Wendel Dem Wort Gottes auf der Spur
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-417-22788-8
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
21 Methoden der Bibelauslegung
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-417-22788-8
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ulrich Wendel ist Pastor und hat in zwei freikirchlichen Gemeinden sowie als Lehrbeauftragter für Neues Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor gearbeitet. Jetzt ist er Redakteur des Magazins Faszination Bibel und Programmleiter für Bibel und Theologie bei SCM R.Brockhaus.
Autoren/Hrsg.
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2. Ein Engelskleid, weiß wie frischer Yucca
Verschiedene Bibelübersetzungen vergleichen
Angelika Reinknecht
Haben Sie sich auch schon einmal über Übersetzungssoftware amüsiert, die nicht selten ein unverständliches, oft sogar unfreiwillig komisches Kauderwelsch ergibt? Wenn ich den Satz „Geben ist seliger als nehmen“ auch nur ins Niederländische übersetzen lasse und dann wieder zurück ins Deutsche, kommt heraus: „Geben ist weinselig.“ Der Umweg über das Finnische ergibt dagegen „Anna ist mehr als gesegnet die“.
Ähnlich verhält es sich mit Gebrauchsanleitungen für technische Geräte. Die Übersetzer übertragen hier oft einfach einzelne Worte von der einen in die andere Sprache und reihen sie aneinander. Solche Übersetzungsverfahren können uns zwar gelegentlich mit Sentenzen wie „Batterien sind ausschließlich“ oder bizarren Aufforderungen wie „die Enter-Taste erniedrigen“ erfreuen, doch bleibt der Erkenntnisgewinn hier überschaubar.
Manchem Bibelleser geht es ähnlich. Je nachdem welche Übersetzung man vor sich hat, erscheinen manche Verse nur schwer verständlich. Warum nur hat z.B. Paulus so viel gegen das „Fleisch“ einzuwenden? War er Vegetarier? Und was findet der Beter von Psalm 133 so toll daran, dass man ihm Öl auf den Kopf und in den Bart kippt? Wie soll man das verstehen?
Die „Zweitbibel“ – der erste Schritt zur Auslegung
Eine der einfachsten Methoden, unverständlichen Bibelworten auf die Spur zu kommen, besteht darin, eine zweite Bibel daneben zu legen – natürlich eine in einer anderen Übersetzung. Der Übersetzungsvergleich macht vieles klarer.
Im deutschsprachigen Raum steht da eine beträchtliche Auswahl zur Verfügung. Neben der Lutherbibel, der bekanntesten und aufgrund ihrer 500-jährigen Geschichte wohl auch gebräuchlichsten deutschen Bibelübersetzung, gibt es heute eine kaum überschaubare Fülle weiterer Übersetzungen. Die Bandbreite beginnt bei besonders worttreuen, exakten Übersetzungen, die sich so dicht an Form und Gestalt der Grundtexte halten, dass sie gelegentlich für das heutige Sprachempfinden nur schwer verständlich sind. Auf der anderen Seite finden wir sogenannte „kommunikative“ Übersetzungen, die den Bibeltext in einer moderneren und zeitgemäßeren Sprache wiedergeben. Sie sind auch heutigen Lesern unmittelbar und mühelos verständlich – um den Preis, dass der ursprüngliche Text hier relativ frei und sinngemäß wiedergegeben wird.
Kleines Panorama der Bibelübersetzungen
Die wörtlichen bzw. „formorientierten“ Übersetzungen legen die Priorität auf den Grundtext. Sie wollen so genau wie möglich die Besonderheiten des Ausgangstextes beibehalten und sichtbar machen. Ihnen geht es weniger um sprachliche Eleganz als vielmehr darum, die Gestalt des ursprünglichen Textes nachzubilden – auch wenn sie dafür oftmals für heutiges Sprachempfinden sperrig klingen. Unter den zeitgenössischen deutschen Bibelübersetzungen gelten die Elberfelder Bibel (ELB1) und die Zürcher Bibel (ZB) als besonders wortgetreue Übersetzungen. Auch die Übersetzung Luthers (LUT) kann (mit einigen Einschränkungen) dazu gezählt werden, ebenso wie die Übersetzung von Hermann Menge und die Einheitsübersetzung (EÜ). Ein Sonderfall ist die sogenannte „NeueLuther“. Sie basiert auf der Textform der Lutherbibel von 1912 und wurde lediglich sprachlich leicht angepasst. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Handschriftenforschung seit 1912 wurden hier nicht berücksichtigt. Daher enthalten diese Ausgaben an manchen Stellen des Neuen Testaments einen Wortlaut, der nicht den ältesten und besten heute bekannten Bibelhandschriften entspricht. Gleiches gilt für die Schlachter-2000-Übersetzung (SCHL). Wenn man beim Übersetzungsvergleich hier auf Abweichungen stößt, kann das also auch daher kommen, dass unterschiedliche griechische Grundtextformen zugrunde liegen.
Auf der anderen Seiten finden wir die kommunikativen Übersetzungen. Sie legen ihre Priorität mehr auf unmittelbare Verständlichkeit und übersetzen daher in vielen Einzelfragen gelegentlich freier. Ihre Absicht ist nicht, Gottes Wort zu verfremden oder zu verflachen, sondern den Kern einer Botschaft prägnant und in gut lesbarer Form herauszuarbeiten. Hierfür wird häufig sinngemäß umschrieben, wo der originale Wortlaut dem Verständnis oder dem deutschen Sprachfluss abträglich wäre. Als gebräuchliche und zuverlässige Übersetzungen des kommunikativen Typs gelten die Gute Nachricht Bibel (GNB) und die Neues Leben Bibel (NLB).
Im breiten Spektrum der Bibelübersetzungen finden wir auch besonders extreme Vertreter beider Positionen. Als „radikal kommunikativ“ könnte man z.B. die Übertragung der Volxbibel (VLX) bezeichnen, die ausgesprochen zielgruppenorientiert durchgehend in Jugendsprache formuliert. Einer solch freien Übertragung der Heiligen Schrift stehen strikt „begriffskonkordante“ Übersetzungen gegenüber wie etwa die von Buber und Rosenzweig. Sie gehen in ihrer Texttreue so weit, jedes Wort der Ausgangssprache nur mit einem einzigen, ihm entsprechenden Begriff in der Zielsprache wiederzugeben (das meint der Ausdruck „begriffskonkordant“). Dies ist jedoch ein nicht unproblematisches Verfahren, durch das der Sinn manchmal eher verschleiert wird.
Eine Vielzahl der deutschen Übersetzungen befindet sich im Mittelfeld zwischen den beiden Polen, und auch eine „wörtliche“ Übersetzung wie die ELB enthält zugunsten der Verstehbarkeit bisweilen freier übersetzte Elemente. In das Mittelfeld gehört z.B. die Neue evangelistische Übersetzung (NEÜ). Die Neue Genfer Übersetzung (NGÜ) vereint Merkmale kommunikativer und formorientierter Übersetzung. Eine zusammenfassende Übersicht finden Sie auf Seite 30–31.
Je wörtlicher, desto besser?
Wie weit darf man gehen, wenn man die Bibel nicht exakt wörtlich, sondern freier übersetzt? Ist der Versuch dazu überhaupt statthaft? Sagt nicht die Bibel selbst: „Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und sollt nichts davon wegnehmen …“ (5. Mose 4,2; ELB)?
Aber Gottes Wort will ja alle Menschen erreichen, es will verstanden werden. Muss sich darum nicht die Übersetzung eines heiligen Textes mit einer heiligen Botschaft gerade in besonderem Maße darum bemühen, alle Menschen in der ihnen verständlichen Sprache zu erreichen? Ist es nicht gerade bei einem solchen Text gerechtfertigt, dem Leser sprachliche Orientierungshilfe anzubieten?
Das Beispiel der Gebrauchsanleitungen hat gezeigt: Eine Wort-für-Wort-Übersetzung ist eigentlich gar keine Übersetzung. Wollte man z.B. den Satz aus Richter 15,8 Wort für Wort ins Deutsche „konvertieren“, dann würde man automatisch ein in der hebräischen Ausgangssprache gebräuchliches Sprachbild beibehalten – und käme zu diesem Ergebnis: „Und er schlug sie Bein auf Schenkel, Schlagen großes.“
Noch extremer würde 1. Samuel 25,34 klingen: „Und lebt jhwh, Gott Israel, der abgehalten mich vom Misshandeln dich: Wenn nicht du dich beeilt hättest und gekommen wärest zu meiner Begegnung, sicher nicht wäre übriggeblieben dem Nabal bis zum Licht des Morgens ein Urinierender an die Wand.“
Um hinter die Aussage dieser Sätze zu kommen, müsste man zunächst mühsam die Stellung der Worte umsortieren. Spätestens aber die Wendungen „Bein auf Schenkel“ und „an die Wand Urinierender“ stellen den Leser vor ein Rätsel. Um deren Bedeutung zu entschlüsseln, müsste man zunächst erkennen, dass es sich hier um (damals offenbar gebräuchliche) hebräische Redewendungen handelt – und dann auch noch herausfinden, was diese wohl besagen könnten. Um diese Rätsel gleich aufzulösen: Jemanden „Bein auf Schenkel“ zu schlagen, bedeutet, ihm eine vernichtende Niederlage beizubringen. „Bein auf Schenkel“ entsprach wohl unserem Ausdruck „alles auf den Kopf stellen“. Und die Bezeichnung „an die Wand Urinierender“ war offenbar ein umgangssprachlicher Begriff für „Mann“.
Wäre es hier nicht das Merkmal einer guten Übersetzung, wenn dem Leser eine Entsprechung dieser Metaphern in der eigenen Sprache angeboten würde? Selbst die besonders wörtliche und grundtextnahe ELB überträgt 1. Samuel 25,34 relativ frei, doch der Bedeutung treu, mit: „wäre dem Nabal nicht einer, der männlich ist … geblieben“. So erschließt sie die Aussageabsicht des Verses in einer dem Leser unserer Kultur verständlichen Weise. Der originale Wortlaut wird dabei in der ELB nicht völlig unterschlagen, sondern in einer Anmerkung zu diesem Vers mitgeliefert: „der an die Wand pisst“.
Wie gutes Übersetzen geht
Das Beispiel zeigt: Gutes Übersetzen ist keine mechanische Angelegenheit. Um sinnvoll von der Ausgangs- zur Zielsprache zu gelangen, müssen Übersetzer manchmal einen Sprung wagen. Dabei müssen sie eine Reihe von Faktoren im Blick haben.
Zunächst einmal sollten Übersetzer natürlich sehr vertraut sein mit den Besonderheiten beider Sprachen. Hierzu zählen formale Merkmale wie Grammatik und Satzbau ebenso wie bestimmte sprachliche Bilder und Redewendungen. Bei Metaphern, aber auch bei grammatischen Konstruktionen, die in der...




