Weingartner | Gansabhauet | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 259 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 300 g

Weingartner Gansabhauet

Kriminalroman
erste Auflage 2020
ISBN: 978-3-85990-398-2
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 259 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 300 g

ISBN: 978-3-85990-398-2
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



11. November: Martin hat Namenstag, in katholischen Gegenden beginnt die Fasnacht, und im Luzerner Landstädtchen Sursee am Sempachersee ist Gansabhauet. Das Volksfest schlechthin. Ein archaischer Brauch: Da köpfen Menschen in rotem Mantel und Sonnenmaske mit einem stumpfen Dragonersäbel nacheinander zwei tote Gänse. Zur Freude des Publikums. Nicht alle aber finden das lustig: Militante Tierschützer protestieren seit einigen Jahren regelmässig gegen diese »Respektlosigkeit gegenüber unseren Mitgeschöpfen«. So auch dieses Jahr. Und zwar nicht bloss mit Worten.
Am anderen Morgen liegt der Städtlimetzger tot im Stadtbach, und der Ermittler Anselm Anderhub von der Luzerner Kriminalpolizei bekommt Arbeit. Ein Unglück in angetrunkenem Zustand? Oder Mord? Wer hätte ein Motiv? Das Offensichtliche ist selten das Wahre. Die Ermittlungen dehnen sich aus, auch zeitlich, in die Vergangenheit nämlich. Und Anselms Frau Trudi, die im Alterszentrum arbeitet, hat Augen im Kopf und gute Ohren, kann eins und eins zusammenzählen, nicht nur, wenn sie mit ihrem Selmi Rummy spielt und in der Regel gewinnt.
Der zweite Kriminalroman des Luzerner Autors Peter Weingartner bietet neben einem ziemlich verzwickten Kriminalfall Einblicke in den Mikrokosmos einer dörflich geprägten Kleinstadt, humorvoll-verspielt und mit philosophischer Schlagseite in der Figur des eigenwilligen Ermittlers Anselm Anderhub, dem Nussstangen- und Gnagi-Geniesser und talentierten temporären Tagträumer.

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1 Melchior Kaufmann hat nicht gut geschlafen, üble Träume: Da ist er auf der Baustelle, er siehts genau, das Hoch-regallager der Kleiderfabrik, er ist der Vorarbeiter, aber nichts ist da, kein Werkzeug, kein Material, kein Kran, nur die Arbeiter, die ihn anschauen, seine Untergebenen. Was sollen wir tun?, sagen sie und sehen ihn fordernd an. Gib uns Arbeit, Kaufmann, sonst gehen wir nach Hause, und du zahlst uns den Lohn. Erwacht ist er darob und war glücklich. Seit seine Frau im letzten Winter gestorben ist, seit der Krebs sie ihm aus den Armen gefressen hat, zwingt ihn eine innere Unruhe, die ihn immer schon umgetrieben hat, grundsätzlich, noch öfter aus dem Haus als vorher. Die Beine vertrampen, das hat er jeweils seiner Frau gesagt, wenn ihn nichts mehr hielt in seiner Wohnung an der Weilenmattstrasse. Das konnte zu jeder Tageszeit passieren, auch bei Regen und Schnee, bei Wind, der ihm den Regen beinahe waagrecht in sein Gesicht jagte. Das innere Wetter, nicht die Meteorologie. Ein Vorwand-Hund? Die meisten nehmen diesen Umweg; er braucht ihn nicht. Melchior Kaufmann will frei gehen können, nicht an der Leine hängen, bei der nie ganz sicher ist, welches Ende die Richtung vorgibt. Er weiss es, scheut sich aber, sich das einzugestehen: Melchiors Schreitlust hat den Charakter einer Flucht. Ein unbedingter Zwang, ja eine Nötigung wohnt dieser Tätigkeit inne: Peitscht ihn die Enge der Wohnung, sein Gefängnis, hinaus, oder saugt ihn eine vermeintliche Freiheit an die frische Luft? Er muss. Bloss weiss er nicht genau, wovor er flieht. Und noch weniger wohin. Der Weg ist das Ziel. Wenn ihm das einfallen würde, könnte er wohl Freude daran finden, denn sein Gehen ist Selbstzweck. Als Bauarbeiter durfte Melchior Kaufmann früher in Rente gehen, und er tat dies auch, obwohl ihn sein Chef, der Geri Keiser, geködert hatte mit einem ruhigeren Job, im Magazin, hatte er vorgeschlagen, Wartung des Geräteparks, wenn einer Sorge trägt zum Material, dann er, im Trockenen, das ist doch ein faires Angebot, etwas Honig ums Maul, denn Keiser wusste, dass er an Kaufmann einen gewissenhaften Arbeiter hatte. Melchior, einer, der zählen kann. Das Werkzeug, die Maschinen, die Pylonen. Einer, auf den ein Arbeitgeber wie der Bauunternehmer sich verlassen kann. Einer von der aussterbenden Sorte Arbeiter, die der Arbeit nicht aus dem Weg geht und dessen Loyalität einen Orden verdienen würde. Melchior Kaufmann versteht es anzupacken; er sieht, was zu tun ist. Dienst nach Vorschrift? Gibt es nicht. Besonders beliebt hat er sich bei seinen Kollegen nicht gemacht damit. Er überquert die Brücke über den Surseer Stadtbach, die Sure, die Blätter der Platanen haben sich verfärbt, die Zweige aber noch nicht verlassen, er strebt zwischen dem Restaurant ›Schweizerheim‹ und einem Coiffeursalon hindurch Richtung Surseer Altstadt, erblickt im Hintergrund das Rathaus, daneben eine Bühne. Das Schild beim Eingang des Städtchens, Fahrverbot, gesperrt, erinnert ihn an den Tag, elfter November, Martinstag, Tag der Gansabhauet, offizieller Beginn der Fasnacht in der katholischen Innerschweiz. Kaufmann biegt rechts hoch, nimmt den Fussgängerstreifen und folgt dem Weg am grossen Parkplatz entlang. Die Hündelerroute. Eine der Hündelerrouten. Die Zahl der Hündelerinnen nimmt zu. Am Nachmittag gehts los, denkt er, die Schlacht am Stoss. Noch knapp eine Stunde. Ein kühler Novembertag, kein Sonnenschein in Sicht, Wolkengeschmier, graue verbeulte Regentonnen, denen noch kein Wettergott das Kommando zum Öffnen der Deckel gegeben hat. Kleine Deckel, Siebtonnen. Eine Frage der Zeit, bis es zu schütten beginnt und der Herbst seiner Bestimmung gerecht werden darf. Kaufmann hat einen Knirps in der Jackentasche. Gehört zur Grundausrüstung des Überlandwanderers, dessen Routen nicht zu Ende geplant sind, sondern mit dem Improvisationsvermögen des Gängers rechnen. Auf dem Parkplatz, kurz bevor er in den Weg zum Alterszentrum einbiegt, gewahrt Kaufmann einen Pick-up, wie ihn das Surseer Bauamt in Orange besitzt. Und der Keiser in Blau und Gelb. Leute bewegen sich um das grün gestrichene Fahrzeug herum, einige stehen auf der Brücke und scheinen etwas zu bauen. Zusammenzuschrauben. Die Fasnacht im engeren Sinn, die Maskenbälle, die Prozessionen, die Monsterkonzerte, all das in Melchiors Augen zwanghafte Lustigsein ist längst vorbei, denkt Melchior Kaufmann, den das geschäftige Getue da auf dem Platz an den Bau eines Sujetwagens für den Umzug im Frühling, jeweils am Güdisdienstag, erinnert. Eigentlich hätte er über Land in Richtung Schenkon marschieren wollen, oberhalb des Wäldchens gibts eine Bank mit guter Aussicht, und auf dem Rückweg wäre er im Beizli des Einkaufszentrums etwas Kleines essen gegangen. Dazu ein Bierchen zum korporalen Flüssigkeitsausgleich, denn er würde ins Schwitzen gekommen sein. Grobplan, denn Melchior Kaufmann leistet sich seit seiner Pensionierung das intuitive Wandern, kostet die Freiheit des verantwortungslosen Gehens aus, folgt spontanen Eingebungen. So kommt es vor, dass er den sogenannten Römerweg entlang den neu angelegten Rebbergen hochsteigt und dabei leicht ausser Atem gerät. Der Blick auf den Sempachersee, wenn er über Eich und den Weiler Kirchbühl bis nach Sempach marschiert, entschädigt für den Schweiss, die Vorabinvestition quasi, und wenn er die Anstrengung völlig vergisst, findet er sich noch höher, in Hildisrieden nämlich, wo der Bauer zum Greenkeeper auf dem Golfplatz geworden ist. Getrieben, gezogen, Kaufmann will es nicht wissen. Nun steht er da, gebannt vom Treiben rund um den Pick-up. Die machen ein Zusammensetzspiel, denkt Kaufmann. Da werden Holzteile zusammengeschraubt, Längsbalken, Querbalken, Stützbalken. Wie Skelette von Theaterkulissen kommen ihm diese Gerüste vor. Strassentheater? Er zieht den Reissverschluss seiner Jacke hoch. Stehen macht kalt. Er kennt das von seiner Arbeit, und ganz kurz streift ihn der Gedanke, dass die Vermeidung des Kältegefühls der Antrieb gewesen sein könnte, ein Leben lang, Antrieb zur Arbeitsamkeit. Die Wagenbauer haben Publikum erhalten. Leute bleiben stehen, kurz nur, um dann ihren Weg weiterzugehen. Andere mutieren zu interessierten Zeugen. Ältere Männer vor allem zeigen Ausdauer. Melchiore. Ohren und Augen. Wer im Alterszentrum lebt und noch einigermassen mobil ist, macht es wie Jungrentner Kaufmann. Hinaus. Das sind die Baustellengaffer. Sie wollen nicht im Weg stehen, wenn gearbeitet wird. Und provozieren trotzdem oder deswegen Unfälle. Auch er war hingegangen, als sie vor dem Bau des Hochhauses an der Bahnhofstrasse zuerst die alten Gebäude abreissen mussten. Stabile Bauten, fünfzig Jahre alt. Gewaltig, diese Kraft der Baumaschinen, dieser Abrissmonster, wenn sie zurückbauen, was in einer Zeit, als die Kräne noch nicht so hoch hinauf reichten, Stein auf Stein aufgeschichtet worden ist. Rückbau, ein schönes Wort, das die Vorstellung nahelegt, man zerlege ein Legohaus, Stein um Stein, zurück in die Kiste. Die ehemalige Stadtkanzlei mit dem Laden im Erdgeschoss zerfällt, zerbröselt in viel Staub und Lärm; was Leute wie er in mühsamer Arbeit gebaut haben, ist in wenigen Stunden dem Erdboden gleich. Fast, denn der Erdboden wird nie wieder Erdboden; da ist zu viel und zu tief Beton drin und Stahl und Dreck. Kriegsbilder, wie Kaufmann sie von der Tagesschau her kennt, tauchen auf. Kaufmann hatte sich dazu hinreissen lassen, Fotos zu machen, obwohl er nicht weiss, wozu und für wen. Wenn er Kinder hätte, was würden ihnen die Bilder bedeuten? Als Erinnerung, wenn er dement im Altersheim sässe? Würde ihm das helfen? Vermöchte er dannzumal die Fotos in einen Zusammenhang zu stellen? Würden sie zum Fleisch seiner Erinnerungen? Zum Reservoir an Bildern, verbunden mit Gefühlen und Stimmungen, Gerüchen auch, auf die er zurückgreifen könnte, wenn er als Person zu verlöschen droht? Oder sähe er die Fotos ohne Bezug zu seinem Leben, zu Sursee und seinem ersten richtigen Hochhaus? »Was machen die da?«, spricht ihn eine ältere Dame an, die mit ihrem Hund auf der Tour ist. »Keine Ahnung«, sagt Kaufmann, »ich bin auch erst gekommen. Die bauen offenbar etwas.« Da mischt sich ein anderer Mann ein, der das Geschehen von der roten Bank an der Grenze des Parkplatzes aus längere Zeit beobachtet hat, nun aufsteht und sich unter die Zuschauer mischt. »Das sind doch die radikalen Tierschützer«, sagt er, »das Spinnerpack! Schau mal das Plakat da, ein Schweinekörper mit dem Kopf unseres Stadtpräsidenten! Die müsste man anzeigen, was meinst du? Das ist doch in höchstem Masse ehrverletzend!« »Ja«, sagt Melchior Kaufmann. Die Frau mit dem Hund hat sich zurückgezogen; ihr Rehpinscher zieht sie über den Vorplatz des Alterszentrums. Das Städtchen ist derweil völlig abgesperrt. Nur Fussgänger dürfen hinein. Die Katze auf einem Fenstersims vor der Dachwohnung über der Filiale der Neuen Luzerner Bank sitzt im Trockenen und betrachtet die Szenerie. Ein Wimmelbild. Betrieb wie selten. Der New-Orleans-Dixie-Night kann sie als Hauskatze...


Weingartner, Peter
Peter Weingartner (*1954) lebt als pensionierter Sekundarlehrer und Schreiber in Triengen, Kanton Luzern. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Bisherige Werke: seit 1982 zahlreiche Hörspiele, Theaterarbeiten und Buchveröffentlichungen. Bei edition 8: Der Lichtermann, Kurzgeschichten (2009), Rosa grast am Pannenstreifen, Roman (2015), Sisysphos’ Kinder, Kurzgeschichten (2018), Derniere, Kriminalroman (2019).

Peter Weingartner (*1954) lebt als pensionierter Sekundarlehrer und Schreiber in Triengen, Kanton Luzern. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Bisherige Werke: seit 1982 zahlreiche Hörspiele, Theaterarbeiten und Buchveröffentlichungen. Bei edition 8:
Der Lichtermann, Kurzgeschichten (2009), Rosa grast am Pannenstreifen, Roman (2015), Sisysphos’ Kinder, Kurzgeschichten (2018), Derniere, Kriminalroman (2019).



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