Weißer (Hg. | Dr. Friedrich Ebert (1882-1971) Autobiographische Schriften | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Weißer (Hg. Dr. Friedrich Ebert (1882-1971) Autobiographische Schriften


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-38201-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-38201-5
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Seine Kinder-, Schul- und Studienzeit - in Ansbach, Erlangen und München - sowie den Eintritt in das Berufsleben erlebte Friedrich Ebert im deutschen Kaiserreich, berufliche, wissenschaftliche und sportliche Karriere in der Weimarer Republik und im 'Dritten Reich', seinen Ruhestand in der Bundesrepublik Deutschland. So mußte er sich in seinem langen Leben mit vier grundverschiedenen politischen Systemen arrangieren und überdies an zwei Weltkriegen teilnehmen. Nach intensiven archäologischen Studien konnte er mit einer für viele Jahre maßgebenden Arbeit zum antiken Tempelbau promovieren, was ihm eine einjährige Studienreise zu allen wichtigen Stätten der klassischen Antike einbrachte. Als Direktor des Hofer Gymnasiums mußte er sich gegen die Repressionen des NS-Systems zur Wehr setzen. In der ihm zur Heimat gewordenen Stadt Hof etablierte er den Eiskunstlauf. In seinem Ruhestand beschäftigte er sich intensiv mit der Geschichte Hofs, für die er wichtige Forschungsergebnisse vorlegen konnte. Die faszinierende Persönlichkeit Friedrich Eberts läßt den Leser in Tagebüchern, Notizen, Lebens- und Reiseberichten unmittelbar an seiner Gedankenwelt teilhaben und ermöglicht Einblicke in die bürgerliche Lebensweise des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Dr. Christoph Weißer, Jahrgang 1952, ist Arzt und Medizinhistoriker. Nach dem Studium der Medizin, Germanistik und Geschichte sowie medizinhistorischer Ausbildung war er bis 2016 als Chirurg und Unfallchirurg sowie als Lehrbeauftragter für Medizingeschichte an der Universität Würzburg tätig. Seit vielen Jahren ist er Schriftleiter medizinhistorischer Zeitschriften.
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Lebenslauf 1909*

Mein Leben begann zwar in Memmingen am 19. Mai 1882, aber meine Erinnerungen beginnen erst in Ansbach. Es ging nämlich meinem Vater1 so wie den meisten Beamten: ihre erste Stelle wird ihnen zugeteilt, die zweite können sie sich nach Ablauf der ersten Pflichtjahre wünschen. Mit Memmingen hatte er es gewiß nicht schlecht getroffen, unter den Bekannten befand sich Dr. Walter Caspari, später Professor der Theologie in Erlangen. Aber als sich in Ansbach eine Gelegenheit auftat, bedurfte es nicht vielen Zuredens der Schwiegereltern, er meldete sich und wurde an das Gymnasium versetzt, in dessen oberen Klassen er Schüler gewesen war. Für meine Mutter2 war es die Rückkehr in die Stadt ihrer Jugend. Sie war zwar in Vorra an der Pegnitz oberhalb von Hersbruck geboren, aber ihr Vater3 hatte diese damals sehr abgelegene Anfangsstelle nach wenigen Jahren mit Ansbach vertauscht.

An Memmingen habe ich nur ein paar Erinnerungen, die in die Tage des Umzugs nach Ansbach fallen müssen. Ich wurde damals zu Bekannten ausgegeben. Da las mir ein Mädchen, mit mir auf dem Fenstertritt sitzend, das „Bäuerlein, Bäuerlein, tick tick tack“ vor, ein Bruder brachte mir auf einem Kissen den Purzelbaum bei und einmal kamen „viele“ Buben zur Türe herein, holten sich aus der Ofenröhre einen gebratenen Apfel und verschwanden dann wieder um zu spielen. Vom Fenster aus sah ich, wie sie von der Straße ins Haus und an anderen Stellen wieder herausrannten. Sie benutzten da die Laubengänge, die es in Memmingen, aber nicht in Ansbach gibt. Als dauernde Erinnerung brachte ich einen aus Wollgarn gewickelten Ball mit, der unter dem Namen Stubenrauchsball noch lange Jahre vorhanden war.

Die erste Wohnung in Ansbach war in der Würzburger Vorstadt im Wirtshaus zum Weißen Roß.4 Hier werden meine Erinnerungen deutlicher. Auf der marktartig verbreiterten Straße gab es allerlei Bauernfuhrwerk zu sehen, nach dem großen Hof zu gab es eine Altane5; in einem Seitenflügel am Hof wohnten allerlei kleine Leute, deren Kinder nicht als geeigneter Umgang befunden wurden. Unter dem Studierzimmer wohnte im 1. Stock ein Mieter, den mein Vater als den stinkigen Mann bezeichnete und gelegentlich zu ärgern suchte, indem er uns veranlaßte seine Hanteln auf dem Fußboden hin und her zu rollen. In diesem Studierzimmer wurden auch die nötigen Strafen vollzogen. Wenn Pritsche nicht genügten, den Eigensinn zu brechen, wurde ich in einen Rupfensack gesteckt und in die Ecke gelegt, von wo aus ich durch die kleinen Löchlein die Füße meines Vaters beobachten konnte.

Abb. 14: Adolf Ebert und Helene, geb. Ebenauer mit den Kindern (v. l.) Gustav, Hildegard und Friedrich (um 1890)

Als mein 1 Jahr älterer Bruder Gustav6 schulpflichtig wurde, zogen die Eltern in die Pfaffengasse (jetzt Kannenstraße 3)7 um in ein Haus, das wohl einmal einem der Pfaffen, d. h. Stiftsherren von St. Gumbertus, gehört hatte. Das Portal zeigt (nach Dr. Adolf Bayer) deutlich den Einfluß des Hofbaumeisters Gabriel de Gabrieli, der bis 1714 in Ansbach tätig war.8 Seine vier Seiten umschließen einen Hof, in dem ein Brünnchen fließt, rückwärts schließt sich ein Garten an. Auf diesen gingen unsere Wohnzimmer, im Sommer war er unser Auslauf zusammen mit dem gleichaltrigen Sohn bzw. Enkel des Schreinermeisters Guttendörfer und dessen Genossen aus der Nachbarschaft. Diese kamen später in die Realschule, während wir Gymnasiasten wurden. Dadurch trat während des Winters eine Entfremdung ein, sodaß im Frühjahr erst durch eine Hauerei die alte Freundschaft wiederhergestellt werden mußte. An einer Seite des Gartens stand die 2 Geschosse hohe Schreinerwerkstatt, wo die zwei Meister, eine Anzahl Gesellen und Lehrlinge ihr Handwerk ausübten.

Über uns im 2. Stock wohnte lange Jahre die Pfarrerswitwe Keerl. Zwischen ihrer Tochter Marie und meiner Mutter bestand eine Jugendfreundschaft seit der Zeit, wo der Pfarrer Gustav Ebenauer die Vormundschaft für die zahlreichen Kinder des früh verstorbenen Pfarrers Keerl übernommen hatte. Marie Keerl machte bei uns oft die hilfreiche Tante. Von ihren Brüdern, die gelegentlich auftauchten, war uns Theodor interessant, weil er als Zahlmeister einen Säbel hatte, und Wilhelm, der in Kairo Direktor in Sheffards Hotel war, weil er die merkwürdigsten Dinge, z. B. Straußeneier, mitbrachte. Ein großes Album mit Photographien „Aus dem Lande der Pharaonen“ durften wir manchmal achtungsvoll betrachten und gewannen dadurch frühzeitig nachhaltige Eindrücke. Das andere ferne Land, das uns wenigstens dem Namen nach bekannt war, war Schweden, wo der Urgroßvater Ebert9 Oberjägermeister geworden war.

Die Großeltern Ebenauer wohnten zu meiner Zeit im Dekanat hinter der Johanniskirche am stillen Kirchenbuck, wo es nur zur Zeit der Messen lebendig wurde, wenn der Hafenmarkt10 sich da ausbreitete. Das geräumige Haus, ein Werk des Hofbaumeisters Johann David Steingruber11 aus den Jahren 1750 bis 1754, barg seine besonderen Geheimnisse. Aus der Zeit, wo der Dekan seine eigene Kutsche hatte, gab es eine Wagenremise, einen Pferdestall mit Kutscherstübchen, Hühner- und Schweinestall, alles verlassen und verstaubt, und in einem dunklen Gewölbe stand eine unheimlich große Mange12. Der Garten zog sich schmal und lang bis an die Stadtmauer und enthielt einen Sandhaufen. Da waren wir Kinder oft zu Besuch, auch für zwei Wochen einquartiert, wenn die Eltern die übliche und standesgemäße Gebirgsreise machten. Der Großvater13 mit seinem rundgeschnittenen Vollbart bewegte sich mit freundlicher Würde, seine Sommerreise machte er meist in ein Bad, wo er erwünschte Geselligkeit fand. Die Großmutter14 war nicht nur Pfarrfrau, sondern auch Dame. Sie ging gern mit anderen Damen auf die benachbarten Kaffeedörfer Neuses, Hennenbach, Kammerforst, Eyb und erschien der strengen Pfarrersfamilie Herbst15 als zu weltisch. Später begriff ich, daß sie in die Behandlung der Ebertschen Enkel manchmal etwas selbstsüchtig eingegriffen und dadurch das Mißfallen meines Vaters erregt hat. Eine herrliche Freundschaft hatten wir mit Großvaters erstem Vikar Ackermann16, der es ausgezeichnet mit uns verstand. Wir waren recht enttäuscht, als mit den späteren Vikaren gar nichts anzufangen war. Eine Zeit lang wurde ich von der ziemlich herangewachsenen Tochter des Kirchners begünstigt und durfte zum Abendläuten mit hinüber ins Läuthaus. Der Weg durch das tief dämmerige Kirchenschiff war freilich immer etwas unheimlich.

Abb. 15a-b: Die Ansbacher Großeltern Ebenauer: Gustav und Johanna, geb. Sixt.

Das damalige Ansbach, das am Anfang meiner Erinnerungen 14 000 Einwohner hatte, zeigte noch manchen Anklang an die Zeit um 1860 und 1870, über die meine Mutter später einige Erinnerungen bekanntgab. Selbst die Gesellschaftsordnung der fürstlichen Zeit des 18. Jahrhunderts war noch in Nachwirkungen zu spüren. Dafür sorgte die Anwesenheit der Regierung und ihres Präsidenten, der alljährlich einen repräsentativen „Präsidentenball“ gab, dafür sorgten die Offiziere des Ulanenregiments König, die großenteils dem mittelfränkischen, ehemals markgräflichen Adel angehörten, und adelige Pensionisten, Witwen und Fräulein, die in den Stadthäusern der adeligen Familien standesgemäß, aber oft mit großer Sparsamkeit lebten. Die Juristen an der Regierung standen nach ihrer eigenen und der öffentlichen Meinung gesellschaftlich eine Stufe höher als die am Landgericht oder gar Amtsgericht. Wenn die Gesellschaft Museum [!] eine Veranstaltung hatten [!], so gab es einen Tisch des Adels und der Offiziere, einen der Juristen und einen der gewöhnlichen Leute. Meine Mutter hat die Achtung vor diesen höheren Ständen, die ihr in ihrer Jugend eingepflanzt war, nie verloren. Einen adeligen Namen sprach sie immer mit einer gewissen respektvollen Betonung, und noch als sie Frau Oberstudienrat war, kam ihr ein Landgerichtsrat als ein Wesen höherer Stufe vor. Dabei hatte sie schon in ihrer Mädchenzeit adelige Freundschaften und pflegte sie ihr Leben lang weiter. Im übrigen war Ansbach eine Landstadt. Am Sonntag füllten nach dem Gottesdienst die zahlreichen17 Bauern, die aus einem weiten Kranz eingepfarrter Dörfer hereinkamen, den oberen Markt im Gespräch mit Bekannten, auf dem Wochenmarkt am Mittwoch und Samstag waren die meisten Verkäuferinnen Bäuerinnen, die in ihrer Köze18 Butter und Eier hereinbrachten und im Herbst standen die ganze Länge des Oberen Marktes die Bauernwagen, alle Deichseln hochgeklappt, und verkauften Kartoffeln und Kraut.

In die Volkschule [sic] ging ich 3 Jahre lang in das Neue Schulhaus an der Karolinenstraße. Mein erster Lehrer war der „schwarze“ Eberlein mit dunklem Vollbart, einer Schnupftabaksdose und einem Steckelchen, das auch Rechenfehler bessern konnte. Er hatte noch die alte Methode, nach der Güte zu setzen. Diese wurde durch Addieren von Zahlenreihen...



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