E-Book, Deutsch, 104 Seiten
Wendt Orlando*
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7531-1825-3
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
*nach Motiven von Virginia Woolf
E-Book, Deutsch, 104 Seiten
ISBN: 978-3-7531-1825-3
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Geboren 1984 in Osnabrück, Studium der Theaterwissenschaft und der Germanistik in Leipzig. Nach ihrem Abschluss war sie zunächst freiberuflich als Schauspielerin an verschiedenen Theatern engagiert, später erste Regiearbeiten und ab 2013 Tätigkeit als Regieassistentin und Regisseurin am Landestheater Schleswig-Holstein. Derzeit freiberufliche Tätigkeit als Autorin und Regisseurin. Für GOLDZOMBIES erhielt Marisa Wendt den 1. Preis des Coburger Autorenforums 2018 und den Förderpreis des Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg 2018.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
ROBERT VON BALSA (Sz. 1)
Ola
Mann, wo warst du? Ich such dich schon seit zwanzig Minuten. Ich hab nachher noch was vor.
Robert
Stopp!
Ola
Was?
Robert
Stopp! Zieh dir das erstmal rein: Wir haben Budget.
Ola
Budget? Was für ein Budget?
Robert
Na, für die Dramatisierung des Romans! Ich hab sie eben ergriffen, die Gelegenheit – beim Schopfe, sozusagen – und hab dem Walser unser Projekt erläutert. Die Transformation des Orlando in ein anderes Genre, von Mann zu Frau, von Roman zu Theater ... und er hat gesagt, das ist ihm selten begegnet, dass Schüler so viel Eigeninitiative zeigen, und dann hat er mir 200 Euro Budget versprochen. Er hat gesagt, das kann sich die Schule gerade noch leisten, ist ja schließlich Kulturzweig hier. Gut, oder?
Ola
Hä? Wir haben keine Idee, aber ein Budget?
Robert
Haben wir doch! Wir machen ein Theaterstück draus!
Ola
Und dafür hat er dir jetzt 200 Euro versprochen? Für was denn?
Robert
Für die Kostüme!
Ola
Kostüme?
Robert
Na, wenn wir den Orlando in ein Theaterstück verwandeln, brauchen wir doch Kostüme.
Ola
Aber von einer Aufführung hat doch überhaupt niemand was gesagt! Nur weil wir das schreiben – und das war ja bislang auch nur so eine Idee –
Robert
Aber ohne Aufführung bringt das ja alles nichts, das ist doch logisch. Und da hab ich ihm gesagt, dass wir die Geschichte über die Kostüme erzählen wollen, dass die Kostüme ein Spiegel des Textes sind, sozusagen. Verstehst du gerade nicht, oder? Warte, ich geb dir ein Beispiel. Frei assoziiert. Königin Elisabeth. Die Riesenspinne, die Orlando in ihrem Netz fängt. Die ihn benutzt, aussaugt, die kompensiert, die ihn, ja, irgendwie fast sexuell missbraucht. Und jetzt stell dir das mal so vor: Ein Reifrock, so breit wie die Bühne. Elisabeth steht auf einem Podest in der Mitte ihrer eigenen Kleidung. Eine fünf Meter lange Samtschleppe, in der sich Orlando verfängt. Na?
Ola
Na?
Robert
Na?
Ola
Und das hast du jetzt dem Walser erzählt?
Robert
Natürlich nicht im Detail. Das mit der Samtschleppe ist mir auch erst auf dem Weg hierhin eingefallen. Wenn die Kreativität erstmal fließt... – Na? Was denkst du?
Ola
Naja...
Robert
Na?
Ola
Also, eigentlich zwei Sachen, glaub ich.
Robert
Jetzt mach es nicht so spannend, ich bin gerade total im Flow, ich will weitermachen!
Ola
Naja, erstens ... bist du dir sicher? Mit der Interpretation? Mit der Riesenspinne? Elisabeth ist doch auch nur eine alte, einsame Frau ... und Missbrauch, das ist ein krasser Vorwurf – ich les das eigentlich als was Gegenseitiges.
Robert
Meinst du, Orlando ist auch in Elisabeth verliebt, oder wie?
Ola
Naja, schon.
Robert
Schwachsinn.
Ola
Warum?
Robert
Das ist doch nicht so eine Harold and Maude – Geschichte.
Ola
Hm.
Robert
Und?
Ola
Was, und?
Robert
Zweitens?
Ola
Ach so, ja: Wie willst du mit 200 Euro Budget so einen fetten Reifrock und eine fünf Meter lange Samtschleppe finanzieren? Weißt du eigentlich, was sowas kostet?
Robert
Mann, Ola! Jetzt sei nicht so kunstfeindlich! Damit das Mögliche entsteht, muss immer das Unmögliche versucht werden! Hermann Hesse.
Ola
Robert, ich mein nur – wir reden hier jetzt über Kostüme, aber sollten wir nicht erstmal den Text schreiben?
Robert
Wir können das ja aufteilen. Du machst den Text und ich mach das mit den Kostümen. Und das Bühnenbild noch dazu.
Ola
Ich weiß nicht ...
Robert
Ich mach auch die Besetzung.
Ola
Hm.
Robert
Jetzt komm, Ola! Deswegen wollte ich doch unbedingt mit dir zusammenarbeiten! Du bist der einzige Mensch in diesem Kurs, der was drauf hat!
Ola
Außer dir, meinst du?
Robert
Komm, du musst doch zugeben, dass man da sonst mit niemandem arbeiten kann. Bei den Jungs reicht der Horizont bis zum Fußballplatz und die Mädchen sagen sowieso immer nur zu allem Ja und Amen.
Ola
Da sind einige echt okay, du musst sie halt nur mal ausreden lassen.
Robert
Muss ich bei dir doch auch nicht! Du unterbrichst mich doch auch einfach selber! Und das ist auch richtig so, Gedanken müssen ja schließlich raus, sie sind sonst wieder über alle Berge, bevor man nach ihnen greifen kann. Warum können die anderen Mädchen nicht einfach auch so mit mir umgehen wie du?
Ola
Ach, Robert ...
Robert
Was?
Ola
Nichts. Ich muss gleich los. Vorschlag: Wir schreiben zuhause erstmal sowas wie eine Ereigniskette, und dann treffen wir uns morgen um Vier hier und gleichen das ab.
Robert
Du bist immer so pragmatisch. Wir sind Künstler.
Ola
Wir sind keine Künstler, Robert. Wir sind nur ein paar Schulkinder mit einem Schulprojekt.
Robert
Bedeutungslos, vergänglich ... mit der Einstellung können wir uns auch gleich erschießen.
Ola
Ich muss los.
Robert
Hab ich was Falsches gesagt?
Ola
Um sechs hab ich Plenum. Jeden Dienstag.
Robert
Was soll das denn überhaupt für ein Plenum sein?
Ola
Komm doch einfach mit, dann weißt du's.
Robert
Nein, ich möchte diese ganzen Ideen noch zu Papier bringen, nicht, dass davon was verloren geht ...
Ola
Wie du meinst. Bis morgen, Mylord. Um Vier. Nicht vergessen.
Erzählendes
Haben Sie das bemerkt? Diese Gruppe junger Mädchen, die sich vor ein paar Minuten am anderen Ende der Wiese niedergelassen hat?
Nein? Nun, seien Sie versichert: Robert auch nicht. Übersehen hat er demnach auch ihre verstohlenen Blicke, die sie abgewendet haben, wann immer Roberts Begleiterin Ola einen davon zu fangen versucht hat. Wir wollen unsere Geduld jedoch nicht mit geistlosen Dialogen überstrapazieren, deshalb soll der Bericht aus zweiter Hand genügen: Das breite Lächeln, mit dem die heimliche Anführerin dieser Gruppe Ola bedenkt, als diese an den Mädchen vorbeigeht, ist hinterlistig und falsch; die Frage, wo Ola ihren Rock gekauft habe, der doch ein wenig nach Straßenstrich aussehe, ist zuckersüß dahergesäuselt und gleicht weniger einem Schlag ins Gesicht als einem schmerzhaften Ziepen in den Haaren; und Olas gepresste Antwort –
Ola
Second Hand, von deiner Mutter.
Erzählendes
– lässt der Widersacherin kaum eine andere Wahl, als Ola auf die Füße, die in hübschen, offenen Schuhen, passend zum Rock, stecken, in hohem Bogen zu spucken; und Ola schaut die Anführerin fassungslos an und diese lächelt wieder, breit und unschuldig –
Robert
Alles klar, Ola?
Ola
Was?
Robert
Oder ist noch was?
Ola
Nein. Nein, alles klar, Robert.
Erzählendes
– und das Lächeln der Anführerin wird noch breiter, und Ola sagt:
Ola
Nur, dass du es weißt – der hat nur nicht mitgekriegt, was hier abgeht. Deswegen sagt der nichts. Der ist manchmal ein bisschen dumm.
Erzählendes
Und mit erhobenem Kinn und zusammengepressten Lippen zieht sie von dannen, während Robert, der von dem Geschehen tatsächlich so gar nichts mitbekommen hat, Zeile um Zeile seines Notizbuches füllt.
Einen sechzehnjährigen Jüngling habe ich gewollt, einen wohlgestalteten, intellektuell verständigen sechzehnjährigen Jüngling mit umfassenden Kenntnissen der alten Meister – Hesse, Marx, Adorno; einen Träumer und...




