E-Book, Deutsch, Band 1, 263 Seiten
Reihe: Bearded Collie Julchen
Weiler Rindviecher im Nebel
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8392-7160-5
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Hundekrimi von der Nordsee
E-Book, Deutsch, Band 1, 263 Seiten
Reihe: Bearded Collie Julchen
ISBN: 978-3-8392-7160-5
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Reisejournalistin und Meerbloggerin Elke Weiler wollte schon als Kind einen Hund an ihrer Seite wissen. Stattdessen widmete sie sich dem Studium der Kunstgeschichte und dem Sozialleben der Meerschweinchen. Nach ihrem Umzug aufs Land kam die Autorin auf den Hund. Endlich Strandspaziergänge mit noch mehr Flugsand! Doch alles lief anders als vorgesehen, hatte der Hund doch tatsächlich seinen eigenen Kopf. Und mit seiner latent zur Indiskretion neigenden Neugierde brachte er die Autorin auf die Idee, dass eine ganz bestimmte Persönlichkeit in der illustren Gruppe regionaler Ermittlerinnen fehlte: Julchen. Ein eigensinniger Bearded Collie, der aus Prinzip nicht geradeaus geht. Ohne Zweifel die beste Schnüfflerin Nordfrieslands.
Autoren/Hrsg.
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1. Das Omen
Rülpsend lief ich über den Deich, Madame folgte mir unauffällig. Es war einer jener alten Deiche im Marschland, den die Lutscher als Rennstrecke nutzten. Schmal und ohne Wege für unsereins. Doch an diesem Tag war mir nicht nach lautstarken Verweisen, was die rasante Geschwindigkeit von Blechhöhlen betraf. Ich genoss die Morgensonne, die im Bodennebel badete. Nach dem unendlich langen, nassen und grauen Winter hatte ich bereits erste Boten des Frühlings aufgespürt. Man musste allerdings präzise hinsehen beziehungsweise schnuppern. Die Bäume noch blattlos, das Land aschfahl, nur der Himmel strahlte. Ich mochte dieses Blau, das zwei Drittel der Landschaft beherrschte. Es machte einen fast schwindelig, und die Sonnenstrahlen tanzten Boogie auf dem Fell.
Als wir in einen Seitenweg abbogen, vernahm ich sofort einen Geruch, der nicht in die Idylle passte. Ich folgte meiner Nase und bremste kurz vor der Leiche scharf ab. Reglos lag das Tier im Gras am Rande des Grabens. Natürlich merkten Lutscher solche Feinheiten nicht, sie rochen ja kaum etwas. Und was sie nicht sahen, schien nicht zu existieren. Ich warf Madame einen kurzen Blick zu, gedankenversunken starrte sie in die Ferne. Wir waren durch ein zartes Band miteinander verbunden, doch das störte mich selten. Madame ging ganz gut an der Leine. Zudem gab es einen Spielraum von mehreren Metern, der jedem von uns zugutekam.
Also schnupperte ich genauer. Die Leiche war frisch. Maximal ein paar Stunden alt. Da die Gerichtsmedizin noch nicht vor Ort war, nahm ich das tote Tier für erste Untersuchungen ins Maul, prüfte Gewicht und Festigkeit. Zur Todesursache konnte ich nichts Genaues sagen, äußere Verletzungen waren nicht festzustellen.
Madame schüttelte angewidert den Kopf und bezweifelte meine Zuständigkeit: »Pfui! Lass das arme Tier los!«
Wir einigten uns darauf, dass ich das mögliche Mordopfer nicht selbst in die Gerichtsmedizin brachte. Doch um die Aufnahme der Details kam ich nicht herum.
Vorname: Bisam.
Nachname: Ratte.
Fundort: Grabenrand in der nordfriesischen Marsch, Halbinsel Eiderstedt.
Todesursache: unklar, vermutlich Fremdeinwirkung.
Mir war zwar klar, dass die Feldhasen gerade hochaktiv über die Fennen hoppelten und dabei recht chaotisch agierten, doch einen Zusammenprall mit einem von ihnen konnte man als Todesursache definitiv ausschließen. Die Löffelträger verfügten über ein Eins-a-Reaktionsvermögen und waren zu Richtungsänderungen quasi in Schallgeschwindigkeit fähig. Diesbezüglich hatte ich selber schon einschlägige Erfahrungen machen dürfen.
Vermutlich war es mal wieder die Schuld einer Blechhöhle, derartige Unfälle galten nach einer internen Statistik als häufigste Todesursache für Wild- und Katertiere in der gesamten Gegend. Wir konnten im Rudel ein Lied davon singen, ein trauriges. Kein adoptiertes Löffelgesicht war uns geblieben. Auch mein alter Kumpel Mats war entweder auf Weltreise gegangen, oder es hatte ihn eiskalt erwischt. Er galt als verschwunden, schon seit Jahren. Auch die Akte mit Bisams Tod würde nun den meterhohen Stapel der ungeklärten Fälle erhöhen.
Madame zog mich fort, bevor ich Näheres klären konnte. Sie hatte es plötzlich eilig, typisch Lutscher! Sie hatten einfach einen anderen Rhythmus als unsereins. Nie war genug Zeit, um vollständige Schnupper-Profile zu erstellen. In der Ferne maulte der Hund vom Haus am Schafswollweg. Dazwischen das beunruhigte »Määäh!« eines Wollknäuels, auf das seine Kollegen in periodischen Abständen antworteten. Der Chor der Schafe klang disharmonisch, doch ich konnte die tote Bisamratte als Grund dafür ausschließen. Vermutlich kannte man sich gar nicht, hatte sich höchstens mal flüchtig bei einer Grabenquerung gesehen. Machte ein Fuchs die Schafe nervös? Auch das konnte ich ausschließen, dafür war es zu hell. Ich lauschte dem Soundtrack der Marsch, erhoffte mir Hinweise auf das Geschehen. Am Ende setzten sich die Kühe von Bauer Thule akustisch durch. Mir schien, als ginge ihr Muhen über das durchschnittliche Palaver auf der Fenne hinaus. Irgendetwas lag in der Luft.
Als Madame mich von der Leine ließ, wischte ich alle Gedanken beiseite und peste wie ein Wildschwein durch die Gegend. Das Leben war schön! Und ich mochte Tage wie diese. Tagsüber mischten sich neue Duftnoten in die stumpfe Winterkälte, und gegen Abend kroch die Feuchtigkeit aus dem Boden und dampfte übers Land. In der Dämmerung trennte sie Häuser, Bäume und Horizont von der Realität. Mittendrin im weißen Nebel die Rindviecher als einzige Verbindung zum Hier und Jetzt. Endlich waren sie aus ihren Hütten hervorgekommen, um das Ende des Winters und die Freiheit auf den Fennen zu feiern. Manche hüpften vor Freude und jagten sich gegenseitig. Dann blieb ich stehen und schaute ihnen zu, bevor ich sie nach besten Kräften anfeuerte. Immer gemäß dem Motto: »Lebe wild und ungestüm!« Nach diesem endlos langen Winter im Stall hatten die Rindviecher alles Recht der Welt zu feiern und zu tanzen. Ja, sie gefielen mir, ganz ehrlich. Wie sie so vor sich hin mampften, sich gegenseitig putzten oder probeweise hoppelten wie die Feldflitzer. Wie sie dastanden. Als letzte Details einer Landschaft, die sich langsam auflöste.
Irgendwie fühlte ich mich zu ihnen hingezogen. Vielleicht zu stark, zumindest aus der Sicht von Madame und Monsieur. Die Sache hatte sich folgendermaßen zugetragen: In der ersten Wirbelblätterzeit meines Lebens kam ich zu der Überzeugung, dass Kühe die besseren Pferde waren. Sie interessierten sich stark für ihre Umwelt, waren stets neugierig, sozial und hatten ein sehr gutes Reaktionsvermögen. Sie traten zum Rapport an, wenn man es wünschte. Und wie man es wünschte! Nach unserem Umzug auf die schöne Halbinsel Eiderstedt freute ich mich über die neuen Nachbarinnen, die gemächlich an unserer Kate vorbeitrotteten. Fast gehörten sie zum Rudel, ohne es zu wissen. Monsieur nannte sie schlicht »die Mädels«. Und Madame? Jeden Morgen öffnete sie eigens das Küchenfenster, um ihnen ein fröhliches »Moin« entgegenzuzwitschern. Völlig übertrieben! Wünschte mir etwa jemand einen schönen Tag?
Trotzdem. Gute Beziehungen waren wichtig. In dieser Hinsicht galt ich als Profi, und in Sachen Lutscherbetreuung erhielt ich regelmäßig Bestnoten. Mit Schafen und Rindviechern war die Sache komplexer. Um die Mädels näher kennenzulernen, schlich ich mich geschmeidig wie ein Katertier durch die Büsche und sprang leichtfüßig über den trennenden Graben. Mir war klar, dass ich mich auf fremdem Terrain bewegte. Auch wenn die Gräben des Marschlandes der Entwässerung dienten, galten sie aus Sicht der Lutscher als Grenzen. Mein und dein? Überflüssige Begriffe, ginge es nach mir. Als Hund wusstest du: Nichts gehörte niemandem. Okay, der Napf, aus dem ich fraß, bildete eine vorübergehende Ausnahme. Auch teilte ich Madames Aufmerksamkeit ungern. Aber wie konnte man ein weites Land durch Grenzen verunstalten? Als Vierbeiner schlecht nachzuvollziehen.
Vorsichtig steuerte ich damals auf die Mädels zu. Diese Sozialtiere schienen sich über den unangekündigten Besuch zu freuen und bauten sich in einer Reihe vor mir auf. Doch die Sache ging gründlich schief, denn Monsieur entdeckte mich auf der Weide, pfiff mich zurück und baute flugs einen Zaun. Mein Kontakt zu den Rindviechern war daher oberflächlich geblieben. Natürlich trotteten sie weiterhin am Haus vorbei, oder man stand sich mal am Graben gegenüber, grüßte sich. In solchen Fällen boten Janni und ich den Zuschauerinnen exquisites Wiesen-TV mit Tanz und Gesang. Doch trotz unserer Bemühungen blieb es ein Verhältnis auf Abstand.
*
Am Nachmittag steuerte ich mit Madame mein heiß geliebtes Sankt Buddel an, wo weder Bisamratten noch Rindviecher anwesend waren. Allenfalls mal ein Seehund. Die Sandwüste galt als Hotspot auf Eiderstedt, beliebt bei Ferienlutschern und Vierbeinern aus nah und fern. Meist vermieden wir den Trubel im Sommer und stürmten den überdimensionierten Sandkasten in der Nebensaison. Zwar konnte ich auch hier der Lutscherlogik nur schwer folgen, bot der Sommer doch zahlreichere Kontakte mit Gleichgesinnten im sogenannten Hundeauslauf. Aber gut. Herbst, Winter und Frühling waren auch cool. Nur noch an der dänischen Westküste konnte man meinen Erfahrungen zufolge besser flirten als in Sankt Buddel.
Ein windstiller Tag. Das leise Rauschen des Meeres in der Ferne. Die Nordsee hatte Pfützen hinterlassen, in denen sich die Wolken spiegelten. Leichtfüßig sprang ich darüber. War ich in einem früheren Leben ein Hase gewesen?
»Chachaputi!«, hörte ich Madame rufen. Sie war manchmal so. Nicht, dass ich sie nicht verstand. Angeblich kam der Begriff aus einem verschollenen Inka-Dialekt und bedeutete so viel wie »Sonne im Herzen und Hummeln im Hintern«. Sie hatte mir das mal erklärt. Für mich war es der verrückteste aller Namen, die Madame gemeinhin für mich verwendete. »Suzette«, »Knödel«, »Ciabattina«, nicht selten hatten ihre Schöpfungen einen kulinarischen Bezug. Manchmal sagte sie einfach nur »Chacha«, und ich hatte längst aufgehört, mich zu fragen, ob damit der Herz- oder der Hinterteil gemeint war. Ich hoppelte also über die Pfützen und tobte durch den Sand, bis wir die Wasserkante erreichten. Die Wellen klatschten mir vor den Bauch, ich konnte nicht anders und bellte das impertinente Meer an. Es gab sich gerne temperamentvoll, galt aber als unzuverlässig. Dieses ständige Kommen und Gehen führte dazu, dass man sich umso mehr danach sehnte. Es machte sich rar, wenn auch nicht gerade in Sankt Buddel. Hier konnte man es zuverlässig treffen, man musste bei Ebbe nur etwas weiter über den Strand düsen. Aber an...




