E-Book, Deutsch, Band 1
Weis / Hickman Die Zeit der Zwillinge
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-23853-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Eine Legende unter den Fantasy-Klassikern! Jetzt als überarbeitete Neuausgabe.
E-Book, Deutsch, Band 1
Reihe: Die Legenden der Drachenlanze
ISBN: 978-3-641-23853-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Magier Raistlin hat einen größenwahnsinnigen Plan: Er reist zurück in die Vergangenheit. Dort will er die Herrschaft über die dunklen Drachen an sich reißen und sich zum Gott der Finsternis aufschwingen. Nur zwei Menschen könnten ihn aufhalten. Der eine ist sein Zwillingsbruder Caramon, der sich verzweifelt nach Raistlins Anerkennung sehnt. Die andere ist die Klerikerin Crysania, die davon überzeugt ist, die Seele des dunklen Magiers allein mit ihrem Glauben retten zu können. Zu Glück haben sie noch unerwartete Unterstützung: Der Kender Tolpan Barfuß wird sich dieses Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen!
Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie, wie alles in der »Chronik der Drachenlanze« begann und verpassen Sie nicht die neue Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Die Brüder« und »Die Stadt der Göttin« erschienen.
Margaret Weis und Tracy Hickman gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autor*innen der Welt, seit sie Mitte der 80er Jahre mit der unvergessenen »Chronik der Drachenlanze« den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Zwar haben sie sich gelegentlich – teils gemeinsam, teils allein – auch anderen Projekten zugewandt, doch sie sind immer wieder ins Reich der Drachenlanze zurückgekehrt wie mit ihrer neuen Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
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DAS TREFFEN
Eine einsame Gestalt näherte sich leise der schwachen Lichtquelle. Man hörte sie nicht, ihr Schritt wurde von der sie umgebenden unermesslichen Dunkelheit verschluckt. Bertrem gönnte sich einen seltenen Augenblick des Genusses, als er auf die Reihen von Büchern und Schriftrollen blickte, die einen Teil der »Chroniken von Astinus« bildeten. Darin wurde die Geschichte dieser Welt, die Geschichte Krynns, ausführlich beschrieben.
Es ist, als ob man von der Zeit verschlungen wird, dachte er seufzend, während er die friedlichen, stummen Reihen betrachtete. Er wünschte kurz, dass er irgendwo andershin verschlagen würde, um sich nicht der schwierigen Aufgabe, die vor ihm lag, stellen zu müssen.
»Das ganze Wissen über diese Welt ist in diesen Büchern festgehalten«, sagte er sich nachdenklich. »Aber ich habe bisher noch kein Mittel gefunden, das mir das Eindringen in das Reich ihres Autors erleichtern würde.«
Bertrem blieb vor der Tür stehen und sammelte seinen Mut. Die fließenden Roben des Ästheten legten sich wie von selbst um ihn, fielen in ordentlichen Falten. Sein Magen jedoch weigerte sich, dem Beispiel der Roben zu folgen, und rotierte heftig. Bertrem fuhr mit einer Hand über seinen Schädel, eine nervöse Geste aus jüngeren Jahren, bevor seine Haare dem erwählten Beruf zum Opfer gefallen waren.
»Was quält mich nur?«, fragte er sich düster. Ja, das Zimmer des Meisters hatte er nicht mehr betreten seit … seit … Er schauderte. Ja, seit der junge Magier während des vergangenen Kriegs beinahe auf ihren Türstufen gestorben wäre.
Krieg … Veränderung, das war es. Wie seine Roben schien sich die Welt schließlich um ihn gelegt zu haben, aber er spürte wieder eine Veränderung nahen, wie er es vor zwei Jahren gespürt hatte. Er wünschte, er könnte sie aufhalten …
Bertrem seufzte. »Sicherlich werde ich ihn nicht aufhalten, wenn ich hier noch länger in der Dunkelheit herumstehe«, brummte er. Er fühlte sich ohnehin unbehaglich, als wäre er von Geistern umgeben. Ein helles Licht kam unter der Tür hervor und fiel in den Korridor. Der Ästhet warf schnell einen Blick zurück auf die Schatten der Bücher, die wie friedliche Leichen in ihren Gräbern in den Regalen ruhten, dann öffnete er schnell die Tür und betrat das Arbeitszimmer von Astinus von Palanthas.
Obwohl sich der Mann in dem Zimmer befand, sagte er kein Wort, sah auch nicht auf.
Mit leisem, gemessenem Schritt ging Bertrem über den prächtigen Teppich aus Schafwolle, der auf dem Marmorboden lag, und blieb vor dem großen, polierten Holzschreibtisch stehen. Lange Zeit sagte er nichts, beobachtete lediglich die Hand des Historikers, die den Federkiel mit festen, gleichmäßigen Zügen über das Pergament führte.
»Nun, Bertrem?« Astinus hielt im Schreiben nicht inne. Bertrem, der Astinus gegenüberstand, las das Geschriebene; obgleich verkehrt herum, ließ es sich leicht entziffern: »An diesem Tag, während die Dunkelwacht auf 29 ansteigt, betrat Bertrem mein Arbeitszimmer.«
»Crysania aus dem Haus Tarinius ist hier, um Euch zu sehen, Meister. Sie sagt, sie wird erwartet …« Bertrems Stimme wurde zu einem Flüstern; der Ästhet hatte schon sehr viel Mut aufgebracht, um ihn überhaupt anzusprechen.
Astinus schrieb weiter.
»Meister«, begann Bertrem zaghaft. »Ich … wir sind in Verlegenheit. Sie ist immerhin eine Verehrte Tochter Paladins, und ich … wir fanden es unmöglich, ihr den Eintritt zu verwehren. Was soll …«
»Führe sie in meine privaten Räume«, unterbrach ihn Astinus, ohne mit dem Schreiben aufzuhören oder aufzusehen.
Bertrems Zunge blieb am Gaumen kleben, sodass er einen Augenblick sprachlos verharrte. Die Buchstaben flossen aus dem Federkiel auf das weiße Pergament.
»An diesem Tag, während die Dunkelwacht auf 28 ansteigt, traf Crysania von Tarinius zu ihrer Verabredung mit Raistlin Majere hier ein.« »Raistlin Majere!«, keuchte Bertrem. Schrecken und Entsetzen lösten seine Zunge. »Sollen wir ihm etwa Einlass gewähren …« Jetzt sah Astinus auf, verärgert und gereizt zog er eine Braue hoch. Als seine Feder ihr ständiges Kratzen auf dem Pergament beendete, legte sich eine tiefe, unnatürliche Ruhe über den Raum. Bertrem erblasste. Das zeitlose, ewig junge Gesicht des Historikers hätte als gut aussehend bezeichnet werden dürfen. Aber niemand, der sein Gesicht gesehen hatte, erinnerte sich je daran. Man erinnerte sich nur an die Augen – dunkel, aufmerksam, sich ständig bewegend, alles aufnehmend. Diese Augen konnten aber auch eine unermessliche Ungeduld zum Ausdruck bringen; sie erinnerten Bertrem daran, dass die Zeit lief. Noch während die beiden sprachen, verrannen ganze Minuten der Geschichte, die nicht aufgezeichnet wurden. »Vergib mir, Meister!« Bertrem verbeugte sich in tiefer Ehrfurcht, dann zog er sich überstürzt aus dem Arbeitszimmer zurück und schloss beim Hinausgehen leise die Tür hinter sich. Draußen wischte er sich den rasierten, vor Schweiß glänzenden Schädel ab, dann eilte er in die stummen marmornen Korridore der Großen Bibliothek von Palanthas.
Astinus blieb in der Türöffnung zu seinem privaten Bereich stehen, sein Blick ruhte auf der Frau, die dort saß.
Der Privatbereich des Historikers lag im westlichen Flügel der Großen Bibliothek und war eher klein. Wie alle anderen Räume in der Bibliothek war er mit Büchern in allen möglichen Ausfertigungen und Einbänden gefüllt, die in den Regalen an den Wänden aufgereiht waren und dem Wohnraum wie ein seit Jahrhunderten versiegeltes Mausoleum einen modrigen Geruch verliehen. Die Einrichtung war spärlich und alt. Die hübsch geschnitzten Holzstühle waren hart und ungemütlich. Ein niedriger Tisch an einem Fenster war völlig frei von Verzierungen und Schreibmaterialien und spiegelte das Licht der Abendsonne auf seiner glatten schwarzen Oberfläche. Alles in dem Zimmer befand sich in vollkommener Ordnung. Selbst das Holz für das abendliche Feuer – die Spätfrühlingsnächte waren hier im tiefen Norden kühl – war ordentlich wie ein Scheiterhaufen aufgeschichtet.
So kalt und makellos das private Gemach des Historikers auch war, schien es doch nur die kalte, makellose Schönheit der Frau widerzuspiegeln, die dort mit gefalteten Händen saß und wartete.
Crysania von Tarinius wartete geduldig. Sie war weder nervös, noch seufzte sie oder sah häufig zu dem wasserbetriebenen Zeitmesser in einer Ecke. Sie las nicht – obgleich Astinus sicher war, dass Bertrem ihr ein Buch angeboten hatte. Sie schritt nicht im Zimmer auf und ab oder betrachtete die wenigen seltenen Verzierungen in den dunklen Winkeln der Bücherregale. Sie saß in einem geraden, unbequemen Holzstuhl, ihre klaren, hellen Augen waren auf die rotgefleckten Ränder der Wolken hoch über den Bergen gerichtet, als würde sie den Sonnenuntergang zum ersten – oder letzten – Mal auf Krynn beobachten.
Sie war in diese Aussicht hinter dem Fenster derart versunken, dass Astinus eintrat, ohne ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er musterte sie mit starkem Interesse. Das war für den Historiker nicht ungewöhnlich, da er alle Wesen auf Krynn mit dem gleichen unergründlichen, forschenden Blick betrachtete. Ungewöhnlich jedoch war, dass einen kurzen Augenblick ein Ausdruck des Mitleids und tiefen Kummers über das Gesicht des Historikers huschte.
Astinus zeichnete die Geschichte auf. Er hatte sie seit Beginn der Zeit aufgezeichnet, sie beim Verstreichen beobachtet und in seinen Büchern festgehalten. Er konnte die Zukunft nicht voraussagen, denn das war den Göttern vorbehalten. Aber er konnte alle Anzeichen der Veränderung spüren, die gleichen Anzeichen, die Bertrem so quälten. Während er dort stand, konnte er die Wassertropfen in dem Zeitmesser fallen hören. Wenn er seine Hand darunterhielt, konnte er zwar die Tropfen aufhalten, aber die Zeit würde trotzdem weiter verstreichen.
Seufzend wandte Astinus seine Aufmerksamkeit der Frau zu, von der er zwar gehört, der er aber niemals persönlich begegnet war.
Ihr Haar war schwarz, blauschwarz, schwarz wie das Wasser eines ruhigen Sees in der Nacht. Sie hatte es von einem zentralen Punkt aus streng nach hinten gekämmt und am Hinterkopf mit einem einfachen, schmucklosen Holzkamm befestigt. Die strenge Frisur passte eigentlich nicht zu ihren blassen, zarten Gesichtszügen, ließ die Blässe noch stärker hervortreten. Ihr Gesicht war völlig farblos. Ihre grauen Augen schienen fast zu groß. Selbst ihre Lippen waren blutleer.
Einige Jahre zuvor, als sie jung gewesen war, hatten die Diener das dichte schwarze Haar nach der neuesten Mode geflochten und gerollt, es mit silbernen und goldenen Nadeln hochgesteckt und mit glänzenden Juwelen geschmückt. Sie hatten ihre Wangen mit dem Saft zerstampfter Beeren getönt und sie in prächtige Gewänder in den blassesten Rosatönen und in Taubenblau eingekleidet. Einst war sie wunderschön gewesen. Einst hatten ihre Freier Schlange gestanden.
Jetzt trug sie ein weißes Kleid, wie es sich für eine Klerikerin Paladins gehörte. Es war schlicht, wenn auch aus edlem Stoff, und außer einem goldenen Gürtel um ihre schlanke Taille schmucklos. Ihr einziger Schmuck war der von Paladin – das Medaillon des Platindrachen. Das Haar wurde von einer lose sitzenden weißen Kapuze bedeckt, die die marmorne Glätte und Kälte ihres Gesichtes noch unterstrich.
Sie könnte aus Marmor sein, dachte Astinus, nur dass Marmor von der Sonne erwärmt werden kann.
»Ich grüße Euch, Verehrte Tochter Paladins«, sagte Astinus, der nun ganz eintrat und die Tür hinter sich schloss.
»Ich grüße Euch, Astinus«,...




