E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Westera Trampolin-Sommer
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-440-16544-7
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-440-16544-7
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 11-jährige Kalle aus den pfannkuchenplatten Niederlanden verbringt die Sommerferien bei seiner Freundin Kimberley in den Schweizer Bergen. Ein Baumhaus, ein Trampolin und aufregende Abenteuer – eigentlich fehlt nichts zum perfekten Ferienglück. Noch besser wäre es allerdings, wenn Kalles Mama und Kimberleys Papa sich auch finden würden. Dann wären alle wieder eine Familie…
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Gute Reise!
Es ist fünf vor neun. In ein paar Minuten fährt der Bus ab. Es ist ein Doppeldecker und Kalle sitzt oben, ganz vorn. Auf dem zweitschönsten Platz, den es gibt, hat der Fahrer mit dem Schnurrbart gesagt. (Der schönste Platz ist natürlich hinter dem Lenkrad.)
Neben Kalle sitzt eine Frau mit roten Haaren. Sie hat eine riesige Tasche bei sich und er kann sehen, dass jede Menge zu essen und zu trinken darin ist. Kein Wunder, die Fahrt ist nämlich ziemlich lang.
Draußen unterhält sich seine Mutter mit dem Busfahrer. Kalle kann zwar durch die Scheibe nichts hören, aber er weiß ganz genau, was sie sagt: „Würden Sie ein bisschen auf meinen Sohn aufpassen? Und ihm sagen, dass er unterwegs genug trinken soll? Könnten Sie vielleicht auch darauf achten, dass er nach den Pausen wieder im Bus sitzt? Ich habe da mal eine Geschichte über einen achtjährigen Jungen gelesen, der an einer Tankstelle in Frankreich vergessen wurde …“
„Es ist jetzt kurz nach neun Uhr“, ruft der Busfahrer danach durchs Mikro. „Eigentlich sollte es jetzt losgehen. Aber laut unserer Liste fehlt noch ein Herr De Later.“ Sofort blicken sich alle Leute im Bus um.
„Sollte Herr De Later doch schon im Bus sitzen, würde er sich dann bitte jetzt bei mir melden?“, sagt der Fahrer.
Doch niemand reagiert.
Kalle sieht aus dem Fenster. Seine Mutter schaut zu ihm herauf und er winkt ihr zu. Hoffentlich geht die Fahrt bald los. Sonst muss er am Ende doch noch heulen, und das will er auf keinen Fall. Beeil dich, Herr De Later!
Der Fahrer kommt die Treppe hoch und zählt die Leute, die oben sitzen.
„Sechsundvierzig, siebenundvierzig, achtundvierzig …“
Kalle dreht sich um. Wenn er sich hinkniet, kann er gerade so über die Rückenlehne gucken. Hinter ihm sitzt ein Mann mit Glatze und ziemlich großen Kopfhörern. Er hat die Augen zu und wippt mit dem Kopf, als würde er tanzen. „Achtundvierzig plus achtzehn macht sechsundsechzig“, zählt der Fahrer. „Komisch. Das stimmt doch.“
Er schaut auf seine Liste und sieht sich eine Weile im Bus um. Dann geht er schließlich zu dem kahlköpfigen Mann mit den Kopfhörern und tippt ihm kräftig auf die Schulter.
„Hallo? Sind Sie vielleicht Herr De Later?“
Der Mann zieht die Kopfhörer von den Ohren.
„Reden Sie mit mir?“
„Das hoffe ich doch. Sind Sie Herr De Later?“
„Sie können ruhig Joost sagen.“ Der kahlköpfige Mann streckt ihm freundlich die Hand entgegen.
Aber der Fahrer macht nur einen Haken auf der Liste und verschwindet nach unten.
Jetzt schauen alle Leute, die oben sitzen, zu Herrn De Later. Manche kichern sogar ein bisschen.
„Ist was?“, fragt Herr De Later verwirrt.
Kalle und die Leute um ihn herum schütteln lachend die Köpfe. Es ist ja nichts passiert. Und alle hier sind bester Laune. Endlich geht es los, in den Urlaub!
Kalle setzt sich wieder richtig hin. Als er rausschaut, sieht er, dass seine Mutter ihm immer noch zuwinkt. Oder schon wieder, das weiß er nicht so genau.
„Jetzt sind wir vollständig, wir brechen auf“, sagt der Fahrer durch das Mikro.
Der Motor geht an. Kalle spürt ein Kribbeln im Bauch, ein heftiges, brodelndes Kribbeln. Jetzt geht es wirklich los. Er fährt weg, ganz weit, bis in die Schweiz. Und seine Mutter kommt nicht mit, sondern steht vor dem Bus und winkt. Jetzt winkt sie sogar mit beiden Händen.
Ob es in ihrem Bauch auch so kribbelt? Oder geht das nur Kindern so, wenn etwas Aufregendes passiert?
„Ist das da draußen deine Mutter?“, fragt die Frau neben ihm.
Kalle nickt.
„Fährt sie denn nicht mit?“
Was für eine doofe Frage, denkt Kalle. Wenn sie mitfahren würde, würde sie doch jetzt nicht mehr auf dem Bürgersteig stehen, sondern im Bus sitzen.
Er schüttelt nur den Kopf und denkt an Kimberley. Sie hätte jetzt bestimmt etwas Cooles geantwortet. Zum Beispiel: „Ja, klar kommt meine Mutter mit, sie rennt bloß lieber hinter dem Bus her.“
Oder: „Natürlich, aber sie hat einen Platz im Gepäckraum.“ So was in der Art halt.
„Tschüüüs“, ruft seine Mutter draußen auf dem Fußweg.
„Tschüüüs“, ruft Kalle zurück.
Der Bus fährt los. Kalle winkt so wild, wie er kann. Seine Mutter schickt ihm einen ganzen Schwarm voller Küsse hinüber.
„Tschüüüs!“
„Tschüüüs!“
Und weg sind sie.
Inzwischen hat die Frau ihre Brotdose herausgeholt. Unglaublich, wie viel da reinpasst! Kalle sieht einen ganzen Berg belegter Brote, zwei Karotten, eine Banane, ein Stück Käse und ein Ei. So viele Sachen in so einer riesigen Brotdose hat Kalle noch nie gesehen.
Die Frau nimmt sich eine Karotte.
„Willst du auch eine?“, fragt sie.
„Nein, danke.“ Kalle schüttelt den Kopf.
Aber sie drückt ihm die Karotte einfach in die Hand.
„Karotten sind sehr gesund“, sagt sie. „Sie haben viel Vitamin C. Und außerdem sind sie gut für die Augen. Darum können Kaninchen im Dunkeln so gut sehen. Müssen sie auch, sonst verlaufen sie sich in ihren dunklen Löchern.“
Aber ich bin kein Kaninchen, denkt Kalle. Und ich wohne auch nicht in einem Loch. Ich habe ein ganz normales Zimmer, in dem ich abends das Licht anschalten kann.
Er legt die Karotte zurück in die Brotdose.
„Willst du keine?“, fragt die Frau erstaunt.
Kalle schüttelt den Kopf. „Ich habe selber Karotten dabei.“
Zum Glück, das hilft. Die Frau nimmt ein Buch aus ihrer Tasche und beginnt darin zu blättern. Auch Kalle zieht sein Buch heraus. Es handelt von zwei Jungs, Bert und Bart, die die Welt retten wollen. Er hat es schon zwei Mal gelesen, findet es aber immer wieder lustig. Auch die Bilder sind klasse. Wenn er das Buch durchgelesen hat, will er sie anmalen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragt die dicke Frau, als Kalle gerade eine halbe Seite gelesen hat.
„Kalle.“
„Ich heiße Ans. Dein Buch gefällt mir, es hat so viele Bilder. In Büchern für große Leute gibt es fast nie Bilder. Eigentlich schade, oder? Darf ich es lesen, wenn du es aushast? Mit den vielen Bildern bist du bestimmt schnell fertig.“
„Von mir aus“, sagt Kalle.
Eigentlich hätte er Nein sagen müssen, er will ja die Bilder anmalen, wenn er das Buch durchgelesen hat. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt hat er schon zugestimmt.
„Schön“, sagt Ans und nimmt sich wieder ihr eigenes Buch.
Kalle liest weiter. Bert und Bart schießen mit einem Abfluss-Gummireiniger in der Gegend herum. Natürlich tun sie nur so, als ob. Aber ihre Mutter findet das trotzdem nicht so toll und nimmt ihnen das Saugding weg.
Neben ihm seufzt Ans tief auf.
„Mein Buch ist wirklich sehr langweilig“, sagt sie. „Aber ich lese es trotzdem zu Ende. Es hat nämlich neunzehn Euro fünfundneunzig gekostet. Nächstes Mal kaufe ich ein Kinderbuch mit richtig vielen Bildern. Wie viel hat dein Buch gekostet?“
„Nichts“, antwortet Kalle. „Ich hab es geschenkt gekriegt, als ich ein anderes Buch gekauft habe.“
„Ehrlich?“
Kalle nickt.
„Und das andere Buch? Wie teuer war das?“
„Das weiß ich nicht mehr. Das hat mein Opa bezahlt.“
„Glückspilz!“, ruft Ans aus. „Mir schenkt nie jemand ein Buch.“
Kalle findet sie zwar ganz nett, aber sie redet ein bisschen viel. Wenn sie so weitermacht, wird er mit der Geschichte nie fertig.
Er blickt sich im Bus um. Manche Leute lesen. Andere schauen aus dem Fenster oder reden mit ihrem Sitznachbarn. Herr De Later tanzt immer noch mit dem Kopf. Außer der Musik hört er gar nichts, egal, wie laut man ihn anspricht.
Kalle nimmt seinen MP3-Player und steckt sich die Kopfhörer in die Ohren. Dann drückt er ein bisschen an den Knöpfen herum, damit es so aussieht, als ob er Musik auswählt.
„Was tust du denn jetzt?“, hört er Ans sagen. „Mit Musik in den Ohren lesen? Kannst du das? Ich nicht.“
Kalle fängt an, mit dem Kopf zu tanzen, genau wie Herr De Later. Und es funktioniert: Ans hält auf einmal den Mund. Erst blättert sie noch eine Weile in ihrem langweiligen Buch und dann schläft sie ein. Kalle hört sie leise schnarchen.
Er liest das Buch über Bert und Bart, die die Welt retten, zum dritten Mal aus. Dann nimmt er sein Mäppchen aus dem Rucksack und fängt an, die Bilder anzumalen. Als er mit einer Zeichnung von der Mutter mit dem Abfluss-Reiniger und einem Staubsaugerrohr beinahe fertig ist, fährt der Bus auf einen Rasthof.
Ans schreckt aus dem Schlaf hoch.
„Was ist los? Sind wir schon da? Nein, nein. Uiuiui, was bin ich steif. Und ich muss ganz dringend aufs Klo. Du doch sicher auch? Komm ruhig mit mir mit, das mit den Toiletten ist nämlich auf Autobahnen sehr kompliziert. Erst musst du zahlen, dann einen Zettel ziehen, und wenn du gepinkelt hast, kannst du dir mit dem Zettel im Restaurant etwas zu trinken holen. Davon musst du wieder pinkeln, sodass du an der nächsten Raststätte schon wieder einen Zettel fürs Klo ziehst und dir damit etwas zu trinken holst. Oder du nimmst Schokolade. Dann musst du nicht so oft auf Toilette, das ist...




