Werth | Kleiner Angehörigenbegleiter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 334 Seiten

Werth Kleiner Angehörigenbegleiter

Psychologisches Know-How für pflegende Angehörige
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-5412-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Psychologisches Know-How für pflegende Angehörige

E-Book, Deutsch, 334 Seiten

ISBN: 978-3-7597-5412-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer in die Situation gerät, einen Angehörigen bei einer Erkrankung oder entstehenden Hilfsbedürftigkeit begleiten zu wollen oder zu müssen, wird mit Vielem konfrontiert: Die emotionale Belastung der Krankheitssituation, das Überschreiten der eigenen körperlichen und psychischen Grenzen, sich verändernde Beziehungsmuster und Abhängigkeiten voneinander, pflegerische und medizinische Herausforderungen sind nur einige der Aspekte. Trotz immensem Engagements wird Überforderung nicht ausbleiben, denn wer von uns ist schon dafür ausgebildet, mit einer solchen Extremsituation professionell umgehen zu können? Dieses Buch vermittelt Ihnen das nötige psychologische Grundverständnis, um dem Patienten sowie der Begleitungssituation adäquat begegnen zu können. Ein solches Hintergrundwissen wird Ihnen die Belastung nicht nehmen können, aber auf feinfühlige Weise eine klärende Sichtweise auf die Erlebnisse verschaffen und mit zahlreichen konkreten Tipps und Hinweisen die Patientenbegleitung erleichtern.

Prof. Dr. Lioba Werth ist Diplom-Psychologin, Professorin für Wirtschafts-, Organisations- und Sozialpsychologie und seit 25 Jahren als Coach in verschiedensten Branchen tätig. Sie ist Autorin zahlreicher Lehr- und Sachbücher sowie Preisträgerin diverser Forschungs- und Medienpreise. Darüber hinaus ist sie Initiatorin und Programmleitung der Benefizreihe 'Die hohe Kunst des Älterwerdens'. Ihr fachlicher Zugangs sowie ihr persönlicher Erfahrungshintergrund als betroffene Angehörige machen sie zu einer renommierten Expertin für all jene, die sich mit Fragen des Älterwerdens sowie der Patienten- und Angehörigenbegleitung auseinandersetzen möchten.
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1.1 Was es bedeutet, Angehöriger von Patienten zu sein

Angehörige, Zugehörige, Zuhörende, Helfende, Anteilnehmende, Anpackende, Mitfühlende, Begleitende, Bestärkende, Tragende, Tröstende, Aufbauende, Haltgebende, Hoffnungsspendende, Wegbereitende, Impulsgebende, Anspornende, Beruhigende, Vertraute und vieles mehr – wer Sie sind, welche Rollen Sie einnehmen und vor allem welch immense Bedeutung Sie für die Erkrankten haben. Es gibt kein einzelnes Wort, das all die Vielfalt, die Aufgaben, die emotionale Bedeutung zusammenfasst. Wenn in diesem Buch von Ihnen, den Angehörigen, gesprochen wird, dann meine ich damit all dies und das große Unerwähnte ebenso. Was wären Patienten und was wäre die Gesellschaft ohne Sie – die Angehörigen!

Wer ist Angehöriger? So persönlich sich die Rolle des Angehörigen auch anfühlt, so klar ist dies im psychologisch-medizinischen Kontext auch ein fachlicher Terminus. Als Angehörige werden hier „all diejenigen Personen verstanden, die sich in einer vertrauten, häufig auch verpflichtenden Nähe zum Patienten befinden (George & George, 2003, S. 16) und gegenüber dem Betroffenen Verantwortung empfinden, sich angehörig fühlen und bereit zur Unterstützung (jedweder Art) sind“ (Reifegerste, 2019). Gemäß dieser (sozial-)psychologischen Sichtweise sind nicht ausgeführte Pflegehandlungen oder Dienstleistungen oder biologische Verwandtschaftsverhältnisse ausschlaggebend, sondern vielmehr die Verantwortungsübernahme, die anteilnehmende Sorge und damit die Unterstützung für den anderen entscheidend, um jemanden als „Angehörigen“ zu bezeichnen (Klie, 2014).

Die wichtige Funktion/Bedeutung von Angehörigen. Als Angehöriger sind Sie neben den genannten Rollen (Zuhörender, Mitfühlender, Tröstender ...) auch ein Möglichmacher, denn die Selbstbestimmung und Verantwortungsübernahme des Patienten wird in einigen Fällen erst durch Ihre Einbeziehung ermöglicht: Zum Ersten trifft dies zu, wenn ein Patient seinen Willen gerade nicht selbst vertreten kann (bspw., wenn der Angehörige als Bevollmächtigter oder Betreuer auftritt) oder zum Zweiten, wenn Sie als Angehöriger das Selbstvertrauen des Patienten in der Interaktion mit dem Patienten stärken und dieser somit seine Wünsche besser geltend machen kann. Zum Dritten „Sind die Angehörigen auch ein wichtiger Bestandteil der Patientenentscheidungen (George & George, 2003). Medizinische Entscheidungen über Behandlung und Pflege werden oft nicht allein vom Patienten getroffen, sondern im Kontext des sozialen Netzwerks und sind damit auch abhängig von den Vorstellungen von Familienmitgliedern und Freunden (Epstein, 2013). Wichtige Voraussetzung für die Patientenautonomie sind zudem Informationen, die gefunden und verarbeitet werden müssen (Soellner et al., 2009). Häufig sind Patienten damit überfordert, sodass Angehörige sie dabei unterstützen diese Informationen zu finden, zu filtern und einzuordnen (Cutrona et al., 2016). Schließlich (...) leisten sie einen wichtigen Beitrag zur körperlichen, aber vor allem auch zur psychologischen und sozialen Gesundheit (d. h. Lebensqualität) der Patienten, z.B. indem sie wichtige Informationen über zentrale Bedürfnisse und Gewohnheiten eines Patienten liefern (Woods et al., 2009).“ (aus Reifegerste, 2019; siehe auch nachfolgenden Kasten).

Wenn wir in diesem Buch darüber sprechen, was es ist, was Sie für den Patienten tun, gilt es, drei zentrale Begrifflichkeiten zu unterscheiden: Pflegeverantwortung, Pflege und Begleitung.

Pflegeverantwortung. Möglicherweise übernehmen Sie als Angehöriger Pflegeanteile im engeren Sinne, das heißt die körperliche Pflege. Vielleicht haben Sie diese aber auch aufgeteilt oder ausgelagert (an professionelle Pflegedienstanbieter) oder begleiten Ihren Angehörigen in einer stationären Einrichtung, in der für alles Körperliche bereits gesorgt ist. Als Angehöriger organisieren Sie dafür vermutlich zahlreiche der oben genannten Dinge im Hintergrund. Auch dieses Zusammenhalten der Fäden ist eine Form der Pflegeverantwortung bzw. Wahrnehmung von Pflegeaufgaben im weiteren Sinne. Vermutlich werden Sie Ihren Patienten auch in weiteren wichtigen Aspekten unterstützen:1 Sie unterstützen bei der selbstständigen Einnahme von Mahlzeiten, motivieren zum Trinken oder Bewegen, lesen aus der Tageszeitung vor, erzählen, machen mit dem Patienten Spiele und – vor allem – hören zu und teilen sein emotionales Erleben. Kurzum, Sie durchleben mit ihm die Höhen und Tiefen der Krankheitsbewältigung und tragen vor Ort oder im (organisatorischen) Hintergrund zum Gelingen des Ganzen bei.

Wie Sie sehen, müssen nicht unbedingt pflegerische Handlungen im engeren Sinne übernommen werden, um als pflegender Angehöriger zu gelten. Entsprechend lautet die formale Definition: „Vielmehr können unter pflegenden Angehörigen alle einer pflegebedürftigen Person nahestehenden Menschen verstanden werden, die dieser regelmäßig und nicht erwerbsmäßig bei der Lebensführung helfen. Dazu gehören zum Beispiel die Unterstützung beim Gehen, An- und Auskleiden, Waschen oder beim Toilettengang. Aber genauso werden etwa auch die Unterstützung beim Einkaufen, Kochen, Putzen, bei der Medikation, bei finanziellen Angelegenheiten, Behördengängen oder Arztbesuchen hinzugerechnet. Ebenso kann die Organisation der Pflege oder die emotionale Unterstützung als relevante Tätigkeiten pflegender Angehöriger angesehen werden.“ (aus ZQP, 2023).

Viele Menschen übernehmen private Pflegeverantwortung neben ihrer Erwerbstätigkeit (Büscher et al., 2023). Es gibt hierbei Geschlechtsunterschiede: Männer übernehmen in der Patientenbegleitung eher Aufgaben und Themen der Organisation, Frauen eher die Pflege im engeren Sinne. Geschlechtsunabhängig verteilt sich die private Übernahme der Pflegeverantwortung auf diese Zielgruppen:

  • 56,2% für (Schwieger-) Eltern
  • 21,9% für (Ehe-) Partner
  • 12,8% für (erwachsene) Kinder
  • 9,1% für andere Personen

Patientenbegleiter. Der Begriff „Patientenbegleiter“ bzw. „Patientenbegleitung“ wird überwiegend für sowohl ehrenamtlich als auch hauptamtlich tätige Personen verwendet, die sich als „Patientenbegleiter“ anbieten (kostenfrei oder kostenpflichtig). Solche Patientenbegleiter ergänzen die Arbeit der behandelnden Ärzte, Therapeuten und Sozialdienste und übernehmen Aufgaben, für die der Arzt häufig nicht ausreichend Zeit hat. Sie geben Empfehlungen zu Hilfsmitteln, die den Alltag erleichtern können und vermitteln Kontakte, zum Beispiel zu Pflege- oder Sozialdiensten vor Ort. Sie unterstützen bei der Frage, welche Möglichkeiten der Rehabilitation vor Ort gegeben sind oder ob die Pflege zu Hause oder über Kurzzeitpflege organisiert werden kann. Besonders häufig helfen die Patientenbegleiter, den Wechsel eines Patienten von der stationären in die ambulante Behandlung zu erleichtern. Beispielsweise stellen sie sicher, dass der Patient nach einem Klinikaufenthalt zu Hause gut versorgt ist und minimieren so das Risiko, dass er aufgrund einer unzureichenden häuslichen Versorgung erneut ins Krankenhaus eingewiesen werden muss.

Als Angehöriger werden Sie möglicherweise die Unterstützung eines solch offiziellen Patientenbegleiters in Anspruch nehmen oder aber einige bis alle dieser Aufgaben selbst wahrnehmen. Im Rahmen dieses Buchs wird von letzterem Fall ausgegangen, so dass Sie dann herausgreifen können, was für Sie relevant ist und was Sie an Aufgaben an andere delegieren können bzw. wollen.

Die herausfordernde Situation eines Angehörigen

Einen Patienten zu begleiten, ist keine einfache Sache, sondern ein emotional und energetisch höchst anspruchsvolles Unterfangen. Dies gilt selbst dann, wenn man bis dato ein gut eingespieltes, sich blind verstehendes Miteinander hatte. Was macht das Miteinander von Ihnen und dem Patienten so herausfordernd?

Die Krankheit dominiert. Es ist ganz natürlich, dass die Krankheit in den Fokus rückt, zum Ersten ist sie der Übeltäter, der Ihrer beider Leben aus der Spur geworfen hat. Zum Zweiten ist sie der Taktgeber für den Tagesablauf oder die notwendigen Handlungen, zum Dritten ist man von Sorge geprägt und damit immer wachsam für alles, was mit der Krankheit zu tun hat und zum Vierten ist die Erkrankung meist tagesformabhängig oder wechselnd, so dass man sie stets im Blick haben und sich daran ausrichten muss (oder meint, dies tun zu müssen). Die Angehörigen stehen daneben, sind aber doch irgendwie mittendrin, werden von der Dynamik des Geschehens „verschluckt“ bzw. vereinnahmt. Die Gefahr ist, dass sich das Leben des Patienten und das des pflegenden Angehörigen vermischen und zwar so sehr, dass sich das des Angehörigen nahezu auflöst und er das des Patienten mehr oder minder mitlebt. Dabei vergessen sie oft eine...



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