Westerman | Sieben Tiere schlagen zurück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Westerman Sieben Tiere schlagen zurück

Wenn Mensch und Natur sich in die Quere kommen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-534-61178-2
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wenn Mensch und Natur sich in die Quere kommen

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-534-61178-2
Verlag: Theiss in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sieben Tiere halten in Frank Westermans neuestem Buch unserer Spezies einen Spiegel vor: Narwal, Lemming, Aal, Ringelgans, Eisbär, Rentier und Königskrabbe. Vor dem Hintergrund der schmelzenden Polkappen nehmen sie den Leser mit auf eine Reise, die von Anpassung, Leben und Tod handelt. Jede Art wirft ihr eigenes Licht auf die globale Erwärmung und ihren Verursacher, den Homo sapiens. In den sieben Kapiteln des Buches sind diese sieben Tiere die tragischen Protagonisten. Jedes Kapitel bietet dazu eine vielgestaltige und mitreißende Erzählung. Ein Einhornwal-Stoßzahn wird benutzt, um einen Terroranschlag in London zu verhindern; Walt Disney kauft von Inuit-Kindern Lemminge, um sie über eine Klippe zu jagen; Russland und Norwegen spielen ihren neuen Kalten Krieg mit Rentieren als Spielfiguren aus; ein ungeklärtes Massensterben von Ringelgänsen wird aufgeklärt; und Westerman riskiert sein eigenes Leben und das seiner Tochter beim Campen im norwegischen Svalbard am Ort eines tödlichen Eisbärenangriffs. Ein einzigartiges Stück Nature Writing voll tiefgründiger Einsichten und literarischer Virtuosität.

 Frank Westerman   ist ein Meister der literarischen Reportage; er gilt als einer der wichtigsten Autoren im erzählenden Sachbuch der Niederlande. Seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Wasserbau arbeitete Westerman als Korrespondent für zwei große Tageszeitungen in Belgrad und Moskau. Er lebt und arbeitet in Amsterdam.
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Irrgäste


1

Butterland – (Seefahrt) Land, das Seefahrer infolge von Sinnestäuschungen zu sehen glauben; das beim Näherkommen gewissermaßen dahinschmilzt.

Woordenschat, verklaring van woorden en uitdrukkingen, 1899

Vor Hunderten von Jahren, noch bevor die Kleine Eiszeit Einzug hielt, wussten Seeleute bereits, dass Land schmelzen konnte – wie Butter. Mehr als einmal hatten sie es vor ihren Augen geschehen sehen. Erst schien er noch vielversprechend zu sein, der solide Streifen, der sich am Horizont erstreckte. Doch sobald sie darauf zusegelten, begann die Küstenlinie zu zerfließen, und sobald die Matrosen eine Schaluppe herunterließen, um zu den sahnefarbenen Dünen zu rudern, lösten sie sich auf. Stellten sich bloß als Wasser heraus.

Obwohl das Butterland unterschiedliche Gestalten annehmen kann, ist es immer eine Illusion (und meistens auch eine Desillusion). Eine klassische Erscheinungsform findet sich im Schiffstagebuch von Arthur Pet, einem englischen Seefahrer, der im Jahr 1580 das unauffindbare »Willoughby’s land« suchte, das auf 72 Grad nördlicher Breite liegen sollte, irgendwo in der Gegend von Nowaja Semlja. An Bord seines Dreimasters, der George of London, entdeckt Pet am 7. Juli »perfect land« – im Norden. Das konnte die zugefrorene, unbewohnte Küste (nur mit Enten) sein, an die es im Jahr 1553 den niemals zurückgekehrten Sir Hugh Willoughby verschlagen hatte. Doch schon bald ballen sich die Wolken zusammen, und Pet verliert das Land aus den Augen. Zwei Tage später, am 9. Juli, taucht das »schattenhafte Land« erneut auf. Stundenlang segelt die George kreuzend darauf zu, bis die Schiffsbesatzung (»nine men and a boy«) einsieht, dass man auf eine Nebelbank zusteuert. »It was but fogge.«

Arthur Pet kam dahinter, »dattet maer mist was«, dass es nur Nebel war. So steht es fast hämisch in der altholländischen Übersetzung seines Reiseberichts, einer Schrift, die unser Willem Barents, »der Kolumbus des Eises«, eine Woche vor seinem Tod auf Nowaja Semlja zurückgelassen hatte.

Der Seefahrer Barents – noch 2004 stand er auf Platz 56 der hundert berühmtesten Niederländer aller Zeiten – ist ein Mann in den Vierzigern mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, einem Spitzbart und einem gleichmäßig an den Horizont gekämmten Schnurrbart. Dass er Lehren aus den Fehlschlägen seiner Vorgänger gezogen hat, kann nicht verhindern, dass auch er auf den Butterlandeffekt hereinfällt.

Das Phänomen zeigt sich auf seiner dritten und letzten Polarreise, am Morgen des 5. Juni 1596. Einer von Barents’ Matrosen sieht in der Ferne weiße Schwäne schwimmen. Als Erster. Sofort ruft er seine Vorgesetzten an Deck – den Chronisten, den Steuermann und den Schiffsführer.

Ganz in Weiß treiben die Tiere vorbei, ohne sichtbare Anstrengung, so, wie es nur Schwäne können.

»Tatsächlich«, steht es an diesem Mittwoch in verschnörkelter Schrift im Schiffstagebuch, »so wie Schwäne«. Das Schiff von Steuermann Barents, das unter der Flagge der Stadt Amsterdam fährt, heißt Witte Swaen, der weiße Schwan. Vier Tage zuvor, am Samstag, dem 1. Juni, hatten sie sich noch auf Höhe des Nordkaps, dem nördlichsten Knochen des buckligen Rückens von Norwegen bei 71 Grad nördlicher Breite, befunden. An dem Tag »ging die Sonne nicht mehr unter«.

Als die Gruppe von Schwänen in Sicht kommt, sind die Seefahrer »sicher sechzig Meilen vom Land« entfernt. Sie haben schon gut Fahrt aufgenommen in Richtung China, Japan und der Molukken. Barents segelt auf der kürzesten, noch von niemandem zuvor befahrenen Route, quer über den Nordpol. Man spanne eine Schnur über die Oberseite des Globus und folge ihrem Verlauf: der direkte Weg von Europa nach Asien.

Das ist ihr ultimativer Versuch. Sollte er gelingen und sie eine Durchfahrt um den Nordpol entdecken, erwarten sie bei der Rückkehr Marco-Polo-artiger Ruhm, eine Prämie von 25.000 Gulden sowie eine zweijährige Befreiung von Zollgebühren auf alle Waren, die sie über diese neue Handelsroute einführen.

Allein, die Schwäne verwandeln sich in Eisschollen.

»Nachts segelten wir weiter«, fährt der Reisebericht munter fort. Die Sonne steht fest im Norden. Sie bleibt ein Grad über dem Horizont hängen, scheint dann ein Stück ostwärts zu rollen, um in den Morgenstunden wieder hoch über den Wellen aufzusteigen. Die Mitternachtssonne ist das sommerliche Spiel der Himmelsgötter, die sich, jedes Mal mit einem Stoß, einen glühenden Ball zuspielen.

Schon gleich am nächsten Tag, Donnerstag, dem 6. Juni, fügen sich die schwanenförmigen Schollen wie auf Zuruf zu Eisflächen zusammen, und gegen Abend stößt die Witte Swaen auf den undurchdringbaren Rand des Packeises. Willem Barents verlegt den Kurs nach Westen, er wird zur Seite gedrückt. 7. Juni: »Wir sahen so enorm viel Eis, dass es keine Worte dafür gibt. Wir segelten hindurch, und es schien, als segelten wir zwischen zwei Stücken Land. Das Wasser war so grün wie Gras. Wir vermuteten, bei Grönland zu sein.«

Mit Überquerung des Polarkreises ist die Besatzung in eine unbekannte Welt eingefahren, in der Geräusche weiter tragen als gewöhnlich. An Nebeltagen kann man das Treibeis knacken hören, noch bevor man es sieht. Das Meer geht ohne Horizont in einen fahlgrauen Himmel über. Weiter nach Norden hin taucht »ein großes Ding« auf, das in den Wogen still daliegt. Beim Näherkommen stellt es sich als ein toter Walfisch heraus, dessen Gerippe unter den Möwen verschwindet.

Abgesehen vom Packeis und den masthohen Eisbergen, die ihr Schiff schließlich wie eine Walnuss knacken werden, springt in ihrem Logbuch vor allem eines ins Auge: »das Getier«. Bekannt und unbekannt, eingezeichnet auf ihren Karten als (See-)Ungeheuer mit schuppigen Kragen, wunderlichen Schwimmhäuten und aufgesperrten Mäulern.

Wer die bewohnte Welt verlässt, bekommt einen Blick für die Tiere. Es folgen first encounters, die außerirdisch anmuten. In ihren Begegnungen mit der Fauna der Polarregion lernen wir zwischen den Zeilen auch die scheinbaren Helden dieser Geschichte kennen: was sie denken, fühlen und fürchten, nach welchem moralischen Kompass sie segeln, wer sie sind in ihrer Zeit. Die arktischen Tiere halten ihnen einen besseren Spiegel vor, als es die glatteste Eisfläche könnte.

2

Freya – nordische Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und Wollust.

Mythopedia

Im Spätsommer des Jahres 2021 wurde Freya an den Stränden von Terschelling gesichtet, der Geburtsinsel Willem Barents’. Ungeniert lag sie mit vorgerecktem Bauch da und wälzte sich von der einen auf die andere Seite. Während er durch seinen Feldstecher spähte, sah Fährschiffkapitän Paul sofort, dass er keinen Seehund im Visier hatte, dafür waren der Körper zu massig und die Schnurrbarthaare zu stachelig. Das Tier hier war schlammbraun und schlammfett.

Auf den Fotos, die er von ihr machte, sind ihre kurzen, vergilbten Stoßzähne gut zu sehen. Ein Walrossweibchen in freier Wildbahn, abgetrieben aus der Polarregion in den warmen 53. Breitengrad: Die junge, gerade erwachsene Freya (wie sie von den Medien getauft wurde) sollte zehn Monate lang Furore machen, indem sie hin und wieder an den überraschendsten Stellen auftauchte.

Am 26. Oktober 2021 kletterte sie, auf ihren Vorder- und Hinterflossen glitschend, im Marinehafen von Den Helder auf ein dort vertäutes Tauchboot. Es handelte sich um ein Unterseeboot der Walrossklasse. Nach ihrer Wanderung durch das Wattenmeer zog sie an der deutschen und dänischen Küste entlang zum Hafen von Oslo, wo sie vom Dach des futuristischen, halb unter Wasser gebauten Opernhauses aus für großes Aufsehen sorgte. Weil Freya zur Erheiterung der Umstehenden in fast spielerischer Weise Vergnügungsboote kentern ließ, einfach indem sie ihre Stoßzähne hinter die Laufplanke hakte und sich dann an Bord hievte, wurde sie am 14. August 2022 vom norwegischen Amt für Fischereiwesen getötet.

»Wir haben großen Respekt vor dem Tierwohl«, sagte der zuständige Beamte, »aber Menschenleben und die Sicherheit der Menschen haben Vorrang.« Sofort schwappte eine Welle des Entsetzens über Europa hinweg. Im norwegischen Parlament legte die Umweltpartei Protest ein, während 1258 Tierfreunde in null Komma nichts 200.000 Kronen (20.000 Euro) für ein Bronzedenkmal Freyas sammelten.

Willem Barents und seine Besatzung haben mehr Mühe mit dem Töten eines Walrosses – in körperlicher Hinsicht. An der Nordspitze von Nowaja Semlja stoßen sie am 31. Juli 1596 auf eine Herde von ungefähr 200 Tieren ? ein sonnenbeschienener Strand voll blubbernden Specks. Kein Sterblicher hat hier jemals einen Fuß an Land gesetzt.

»Hoeck van Begeerte« nennt Barents die sich am weitesten nach Norden erstreckende Landzunge von Nowaja Semlja auf 77 Grad nördlicher Breite. »Mys Želanija« machen die Russen später daraus, wörtlich »Kap der Sehnsucht«. Für den Entdeckungsreisenden Barents, der Wetten darauf abgeschlossen hat, dass seine Expedition ein Erfolg werden würde, locken hinter dem Horizont die Königreiche von Cathay und China, wo es nach Gewürznelken und Holunderbeere riechen soll.

Doch erst einmal, auf dem Kiesstrand der »Oranieninseln«, trifft er auf die stinkende Menge der versammelten »See-Elefanten«, die sich mit ihren Fettschichten herumrollen.

Schreiber Gerrit de Veer bemerkt, dass Walrosse zu knurren und zu heulen beginnen,...


Westerman, Frank
Frank Westerman   ist ein Meister der literarischen Reportage; er gilt als einer der wichtigsten Autoren im erzählenden Sachbuch der Niederlande. Seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Wasserbau arbeitete Westerman als Korrespondent für zwei große Tageszeitungen in Belgrad und Moskau. Er lebt und arbeitet in Amsterdam.

Frank Westerman  ist ein Meister der literarischen Reportage; er gilt als einer der wichtigsten Autoren im erzählenden Sachbuch der Niederlande. Seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Wasserbau arbeitete Westerman als Korrespondent für zwei große Tageszeitungen in Belgrad und Moskau. Er lebt und arbeitet in Amsterdam.



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