E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: HarperCollins eBook
Werdenfels Liebeszauber am Chiemsee
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0579-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: HarperCollins eBook
ISBN: 978-3-7499-0579-9
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am Chiemsee wartet das Glück
Nach einem Unfall fällt es Model Emma schwer, sich selbst schön zu finden. Sie hält es nicht länger in London aus und flüchtet sich zu ihren Großeltern an den Chiemsee. Dort kann sie auf den im Sonnenlicht funkelnden See schauen, den Wellen lauschen und wieder zu sich kommen. Als ihre Großmutter sie bittet, einige Bücher aus ihrer Bibliothek ganz bestimmten Menschen zu bringen, die darauf warten, lernt Emma den Geschichtenerzähler Johannes kennen. Mit seinen Worten kann er Herzen heilen, sagen die Menschen im Ort. Ob er auch Emma helfen wird?
Eine berührende Liebesgeschichte zwischen verwunschener Bibliothek und dem Bauwagen des Geschichtenerzählers
Im Sonnenlicht am See die Seele baumeln lassen: beste Urlaubslektüre!
Leonie Werdenfels ist Ende 20, lebt mit ihrem Riesenschnauzer im schönen Bayern und ist überzeugt davon, dass die Sonne nirgends heller strahlt als über dem weiß-blauen Himmel. Wenn sie nicht gerade schreibt, schleppt sie stapelweise Bücher für ihre Doktorarbeit durch die Gegend oder streift mit ihrem Hund durch die Natur, am liebsten am Chiemsee. Um sich Geschichten auszudenken, braucht sie glitzernde Wellen, majestätische Berge und ganz viel Torte.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
Oma sagte immer: Bücher bringen dich, wohin du willst. In fremde Welten, in fremde Zeiten, weit über den Ozean. So weit wollte die fünfjährige Emma gar nicht, sondern nur hinauf zum Lesepult. Denn dort oben hatte Mama ihre Handtasche vergessen. Und da war der tolle dunkelgrüne Lidschatten drin, der so gut zu ihren grünen Augen passte. Der, den Mama ihr schon seit Wochen verbot.
Ein Buch noch, vielleicht auch zwei. Zufrieden betrachtete Emma ihr Werk. Heimlich hatte sie sich aus der Transportwanne der Bibliothek ein paar dicke Wälzer geschnappt und sie übereinandergelegt. Kante auf Kante gaben die Bücher einen prima Schemel ab. Vielleicht fand sie noch ein, zwei Bücher in derselben Größe, und der Stapel war endlich hoch genug, um den Tisch zu erreichen. Mama würde schimpfen, wenn sie es wüsste – sogar heute. Und heute war schließlich Emmas Geburtstag.
In der Bibliothek ihrer Großmutter verkroch sich Emma dann, wenn die Gespräche der Erwachsenen bei Themen angekommen waren, die sie nicht interessierten – ihre Großmutter aber umso mehr. Der schlimme Husten von Onkel Matthew zum Beispiel. Die neuen Medikamente, die Matthews Frau Abigail seit der Geburt der Zwillinge nehmen musste. Und der eingewachsene Zehennagel von Großtante Gillian.
Der Lesesaal war ihr Lieblingszimmer. Er war hell und riesig groß. Durch die Fensterfront, die eine komplette Wand ersetzte, blickte man direkt auf den Chiemsee. Man sah die Segelboote und die großen Dampfer, die Möwen und die Enten. Jede einzelne Welle. Wenn die Fenster geöffnet waren – so wie heute –, dann wehte der Sommerwind herein und trug den Geruch von Seewasser ins Zimmer und von all den bunten Blumen, die Emma nicht unterscheiden konnte. Die Decke des Zimmers war so weit oben, dass Emma ihre Mama, ihren Papa und sich selbst übereinanderstapeln könnte, aber niemand mit dem Kopf oben anstoßen würde. Oma stapelte sie vorsichtshalber nicht, ihr Rücken machte das nicht mehr mit.
Omas Haus war voller Bücher, jedes einzelne Zimmer. Aber hier waren so viele davon, dass Emma sie nicht mehr zählen konnte. Unten und oben und alle Regale bis hoch zur Galerie waren voller Bücher. Sie wusste nicht einmal, welche Farbe die Wand hatte. Vielleicht zog sie irgendwann mal eins raus und guckte nach.
Emma seufzte, als sie die beiden schweren Bücher auf den kleinen Bücherturm hievte und zurechtrückte. Kante auf Kante, ganz säuberlich. Der Stapel schwankte leicht, als sie hinaufkletterte.
»Du tust ihnen weh«, ertönte plötzlich eine Kinderstimme hinter einem großen Regal.
Emma erschrak. Viel zu schnell drehte sie sich in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatte. Das mit dem Gleichgewicht bekam sie auch nicht mehr hin. Sie ruderte mit den Armen und griff ins Leere. Bevor sie reagieren konnte, kippte der Stapel um. Bücher polterten zu Boden, Emma stürzte auf die dunklen Holzdielen und fing an zu weinen. Und zwar richtig doll. So sehr, dass ein paar Strähnen ihrer kupferroten Haare, die ihr ins Gesicht hingen, nass und dunkel wurden. Das Handgelenk tat weh, und ihr rechtes Knie brannte. Die Schürfwunde hatte ein winziges bisschen Blut auf ihrem weißen Geburtstagskleid hinterlassen. Was sie schrecklich ärgerte, schließlich hatte sie das Kleid sehr gern.
»Tut mir leid.« Zerknirscht kam ein Junge aus seinem Versteck. Er schien kaum älter als Emma, die dunklen Haare hingen ihm ins Gesicht. Durch ihre Tränen sah sie ihn nur verschwommen. »Hast du dir wehgetan?«
»Bisschen.« Emma wischte sich über die Wangen. Die Sonnencreme auf ihren Händen trübte die Sicht, sie brannte so sehr, dass Emma wieder weinen musste. Dann sah sie geradewegs in seine dunklen Kulleraugen.
»Ich wollte dich nicht erschrecken.« Er zog ein frisches Taschentuch aus seiner Hosentasche. Ganz behutsam tupfte er ihr die Tränen von den Wangen. »Nicht weinen.«
Sie griff nach dem feuchten Taschentuch, das er ihr jetzt hinhielt, und schnäuzte sich erst einmal. »Warum versteckst du dich da?«
»Also, ich …«, fing er an, zögerte aber. »Ich hole dir erst mal ein Pflaster.«
»In Mamas Tasche sind welche.«
Der Junge nickte. Mit ein paar Sprüngen versuchte er, den Henkel zu fassen, der über die Kante ragte.
»Du musst auf die Bücher steigen.«
Sein Blick streifte kurz ihren, irgendetwas glitzerte in seinen Augen. »Auf so was Wertvolles darf man nicht drauftreten. Deine Oma sagt, jedes Buch hat eine Seele.«
»Aber …«, setzte Emma an. Doch genau in diesem Moment sprang der Junge noch einmal hoch, erwischte den Henkel und zog die Tasche von der Ablage. Geschickt fing er sie auf und stellte sie auf den Boden.
Dann ordnete er erst einmal die Bücher wieder zu einem Stapel. Sorgsam zog er eines davon heraus. So vorsichtig, als wäre es ein kleines Baby. Oder irgendetwas anderes, das auch so leicht kaputtgeht. »Schau mal«, sagte er. Er wischte ein bisschen Erde weg, die bestimmt von Emmas Schuhen stammte. »Das ist hübsch, oder?«
Sie nahm es ihm ab. Schwer war es. Und es roch nach altem Papier. Samtig weich fühlte es sich an, goldene Buchstaben zogen sich über die dunkelblaue Vorderseite. Lesen konnte Emma sie nicht. »Schön.«
Der Junge hatte inzwischen die Handtasche ihrer Mutter durchsucht und ein großes Pflaster gefunden. Er pfriemelte daran herum, um die Klebeseiten zu lösen. »Deine Oma sagt immer: So viele Seiten dein Lieblingsbuch hat, so viele Seiten hat auch dein Herz.«
Sie streckte ihm ihr verletztes Bein hin. »Was bedeutet das?«
»Weiß nicht.« Er zuckte mit den Schultern und lächelte verlegen. Immer wieder drehte er das Pflaster, um die Wunde perfekt abzudecken. Seine Berührung war so sanft, dass Emma sie kaum spürte. »Aber es klingt schön. Deine Oma sagt öfter solche Sachen.«
»Woher weißt du das überhaupt? Dass Oma meine Oma ist?«
»Du bist doch Emma, oder nicht?« Fast liebevoll drückte er das Pflaster fest, dann sah er auf. »Du lebst in England und bist die Enkelin von Josefine.«
»Und du? Wie heißt du?«
»Johannes.« Der Junge lächelte. »Ich bin oft hier. Deine Oma hat gesagt, ich darf kommen, wann ich mag. Und Bücher lesen.«
»Du kannst schon lesen?«, fragte sie neugierig.
»Na ja.« Jetzt wirkte er fast wieder ein bisschen schüchtern. »Ich bin in der ersten Klasse.«
Ihr Finger zeigte die Regale hinauf. »Und hast du die alle gelesen?«
»Nein«, sagte er. »Das sind bestimmt hundert oder tausend, oder so.«
»Noch mehr.« Sie nickte begeistert.
Johannes’ Augen strahlten. »Wenn ich erwachsen bin, will ich alle Bücher auf der Welt gelesen haben.«
Eigentlich hatte sie sich nie für die Bücher ihrer Oma interessiert. Doch wenn Johannes davon erzählte, dann klang das spannend. So spannend, dass sie glatt den grünen Lidschatten vergaß. »Kannst du mir was vorlesen?«
»Klar.«
Emma streckte ihm das Buch hin. Das dunkle, samtige mit den goldenen Buchstaben auf der Vorderseite. Sie tippte auf die Schrift. »Was steht da?«
Ganz sachte nahm er es ihr aus den Händen. »Die schöne … Kö…Königstochter«, las er vor.
»Ich mag es gern hören«, flüsterte sie und lehnte sich zurück, gegen das Lesepult.
Als er das Buch aufschlug, betrachtete sie ihn. Seine großen braunen Kulleraugen. Die zerstrubbelten dunklen Haare.
»Es war einmal eine … Königstochter«, begann Johannes zu lesen. Sein Finger fuhr langsam über die Zeilen, und Emma hing schon an seinen Lippen, während er Wort für Wort entzifferte. »Doch sie wusste nicht, dass sie eine Königstochter war … Sie war so schön, dass alle Vögel sangen und alle Pflanzen …« Er stockte kurz. »… er-blüh-ten, wenn sie … vo-rüber-ging. Doch sie wusste nicht, wie schön sie war … Sie lebte in einem Schloss, das ganze sieben Schritte lang und fünf Schritte breit war. Doch sie wusste nicht, dass es ein Kö-nig-reich war.«
»Wo ist Johannes?«, schallte plötzlich eine Frauenstimme draußen durch den Flur. Freundlich klang sie nicht.
»Mist!« Panisch sprang er auf, klappte das Buch zu und schob es zurück auf den Stapel. »Du hast mich nicht gesehen, okay?«
»Aber …«
»Psssssst!«, machte er.
Emmas Knie schmerzte, als sie es beugte. Umständlich zog sie sich am Lesepult hoch. Ausnahmsweise brauchte sie nun dafür so lange wie Oma, wenn sie aus dem Wohnzimmersessel aufstand, um die Chipsschüssel aufzufüllen.
»Warte, ich helf dir.«
Sie fasste nach der Hand, die er ihr hinstreckte. Er zog Emma mühelos auf die Beine. »Danke.«
»Ich bin nicht da!«, flüsterte Johannes noch, dann verschwand er hinter einem Regal.
»Das Versteck ist doof!«, wisperte Emma zurück. Sie humpelte zum Regal hinüber, griff nach Johannes’ Hand und zog ihn mit sich. Durch die weit geöffneten Fenster der Glasfront hinaus ans Chiemseeufer. »Komm mit!«
Emma biss die Zähne zusammen und lief ihrem Schmerz davon. Sie beide rannten, so schnell ihre Beine sie trugen. Über die Terrasse, an der kleinen Sitzgruppe vorbei, hinunter zum Wasser. Am Ufer entlang. Warfen nervöse Blicke zurück, denn zwei, drei Erwachsene liefen wild gestikulierend hinterher.
Ihr wütendes Rufen ließ Emma so schnell laufen wie noch nie. Ihr Herz klopfte, als würde es jeden Moment zerspringen. Enten flohen laut schimpfend ins Wasser, ein paar Möwen flatterten auf.
Der warme Sommerwind blies ihnen ins Gesicht, der Chiemsee rollte unbeeindruckt in kleinen Wellen heran. In der Ferne...




