E-Book, Deutsch, 309 Seiten
Weis / Schadt Scheinsubjekt Digitalisierung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7799-8918-9
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Politische Ökonomie der Arbeit 4.0
E-Book, Deutsch, 309 Seiten
ISBN: 978-3-7799-8918-9
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Industrie bis zur Sozialen Arbeit - die als Digitalisierung bezeichneten Veränderungen der Arbeitswelt machen vor keiner Branche halt. Der Sammelband legt den Schwerpunkt auf die verschiedenen Akteure, die diesen Prozess ins Werk setzten, und reflektiert auf deren widersprüchliche Verhältnisse. Indem die jeweiligen Akteure ihre politökonomischen Interessen mit der Digitalisierung verfolgen, stellen sie jenen Prozess her, der ihnen selbst als außer ihnen stehender Zwang begegnet. So setzten die maßgeblichen Unternehmen und Staaten genau den Imperativ, dem auch sie verpflichtet sind.
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Scheinsubjekt Digitalisierung
Einleitung
Peter Schadt und Nathan Weis
Digitalisierung und Industrie 4.0 sind in ihren verschiedenen Facetten seit nunmehr zehn Jahren fester Bestandteil der deutschsprachigen arbeits- und industriesoziologischen Forschung. In Bezug auf die Veränderungen der Arbeitswelt zeigt sich dabei ein sehr differenziertes Bild sowie große Unterschiede zwischen Branchen und Tätigkeiten, die bisher unterschiedlich gründlich erforscht worden sind. Fest steht jedoch, dass derzeit sehr viele und vielschichtige Veränderungen in der Arbeitsorganisation, den Geschäftsmodellen und der politischen Regulierung stattfinden, die in den nächsten Jahren – gerade im Kontext von KI – weiter von Bedeutung sein werden. Darüber hinaus haben mehrere Studien empirisch festgestellt, dass der Einsatz digitaler Techniken durch Unternehmen genutzt wird, um die Produktivität der Arbeit zu steigern, und zwar durch Erhöhung ihres Wirkungsgrads, wodurch die Lohnstückkosten gesenkt werden (vgl. Schadt 2021). Andere Studien zeigen auf, dass auf Grundlage von algorithmischem Management die Kontrolle über die Beschäftigten und deren Arbeitsleistung perfektioniert wird (vgl. Heiland 2022; Gerber 2020). Außerdem dienen die digitalen Techniken dazu, die Arbeit weiter zu flexibilisieren, also dann abrufen zu können, wenn sie benötigt wird (vgl. DGB 2022). Schließlich bewirkt die Übernahme von Teilschritten durch Automatisierung, dass Aufmerksamkeit und Kapazitäten der Beschäftigten für andere Arbeitsschritte freigesetzt werden, was eine Verdichtung der Arbeit bewirkt (vgl. Schaupp 2021). So zeigt etwa der „DGB-Index Gute Arbeit 2022“, dass Entlastung die Ausnahme ist und bei 40 Prozent der Beschäftigten die Arbeitsbelastung zugenommen hat (DGB 2022). Die Digitalisierung ist damit Teil eines umfassenderen Strukturwandels der Arbeit (vgl. Seeliger 2023). Dieser Band schließt an jene Befunde an fragt nach den konkreten Triebkräften und Veränderungen in den diversen Branchen, um zu differenzieren, was Digitalisierung im Einzelnen und für die verschiedenen Akteure bedeutet (vgl. Buss et al. 2022) und was ihre ‚Gestaltbarkeit‘ ausmacht.
Die Gegensätze und Verschärfungen, die bei der Digitalisierung der Arbeitswelt einerseits festgehalten werden, etwa in Bezug auf eine Entgrenzung von Arbeit (Hanau/Matiaske 2019), werden andererseits mit der Möglichkeit kontrastiert, dass die digitalen Techniken den Beschäftigten zugutekommen könnten, was aber einen Kampf um Beteiligung und politische Regulierung erfordert (vgl. Oppelt/Blumenthal 2023; Kuhlmann 2023). Allerdings sei es „unwahrscheinlich, dass dieses Potenzial realisiert wird, solange die Produktions- und Distributionsprozesse kompetitiv organisiert und der Dynamik einer zunehmenden Finanzialisierung ausgesetzt sind“ (Butollo 2019, S. 214 f.). An diesen Gedanken knüpft der Sammelband an und schlägt eine konsequente Rückbindung der empirisch beobachteten Entwicklungen an die Strukturen, Rahmenbedingungen und Organisationsweisen der jeweiligen Branchen vor. Im Rahmen dieses Bandes kann zwar keine umfassende Analyse und Kritik der politischen Ökonomie der Digitalisierung geleistet werden.1 Was aber allemal der Anspruch ist: eine Rückbindung der brancheneigenen Verlaufsformen, an spezifische politökonomische Organisationsweisen der kapitalistischen Ökonomie und ihrer branchenspezifischen Eigenheiten. Damit grenzt sich der Band gerade in theoretischer Hinsicht von Ansätzen ab, die bei der Betonung der Digitalisierung als „gestaltbarer Prozess“ (Hirsch-Kreinsen et al. 2015) unserer Ansicht nach unterschlagen, welche tatsächliche Gestaltung in jedem Moment des digitalen Technikeinsatzes bereits abläuft und schon vorliegt.2 Es kommt entscheidend darauf an, genau zu bestimmen, von wem und zu welchen Zwecken digitale Techniken eingesetzt werden und worin objektiv die grundsätzlichen Verhältnisse und Erfolgskriterien der Digitalisierung der Arbeitswelt bestehen, wenn diese eingerichtet und damit bereits gestaltet werden. Die zentralen Akteursgruppen der Digitalisierung – Kapital, Arbeit und Staat –, deren Interessen und Gegensätze gehen verloren, wenn sie in dem Appel der Bewältigung sozialer Herausforderungen aufgelöst werden, wie z. B. bei Ittermann und Niehaus (2015, S. 47), die „ganz ohne Benennung eines Subjektes“ (Schadt 2016, o. S.) auskommt. Hier nehmen die Überlegungen zum ‚Scheinsubjekt Digitalisierung‘ ihren Ausgangspunkt. Diese werden im Folgenden ausgeführt, womit Schwerpunkt und Perspektive des Bandes, seine Bezüge und die Abgrenzung zu anderen Ansätzen entwickelt werden. Gleichzeitig bietet dies die Gelegenheit, den Begriff ‚Scheinsubjekt Digitalisierung‘ weiter zu schärfen. Schließlich werden die Beiträge des Bands vorgestellt.
Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen
Verschiedene arbeitssoziologische Studien haben Szenarien verschärfter Arbeitsbedingungen in diversen Branchen empirisch untersucht und warnen, dass diese eintreten können, wenn die Beschäftigten nicht mitgenommen würden oder die digitalen Geschäftsmodelle und -praktiken ‚unreguliert‘ blieben (vgl. Hirsch-Kreinsen et al. 2019). Ausgehend von diesen Feststellungen gehört der Appell an die gesellschaftliche Einheit bei der ‚Bewältigung‘ sozialer Herausforderungen der Digitalisierung, wie z. B. bei Ittermann und Niehaus (2015, S. 47), zu den gängigen Mantras der Debatte: In Vorschlägen, den Wandel „sozial verträglich [zu] gestalten“ (Ahrens/Spöttl 2015, S. 200), werden genau die Institutionen adressiert, die den zuvor als ‚Wandel‘ verstandenen Prozess der Digitalisierung selbst ins Werk setzen und die damit Urheber und Gestalter des Wandels sind, der nun sozial verträglich gehandhabt werden müsse. Die Schwäche jener Appelle besteht darin, dass konkret handelnde Subjekte, deren Interessen und Gegensätze verloren gehen in der Einheit der Akteure, die jene Herausforderungen gemeinschaftlich bewältigen müssen. Auch bei der Übersetzung konkreter Veränderungen, Handlungen und Prozesse in ‚Herausforderungen‘ werden Urheber und Zwecke derselben schnell verwischt und als eine akteursübergreifende Aufgabe vorgestellt, die gemeinsam gelöst werden müsse. Demgegenüber plädieren wir dafür, bei den Veränderungen der Arbeitswelt genau zu unterschieden zwischen den Akteuren, die Prozesse in Gang setzen, und jenen, welche sie umsetzen müssen; welche Interessen sie verfolgen, mit welchen Ressourcen und wie sie dabei – strategisch und praktisch – vorgehen.
Diese Herangehensweise wurde bereits in anderen Publikationen explizit gemacht. So betont Kaufmann, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 keine subjektlosen Sachzwänge sind, sondern ein Projekt derer, „die sich – Betonung auf ‚sich‘ – etwas davon versprechen“ (Kaufmann 2016, S. 2). Interessant daran ist insbesondere der doppelte Bezug auf die industriesoziologische These, „dass die neuen Technologien bestimmte Arbeitsformen keineswegs deterministisch nach sich ziehen, sondern ein Spektrum von Gestaltungsalternativen für Arbeit eröffnen“ (Hirsch-Kreinsen/Ittermann/Niehaus 2015, S. 7). Kaufmann schloss sich mit seiner Kritik einerseits der Kritik des Technikdeterminismus an, andererseits betonte er die politischen und vor allem ökonomischen Interessen, welche als Nadelöhr das „Spektrum von Gestaltungsalternativen für Arbeit“ entschieden reduziere, vielmehr sogar als imperativ präsentiere: Die Beschäftigten „müssen sich an den „Wandel anpassen. Sie leben im Passiv: Ihre Freizeit und ihre Arbeit werden digitalisiert“ (Kaufmann 2016, S. 2, Hervorhebung im Original).
Nuss und Butollo (2019) richten sich ebenfalls gegen angebliche Notwendigkeiten, die aus den digitalen Techniken selbst folgen sollen: „Eine solche Sichtweise macht Technik zum Fetisch; mit höheren Kräften ausgestattet bricht sie gleichsam von außen über die Gesellschaft herein und revolutioniert diese – ein technologischer Determinismus“ (ebd., S. 11). Es sei jedoch „unwahrscheinlich, dass dieses Potenzial realisiert wird, solange die Produktions- und Distributionsprozesse kompetitiv organisiert und der Dynamik einer zunehmenden Finanzialisierung ausgesetzt sind“ (Butollo 2019, S. 214 f.).
In diesem Sinne positioniert sich Pfeiffer...




