Wendt | "Waren wir doch Teile voneinander" | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Wendt "Waren wir doch Teile voneinander"

Geschichten von berühmten Schwestern
Originalausgabe 2022
ISBN: 978-3-15-962083-1
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichten von berühmten Schwestern

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-15-962083-1
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Beziehung zu einer Schwester gehört zu den intensivsten Bindungen im Leben - sie kann fundamentalen Halt, aber auch viel Zündstoff bieten. So war für Simone de Beauvoir ihre Schwester Hélène Komplizin und Untertanin zugleich, und Liesl Karlstadt fand nach schwerer Krise nur mit Hilfe ihrer Schwester zurück in den Alltag. Sisi, die Kaiserin von Österreich, und ihre Schwester Néné verständigten sich auf Englisch, ihrer Schwesternsprache, die sonst niemand in ihrer Umgebung verstand, und dass die disziplinierte Queen Elizabeth und die rebellische Prinzessin Margaret nicht immer einer Meinung waren, ist nicht erst seit »The Crown« bekannt. Über Schwestern weiß Gunna Wendt allerhand zu erzählen, sowohl Spannendes und Skandalöses als auch Bewegendes und Unterhaltsames. Mit stimmungsvollen Farbillustrationen von Hannah Kolling. Mit Porträts u. a. von Liesl Karlstadt & Amalie Wellano - Zarin Alexandra & Großfürstin Elisabeth - Queen Elizabeth & Princess Margaret - Elsa Triolet & Lilja Brik - Simone & Hélène de Beauvoir - Virginia Woolf & Vanessa Bell - Anne, Charlotte & Emily Brontë - Else & Frieda von Richthofen - Annette & Jenny von Droste-Hülshoff - Gudrun & Christiane Ensslin - Sisi & Néné - Lilo & Corinne Pulver - Sophie Scholl & Inge Aicher-Scholl - Caroline von Wolzogen & Charlotte von Schiller.

Gunna Wendt lebt als freie Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin in München. Sie arbeitet für Theater und Rundfunk, schreibt Kurzgeschichten, Gedichte und Essays und veröffentlichte zahlreiche Biographien, u. a. über Liesl Karlstadt, Paula Modersohn-Becker, Franziska Gräfin zu Reventlow und Maria Callas. Hannah Kolling , Grafikdesignerin und Illustratorin, lebt und arbeitet in Hamburg. Seit 2019 betreibt sie zusammen mit Kamil Kuzin ein Büro für Gestaltung.
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Weitere Infos & Material


Zwei Schwestern und ihr geliebter Dichter – Caroline und Charlotte von Lengefeld

Caroline und Charlotte von Lengefeld


»Dass Sie und Caroline so gut zusammenstimmen, freut mich sehr; es ist überhaupt selten, dass Schwestern, die von früher Kindheit an in so viele Kollisionen kommen, bei entwickeltem Charakter einander etwas sind«, schrieb Friedrich Schiller 1788 an Charlotte von Lengefeld.

Charlotte, geboren 1766, war die jüngere Tochter von Carl Christoph von Lengefeld, Oberforstmeister am Hof von Schwarzburg-Rudolstadt, und seiner Frau Luise, geborene von Wurmb. Charlotte wuchs zusammen mit ihrer älteren Schwester Caroline, geboren 1763, auf dem Heißenhof in Rudolstadt auf. Diese empfand das Leben in der »rückständigen« Kleinstadt als »tot und langweilig«. Jeder Tag sei wie der andere gewesen, Treffen mit Verwandten oder Bekannten, bei denen nur über Belanglosigkeiten gesprochen wurde, bildeten die einzige Abwechslung. Charlotte hingegen fühlte sich wohl in ihrem beschaulichen Zuhause. Stundenlang habe sie am Fenster gestanden und bei Glockengeläut in den Himmel geschaut, erinnerte sie sich. »Mein Horizont war frei. In der Ferne sahen wir schöne Berge und ein altes Schloss auf dem Berge liegen, das oft das Ziel meiner Wünsche war.«

Den beiden Mädchen wurde eine fundierte und außerordentlich vielseitige Ausbildung zuteil, was Charlotte allerdings nicht besonders motivierte. »Ich lernte nicht gern«, gesteht sie in ihren . Darin schildert sie ihren gewöhnlichen Tagesablauf: Schon früh am Morgen begann der Unterricht, den sie nicht mochte. Weder Schreiben noch Zeichnen noch Französischlernen interessierte sie. Doch am »allerunangenehmsten« war ihr die Tanzstunde. Sie konnte kaum erwarten, dass es Mittag wurde. Beim Essen im Kreis der Familie war der Vater der Mittelpunkt, der immer auch einige seiner ehemaligen Jagdfreunde einlud. Da er schon früh einen Schlaganfall erlitten hatte, konnte er das Haus nicht mehr ohne fremde Hilfe verlassen. Umso mehr freute er sich über die Berichte der Jäger. Charlotte liebte es, ihrem Vater zuzuhören, wenn er über seine Liebe zum Wald sprach. »Alles war ihm wichtig, jeder neuerworbene Baum vergrößerte sein Interesse.«

Nach dem Mittagessen wurde der Unterricht fortgeführt: Zuerst vom Geographielehrer, auf ihn folgte der »französische Sprachmeister«, dazwischen wurden Zeitungen gelesen und Briefe geschrieben. Dann endlich hatten die Mädchen frei. Bei schönem Wetter hielten sie sich im Garten auf, bei schlechtem zogen sie sich ins Haus zurück. Charlotte schaute gerne zu, wenn ihre ältere Schwester und eine Cousine, die mit im Haus lebte, »eine Art dialogisierter Romane« zum Besten gaben. Abwechselnd schlüpften sie in die Heldinnenrolle und spielten ihrem kleinen Publikum vor, was sie erlebt hatten. Diese Form der Darstellung übte einen »unendlichen Reiz« auf Charlotte aus. »Ich saß dabei und hörte alles an und war begierig, wie es enden würde. Wie alle Romane und Theaterstücke, so endete sich dieses auch immer mit einer Heirat.«

Das Abendessen wurde wieder gemeinsam mit den Eltern eingenommen. »Die Mädchen im Hause wurden versammelt; die Cousine las einen Abendsegen; es wurde ein geistliches Lied gesungen; die gute Mutter segnete ihre Kinder ein, und so gingen wir gläubig zur Ruhe und erwarteten den anderen Morgen, um wieder so zu leben.«

Obwohl sie unter der Eintönigkeit litt, wusste Caroline die gute Ausbildung, die man ihr und ihrer Schwester zu Hause angedeihen ließ und die sie vor allem dem weitblickenden Vater verdankten, zu schätzen – genau wie die Nähe zur Kultur: Das Naturalienkabinett in Ludwigsburg, die Bibliothek in der Heidecksburg und das Sommertheater im Schlossgarten waren gut zu erreichen.

Im Herbst 1775 starb der Vater an den Folgen eines weiteren Schlaganfalls. Seine beiden Töchter waren sich einig, dass er sie mit »seiner klaren und weiten Weltansicht« zum Selbstdenken angeregt hatte – das war sein Vermächtnis. »Die Welt, die wir uns hinter unsern blauen Bergen dichteten, gewann im Lichtblick seines Verstandes feste Umrisse. Wir lernten zeitig fühlen, was wir suchen sollten«, heißt es in Charlottes , die mit dem Tod des Vaters enden. Caroline betonte hingegen ihre eigene Bedeutung für das Gedenken an den Verstorbenen: »Der Tod entriss uns den Trefflichen, als ich dreizehn Jahre alt war; die jüngere Schwester nahm aus meinem reiferen Anschauungsvermögen die Züge seines Bildes auf, das sich ihr unmittelbar noch nicht hatte einprägen können.«

Carolines Selbstbewusstsein schloss jedoch Selbstkritik nicht aus. So fragte sie sich in ihren Aufzeichnungen: »Wenn alle Menschen so schnell von einer Empfindung zu andren übergehen als ich – welch ein unzuverlässiges Wesen ist da der Mensch?« Um ihren Phantasien nicht hilflos ausgeliefert zu sein, suchte sie nach einem festen Halt. Der Vater, der ihr diesen zumindest zeitweise geboten hatte, war nun nicht mehr da, die Mutter hatte wenig Verständnis für das Denken und Verhalten ihrer ältesten Tochter – die beiden Frauen waren einfach zu verschieden –, und Charlotte war zu jung. Mit ihren existentiellen Fragen, von denen Caroline sich bedrängt fühlte, blieb sie daher allein, wie ihren Aufzeichnungen zu entnehmen ist. Sie fühlte sich oft als Außenseiterin. So erzeugte zum Beispiel das überwältigende Naturereignis des Rheinfalls bei Schaffhausen in ihrer Seele nicht das nachhaltige Staunen, das sie erwartet hatte und bei den anderen Reisenden zu entdecken glaubte. »Ich war so trunken von dem herrlichen Anblick, dass ich, als ich eine Viertelstunde von demselben weg war, kein deutliches Bild mehr davon in meiner Einbildungskraft hatte«, wunderte sie sich. Es ist die Flüchtigkeit ihrer Wahrnehmungen und ihrer Gefühle, die sie ein Leben lang irritieren und von anderen Menschen isolieren sollte. Vielleicht war es diese Erfahrung, die sie an ihrem Lebensende das Fazit ziehen ließ: »Es lag ein unversiegbarer Quell der Heiterkeit, der Freude am Dasein in mir; ich hätte eins der glücklichsten Wesen werden können, und wurde sehr unglücklich.«

Zu dem emotionalen Schmerz, den der frühe Tod des Vaters den beiden Schwestern und ihrer Mutter zugefügt hatte, gesellten sich bald handfeste finanzielle Probleme, die sich durch die Verlobung der erst 16-jährigen Caroline mit dem wohlhabenden Rudolstädter Regierungsrat Friedrich Wilhelm Ludwig von Beulwitz lösen ließen. Er war acht Jahre älter als sie und sehr wohlhabend. Sie liebte ihn nicht, ließ sich jedoch ihrer Mutter zuliebe auf die Verbindung ein. Fünf Jahre später, als sie das passende Alter erreicht hatte, fand die Hochzeit statt.

Von Anfang an wusste Caroline, dass sie den falschen Mann geheiratet hatte. Es war nicht seine Schuld, sie hatte ihm nichts vorzuwerfen und charakterisierte ihn als ehrlich, edel und verständnisvoll. Doch sein Lebensentwurf stimmte in gar keiner Hinsicht mit ihrem überein. Ein häusliches Leben im Wohlstand war ihr zu wenig. Sie träumte davon, einen Salon zu führen, in dem sich illustre Gäste zum intellektuell anspruchsvollen Gespräch trafen.

Weiterhin wohnte sie in Rudolstadt eng mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen – ihre Häuser grenzten aneinander. Die beiden Schwestern sahen sich nach wie vor häufig. Sie besuchten die Naturaliensammlung, das Kupferstichkabinett und die Bibliothek, wo sie Bücher ausliehen, sie gemeinsam lasen und besprachen. »Oft erschienen wir uns selbst als verwünschte Prinzessinnen«, erinnert sie sich in ihrer Schiller-Biografie (1830), »auf Erlösung aus dieser Einförmigkeit hoffend.« Besonders trostlos waren die Wintermonate.

Einer der wenigen Auswege aus der Gleichförmigkeit war die Korrespondenz mit ihrem Cousin Wilhelm von Wolzogen. Doch es sollte einige Jahre dauern, bis dieser mit einem Freund zu Besuch kommen und das Leben der beiden Schwestern radikal verändern würde.

An einem trüben Wintertag im Dezember 1787 trafen zwei bis zur Unkenntlichkeit in Mäntel eingehüllte Reiter in Rudolstadt ein. Den Schwestern erschienen beide fremd, so Caroline, dann entdeckten sie in einem der beiden Vermummten aber Wilhelm von Wolzogen, der ihnen seinen Schulfreund vorstellte: den Dichter Friedrich Schiller.

Von Anfang an war die Anziehung zwischen Caroline, Charlotte und Schiller eine gegenseitige: Er verliebte sich in beide Schwestern, und sie sich in ihn. »Ihre beiderseitige gute Harmonie ist ein schöner Genuss für mich, weil ich Sie in meinem Herzen vereinige, wie Sie sich selbst vereinigt haben«, sollte er später Charlotte gestehen.

Bereits im nächsten Jahr folgte er Charlottes Einladung, eine Weile bei ihnen auf dem Land zu leben und zu arbeiten. Sie besorgte ihm eine Wohnung im Nachbarort Volkstedt – und Schiller fühlte sich wohl: »Es war ein gar lieblicher, vertraulicher Abend, der mir für diesen Sommer die schönsten Hoffnungen gibt«, schrieb er am 26. Mai 1788 an Charlotte. »Mehr solche Abende und in so lieber Gesellschaft – mehr verlange ich nicht.« In einem Brief an seinen Freund, den Schriftsteller Christian Gottfried Körner, vermutete er, dass ihm die »Trennung von diesem Hause« schwerfallen werde, weil er »durch keine leidenschaftliche Heftigkeit, sondern durch eine ruhige Anhänglichkeit«, die sich nach und nach entwickelt habe, daran gebunden sei. »Mutter und Töchter sind mir gleich lieb und wert geworden und ich bin es ihnen auch.«

Um ihnen noch näher zu sein, zog Schiller im August von Volkstedt nach Rudolstadt. Erst im November reiste er zurück nach...



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