E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Werth / Stark / Bark Reflektorische Atemtherapie
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-6555-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein ganzheitliches Therapiekonzept
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6555-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
REFLEKTORISCHE ATEMTHERAPIE Ein ganzheitliches Therapiekonzept In einer überarbeiteten Neuausgabe Die Reflektorische Atemtherapie, ursprünglich von Dr. J. Ludwig Schmitt als Atemheilkunst entwickelt, wurde von Liselotte Brüne über Jahrzehnte weiterentwickelt und als physiotherapeutische Behandlung etabliert. Durch gezielte Stimulation spezifischer Körperrezeptoren beeinflusst der Therapeut den Atemrhythmus des Patienten und fördert so eine verbesserte Atemfunktion sowie eine gesteigerte Beweglichkeit. Diese Methode findet erfolgreich Anwendung bei Atemwegserkrankungen, Beschwerden des Bewegungsapparats, inneren Organstörungen, neurologischen und psychosomatischen Erkrankungen sowie in der Intensivmedizin. Das Standardwerk von Liselotte Brüne wurde in dieser Neuausgabe von erfahrenen Lehrtherapeuten umfassend überarbeitet und erweitert - ein unverzichtbares Fachbuch für alle, die mit der Reflektorischen Atemtherapie arbeiten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. Atmung – ein ganzheitlicher Blick auf Anatomie und Physiologie
Christina Stark
„Atem ist Leben.“
Dieser oft zitierte Ausspruch von Dr. J. L. Schmitt beschreibt nicht nur die Tatsache, dass unser Körper schon nach wenigen Minuten ohne Atmung an lebenswichtigen Funktionen des Körpers Schaden nimmt, vielmehr verdeutlicht er den beeindruckend ganzheitlichen Ansatz, mit dem der Atemdoktor die Bedeutung der Atmung für Körper, Geist und Seele erfasste.
Die primäre Funktion der Atmung ist der Gasaustausch. Dieser umfasst die Aufnahme von O2 über die Lungen ins Blut und in jede einzelne Zelle, um dort die sogenannte Zellatmung zu ermöglichen, sowie die Abgabe des CO2, welches im Rahmen der (über)lebenswichtigen Energiegewinnung als Abbauprodukt anfällt. Für die äußere Atmung ist ein komplexes Zusammenspiel von Lunge und Atempumpe erforderlich. Die Atempumpe wird gebildet aus dem Zwerchfell, der Atemhilfsmuskulatur, aus allen knöchernen Anteilen des Rumpfes, sowie den beteiligten Strukturen des zentralen und peripheren Nervensystems (vgl. 2.1).
Der Organismus passt die Atmung fortlaufend an die Gegebenheiten und Erfordernisse des atmenden Wesens an. Mit großer Variabilität reagiert die Atmung auf interne und externe Reize und vermag so den Körper leistungsfähig und in Balance zu halten. Das Atemzentrum empfängt vielfältige Informationen aus der Lunge, dem Blut, der Muskulatur, den Gelenken, aber auch aus wichtigen Arealen des Zentralen Nervensystems. Es verarbeitet diese Signale und reagiert entsprechend mit einer Steigerung oder einer Reduzierung der Atemtätigkeit. Als wären die Mechanismen der Atemregulation nicht schon komplex genug, besitzt der Mensch die besondere Fähigkeit, diese Vitalfunktion willkürlich zu beeinflussen und kann sich damit „die dem Menschen zu Gebote stehenden Mächte der Atmung“ (Schmitt 1981) zunutze machen (vgl. 2.2).
Neben dieser primären Funktion erfüllt die Atmung wichtige nicht-respiratorische Funktionen. Sie leistet einen entscheidenden Beitrag zur Aufrechterhaltung eines ausgewogenen Säure-Basen-Haushaltes und ist Hilfsmotor für das kardiovaskuläre und lymphatische System. Die Atmung unterstützt unsere Immunabwehr und wirkt über die Abgabe von Wärmevor allem bei Fieber, Sport oder warmer Umgebung als Thermoregulator. Das Zwerchfell stellt zudem ein wichtiges Zentrum unseres Haltungs- und Bewegungsapparates dar. Als Atemstrom ermöglicht die Atmung die Kommunikation und Kontaktaufnahme mit der Umwelt. Es ist unser Atem, der uns „sprechen, singen, summen“ lässt und nicht zuletzt unserer Emotion und Persönlichkeit Ausdruck verschafft (vgl. 2.3).
Die Reflektorische Atemtherapie nimmt direkt Einfluss auf die Mechanismen der Atemregulation und kann damit auf alle Funktionen der Atmung wirken (vgl. 2.4).
2.1 Die Atembewegung
In der praktischen Umsetzung richtet sich die Reflektorische Atemtherapie nach dem fortwährenden „Atemschauen“, also der intensiven Inspektion und Befundung über die Atembewegung des Patienten. Jeder Atemzug wird aufmerksam beobachtet und dient als feiner Indikator für den weiteren Behandlungsverlauf. Ziel der Therapie ist das Wiederherstellen einer Atemexpansion, die dem physiologischen Optimum möglichst nahe kommt. Das Zwerchfell und seine Funktion stehen dabei im Mittelpunkt.
2.1.1 Das Zwerchfell – strukturelle und funktionelle Anatomie
Das Diaphragma abdominale wird häufig als kuppelartige, den Rumpf in Brust- und Bauchraum trennende Struktur beschrieben. Aus funktioneller Sicht überwiegt der verbindende Charakter. Es verbindet die Wirbelsäule mit Rippen und Sternum und ist in nahezu alle myofaszialen Leitbahnen eingebunden. Seine Lageveränderungen beeinflussen die Druck- und Spannungsverhältnisse in den oberhalb und unterhalb gelegenen Räumen und Strukturen.
Struktureller Aufbau
Entsprechend der Ursprungsgebiete der muskulären Fasern werden drei Anteile der Pars muscularis beschrieben.
- Die findet ihren Ursprung an der Rückseite des Brustbeins. Dort steht sie in enger Nähe mit dem M. transversus thoracis.
- Die ist lateral an den Innenseiten der 6. – 12. Rippe verwachsen. Sie hat engen Bezug zu den Fasern der Mm. intercostali interni sowie dem Bauchmuskelkorsett der Mm. obliquii interni und externi und vor allem des M. transversus abdominis.
- Die hat einen medialen und einen lateralen Teil.
- Medial ist das Zwerchfell mit festen Sehnenzügen an die Lendenwirbelsäule angeheftet. Der linke Zwerchfellschenkel zieht kaudalwärts bis auf Höhe des LWK1-2, der kräftigere, rechte Zwerchfellschenkel bis LKW 3.
- Lateral entspringen die Fasern des Zwerchfells an zwei sehnigen Bögen. Dorsal dieser Bögen ziehen der M. quadratus lumborum und der M. psoas major aus dem Becken in den Bauch- und Thoraxraum.
Über die festligamentären Ursprünge des Zwerchfells an den knöchernen Strukturen der Wirbelkörper, der Querfortsätze, der Dornfortsätze und der Rippen, erklärt sich die erhebliche Wechselwirkung von Zwerchfellfunktion und Form bzw. Haltung der LWS (vgl. 2.1.4).
Viele spezifische Griffe der Reflektorischen Atemtherapie setzen an diesen Strukturen an.
Alle muskulären Anteile des Zwerchfells setzen an einer zentral im Rumpf liegenden, herzförmigen Sehnenplatte an, dem Centrum tendineum. Dieses ist in sich kaum elastisch und wird durch die Kontraktion der ansetzenden faserigen Anteile Richtung caudal in Bewegung gebracht.
Zwerchfell von caudal
Die Durchtrittstellen und ihre Relevanz für die Reflektorische Atemtherapie
Das Centrum tendineum bietet der Vena cava im Foramen venae cavae eine stabil ringförmige Durchtrittsmöglichkeit.
Lumbal bilden die muskelfaserigen Anteile eine Muskelschlinge, die als Hiatus oesophagus nicht nur den Durchtritt des N. vagus und des linken Astes des N. phrenicus ermöglicht, sondern auch die Speiseröhre umschließt. Zustand, Tonus und Kontraktilität des Zwerchfells übernehmen hier eine entscheidende Sphincterfunktion für den Magenausgang. Nahe dieser Muskelschlinge liegt der Solar plexus. Diese wichtige Umschaltstelle des vegetativen Nervensystem, genauer gesagt des Sympathicus, versorgt die Organe des Abdomens.
Durch den sehnigen Bogen der Zwerchfellschenkel, dem Hiatus aorticus, treten die Aorta, die Vv. azygos und hemiazygos und der für den lymphatischen Abfluss bedeutende Ductus thoracicus. Hier ziehen auch die Nn. splanchnici majores und minores zu den sympathischen Ganglien des Oberbauches.
Zwerchfell von cranial
Der Truncus sympathicus, der maßgeblich die Versorgung des gesamten Oberbauchs und des Dünndarms reguliert, tritt lateral der Zwerchfellschenkel aus dem Thorax in den Bauchraum. Durch den direkten Kontakt an den Durchtrittsstellen nehmen der Trainingszustand und der Tonus des Zwerchfells großen Einfluss auf alle genannten Strukturen des arteriellen, venösen und lymphatischen Systems, sowie auf die somatische und vegetative Innervation.
Innervation, Tonus und Durchblutung des Diaphragmas
Das Diaphgrama abdominalis ist motorisch innerviert durch den N. phrenicus, dessen Äste auf Höhe C3-C5 beidseitig aus dem Plexus cervicalis entstehen. Die Äste verlaufen unterhalb der Fascia praevertebralis. Nachdem der N. phrenicus auf Höhe der Pulmonalwurzel weitere Verzweigungen abgegeben hat, die das Pericard versorgen, treten seine neuralen Ausläufer im weiteren Verlauf durch die Muskelfasern des Diaphragmas hindurch.
N. Phrenicus
Das Centrum tendineum wird von sensiblen Fasern des N. phrenicus versorgt. Dieser innerviert zudem ein Segment des C3, sodass ein Reizzustand des Zwerchfells als übertragener Schmerz im zugehörigen Dermatom als Schulter- oder Nackenschmerz wahrgenommen werden kann (vgl. 2.4.2). Die muskulären Anteile des Zwerchfells werden sensibel über die Intercostalnerven der Segmente T16 bis Th12 versorgt.
Tonus und Durchblutungssituation des Zwerchfells werden durch das autonome Nervensystem moduliert. Sympathische Reize wirken vasokonstriktiv und steigern die Kontraktilität. Die parasympathische Innervation über den N. vagus ist maßgeblich an einer suffizienten Nährstoffversorgung, Entspannungsfähigkeit und Geweberegeneration des Zwerchfells beteiligt. Schnelle Afferenzen des Phrenicus melden Informationen über den Versorgungszustand des Zwerchfells an das Atemzentrum. Bei erhöhter Belastung oder Ermüdung wird hierüber die Blutversorgung reflexartig aus der Peripherie zum Zwerchfell umverteilt. Somit kann die extrem hohe Durchblutungsrate des Zwerchfells jederzeit gewährleistet werden, im Zweifelsfall zu Lasten der Versorgung der Peripherie.
Das genaue Wissen um alle Anteile der Innervation ermöglicht den gezielten therapeutischen Blick und die Einflussnahme auf Bereiche erhöhter Spannung. So kann z.B. eine intensive Behandlung der cervikalen Strukturen, die Funktion des N. phrenicus maßgeblich...




