Weiß | Der Verführer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 574 Seiten

Weiß Der Verführer

Roman
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-573-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 574 Seiten

ISBN: 978-3-96281-573-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Geschichte eines jungen Mannes, der den ausschweifenden Lebensstil des Vaters nachzueifern sucht und dabei an dem Widerspruch zwischen einer idealisierten Liebe und der Realität zu scheitern droht. Seine Sucht nach Liebe, nach Wärme, nach Zugehörigkeit lässt ihn immer wieder für die Wahrheit seiner Existenz blind werden. Ernst Weiß widmete dieses Werk Thomas Mann. 'Das Buch gehört zu dem Allerinteressantesten, das mir in Jahren vorgekommen, und während ich las, blätterte ich öfter zurück zur Widmung und freute mich, daß es mir gehört.' (Thomas Mann in einem Dankesbrief an Weiß, 22.12.1937) Null Papier Verlag

Ernst Weiß (28.08.1882-15.06.1940) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller. Seine kritischen Erzählungen und Romane schwankten zwischen Jugendstil und Neuer Sachlichkeit. Früh schon erkannte er die Gefahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Da er mit seinen Arbeiten seinen Lebensunterhalt nicht decken konnte, unterstützten ihn die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig. Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris von seinem Hotel aus miterleben musste, begeht er Selbstmord. Seine Selbsttötung wurde literarisch im Roman Transit von Anna Seghers verarbeitet. Seit seinem Tod ist ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten verschwunden. Die Lage seines Grabes ist ungeklärt.
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1.


Mein schöner, viel zu früh verstorbener Vater hatte mich, wie ich glaubte, besonders in sein Herz geschlossen. Ich ihn aber noch mehr in das meine. Das wusste ich. Ich habe später niemals einen Menschen so geliebt wie ihn. Ja, die Summe aller Liebe, die ich später vielen Menschen gegenüber empfunden habe, hat das Maß meiner Liebe zu ihm niemals ganz erreicht. Denn ich, sein einziger Sohn, lebte so sehr in ihm und ging so in ihm auf, wie man sich nur in der vollen Jugend hingibt, wo alles noch grenzenlos ist und man den Tod nicht zu ahnen vermag.

Viel geliebt zu werden und hinter die ›Geheimnisse‹ zu kommen, die überall verborgen sind für ein Kind, war der Wunsch meiner jungen Jahre. Deshalb war ich eifersüchtig auf jeden, den mein Vater freundlich ansah. Selbst meiner Mutter gönnte ich ihn nicht. Aber dies verbarg ich gut, seitdem sie einmal darüber gespottet hatte.

Mein ewiges , mein niemals ganz gestilltes Wissensbedürfnis durfte ich nicht immer an ihm auslassen, denn er arbeitete schwer. Deshalb versuchte ich, mir viele Fragen, die mich bedrängten, selbst zu beantworten. Zu Gehorsam war ich nicht geneigt. Der ›Geist des Widerspruchs‹ hat mich schon früh besessen. Mich konnte niemand beherrschen, ich fügte mich zuerst nur aus Liebe, – und später nur aus Notwendigkeit. Selbst ein Kind begreift diese Notwendigkeit sehr gut. Meine Mutter machte sie mir in ihrer ruhigen, fast eisigen Art immer schnell klar. Konnte sie mich nicht von meinem Widerspruch abbringen, überließ sie mich den üblen Folgen meines Ungehorsams, oder sie brachte mich durch Ironie dazu, den Widerspruch bis zur Lächerlichkeit zu übertreiben. Bald fügte ich mich meiner besseren Erkenntnis, denn das Salz, das ich aus Widerspruch statt des Zuckers genommen hatte, schmeckte schlecht. Wenn ich aber etwas Erreichbares wollte, erlangte ich es fast immer, ich brauchte nicht lange zu bitten, sie konnten schon meinen Blicken schwer widerstehen. Oft sah meine Mutter fort, wenn ich mit einer ›heißen‹ Bitte zu ihr kam, schwieg eine Weile, wandte sich aber dann doch, mit zusammengepressten Lippen lachend, zu mir und gewährte mir den Wunsch durch ein Kopfnicken, das sie mit einem leichten Streich auf meine Wange begleitete, damit ich nicht übermütig würde.

Meine Mutter war vor ihrer Verheiratung und noch ein oder zwei Jahre nachher, um zu den Kosten der Wirtschaft beizutragen, Lehrerin an einer Mädchenschule gewesen, bis ich dann, als erstes Kind, auf die Welt kam. Sie besaß noch einen Stock, ein graues, abgegriffenes Stäbchen, von dem sie, um mir zu drohen, behauptete, sie hätte böse Kinder damit gestraft. Aber ich erfuhr bald, natürlich von meinem gütigen Vater, dass sie mit dem Stock auf der Landkarte den Kindern die Städte, Meere, Landesgrenzen, Flüsse und Eisenbahnlinien gezeigt hatte, und da sie den Stab in der letzten Schulstunde, die sie gab, benutzt hatte, hatte sie ihn als Andenken mitgenommen. Alle diese Dinge konnte ich mir vorstellen bis auf die Meere, die eines der vielen Geheimnisse waren. – »Viele Flüsse nebeneinander?« fragte ich. – »Nein, aber so ähnlich!« sagte sie bloß, um mich loszuwerden, denn sie hatte viel im Hause zu tun.

Mein Vater war Handwerker, Schuhmachermeister. Er liebte das Schöne. Auch sie, meine Mutter, war ungewöhnlich schön, schlank, groß, mit hellen Augen, reichem dunklem Haar.

Am liebsten hätte er nur die schmalen, feinknöcheligen, hochspannigen Füße junger, gesunder, schöner Menschen mit herrlichen Schuhen bekleidet. Aber sein Drang nach Wissen und nach Vorwärtskommen in der Welt hatte ihn noch als Lehrling dazu gebracht, volkstümliche Bücher über allerlei Wissenschaften und besonders über Medizin zu studieren. (Für sich selbst brauchte er solche nicht, denn er war bis zu seiner letzten und einzigen Krankheit das Bild der Gesundheit.) Die Abbildungen kranker, verkrüppelter Füße hatten ihn auf den Gedanken gebracht, Schuhe für diese Füße herzustellen. Er hatte die geschickteste Hand. Alles flog nur so von seinen Fingern. Anfangs hatte er sich bei einem befreundeten Oberwärter der Chirurgischen Klinik, dann bei dem Professor der Orthopädie Rat geholt, später besprachen die Ärzte mit ihm gemeinsam, wie die Schuhe und Bandagen beschaffen sein sollten. Eine Schuh-Einlage für Plattfüße (ich hielt sie immer für Blattfüße), aus einem besonders elastischen und widerstandsfähigen Material von ihm erfunden, hatte ihm etwas Geld eingebracht. Sie sollte in Amerika ebenso patentiert werden, wie in Europa. Leider tat er nichts dazu. Der Beruf befriedigte ihn nicht. – Noch ein schwerer Klumpfuß! hörte ich ihn murmeln, wenn ein Kunde mit ungefügigen Schuhen wie auf Pferdehufen daherstapfend, den Laden verließ. Er, der so vielen Menschen, wenn schon nicht Heilung, so doch Erleichterung gebracht, der mehr als einen Menschen auf die Füße gestellt hatte durch seine Wunderwerke von orthopädischen Schuh-Apparaten, die aus Korkhülsen, Stahlscharnieren und unsichtbaren Einlagen unter dem Leder bestanden, er hielt sein Werk für ›unnütz‹. Anderen machte er es recht, sich selbst nie. Er hatte verzagt, aber nicht für lange, denn am nächsten Tag war er der Übermut selbst, als wäre er in der Zwischenzeit einer Fee begegnet. Aber gab es denn noch Feen? Sein Frohsinn machte uns alle glücklich.

»Flott, flink und federleicht, Kinder!« rief er meiner Mutter und mir bei einem unserer herrlichen Sonntagsausflüge in dichtem Walde zu, über ein breites, ausgetrocknetes Bett eines Baches hin und her springend. Ich kannte keine Furcht, ich sprang ihm nach, zuerst schlecht, dann besser, mein Vater hob mich an den Armen in die Höhe, schwang mich im Kreise und schüttelte lachend über meinem heißen Gesicht seine dichte Mähne, seinen blonden Bart. Meine Mutter, einen halbvollendeten Kranz von Dotterblumen und Vergissmeinnicht in den Händen, sah in ihren Schoß, in die ordentlichen Falten ihres schwarzen Seidenkleides und schwieg. Mein Vater war am Abend vorher etwas spät heimgekehrt.

Meine Mutter hatte meinen Vater sehr lieb, denn sonst hätte sie nicht den ihr so teuer gewordenen, durch viele lange Entbehrungen erreichten Beruf einer Lehrerin seinetwegen aufgegeben. Er liebte sie noch viel leidenschaftlicher, aber nicht in gleicher Weise wieder. Darüber freute ich mich, denn er gehörte umso mehr mir. Aber es tat mir auch wehe, denn ich sah, dass selbst er manchmal trüb gestimmt war, und alle Aufforderungen der Mutter, nun solle er endlich lachen und eine ›sonnige Miene‹ zeigen,...



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