Westerman | Was uns zu Menschen macht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Westerman Was uns zu Menschen macht

Eine anthropologische Detektivgeschichte
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-2600-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine anthropologische Detektivgeschichte

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2600-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was unterscheidet uns Menschen vom Tier. »Westerman ist ein Meistererzähler, der mit Thriller-Effekten die Leser in seinen Bann schlägt.« Hans Christoph Buch, Die Zeit. In einer Höhle auf einer Insel im indischen Ozean wird 2003 ein fossiler Urmensch gefunden, der kaum einen Meter misst. Um ihn herum liegen Skelette ausgestorbener Tiere: Ratten, so groß wie Hunde, Elefanten so klein wie Ponys. Was sagt diese urzeitliche Welt darüber aus, wer wir sind und woher wir kommen? Frank Westerman reist zu den Vulkanhängen Indonesiens - und um die ganze Welt. In einer faszinierenden Mischung aus Reportage und Essay findet er auf spielerische Weise Antworten auf die großen Fragen: Was macht uns zu Menschen? Und tragen wir die Krone der Schöpfung zu Recht?



Frank Westerman, geboren 1964 in den Niederlanden, Journalist und Schriftsteller, ist ein Meister der literarischen Reportage. Er studierte Agrarwissenschaften, bevor er als Auslandskorrespondent für zwei große Tageszeitungen aus Russland und Osteuropa berichtete. Seine Bücher wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mehr zum Autor unter www.frankwesterman.nl.
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Prolog


Lange Zeit habe ich nicht verstanden, wo er hergekommen ist, der kleine Prinz. Er hat mich dauernd ausgefragt, aber wenn ich etwas von ihm wissen wollte, hat er einfach nicht hingehört. Erst nach und nach habe ich mir aus seinen Andeutungen zusammengereimt, was er verschwieg. Zum Beispiel, als er zum ersten Mal mein Flugzeug sah […]

»Was ist das denn für ein Dings?«

»Das ist kein Dings, das kann fliegen. Es ist ein Flugzeug und es gehört mir.«

Ich war stolz darauf, dass ich fliegen konnte.

Da rief er: »Na, so was, du bist also vom Himmel gefallen?«

»Ja«, sagte ich bescheiden.

»Das ist aber lustig …«

Und er fing an, mich auszulachen. Das ärgerte mich, denn ich mag es nicht, wenn man sich über meine Unfälle lustig macht.

Er aber fragte mich weiter aus: »Du kommst also auch aus dem Himmel! Auf welchem Planeten bist du denn zu Hause?«

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

Pfingstmontag 2012 leitet die einmotorige Cessna Skyhawk mit dem Heckzeichen PH-SJK über Ouddorp den Sinkflug ein. Eine Minute lang taucht der Pilot unter die Wolkendecke, um Sicht auf die Küstenlinie und den von ihm festgelegten Kurs zu bekommen.

In der Ferne steigt Nebel aus dem Meer. In einer fließenden Bewegung schiebt er sich auf den Strand – so, wie einst die ersten Meerestiere an Land gekrochen sein müssen.

Früher an diesem Morgen – um 10:22 Uhr – hat das Königlich Niederländische Meteorologische Institut KNMI in seinem Bericht für die Luftfahrt vor dem Zustrom feuchter Luft aus nordwestlicher Richtung gewarnt. Es wird ein strahlender Tag, aber entlang der Küste kann »Dunst aufsteigen, örtlich auch Nebel«.

Die Art von Nebel, die der Pilot vor seinen Augen entstehen sieht, gibt es im Durchschnitt alle zwei Jahre einmal und er heißt Seerauch. Seinen Namen verdankt er der optischen Illusion einer qualmenden Brandung: Die Wellen spritzen nicht normal, sie dampfen wie Teekessel.

Um 11:19 Uhr erreicht das kleine Flugzeug den tiefsten Punkt seines Sinkflugs: 450 Fuß. Ein Fuß ist so lang wie ein Schuh der Größe 47. Um sich die Flughöhe vorzustellen, kann man »Hacke gegen Spitze« einmal 450 Schritte abmessen. Die Entfernung, die man dann erhält, lehnt man wie eine imaginäre Leiter gegen die Wolken und steigt hinauf. Das Ziel ist schnell erreicht.

Sobald der Pilot die Landschaft in sich aufgenommen hat, zieht er das Nasenrad der Skyhawk wieder nach oben. Unter sonorem Brummen beschreibt er eine Kurve in Richtung offenes Meer, um den aufsteigenden Nebel zu umfliegen. Es ist 11:20 Uhr (eine Minute nach dem Tiefflug unter den Wolken), als die PH-SJK über den Bordfunk mit dem Kontrollturm des Rotterdamer Flughafens Kontakt aufnimmt. Der Pilot bittet um Landeerlaubnis über die Anflugroute HOTEL. Das bedeutet: Im Bogen über die Mündung von Maas und Rhein und dann ostwärts über den Nieuwe Waterweg – wie die Öltanker und Containerschiffe, aber eben höher.

Der Tower heißt PAPA. Dort hinten leuchtet die Landebahn wie ein ausgerollter Teppich in der Sonne; die Luft ist buchstäblich rein.

»This is Rotterdam information PAPA«, antwortet der diensthabende Fluglotse. Er weist den Piloten an, auf 1500 Fuß zu steigen und sich über Hoek van Holland erneut zu melden. Angesichts des Kurses, der Dauergeschwindigkeit und der Position auf dem Radar müsste die PH-SJK innerhalb von fünf Minuten die vereinbarte Stelle erreichen. Aber die PH-SJK wird sich nicht mehr melden. Nie mehr, bei niemandem.

Ein Einwohner von Ouddorp ist der letzte, der die rot-weiße Cessna »visuell ausgemacht hat«: Der Mann sieht, wie sich das Endstück des Viersitzers in den Wolken über dem Dünenrand auflöst.

Wenige Flugminuten nördlich von Ouddorp versammelt sich zur gleichen Zeit eine Gruppe Eltern mit Kindern zu einer Rundfahrt mit dem FutureLand Express. Das ist ein cooler Zug bestehend aus einem Traktor, der zwei zu Fahrzeugen umgebaute Karren zieht.

Die Passagiere sind aufgeregt, weil sie zu den ersten gehören, die auf jungfräulichem Boden abgesetzt werden sollen: Die frisch aufgespülte Maasebene 2 ist noch fast unbetretenes Gebiet. Physisch gesehen ist es ein kleiner Schritt, wenn sie gleich vom Trittbrett auf dieses neue Land-im-Meer springen; und doch wirkt es bedeutend, als ginge es jeden etwas an.

Laut Fahrplan soll der FutureLand Express um 12:00 Uhr von einer Plattform aus Betonplatten am Rand des bestehenden Hafengebiets abfahren. Der Morgenhimmel ist blau, aber gegen Mittag bewölkt es sich. Eine Brise kommt auf, die Temperatur sinkt. Die dreiflügeligen Windräder von GREENCHOICE rühren recht zurückhaltend im aufkommenden Nebel. Sie mischen die salzige Seeluft mit dem Fabrikqualm aus den Häfen.

In dieser Woche, nur ein paar Tage zuvor, ist die Maasebene 2 mit einem Feuerwerk aus blauem Rauch in Betrieb genommen worden. Mit einem Champagner-Toast – am Dienstag, dem 22. Mai – wurde auch der umliegende Strand für die Öffentlichkeit freigegeben. Zu diesem neuen Strand gehört eine vierzehn Meter hohe Dünenreihe und dahinter die »Sandkörper« der zukünftigen Kais. Weil die Anpflanzung von Dünengras auf sich warten lässt, ähnelt die Maasebene 2 vorläufig noch der Sahara.

An diesem Pfingstmontag treibt ein kalter Nebel die Badegäste vorzeitig nach Hause. Die Fahrt des FutureLand Express findet statt, auch wenn die Sicht schon kurz nach der Abfahrt auf fünfzig, höchstens hundert Meter sinkt. Weder der Traktorfahrer noch seine Passagiere haben an diesem Vormittag das Gebrumm eines Propellerflugzeugs gehört. Nur Möwengeschrei.

Das Verschwinden eines Flugzeugs in einem der weltweit am dichtesten bevölkerten Länder ist eine Rarität. Das Fliegen selbst nicht mehr; durch die Luft zu steuern, fühlt sich mittlerweile an wie eine zweite Natur.

Ein Jahr später veröffentlicht der Untersuchungsrat für Sicherheit einen 151 Seiten umfassenden Bericht unter dem Titel Flugzeug vermisst. Anders als bei Schiffen im Bermudadreieck ist die Vermisstenanzeige der Cessna Skyhawk nicht für immer. Die Suche dauert 301 Minuten. Fünf Stunden nach dem letzten Kontakt mit Rotterdam PAPA wird das Wrack der PH-SJK gefunden – 800 Meter hinter dem entferntesten Halteplatz des FutureLand Express, auf dem im Bau befindlichen Kai zwischen den zwei Prinzessinnenhäfen – dem Prinzessin-Amalia-Hafen und dem Prinzessin-Alexia-Hafen. Das kleine Flugzeug, geknickt und flügellahm, liegt mit einer Vierteldrehung neben seinem eigenen Einschlagkrater. Wie ein Vogel, der gegen eine Fensterscheibe geprallt ist. Der Zeiger des Geschwindigkeitsmessers steht auf 118 Knoten – 129 Kilometer pro Stunde.

Vorn im Cockpit hängt der Körper des 50-jährigen Piloten. Der aus der Luft Gefallene ist nicht ansprechbar, atmet aber noch. Er wird das Bewusstsein nicht mehr wiedererlangen und zwei Wochen später im Krankenhaus sterben. Das Display seines Telefons zeigt eine Reihe verpasster Anrufe an. In seiner Flugtasche befindet sich ein Visual Approach Chart für den Anflug auf Rotterdam Airport. Auf der Luftnavigationskarte (aus dem Jahr 2008) liegt die Küstenlinie dreieinhalb Kilometer landeinwärts.

Auch die Rettungsbrigade arbeitet mit Karten, die von der fortschreitenden Wirklichkeit eingeholt wurden. Die Cessna wäre ins Meer gestürzt, hätte man die Küstenlinie nicht verlegt. Das Wasser hat dem Trockenen Platz gemacht. Aber bei der Eingabe der letzten bekannten Koordinaten der PH-SJK (sechsunddreißig Sekunden vor dem Aufprall), erscheint auf den Computerschirmen des Rotterdamer Flughafens eine Position über dem Meer. Zwar steht dort BEING RECLAIMED, aber die Farbe der Karte ist hellblau für Wasser.

»Wir haben, glauben wir … [nicht verständlich] ins Meer stürzen sehen«, meldet ein Fluglotse der Küstenwache. Daraufhin fahren fünf Schiffe aus.

Die Maasebene ist ein nationales Sandschloss, die Prinzessinenhäfen sind seine Burggräben. Der verwendete Sand stammt aus einer unterseeischen Grube: Er wurde über die Saugstangen von Baggerschiffen aus einer Sandbank geschlürft, sechs Meilen vor der Küste. In den Eiszeiten lag diese Sandbank trocken. Über die windige Fläche zwischen dem, was jetzt England und die Niederlande heißt, liefen Nilpferde und Hyänen, Mammuts und Nashörner, Höhlenlöwen und Waldelefanten.

Durch die Abgrabung des Nordseebodens machen wir Menschen unbeabsichtigt etwas Wahnsinniges: Wir sprühen die Prähistorie zurück an die Oberfläche. Natürlich sind die Baggerer auf Sand und Kies aus, den sie in glitzernden Schlammbögen an die Stellen »rainbowen«, an denen Land entstehen soll. Aber ihr Beifang besteht aus Backenzähnen von Mammuts, Elchgeweihen, versteinerten Hyänenköteln – Überresten der Urzeitfauna.

Den Teilnehmern des FutureLand Express reichen im Prinzip zwei Meter Sicht; Hauptsache, sie sehen den Sand unter ihren Füßen. Strandräuber sind es. Sie suchen keine über Bord gefallenen Whiskykisten, auch keine Muscheln, sondern Fossilien.

Der Hauptpreis wäre der Schädel eines Menschenartigen. Weiter oben an der Küste, in Zeeland, wurde das erste Stückchen Urmensch bereits gefunden. Ein Wanderer entdeckte es zwischen...



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