Westleigh | EIN HÖCHST EHRENWERTER GENTLEMAN | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Historical

Westleigh EIN HÖCHST EHRENWERTER GENTLEMAN


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95446-780-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Historical

ISBN: 978-3-95446-780-8
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Davinia Darling, von allen Familienmitgliedern zärtlich Vinny genannt, weiß nicht, was sie von der ganzen Situation halten soll: Ihr Bruder hat einen Fremden auf das Landgut ihrer Eltern gebracht, der offensichtlich sein Gedächtnis verloren hat. Alles weist darauf hin, dass er ein echter Gentleman ist, der eine exzellente Erziehung genossen hat. Vinny möchte so gern wissen, wer dieser Mann ist, in dessen Nähe ihr Herz schneller klopft. Warum bloß versteht er sich so gut aufs Kartenspiel? Und darf sie sich denn überhaupt in jemanden verlieben, dessen einziges Einkommen scheinbar vom Glücksspiel abhängig ist? Allen Zweifeln zum Trotz nimmt sie Johns Heiratsantrag an - da wird durch ihre Verlobungsanzeige das Rätsel gelöst: John heißt Lord Henry Broxwood, ist der Viscount Roxborough, und hat, bevor er in den Krieg zog, zu Vinnys maßlosem Entsetzen bereits einer anderen die Ehe versprochen...

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1. KAPITEL


Mrs Davinia Darling – von ihrer Familie liebevoll Vinny genannt – verspürte nicht das geringste Verlangen nach Gesellschaft. Ihre Mutter, Lady Marldon, hatte an diesem Tag ungewöhnlich viele Besucherinnen empfangen. Und als gehorsame Tochter hatte Vinny Stunde um Stunde damit zugebracht, den unerträglich langweiligen Klatschgeschichten der verschiedenen Damen zu lauschen. Kein Wunder also, dass sie sich jetzt nach ein wenig Ruhe sehnte.

Wie es in solchen Situationen ihre Gewohnheit war, hatte Mrs Darling sich mit einem Buch in den Park des väterlichen Anwesens Preston Grange zurückgezogen. Von ihrem Lieblingsplatz aus hatte sie eine herrliche Sicht auf den Hafen von Tor Bay, wo mehrere Schiffe der königlichen Flotte friedlich auf den Wellen schaukelten.

Vinny seufzte zufrieden auf, als sie die leicht salzige Luft tief einatmete. Sie hatte ihr Buch noch nicht aufgeschlagen, sondern genoss einen Moment lang die beruhigende Stille, die nur vom Gesang der Vögel unterbrochen wurde. Wie herrlich, dachte sie, endlich allein zu sein.

Doch gerade in diesem Augenblick bemerkte Mrs Darling zwei männliche Gestalten, die sich ihr näherten. Einer der beiden Gentlemen war zweifellos ihr Bruder, Percival Sinclair. Aber wer mochte der andere sein? Verdiente er die Bezeichnung Gentleman überhaupt? Er war, wie Vinny zu ihrer Verwunderung erkannte, überaus seltsam gekleidet.

Mit einer etwas ungeduldigen Geste strich Mrs Darling ihr gemustertes Musselinkleid glatt. Es war ihr klar, dass sie eine Begegnung unmöglich vermeiden konnte. Entschlossen zwang sie sich zu einem Lächeln.

„Vinny“, rief ihr Bruder ihr da auch schon fröhlich entgegen, „Mama hatte also recht damit, dass wir dich hier finden würden!“

Mrs Darling schwieg. Mit zunehmender Bestürzung betrachtete sie den Begleiter ihres Bruders. Er trug eine gelbe Hose, die nicht nur um einiges zu kurz war, sondern auch so straff über seine kräftigen Oberschenkel gespannt saß, dass sie jeden Moment zu zerreißen drohte. Sicher, seine Krawatte war makellos gebunden. Aber der um die Schultern viel zu eng geschnittene Rock gehörte doch gewiss Percy!

Der Fremde hatte Mrs Darlings Musterung mit einer gewissen Belustigung über sich ergehen lassen. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, während er schweigend darauf wartete, vorgestellt zu werden.

„Guten Tag, Percy“, sagte Vinny endlich. Sie fühlte sich seltsam verwirrt durch die Anwesenheit des Fremden. War dieses Unbehagen nur auf seine merkwürdige Erscheinung zurückzuführen? Oder störte sie womöglich sein selbstbewusstes Auftreten noch mehr als seine unpassende Kleidung? Wahrhaftig, woher nahm er das Recht, so überheblich dreinzuschauen? Einen Moment lang fühlte sie sich unter seinem forschenden Blick fast wie ein unerfahrenes, schüchternes Schulmädchen.

„Ich möchte dir Mr John Smith vorstellen“, erklärte Percival Sinclair, dem das Unbehagen seiner Schwester nicht aufgefallen war, gut gelaunt. Dann wandte er sich seinem Begleiter zu: „Meine verwitwete Schwester, Mrs Davinia Darling.“

Vinny nickte dem Fremden leicht zu. „Mr Smith.“ Der Name schien ebenso wenig zu ihm zu passen wie Gehrock und Hose.

Er verbeugte sich. Und jetzt erst bemerkte Mrs Darling, wie dicht und dunkel sein Haar war, beinahe so tiefschwarz wie ihr eigenes, das allerdings im Gegensatz zu dem seinen bei Sonnenlicht manchmal fast blau schimmerte.

„Erfreut, Sie kennenzulernen, Madam“, sagte Mr Smith.

Seine dunkle Stimme berührte Vinny merkwürdig. Ihr war, als höre sie ein leichtes Lachen in ihr. Erneut wallte dieser unvernünftige Zorn über sein Benehmen in ihr auf. Sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Und da fiel ihr auf, dass sein Gesicht deutliche Spuren von Müdigkeit und tapfer ertragenem Schmerz trug. Auch waren seine Wangen ein wenig eingefallen, so als habe er längere Zeit Hunger gelitten.

Mit plötzlich erwachter Neugier musterte sie Mr Smiths Gesicht noch einmal eingehender. Ja, sie hatte sich nicht getäuscht, als sie diesen Ausdruck von Schmerz, körperlicher Müdigkeit und geistiger Erschöpfung entdeckte. Dennoch blickten die grünbraunen Augen des Gentleman noch immer unerträglich belustigt und arrogant. Und warum hatte er sie trotz der Vorstellung durch Percy nicht mit „Mrs Darling“ angesprochen?

„Sie mögen meinen Namen wohl nicht, Mr Smith?“, fragte sie kühl. „Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich meinen Gatten nicht danach ausgewählt habe, wie sein Familienname lautet. Im Übrigen nehme ich an, dass auch Sie nicht gerade begeistert davon sind, Smith zu heißen.“

„Verzeihen Sie mir, Mrs Davinia – Darling“, gab er zurück. Die zweifellos absichtlich eingelegte Pause zwischen den Worten erweckte den Eindruck, dass er sie Darling – Liebling – hatte nennen wollen.

Vinny errötete, und ihre Augen blitzten zornig auf. Eine heftige Erwiderung lag ihr auf der Zunge. Aber Mr Smith kam ihr zuvor, indem er fortfuhr: „Leider muss ich Ihnen gestehen, dass ich nicht einmal ahne, wie mein wirklicher Name lautet. Dass man mich derzeit als John Smith kennt, habe ich der Militärverwaltung zu verdanken.“

Während er sprach, glaubte Mrs Darling einen seltsam verlorenen, unglücklichen Ausdruck in seinen Augen zu erkennen. Dieser wurde jedoch so rasch wieder von jenem herablassenden Blick ersetzt, dass Vinny sich fragte, ob sie sich nicht getäuscht hatte.

„Er hat sein Gedächtnis verloren“, fiel Percival in diesem Moment ein. „Stell dir nur vor, was es für ein Gefühl sein muss, eines Morgens aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wer man ist!“

„Sie haben tatsächlich Ihr Gedächtnis verloren?“, fragte Vinny fassungslos. Mitgefühl wallte in ihr auf. „Das tut mir aufrichtig leid für Sie. Aber wie kommt es, dass Sie sich ohne Probleme unterhalten können?“

Mr Smith runzelte leicht die Stirn. Es klang ein wenig ironisch, als er sagte: „Ich kann mich sogar in zwei Sprachen unterhalten. Auch weiß ich im Allgemeinen, wie ich mich zu benehmen habe. Außerdem erkenne ich die meisten Dinge und kann sie ihrer Bestimmung entsprechend benutzen. Mein eigenes Gesicht allerdings kommt mir fremd vor. Und leider habe ich bisher weder einen Menschen noch einen Ort in England wiedererkannt. Wissen Sie, ich kann mich nämlich an nichts von all dem erinnern, was geschehen ist, ehe ich vor etwa drei Monaten in einer Bauernkate in Portugal die Augen aufschlug.“

Mrs Darling nickte nachdenklich. „Sie waren also als Soldat in Portugal?“

„Ja“, ließ sich jetzt wieder Percival vernehmen. „Er hat gegen Napoleon gekämpft. Und Reverend Jackson … du kennt ihn doch, Vinny? Er arbeitet als Pfarrer im Marinekrankenhaus. Also Reverend Jackson ist der Meinung, dass Mr Smith bei der Erstürmung von Badajoz verwundet wurde. Damals hatte die englische Armee große Verluste zu beklagen, wie du dich vielleicht erinnerst.“

„Es hat den Anschein“, fiel Mr Smith ein, „dass ich mich schwer verwundet von Badajoz fortgeschleppt habe, bis ich Tage später auf der Schwelle einer Bauernkate zusammenbrach. Die Bauersleute waren so freundlich, mich zu pflegen. Es kann nicht leicht für sie gewesen sein, mich einigermaßen wiederherzustellen. Denn nach allem, was sie mir erzählten, hatte ich nicht nur eine Kopfverletzung, sondern auch Brandwunden auf Arm und Schulter sowie ein gebrochenes Bein. Zweifellos haben diese Leute mir das Leben gerettet.“

„Oh!“, entfuhr es Vinny, die erschrocken die Augen aufgerissen hatte. In England sprach man im Allgemeinen in Anwesenheit von Damen nicht über diese Seite des Krieges.

„Ja“, wiederholte Mr Smith, „ich verdanke dieser portugiesischen Bauersfrau und ihrer Familie mein Leben. Aber niemand konnte mir sagen, wer ich war und wohin ich gehörte. Als man mich fand, trug ich noch meine Uniform, allerdings war sie so zerschlissen, dass man nicht mehr erkennen konnte, welchem Regiment ich angehört und welchen Rang ich bekleidet hatte. Diese Tatsache macht es beinahe unmöglich, meine Identität herauszufinden.“

„Immerhin“, mischte Percival sich ein, „war es offensichtlich, dass Mr Smith kein einfacher Soldat gewesen war. Er ist ein Gentleman, und die Militärverwaltung ist davon überzeugt, dass er als Offizier gegen Napoleon gekämpft hat.“

Percys Augen spiegelten deutlich seine Bewunderung für Mr Smith wider. Nur zu gern wäre er selbst in den Krieg gezogen, doch sein Vater, Lord Marldon, hatte es ihm verboten. Als einziger Sohn – so hatte das Familienoberhaupt argumentiert hatte Percy andere Pflichten gegenüber seinen Angehörigen und seinem Vaterland.

Mrs Darling ließ den Blick von ihrem Bruder zu Mr Smith gleiten. Letzterer hatte den Kopf gesenkt. Denn während Percival sprach, hatte wieder jenes Schwindelgefühl von ihm Besitz ergriffen, das ihn seit seiner Verwundung stets aufs Neue in Verwirrung stürzte. Dieser Schwindel machte es Mr Smith sekundenlang unmöglich, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Und in solchen Momenten fühlte er sich unerträglich verletzlich und hilflos.

Anfangs, als er noch auf jenem Strohlager in der portugiesischen Bauernkate gelegen hatte, war ihm fast ständig schwindelig gewesen. Wie mühsam war es gewesen, zu denken, zu sprechen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen! Aber Mr Smith hatte den Kampf gegen seine Krankheit mit dem gleichen Mut und der gleichen Energie aufgenommen, mit der er auch andere Kämpfe ausgefochten hatte.

Mit der Zeit waren die Schwindelanfälle seltener und die Welt war überschaubarer geworden. Inzwischen fühlte Mr Smith sich wieder stark genug, sich dem Leben aus...



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