Weiß | Der arme Verschwender | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 441 Seiten

Weiß Der arme Verschwender

Bereicherte Ausgabe.
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2749-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe.

E-Book, Deutsch, 441 Seiten

ISBN: 978-80-272-2749-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ernst Weißs Werk 'Der arme Verschwender' ist ein bahnbrechender Roman, der im Wien des 19. Jahrhunderts spielt. Weißs detaillierte Beschreibungen der Gesellschaft, ihrer Konventionen und sozialen Hierarchien verleihen dem Buch eine einzigartige historische Authentizität. Sein literarischer Stil zeichnet sich durch eine präzise Sprache und eine subtile Darstellung der Charaktere aus. Durch die Kontrastierung von Reichtum und Armut, von Luxus und Verzweiflung zeigt Weiß auf brillante Weise die moralischen Dilemmata dieser Zeit auf. Das Buch ist ein bedeutendes Werk des modernen Realismus und hebt Weiß als einen der bedeutendsten Autoren seiner Zeit hervor.

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Wir, meine Mutter und ich, kannten nicht genau den Wert des Geldes. Mein Vater ließ es uns oft genug merken, meiner Mutter machte er zarte Andeutungen, die sie aber mit Absicht überhörte, und wenn mein Vater in bezug auf die Toilettenausgaben deutlicher wurde, so wandte sie ein, daß diese nur gering seien, daß sie unter einer seidenen Steppdecke bei ihrer Familie großgezogen worden sei und daß sie sich standesgemäß kleiden müsse. ›Und dann will ich euch doch auch gefallen‹, sagte sie, sah meinen Vater und mich an, und ihr etwas unregelmäßiges Gesicht wurde durch ein schelmisches Lächeln geradezu wunderbar schön. Nicht, daß ich sie nicht immer für schön gehalten hätte. Mehr als das, sie war für mich etwas so Einzigartiges, daß man nichts mit ihr hätte auch nur entfernt vergleichen können. Alle jungen Mädchen, die ich sah, waren anders als sie und interessierten mich daher nicht.

Aber, wen ich am meisten liebte, und zwar abgöttisch, war und blieb mein Vater, und ich hätte alles dafür gegeben, ihm eine Freude bereiten zu können. Sonderbarerweise träumte ich sogar davon, ihm zu verzeihen. Es war ein verrückter Traum. Denn wie hätte ich dazu kommen sollen, einem Mann wie ihm, dessen Rockschöße manchmal fremde Patienten (er nannte sie unter uns die Pilgerim, weil sie aus weiter Entfernung hergereist waren) mit Beseligung wie eine Hostie berührten, zu verzeihen, ich, ein mittelmäßiger Schüler, dem es stets an dem notwendigsten, an Geduld, gefehlt hat und der sich in seinem Jähzorn zu Ausbrüchen hinreißen ließ, die er später selbst am bittersten bereute. So kam es, daß ich, am Anfang wirklich nur aus Reue, mich dem Schielenden, einem armen, häßlichen, aber sehr klugen Sohn eines Steueradjunkten anschloß und in ihm meinen ersten Freund hatte.

Also, wenn es schon ganz und gar unmöglich war, einem Überimperator, einem Halbgott wie meinem Vater zu verzeihen, so konnte ich mir doch den Kopf zerbrechen, wie ihm eine Freude machen. Sicherlich war es ihm recht, wenn ich möglichst sparte. Er selbst ging sehr einfach gekleidet, meinem Freunde fiel es auf, wie abgetragen und glänzend sein langschößiger altmodischer Rock war, und wie sonderbar es aussah, wenn dieser Mann in seiner dürftigen Kleidung, in seinem abgeschabten Gewand, mit seinen zu kurz gewordenen, an den Ellenbogen glänzenden Ärmeln in den Wagen stieg, der ihm gehörte. Ich hatte solche Kleinigkeiten früher nie bemerkt. Jetzt sah ich sie aber, und mein Vater, der schwerer arbeitete als ein Tagelöhner (denn er wurde auch oft nachts zu Patienten gerufen und ging dann, um die Pferde zu schonen, meist zu Fuß in entlegene Quartiere), wurde mir in meinem Herzen noch teurer.

An jedem Montag bekam ich von ihm eine neue Feder, die er aus einem Schächtelchen nahm. Im ›Gros‹ gekauft, waren sie um eine Kleinigkeit billiger. An dem Montag, der meinem Kampf mit meinem neuen Freunde Robert (oder bald Berti und zum Schluß Perikles) folgte, konnte ich ihm die Feder wieder zurückgeben. Er glaubte, daß ich meine Feder in der letzten Woche so geschont hatte, daß sie noch eine zweite Woche ihren Dienst leistete, und ich ließ ihn dabei, denn endlich hatte ich das Gefühl, er freue sich darüber. Ich täuschte mich nicht. Mein Vater fürchtete, ich hätte eine Art Verschwendungssucht von meiner Mutter geerbt, die sie wiederum von ihren Eltern übernommen hatte, und als er nun dieses erste Zeichen von Sparsamkeit an mir sah, ließ er mich am Ende der Woche kommen, holte aus einem kleinen stählernen Kästchen (in das er, ohne es richtig zu öffnen, nur mit zwei Fingern hineinlangte, so daß ich den Inhalt doch nicht sehen konnte) eine kleine Goldmünze heraus, gab sie mir und fragte mich, ob ich ein Portemonnaie hätte. Woher hätte ich eines haben sollen? ›Mutter wird dir eines geben‹, sagte er, und, ›was ich noch sagen wollte, du weißt doch, was das ist?‹ ›Zehn Kronen, ein Dukaten‹, antwortete ich schnell. ›Natürlich‹ (ein sehr häufiges Wort bei ihm und meist ironisch gebraucht), ›natürlich! Ich möchte so gern, mein Junge, daß du dich frühzeitig an den Wert des Geldes gewöhnst. Wie immer es kommt, es wird gut für dich sein. Man besitzt nur das, was man unter keinen Umständen ausgibt. Das ist der Zweck des Geldes. Ich habe eine schwere Jugend gehabt. Ich kenne nun den Wert. Du sollst daher nur das Geld sparen, verstehst du mich? Aber es soll dir gehören, ausschließlich dir! Verstanden?‹ Ich sagte nichts, ich sah ihn an, natürlich verstand ich ihn. ›Ich will dir jede weitere Woche Geld geben, immer zehn Kronen, ich will dir vertrauen, es ist vielleicht wichtig für dich!‹

Ich nickte, heiß vor Freude. Er stand auf und schlug mir leicht auf die Schulter. Ich hatte das Geld in der Faust und die Faust schon in der Hosentasche. ›Nicht verlieren!‹ sagte er. ›Es ist für einen Jungen viel Geld.‹ Als ich an der Tür war, rief er mich zurück. Es war fast, als könne er sich von dem Geld nicht trennen. ›Zeig ihn noch einmal her, den Dukaten!‹ flüsterte er, als wäre es ein Geheimnis. Ich gab ihm das kleine Goldstück. Er ließ es auf den Deckel des Stahlkästchens niederfallen. Es klang hell, sprang auf und nieder und blitzte.

›Ich wollte nur sehen, ob er echt ist. Laß dir also ein ausgedientes Portemonnaie von der Mutter geben und – merke dir, Accomodation schreibt man immer mit zwei c, natürlich?‹ Wir beide lachten uns an. Ich war sehr groß für mein Alter, ich reichte ihm bald an die Schulter.

Ich habe vergessen zu sagen, daß in dem Abschnitt des Buches über Augenheilkunde, in dem sein Name vorgekommen war, auch das mir unverständliche Wort Accomodation einigemal erschienen war; und ich, in meiner alten Ungeduld, um nur recht schnell den Namen meines Vaters hinmalen zu können, hatte es mit einem c geschrieben. Es war also alles vergeben und verziehen. Ich sprang voller Freude und innerem Jubel davon, bekam von meiner Mutter ein sehr schönes, aber nicht ganz dichtes Portemonnaie, das sie mir aber mit Nadel und Zwirn sofort in Ordnung brachte. Auch von ihr bekam ich ein Geschenk, nicht viel, nur eine Silberkrone. Sie war zum Ausgeben bestimmt, und ich faßte sofort den Entschluß, sie zu einem Geschenk für meinen Vater zu verwenden.

Die Methode meines Vaters bewährte sich. Ohne das Goldstück wäre mir das Silberstück nur dazu geeignet erschienen, es sofort in ›Seidenbonbons‹ (eine Art winziger Kissen mit Schokoladencrèmefüllung) oder in kleine süßsaure Gurken umzusetzen, zwei Leckerbissen, die ich damals besonders bevorzugte. Nun aber bewahrte ich das Geld schon mit einer Art Geiz auf, nachts steckte ich das Portemonnaie unter das Kopfkissen. Dann pflegte ich zu beten, wie es sich gehört, auf den Knien – meist aber oben im Bett, auf der weichen Matratze kniend, der Wand zugewendet, wo sich ein kleines schwarzes Kruzifix mit einem silbernen Christus befand. – Sich nach dem Gebet von den Knien herunterzulassen und sich in die kühlen, glatten, geschmeidigen Kissen einzuwühlen und tief aufzuatmen und sich ganz zu verlieren und fast augenblicklich einzuschlafen und sich, noch im Einschlafen, schon aus ganzem Herzen auf den nächsten Tag zu freuen.

Es muß in dieser Zeit gewesen sein, daß eines Abends einige der ›Pilgerims‹ über die ihnen wie allen Patienten verbotene Treppe, welche, mit Samtläufern belegt, zu der Privatwohnung führte, hinaufkamen und es durch ihr Lamentieren durchsetzten, von meinem Vater, freilich nur in dem Vorzimmer, empfangen zu werden. Ich hätte kein neugieriger Junge sein müssen, wenn ich nicht gelauscht hätte. Vergeblich wollte mich meine Mutter in dem Speisezimmer zurückhalten. Ich mußte aber dabei sein, auch sie wollte dabei sein und lief mir voraus, und so hörten wir, daß sie meinen Vater anflehten, und daß mein Vater ihnen, ohne jedes Zeichen von Zorn, aber auch ohne jedes Zeichen von Mitleid, auf ihr Jammern und Schreien nur das wiederholte, was er ihnen sicher schon am Nachmittag in seinem Sprechzimmer unten gesagt hatte.

Es waren zwei junge Leute und ein alter Mann, ihr Vater. Sie kamen wie die meisten Pilgerims aus dem Osten der Monarchie, oder gar aus Ägypten, denn ihre Krankheit, an der sie alle litten, hatte etwas mit Ägypten zu tun. Einer der Söhne war von meinem Vater vor Jahren dank seiner berühmten Geschicklichkeit und unerhörten Geduld geheilt worden, und nun hatte der Sohn seinen fast oder ganz blinden Vater nach unserer Stadt gebracht, und alle drei flehten sie meinen Vater an, wenigstens den Blinden unentgeltlich in seine Privatbehandlung zu nehmen. ›Es ist mir natürlich unmöglich‹, sagte mein Vater. Die drei Pilger versprachen, von dem ›Herren aller Herren‹ reichen Segen für meinen Vater herabzuflehen, aber mein Vater wollte solche Dinge gar nicht anhören, über seine Lippen zog sich jenes spöttische Lächeln, das er mir unlängst gezeigt hatte, als er mich beim Schreiben auf herausgerissenen Heftseiten ertappt hatte. ›Nein‹, sagte mein Vater, ›nichts vom Herren aller Heerscharen. Sie dürfen mir nicht gratis in meine Ordination.‹ ›Aber wir wollen ja gerne bezahlen, wir werden nicht nur zehn Kronen zahlen, wir werden zwanzig Kronen zahlen, aber erst späten‹, und einer der Söhne fügte hinzu: ›so Gott will.‹ Mein Vater wurde zornig, er mochte solche Reden von ›so Gott will‹ nicht hören. Er mochte sie nicht einmal bei meiner Mutter, und ich wußte, daß wegen der Anbringung eines Kruzifixes im Schlafzimmer meiner Eltern einmal ein leise geführter, aber gereizter Wortwechsel zwischen meinem Vater und meiner Mutter stattgefunden hatte, und daß ihr Kruzifix in mein Zimmer gewandert war, daß aber dafür meine Mutter einen kleinen...



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