Werrelmann | Tod in Siebenbürgen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch

Reihe: Eichborn

Werrelmann Tod in Siebenbürgen

Paul Schwartzmüller ermittelt
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-2896-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Paul Schwartzmüller ermittelt

E-Book, Deutsch

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7517-2896-6
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit Jahrzehnten hat Paul Schwartzmüller Rumänien, das Land seiner Kindheit, nicht mehr besucht. Nun macht sich der Investigativjournalist auf den Weg nach Siebenbürgen, um das Erbe seiner kürzlich verstorbenen Tante anzutreten.

Paul will den ihm vermachten Bauernhof schnell loswerden, doch die Reise nimmt eine überraschende Wendung. Als er in Siebenbürgen ankommt, schlägt ihm zunächst wenig Begeisterung entgegen. Nur Sorin, Pauls Freund aus Kindheitstagen, empfängt ihn herzlich. Als man auf dem sagenumwobenen Dracula-Schloss Bran einen Touristen tot auffindet, wird ausgerechnet Sorin zum Hauptverdächtigen - und Paul stellt selbst Ermittlungen an. Dabei wird er auch mit seiner eigenen Familiengeschichte konfrontiert.

Ein spektakulärer Mord, ein kauziger Ermittler, und ein Land, das viele Überraschungen bereithält. Band 1 der neuen Krimireihe um Paul Schwartzmüller.



Lioba Werrelmann stammt aus dem Rheinland, hat Politische Wissenschaften studiert und ist seit vielen Jahren für verschiedene Tageszeitungen, Radio- und TV-Anstalten (WDR/ARD) als Redakteurin und Kommentatorin tätig. Mit ihrem ersten Kriminalroman Hinterhaus gewann sie 2020 den renommierten FRIEDRICH-GLAUSER-PREIS für das beste deutschsprachige Debüt. Die Bestsellerautorin lebt und arbeitet in Köln.
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EINS


Zweieinhalb Tage zuvor …

Beinahe hätte Paul Schwartzmüller den Brief gar nicht angenommen. Denn als es an der Tür klingelte, telefonierte er gerade mit der Chefredakteurin.

»Erwarten Sie jemanden?« Sie hatte es auch gehört.

»Nein. Das ist bestimmt für die Nachbarn. Ich wohne im Erdgeschoss …«

»Und deshalb klingelt der Paketbote bei Ihnen.« Ein raues Lachen. Ein Klicken wie von einem Feuerzeug. Paul mochte seine Chefredakteurin, sehr sogar. Sie war zuverlässig und korrekt, sie kam immer sofort zum Punkt. So wie er.

»Wir haben da eine Vakanz.« Er hörte sie tief inhalieren.

»Eine Vakanz?«

»Eine offene Stelle für einen fest angestellten Redakteur. Zunächst nur für ein Jahr, aber immerhin. Ich weiß, wie sehr Sie Ihr Leben als freier Autor lieben. Sie sind einer der Besten. Aber, unter uns gesagt, die Geschäftsleitung streicht die Honorare für lange Reportagen, wie Sie sie schreiben. Weite Reisen, aufwendige Recherchen, das ist einfach nicht mehr drin. Also, was sagen Sie?«

Paul räusperte sich. Holte tief Luft. An der Tür klingelte es ein weiteres Mal.

»Ich …«, brachte er heraus.

»Ich sag’s Ihnen direkt«, fiel sie ihm ins Wort. »Sie arbeiten als Chef vom Dienst. Bei Ihnen laufen alle Fäden zusammen. Sie koordinieren, bestimmen, was ins Blatt kommt, machen die Schlussredaktion. Sie werden keine Zeit mehr haben, eigene Artikel zu schreiben. Sie werden für überhaupt nichts anderes mehr Zeit haben. Es ist der stressigste Job, den ich zu vergeben habe. Aber auch der verantwortungsvollste. Und, ganz ehrlich, ich wüsste niemand anderen, den ich dafür haben will.«

Paul holte noch einmal tief Luft. Seine Gedanken fuhren Karussell. Seit fast fünfundzwanzig Jahren schrieb er schon als freier Mitarbeiter für diese Zeitung – seitdem er als Student dort angefangen hatte. Er hatte miterlebt, wie die Geschäftsleitung immer härtere Sparmaßnahmen durchgeführt hatte, mit eiserner Hand. Wie ein freier Kollege nach dem anderen abgesetzt wurde. Die Chefredakteurin hatte gekämpft und allzu oft verloren. Er selbst hangelte sich schon lange von Auftrag zu Auftrag, stets knapp bei Kasse, stets in Sorge, wie er die nächste Miete bezahlen sollte. Im Stillen wartete er auf den Tag, an dem sie auch ihn endgültig fallen lassen würden. Ob er dann noch etwas Neues fände? Immerhin, er war neunundvierzig.

Und jetzt das. Ein fester Job. Chef vom Dienst.

»Ich fühle mich geehrt«, sagte er schließlich. »Und ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Ich …«

An der Tür läutete es nun Sturm.

»Verzeihung.« Er lief in den Flur, das Telefon am Ohr. »Die Paketzustellerin muss alles wieder mitnehmen, wenn ich ihr nicht öffne …«

»Nun machen Sie schon auf.« Wieder dieses raue Lachen, das er so mochte.

Doch es war nicht die Paketzustellerin, die die vier Stufen zu ihm ins Hochparterre heraufgeschossen kam. Es war der Postbote.

»Na endlich, Herr Schwartzmüller. Ein Einschreiben. Wenn Sie das bitte quittieren könnten?«

»Es gibt nur einen Haken«, sagte die Chefredakteurin, während Paul unterschrieb. »Einen ganz kleinen.«

»Und der wäre?« Paul starrte auf den Brief. Ein schlichtes braunes Kuvert mit einem verwischten, offiziell aussehenden Siegel. Aber das war es nicht, was ihn irritierte. Es war etwas anderes.

»Sie müssen am Ersten anfangen«, unterbrach die Chefredakteurin seine Gedanken. »Also, genauer gesagt, nächsten Mittwoch.«

»Nächsten Mittwoch?«, echote Paul.

»Ich weiß, es ist knapp, aber das ist die Bedingung der Geschäftsleitung. Sonst macht es der Sohn vom Verleger, der ist nur gerade auf Mauritius.«

»Verstehe.« Die Haustür fiel hinter dem Briefträger ins Schloss. Paul stand im Halbdunkel des Flurs, das Kuvert in der Hand. Da war etwas … Plötzlich fiel durch das Fenster auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock ein einzelner Lichtstrahl. Er reichte genau bis zu Paul. Und einem riesigen leuchtenden Finger gleich brachte er die Briefmarke auf dem Kuvert zum Funkeln.

Paul stutzte, blinzelte. Das konnte nicht sein. Oder etwa doch?

»Natürlich haben Sie einen Tag Bedenkzeit. Aber nicht länger, hören Sie, Paul?«, sagte die Chefredakteurin. »Ich erwarte Ihren Anruf morgen früh.«

Paul wollte sagen, dass er keine Bedenkzeit brauche, doch die Chefredakteurin hatte schon aufgelegt. Sowieso hatte er gerade das Gefühl, kein vernünftiges Wort mehr herauszubekommen.

Denn auf der Briefmarke abgebildet war ein Ort, den er aus dem Gedächtnis hätte zeichnen können, auch wenn er ihn seit beinahe einem halben Menschenleben nicht mehr gesehen hatte. Jedes Detail war ihm vertraut. Die mittelalterlichen Häuser, der weiße Ratsturm. Und davor die kleine Brücke, die sich elegant über einen kopfsteingepflasterten Hohlweg spannte, geschmückt mit Blumen und eisernen Rosetten.

»Podul Minciunilor«, flüsterte Paul. Es gab keinen Zweifel.

Die Briefmarke zeigte die legendäre Lügenbrücke in Hermannstadt – oder Sibiu, wie die Rumänen sagten. Paul atmete einmal tief durch, sein Herz schien plötzlich schneller zu schlagen. Dann trug er das Kuvert so vorsichtig, als habe er Angst, ihm auch nur den kleinsten Knick zuzufügen, in die Wohnung.

Lange saß er an seinem Schreibtisch, den Brief vor sich. Er hatte keine Ahnung, wer ihm aus Rumänien schrieb. Doch er dachte nicht einen Moment mehr an das, was die Chefredakteurin gesagt hatte, an den neuen Job. Denn allein der Anblick der Briefmarke versetzte ihn in eine andere Zeit. Ließ Erinnerungen in ihm aufsteigen, die er verloren geglaubt hatte.

Wie oft war er an der Hand des Vaters über diese Brücke gegangen. Immer mit einer bangen Sorge im Herzen. Denn hatte Tante Zinzi ihm nicht erklärt, die Brücke trage ihren Namen, weil sie wisse, ob derjenige, der sie betrete, gelogen habe? Und dass sie zusammenstürze, wenn ein Lügner versuche, sie zu nutzen? Und hatte ein Junge von zehn, zwölf Jahren nicht Hunderte Lügen vorgebracht, manche womöglich aus Versehen?

Der Vater pflegte über derlei zu lachen und fasste Pauls Hand ein bisschen fester. Er war Ingenieur und gab nichts auf die Geschichten von Tante Zinzi. Paul jedoch konnte nicht genug von ihnen bekommen.

Später, als er älter wurde, erzählte die Tante ihm auch die anderen Geschichten, die sich um den Namen der Brücke rankten. Kadetten der Militärakademie hätten dort jungen Mädchen Versprechen gemacht, die sie nie zu halten gedächten. Und junge Frauen hätten auf dieser Brücke ihren Verlobten geschworen, noch Jungfrauen zu sein. Wenn sich in der Hochzeitsnacht herausstellte, dass dies nicht stimmte, hätte man sie von ebenjener Brücke gestoßen.

Paul betrachtete den Brief, als sei er ein Bote aus einer längst vergangenen Zeit. Er sah sich selbst auf der uralten Bank in Tante Zinzis Sommerküche hocken, zu seinen Füßen die Feuerstelle, auf dem Schoß den kleinen Kater. Tante Zinzi, wie sie in dem eisernen Topf rührte und Palukes für ihn kochte. Jeder Tag, den Paul in den Ferien bei ihr verbrachte, begann und endete mit diesem goldgelben Maisbrei, die rumänischen Nachbarn nannten ihn Mamaliga. Mal begoss Tante Zinzi den Brei mit süßer Milch, mal bestreute sie ihn mit würzigem Käse. Paul hatte niemals genug davon bekommen können. Und er hatte ihn seit jenen frohen Kindertagen nie wieder gegessen.

Und nun dieser Brief. Mit einer Briefmarke, auf der die Lügenbrücke abgebildet war. In Pauls fassungsloses Staunen mischte sich leises Unbehagen. Genau fünfunddreißig Jahre war es nun her, dass er und der Vater Siebenbürgen verlassen hatten. Fünfunddreißig Jahre, in denen Paul alles getan hatte, um zu vergessen. Den Kummer über das, was er verloren hatte. Die Verwirrung über das, was geschehen war. Die Schuldgefühle, von denen er nicht wusste, woher sie kamen.

Langsam griff er nach einem Brieföffner, betrachtete den Umschlag von vorne, von hinten. Das Siegel, das wohl eine Art Absender darstellen sollte, war so verwischt, dass er es nicht entziffern konnte.

Mit einer einzigen Bewegung schlitzte er den Umschlag der Länge nach auf.

Heraus fiel ein offiziell aussehendes Schreiben. Es stammte, wie Paul erkennen konnte, von einem Anwaltsbüro in Bukarest. Und obwohl Paul seit Jahr und Tag kein Rumänisch mehr gesprochen oder gelesen hatte, verstand er auf Anhieb, was das Anwaltsbüro ihm da mitteilte. Zugleich verstand er kein Wort.

Tante Zinzi war vor sechs Wochen gestorben, Mitte April. Sie hatte ihm ihren Hof vermacht.

Paul starrte auf das Datum, tastete in seiner Hemdtasche nach seiner Lesebrille, setzte sie auf. Mitte April. Das konnte doch nur ein böser Scherz sein.

Wo war sein Telefon? Paul suchte die Wohnung ab, das Schreibzimmer, die Küche, sogar das Schlafzimmer. Schließlich fand er es draußen im Flur auf der Fußmatte. Er musste es einfach fallen gelassen haben. Seine Finger flitzten über die Tastatur, wählten die Nummer des Anwaltsbüros. Doch am anderen Ende nahm niemand ab.

Er verbrachte eine unruhige Nacht. Im Traum erschien ihm Tante Zinzi, klein und zart wie ein Mädchen, die aschblonden Haare unter einem eng geknoteten Kopftuch verborgen. Sie öffnete den Mund, als wolle sie ihm etwas sagen, doch kein Wort kam ihr über die Lippen. Paul schreckte hoch, schweißgebadet. Und nun fluteten sie über ihn hinweg, die Erinnerungen, die er sich so lange verboten hatte.

Tante Zinzi, wie sie ihr Feld am Rande des Dorfes bestellte. Vor den Pflug hatte sie den Ochsen gespannt, sie führte ihn an einem kurzen Strick....


Lioba Werrelmann stammt aus dem Rheinland, hat Politische Wissenschaften studiert und ist seit vielen Jahren für verschiedene Tageszeitungen, Radio- und TV-Anstalten (WDR/ARD) als Redakteurin und Kommentatorin tätig. Mit ihrem ersten Kriminalroman Hinterhaus gewann sie 2020 den renommierten FRIEDRICH-GLAUSER-PREIS für das beste deutschsprachige Debüt. Die Bestsellerautorin lebt und arbeitet in Köln.



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