fahren. Oder auf Djurgården im Park zu sein. Leider sind mittlerweile auch viele Touristen dort unterwegs, seit die Insel zur beliebtesten Stockholms gekürt wurde. Wenigstens haben sie Mats’ Lieblingsort noch nicht entdeckt, die alten Apfelbäume hinter Rosendals Café. Selbst bei Regen ist er gern dort, dann im Glasgewächshaus, das zum Café gehört.
Eine Weile konzentriere ich mich weiter auf TikTok, während Mats Kundenfragen beantwortet, die über das Kontaktformular in unserer Mailbox gelandet sind. Ich höre nur das Klackern seiner Tastatur und meinen ausgewählten Sound, den ich über das Video lege. Meistens benutze ich dafür Tonspuren, die wir extra für unseren Account gemischt haben. Das heißt, Mats hat gemischt. Ich habe nur zugehört und mehr oder weniger hilfreiche Kommentare abgegeben.
Kurz werden wir unterbrochen, als neue Kundschaft eintrifft. Ein Trio, das vor einigen Monaten in der Schule zusammengefunden hat und nun ein Demo aufnehmen möchte, das professioneller klingt als eine Handyaufnahme. Mats verschwindet mit ihnen in ihrer gebuchten Kabine und weist sie ein. Ich widme mich weiter meinem Video, ehe ich...




