E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Weiner Etüden der Ehrlichkeit
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9645-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-6957-9645-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hat in Philosophie promoviert und habilitiert und lehrt an der Universität Zürich. Bricht mit diesem Buch aus dem akademischen Schreiben aus.
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Sobald ich auf mein Leben blicke, zurück auf das bereits Durchlebte, dann denke ich meist an die Jugend, als habe nichts mich mehr geprägt. Die Kindheit scheint mir unerheblich, die Jugend jäher Anfangspunkt von Zweifel und von Selbstverleugnung und damit auch von Einsamkeit.
Als Kinder spielte man zusammen, man zeigte sich die Sympathien, man neckte sich und hatte Freude. Die Jugend machte dem ein Ende, jetzt war man sich angeblich fremd. Was vor sich ging, begriff ich nicht, da draußen wurde alles anders, obwohl ich selbst kaum anders fühlte. Das Du verlor die Offenheit, ich wurde scheinbar zur Bedrohung, unbewusst und ungewollt.
Wenngleich ich mich veränderte, blieb das, was ich begehrte, gleich: Zusammensein, vertraute Nähe, alles andere war noch fremd. Da war kein körperliches Drängen, nur Staunen, Neugier, Scheu und Scham. Sofern ich diese offenbarte, galt ich als unreif, somit peinlich. Man wollte mit mir keinen Umgang, ich machte viel zu wenig Eindruck und blieb dadurch mit mir allein. So lernte ich fürs ganze Leben: Auf den Eindruck kommt es an. Die Wirkung öffnet mir die Türen, sie weckt Interesse, öffnet Herzen, die Wirkung ist die größte Macht.
Ich wollte daher Eindruck schinden und meine Scheu und Scham kaschieren, um wieder Nähe zu erwirken, vertrautes Lachen, Zweisamkeit. Zum ersten Mal in meinem Leben lenkte ich den Blick auf mich, legte Wert auf meine Wirkung, machte sie zum Angelpunkt. Ich lernte rasch, mich zu verstellen, mich zu behaupten durchs Kaschieren. Ich legte mir ein Selbstbild zu, das meinem Wirkungswunsch entsprach. Zum ersten Mal in meinem Leben belog ich mich – und fand es richtig.
Im Schritt hin zum Erwachsenwerden entglitt mir so die Ehrlichkeit. Durchaus ging es um Anerkennung, aber nicht um sie allein. Ich merkte rasch, sie distanziert. Die Angehimmelten sind einsam, denn eines ist Bewunderung, ein anderes Verbundenheit. Um diese ging es mir zunächst – jedoch, je mehr ich mich verstellte, umso mehr schuf ich Distanz, obwohl ich durchaus spüren konnte, dass mein Verstellen Früchte trug. Man nahm mich ernst, man sprach mit mir, man zählte mich zu seinesgleichen, aber es blieb oberflächlich. Denn nirgendwo war Ehrlichkeit, nicht bei mir und nicht bei anderen, statt irgendeiner Innigkeit galt Coolness als der wahre Wert.
Ich lernte rasch, mich selbst zu hemmen, verbarg die Zuneigung und Regung, verbarg, wie heftig ich empfinde und was ich gerne geben würde. Ich lernte ein »Ich liebe dich.« niemals offen auszusprechen, als wäre es nicht Grund zur Freude, sondern Peinlichkeit, Bedrängnis. Preiszugeben, wie ich fühle, verwirrte und verschreckte meist. Man kicherte und sagte nichts, als hätte ich ein Spiel zerstört. Man erzog mich zum Verbergen, durch geschicktes Auskundschaften sollte ich mich selbst taxieren hinsichtlich des Werts für andere, denen ich mich nähern wollte.
Für solches Spiel um meine Wirkung mangelt es mir an Talent. Ich zog mich jeweils rasch zurück, entfloh in meine Fantasien. Erlöst von Vorsicht und Berechnung zeigte ich dort mein Empfinden, ließ die Leidenschaften stürmen, war enthemmt und dadurch frei. Niemand lachte über mich, hielt mich stumm auf Halbdistanz. In der Wirklichkeit des Lebens lernte ich durch die Enttäuschung, nie den ersten Schritt zu gehen; oder nur, um abzuwarten, ob man mir entgegenkommt. Mein ganzes Geben wurd’ berechnend, ein Tauschgeschäft der Offenheit. Mich selber dann erst preiszugeben, wenn sich die Gegenseite öffnet, solch Verhalten fand ich albern, dennoch zwang ich es mir auf. Ich hasste mich in der Berechnung, dem Taxieren und dem Geizen, womit Erwachsensein beginnt.
Vielleicht war es auch durchaus anders und ich verkläre hier mich selbst. Es fehlte mir an Ehrlichkeit, dies zumindest kann ich sagen, oftmals war mir nicht bewusst, wie sehr ich vor mir selber flüchte. Falls ich bis dahin ehrlich war, trieb es mir die Jugend aus. Sie klang mir immer nach Verheißung, doch statt in ihr etwas zu finden, verlor ich mich vor allem selbst. Statt reifend je zu mir zu finden, lernte ich, mich zu verleugnen, erschuf ein Selbstbild, das ich mochte und rannte vor mir selbst davon. Dies blieb von meinem Tatendrang.
Kann ich mich heute glücklich schätzen, da ich nun dich gefunden habe, wir einander nahe sind? Darf ich mich heute offen zeigen, stellt sich die Frage meiner Wirkung vor deinem Angesicht nicht mehr? Du zeigst mir deutlich dein Gefallen, indes, so manche Eigenschaft, die du ersichtlich an mir magst, entspricht von mir gespielter Rolle und manche Schwäche oder Neigung, die ich nicht gut verbergen kann, irritiert dich, distanziert. Was also bleibt mir anderes übrig, als bedacht zu sein auf Wirkung, zu fragen, wie ich sie erziele und was die rechte Wirkung hemmt? Sie ist mir Brücke hin zu dir, zu deiner Anerkennung, Nähe, zugleich ist damit ausgeschlossen, dass ich zu dir authentisch bin.
Im Buhlen um dein Wohlgefallen schaffe ich Distanz zu dir, obwohl ich gerade dies nicht möchte. Du wünschst dir Echtheit, Ehrlichkeit, nicht irgendeine Maskerade. Jedoch, wenn ich sie fallen ließe, wie wirkte ich dann noch auf dich? Ich merke ja, worauf du ansprichst, selbst wenn ich so nicht wirklich bin, ich merke, wenn ich mich so gebe, wie es deinem Wunsch entspricht, dann suchst du freudig meine Nähe und schenkst mir deine Innigkeit.
Zugleich erschöpft mich dieses Treiben, solcher Fokus auf die Wirkung, da ich mich niemals fallen lasse, bei dir nie ich selber bin. Dies spürst du auch und wirfst mir vor, dass ich nicht zeige, was ich fühle, schon gar nicht sage, was ich wolle, zu dir nicht offen, ehrlich sei. Wie soll ich je dorthin gelangen? Mein stetes Jagen nach der Wirkung ist Erbe des Erwachsenwerdens, meine Feigheit ist Befürchtung, dass uns die Ehrlichkeit entzweit.
Du willst ja meine Schwächen nicht, nicht Wankelmütigkeit und Furcht, auch willst du nicht, dass ich verzweifle, verletzt bin oder haltlos taumle. Du wünschst dir Klarheit, Mut und Stärke, wie ich sie selten bieten kann. Und wenn sie mir einmal gelingen, dann spüre ich: Es zieht dich an.
Ich halte nichts von dieser Ansicht: Wenn du mich liebst, dann auch die Schwächen – du kannst sie höchstens tolerieren. Durchaus, ich bilde mir nicht ein, ich könnte sie vor dir kaschieren, doch will ich sie dann kompensieren, ich will durch Leistung und durch Wirkung mich letztlich unersetzlich machen. Denn selbstverständlich fürchte ich, dich allzu plötzlich zu verlieren. Ich weiß, ich handle hier riskant, ich baue auf den Sand der Wirkung, als ob er fest und sicher wäre. Er soll, er muss mir jenes bringen, was mir im Leben wichtig ist. Es wird mir förmlich aufgezwungen, dass ich peinlich darauf achte, wie ich wirke und mich gebe. Habe ich denn eine Wahl? Durchaus ist mir die Ohnmacht deutlich, ich fühle mich dir ausgeliefert, denn oftmals kann ich nicht verhindern, ungewollt auf dich zu wirken. Es ist, wie wenn die Brandungswelle meine Sandburg unterspült.
Was mir offen steht im Leben, ich erhalte, du mir schenkst, hänge ich an meine Wirkung, ich mache mich ihr untertänig, ich ziele immer auf den Eindruck – der Schein wirkt wertvoll, nicht das Sein. Das Sein ist mir vielmehr Bedrohung, ich halte es für ungenügend, ich lernte es in meiner Jugend, als ich so oft belächelt wurde, sobald mein Sein nach außen drang.
Wie also soll ich ehrlich werden angesichts der Macht der Wirkung? Was umgekehrt soll auf ihr gründen, da sie bloß Sand ist, niemals Fels? Ich wähnte mich auf einem Ausweg, indem ich mich vom Nehmen löse und primär aufs Geben schaue. Denn wenn ich nichts erhalten möchte, was kümmert mich dann noch die Wirkung? Ich nahm mir vor, dich frei zu lieben, ohne Gängelung der Frage, welche Wirkung ich erziele, wie viel und was ich dir bedeute und ob du mir dasselbe gibst.
Hier musste ich jedoch begreifen: Es führt mich zu demselben Punkt. Denn ob dir guttut, was ich gebe, ist auch bedingt durch dein Empfinden. Nur von denen, die wir lieben, ist das Gute nicht Bedrängnis, unbequem ist es von anderen, auch vom unbekannten Spender. Von jenen, die dir nichts bedeuten, wirst du auch nichts haben wollen, denn du spürst, wie es dich bindet, selbst dann, wenn du sie gar nicht kennst. Folglich muss ich kritisch fragen, wie viel du wohl für mich empfindest und daran wird sich erst ermessen, wie reich ich dich beschenken darf. Andernfalls bin ich kein Gönner, sondern Nötiger für dich.
Wieder ist es meine Wirkung, die ein Geben erst ermöglicht, denn die Wirkung wird bemessen, ob du meine Gaben willst. Was bleibt mir somit von der Liebe? – Ein unentwegtes Tauschgeschäft, das zustande kommt durch Wirkung? Um dir nicht zur Last zu werden, muss ich immerfort taxieren, welche Wirkung ich erziele, ob ich liebenswert erscheine, meine Pose dir gefällt.
Was soll die Frage mir erhellen, was ich für mich selber wolle statt nur wegen einer Wirkung? Was ich will, hängt an der Wirkung, sie öffnet und sie schließt die Türen. Ist sie nicht die wahre Macht? Kann ich je auf sie verzichten, sie opfern für die Ehrlichkeit? Kann ich je darauf vertrauen, dass du mich ohnehin durchschaust, mich nicht nur magst aufgrund der Wirkung, sondern dafür, wie ich...




