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Wells / Verlag | Der Traum: mehrbuch-Weltliteratur | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 386 Seiten

Wells / Verlag Der Traum: mehrbuch-Weltliteratur


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7531-9905-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 386 Seiten

ISBN: 978-3-7531-9905-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



mehrbuch-Weltliteratur! eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten. Ein englischer Wissenschaftler landet mit seiner Zeitmaschine in einer scheinbar idyllischen Zukunft, in der sich die Menschheit jedoch in zwei Gattungen gespalten hat. Unter der Erde hausen die kannibalischen Morlocken, die alle Arbeit der Gesellschaft übernehmen, während die naiven Eloi auf der Erde ein sorgloses Leben führen. Manchmal wird aber auch ein Eloi von den Morlocken entführt und aufgefressen.

Herbert George Wells war ein englischer Schriftsteller und Pionier der Science-Fiction-Literatur. Wells, der auch Historiker und Soziologe war, schrieb u. a. Bücher mit Millionenauflage wie Die Geschichte unserer Welt.
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2

»Meine arme Tante konnte im Spital, mit dem ihr seit jeher eigenen Mangel an Rücksicht auf den Onkel, weder gesund werden noch sterben. Sie kostete ihn viel Geld und war ihm keinerlei Hilfe; sie machte sein Unglück noch größer. Nach einigen Tagen zog er, auf die dringenden Vorstellungen meiner Mutter hin, aus unserem Wohnzimmer in eine Zwei-Zimmer-Wohnung bei einem Maurer, der in einer benachbarten Straße ein Häuschen besaß. Er stopfte die beiden Räume mit seinen Möbeln aus Chessing Hanger voll, verbrachte aber den größten Teil seiner Zeit in unserem Laden und legte überhaupt eine zunehmende Vorliebe für meines Vaters Gesellschaft an den Tag.

Seine Bemühungen um Arbeit waren weniger erfolgreich, als er erwartet hatte. Seine kurzangebundene und herablassende Art gegen seine neuen Kunden, die Villenbesitzer von Cliffstone, übte keineswegs die erwünschte Wirkung aus. Er nannte ihre Blumenbeete ›für zwei Pfennig buntes Allerlei‹ und verglich ihre Gärten mit einem bunten Tischtuch oder einem Fensterblumenkasten; und anstatt diese derbe Offenheit zu schätzen, nahmen sie sie krumm. Es paßte ihnen auch nicht, sich zu wehren und in einer ehrlichen Auseinandersetzung ihre und seine soziale Stellung gegeneinander abzugrenzen; sie zogen es vor, ihre Illusionen zu behalten und ihn nicht mehr zu beschäftigen. Überdies erweckte die Enttäuschung, die er mit Tante erlebte, eine gewisse Weiberfeindschaft in ihm, die sich darin äußerte, daß er von den Frauen seiner Arbeitgeber, wenn sie gelegentlich allein daheim waren, keinerlei Befehle annehmen wollte. Auch dieser Umstand schädigte seine Aussichten, da viele der betreffenden Frauen bedeutenden Einfluß auf ihre Gatten ausübten. Infolgedessen hatte der gute Onkel tagelang nichts anderes zu tun, als in unserem Laden herumzustehen und meinem Vater Vorträge über die Minderwertigkeit der Cliffstoner Villenbesitzer zu halten, oder auch über die Gemeinheit des Mr. Petterton und jener ›Schlange‹, und über die wahrscheinlichen Mängel der spärlichen Kunden, die im Laden erschienen.

Trotz alledem war Onkel entschlossen, sich nicht ohne Kampf vom Schicksal besiegen zu lassen. Er dürfe nur ja den Mut nicht verlieren, sagte er, und sah sich deshalb, wie ich bald bemerkte, zu regelmäßigen Besuchen im Gasthof Wellington in der Nähe des Bahnhofes gezwungen. Von diesen Ausflügen kam er stets äußerst gesprächig zurück, er ähnelte dann Sir John Cuthbertson wieder weit mehr als vorher und verbreitete einen sehr ›herzhaften‹ Duft, sobald er hustete oder tief atmete. Als im Laufe der folgenden Wochen Vaters geschäftliche Schwierigkeiten immer drückender wurden, nahm auch er an diesen herzstärkenden Wirtshausbesuchen teil. Sie erweiterten seine philosophischen Ausblicke, ließen sie aber, wie mir vorkam, gleichzeitig immer verschwommener werden.

Onkel hatte eine Summe Geldes in der Postsparkasse liegen, und nach wie vor entschlossen, sich nicht ohne Kampf in sein Schicksal zu ergeben, setzte er bei den Pferderennen von Byford Downs recht ansehnliche Beträge auf sogenannte ›Tips.«‹

»›Tip‹ ist mir völlig unverständlich«, sagte Beryll.

»Ein ›Tip‹ war ein Pferd, von dem man sicher annahm, daß es gewinnen würde; in Wirklichkeit gewann es dann meist doch nicht. Man sprach auch von ›todsicheren Tips‹. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel im ganzen Lande von den Aussichten und der Qualität der Rennpferde geredet wurde. Dabei waren die Engländer nicht etwa ein nomadisches Volk, nur eine kleine Minorität konnte wirklich reiten, aber bei den Rennen auf die Pferde setzen, das konnte jeder. Der König war die leitende Person dieses Pferderennspieles, ebenso wie er der oberste Herr der Armee war. Er erschien bei allen großen Rennen, gewissermaßen um das Wettspiel seiner Untertanen zu fördern. Infolgedessen kam sich Onkel John Julip äußerst loyal und patriotisch vor, wenn er auf den Byford Downs seine Zeit und seine Ersparnisse vergeudete. Mein Vater ging gelegentlich auch mit, um seinerseits sein Glück zu versuchen. In der Regel verloren beide, ja sie verloren schließlich fast alles, was sie besaßen, aber das eine oder das andere Mal gelang es ihnen, ihre Verluste wieder wettzumachen, wie Onkel behauptete. Eines Tages setzten sie auf ein Pferd, namens Rococo, obwohl dieses durchaus nicht als ›Tip‹ galt und sein Sieg unwahrscheinlich war; ein inneres Licht schien Onkel in diesem Falle geleitet zu haben, das Pferd kam als erstes an, und die beiden gewannen fünfunddreißig Pfund, eine für sie recht ansehnliche Summe. In gehobener Stimmung kehrten sie heim, ihre Freude wurde nur dadurch etwas beeinträchtigt, daß es ihnen sehr schwer fiel, den Namen des siegreichen Pferdes auszusprechen. Sie fingen das Wort ganz richtig an, nach der ersten Silbe aber glich ihre Rede nicht so sehr vernünftiger Menschensprache, als vielmehr dem Gegacker einer Henne, die ein Ei gelegt hat. ›Ro-cococo‹ oder ›Ro-cocococo‹ stießen sie hervor, um mit einem Rülpsen zu enden. Einer versuchte dem anderen zu helfen, aber es kam nicht viel dabei heraus. Sie verbreiteten nur einen ungewöhnlich starken Geruch von Zigarren und Alkohol. So ›herzhaft‹ hatten sie noch niemals gerochen. Mutter kochte ihnen Tee.

›Tee!‹ sagte Onkel bedeutungsvoll. Er lehnte die Tasse, die sie vor ihn hinstellte, zwar nicht geradezu ab, schob sie aber ein wenig beiseite.

Einige Augenblicke schien es zweifelhaft, ob er nun etwas ganz Tiefsinniges sagen oder ob ihm ernstlich schlecht werden würde. Doch der Geist triumphierte über die Materie. ›Ich wußte, daß es gewinnen würde, Martha,‹ sagte er, ›wußte es genau, so wie ich den Namen hörte. Roc –‹ Er stockte.

›Cococo‹, gluckste Vater.

›Cocococo – huk‹, fiel Onkel wieder ein. ›Ich wußte, daß wir Glück haben würden. Manche Menschen, Smith, manche Menschen ha– haben dafür einen Instinkt. Mein Hemd hätte ich auf dieses Pferd gesetzt, Martha – aber ... Mein Hemd hätte man nicht genommen.‹

Plötzlich blickte er mich ganz starr an. ›Man hätte es nicht genommen, Harry‹, sagte er. ›Man nimmt keine Hemden! Nein, das tut man nicht‹, schloß er und wurde tief nachdenklich.

Dann schaute er wieder auf. ›Der sechsunddreißigfache Gewinn‹, überlegte er. ›Da hätten wir Hemden genug für unser ganzes Leben gehabt.‹

Vater betrachtete die Sache philosophisch. ›Vielleicht hätten wir gar nicht lang genug gelebt, um sie alle auszutragen‹, meinte er. ›Besser so, wie es ist, John.‹

›Und paßt einmal auf,‹ fuhr Onkel fort, ›jetzt ist der Anfang gemacht. Wenn ich einmal anfange, Glück zu haben, dann habe ich auch weiter Glück. Paßt nur auf. Dieser Roc –‹

›Cococo.‹

›Cocococo – oder wie immer er heißt, ist nur ein Anfang. Er ist wie der erste Sonnenstrahl eines ruhmreichen Tages.‹

›Wenn dem so ist,‹ meinte Mutter, ›dann sollten wir alle etwas abbekommen, nicht?‹

›Aber gewiß doch,‹ sagte Onkel, ›gewiß doch, Martha.‹ Und zu meinem Erstaunen reichte er mir ein Zehnshillingstück – man hatte damals Goldmünzen, und dies war eine solche. Dann gab er Prue ebenfalls ein Zehnshillingstück. Fanny bekam ein ganzes Pfund in Gold und Mutter eine Fünfpfund-Banknote.

›Halt ein!‹ sagte Vater warnend.

›Laß mich doch, Smith‹, rief Onkel mit einer Gebärde fürstlicher Großzügigkeit. ›Dein Anteil ist siebzehn Pfund zehn, weniger sechs Pfund zehn macht elf. Laß sehen. Eins und fünf macht sechs – sieben – acht – neun – zehn – elf – hier!‹

Vater nahm den Rest des Geldes mit verblüfftem Gesicht. Die Rechnung stimmte ihm nicht ganz. ›Ja, ja,‹ sagte er, ›aber –‹

Seine milden Augen hafteten an dem Zehnshillingstück, das ich noch immer in der Hand hielt. Ich steckte es ein, und sein Blick folgte meiner Hand, bis er die Tischkante erreichte und dort hängen blieb.

›Ohne den Turfplatz, Smith, würde es kein solches Land auf der Welt geben wie England‹, sagte Onkel John und fügte bekräftigend hinzu: ›Merkt euch das.‹

Vater nickte zustimmend.«

3

»Doch dieser Triumph war ziemlich der einzige Lichtpunkt auf dem Wege zum endgültigen Zusammenbruch. Kurze Zeit darauf entnahm ich aus einem Gespräch zwischen meinen Eltern, daß wir mit dem ›Zins‹ im Rückstand waren. Es war das eine vierteljährlich an den Bauspekulanten, dem unser Haus gehörte, zu leistende Zahlung. Euch kommt diese Einrichtung sehr merkwürdig vor, aber sie war damals allgemein verbreitet. Wenn wir den Zins nicht zur Zeit bezahlten, hatte der Hausbesitzer das Recht, uns aus dem Hause zu weisen.«

»Ja, wohin aber?« fragte Iris.

»Jedenfalls aus dem Hause hinaus. Doch war es auch durchaus nicht gestattet, auf der Straße zu bleiben. Ich kann euch aber wirklich nicht all diese Einzelheiten erklären. Wir waren also, wie gesagt, mit dem Zins im Rückstand, und es drohte uns eine Katastrophe. Da kam ein neuer Schlag: Meine Schwester Fanny lief von zuhause fort.

In keiner anderen Hinsicht ist es mir so schwer, euch ein Bild jener Zeit zu übermitteln und euch verständlich zu machen, was ich selbst in jenem verflossenen Leben dachte und fühlte, wie in Bezug auf sexuelle Dinge. Heutzutage ist das Sexualleben sehr einfach. Wir sitzen hier, Männer und Frauen, frei und ungezwungen beisammen. Wir sind dazu erzogen worden, nicht miteinander zu rivalisieren, unsere eifersüchtigen Triebe zu beherrschen, großmütig zu sein und die Jugend zu ehren; und...



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