Wetzel | Damals in drei deutschen Ländern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Wetzel Damals in drei deutschen Ländern

Ein autobiographischer Roman
Erstausgabe
ISBN: 978-3-86992-237-9
Verlag: AtheneMedia-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein autobiographischer Roman

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-86992-237-9
Verlag: AtheneMedia-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Max, von dem hier die Rede ist, ist immer mit seiner Heimat verbunden gewesen, aber er ist auf andere Menschen, auf fremde Sitten und Sprachen neugierig geworden und hat sich in der Welt umgesehen. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik hat er nicht gemocht, auch die Volkspolizei nicht, die ihn und viele andere daran gehindert haben, über die Grenzen der kleinen DDR hinauszukommen. Er ist auch von vielen Verhältnissen, die er in Westdeutschland traf, enttäuscht gewesen. Schließlich ist er ins Ausland gegangen... - - Die Geschichten in diesem Buch sind die eines Menschen, der lange in Deutschland gewohnt hat: im Deutschen Reich, in der sowjetischen Besatzungszone, in der DDR, von wo er dann nach Westberlin floh, dann in der Bundesrepublik Deutschland. Schließlich kam er Deutschland ganz abhanden; er ging ins Ausland - Kanada - und wurde dort Professor. Eigentlich wurde er politischer Flüchtling - wie es in der DDR hieß - weil er mehr von der Welt sehen wollte.

Heinz Wetzel wurde in Ziesar (Brandenburg) geboren. Im Alter von 14 Jahren kam er in das Internat der Francke'schen Stiftungen nach Halle (Saale), mit 16 floh er aus der damaligen DDR nach West-Berlin. Nach Studium und Heirat zog er mit seiner jungen Familie erst nach Frankreich, dann in die USA und schließlich nach Kanada. Dort ist er heute Professor an der University of Toronto. In Deutschland wurde er durch zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt.
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37 Elias Krakauer


In Max‘ Klasse war ein jüdischer Schüler, Elias Krakauer, der die Nazizeit mit seiner Familie im Exil in Moskau zugebracht hatte. Max mochte ihn. Der Russisch-Lehrer, dessen Russisch nicht allzu weit reichte, übertrug den Unterricht mehr und mehr auf Elias, der dann auf einem der vorderen Tische saß und, der Klasse zugewandt, die russische Grammatik erklärte. Man konnte ihm gut folgen. Auf dem Pausenhof drehte Max seine Runden mit ihm, wobei Elias ab und zu und nicht ohne Erfolg versuchte, ihn politisch zu beeinflussen. Er war der Erste, der Max die Zahl von sechs Millionen jüdischen Opfern des Nazi-Regimes nannte. Einmal erkundigte er sich, ob sein Vater Mitglied der Nazi-Partei gewesen sei, und als Max bejahte, sagte er, dass diese Partei schuld an den Verbrechen sei. Er kannte deren Mitgliederzahl, rund sieben Millionen, und er glaubte, dass die Nazis für den Tod von fünfzig Millionen Menschen verantwortlich waren. Daraus folgerte er, dass jedes Parteimitglied, auch Max‘ Vater, ein siebenfacher Mörder sei. Max glaubte ihm nun nicht mehr. Er kannte seinen Vater und wusste, wie unsinnig das war. Sie gingen weiterhin zusammen über den Pausenhof, aber Max folgte Elias‘ politischen Ansichten nicht.Später hat er bedauert, oft ablehnend gewesen zu sein. Denn es vergingen viele Jahre, bis er das Ausmaß der moralischen Verwüstung begriff, die in Deutschland um sich gegriffen hatte. Weder seine Lehrer in der DDR noch später die in Westberlin haben es ihm gesagt, nur Elias. Bei Max‘ Immatrikulationsfeier an der Freien Universität Berlin bekamen zwar alle Studienanfänger ein Fischer-Taschenbuch überreicht, Die weiße Rose. Die Studenten sollten über die Opfer junger Deutscher informiert werden. Das fand er richtig. Aber warum sagte man ihnen nicht die volle Wahrheit?

Dass er – es wird wohl Anfang 1951 gewesen sein – Mitglied der Partisanen des Friedens wurde und bei gemeinsamen Auftritten das Abzeichen der Partisanen trug, die aufgehende Sonne der FDJ, in die das rote Dreieck der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes von oben hineinragte, hatte einen Grund: Immer suchte er Gelegenheiten zum gemeinsamen Musizieren, und die Partisanen brauchten dringend Orchestermusiker. Dennoch waren seine politischen Ansichten denen, die man von Mitgliedern der FDJ erwartete, in den meisten Punkten entgegengesetzt. Er war auch nicht Mitglied dieser Organisation. Das war durchaus opportunistisch; er war einfach glücklich, bei den Partisanen mitzuspielen.

38 Die VVN in Lützen


Einmal wurde Max zusammen mit einem Mitschüler zu einer Feier der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes delegiert, die in Lützen stattfand. Sie kamen abends mit dem Bus aus Halle; Leute aus allen Teilen der DDR waren da, Menschen, die das Naziregime überlebt hatten, auch Angehörige der Toten. In einem Gasthaus wurden an langen Tischen Reden gehalten, dann kam ein Funktionär auf die zwei zu und fragte sie, ob sie morgen bei dem Umzug die Fahnen der Vereinigung durch die Stadt tragen würden. Sie sagten zu. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück hatten sie noch Zeit, die Gustav-Adolf-Gedenkstätte zu besuchen, den Baum, unter dem er gefallen sein soll, dann gingen sie zur Sammelstelle, bekamen die VVN-Fahnen und trugen sie vor dem Zug der Opfer durch Lützen. Eine Musikkapelle ging hinter ihnen und spielte Lieder, die sie mochten, etwa das Moorsoldatenlied oder die Marseillaise. Wenn sie nicht ohnehin verstanden hätten, wie ernst die ganze Veranstaltung war, dann hätten sie es an der Haltung der Menschen erkannt. Nur eines störte sie: Die VVN stand den Behörden der DDR auf eine Weise nahe, die sie nicht durchschauten.

Richtig enttäuscht aber waren sie von dem „Bunten Abend“, zu dem die Delegierten eingeladen waren. Da wurde getrunken und gelacht, und es gab allerlei Unterhaltung. Max erinnert sich an einen „Dichter“, der sich aus dem Publikum Wörter zurufen ließ, sie im Gedächtnis behielt und dann ein lustiges, langes Gedicht aufsagte, in dem alle diese Wörter als Reimwörter vorkamen. Das Publikum lachte und freute sich; auch Max staunte, was der Mann konnte, aber er kam nicht über den Gegensatz zwischen dem Umzug am Vormittag und dieser spießigen Veranstaltung hinweg.

39 Die Fahrt in den Westen


Seit Ostern 1951 waren Max‘ Gedanken wieder auf den kommenden Sommer gerichtet. In den Ferien wollte er diesmal aber nicht nach Dohlenkrug fahren; er hatte sich mehr vorgenommen. Davon zu reden war gefährlich, denn er wollte in den Westen.

Die Ferien kamen. Arno, der mit ihm fahren wollte, besuchte erst seine Mutter im Harz. Max wollte ein paar Tage später aus Halle nachkommen. Dann würden sie zu einer Wanderschaft aufbrechen und dabei auf eine Gruppe aus Max‘ Klasse treffen, die mit dem Sportlehrer auf dem Weg durch den Harz war. Sie wollten ein Stück zusammen fahren und dann schwarz über die Grenze gehen.

Der Zug hatte die Ausläufer des Harz schon erreicht, als Max ausstieg und in Richtung auf den Ort lief, den ihm Arno angegeben hatte. Es war heiß, und er bekam großen Durst, wie er so in den Abend hinein auf einem Feldweg dahinschritt. Wasser mitzunehmen war ihm nicht in den Sinn gekommen. Sein Durst wurde aber so quälend, dass er über einer Wasserpfütze auf dem Weg in den Liegestütz ging und das modrige Wasser wie ein Hund schlürfte. Die Sonne stand schon tief, als er oben an einem Waldrand ein Zeltlager entdeckte. Als er hinging und fragte, ob er hier übernachten dürfe, sagte man, dass die Gruppe, die erwartet werde, erst morgen käme. Man gab ihm ein ganzes Zelt für sich allein. Ein Feldbett war darin, auch Decken; etwas zu essen hatte er noch bei sich, es fehlte an nichts. Sogar sauberes Wasser gab es.

Am nächsten Morgen dankte er und ging weiter, bis er in den Ort kam, wo Arno und seine Mutter, eine freundliche Kriegerwitwe, wohnten. Nach einem oder zwei Tagen verabschiedeten sich die zwei und gingen los. In Schierke trafen sie die Gruppe aus Max‘ Klasse. Die meisten wussten, dass sie kommen würden. Der Turnlehrer bot ihnen an, auf dem Lastwagen, den er gemietet hatte, mit auf den Brocken zu kommen. Sie gingen mit den anderen auf dem Berg herum und fuhren nach ein paar Stunden wieder mit hinab nach Schierke, wo sie vom Lastwagen sprangen und sich verabschiedeten. Es war auch Zeit, denn inzwischen wussten schon viel zu viele von ihrem Vorhaben.

Jetzt kam der wirklich gefährliche Teil der Fahrt. Noch am selben Nachmittag wollten sie die Grenze überschreiten und nach Braunlage gehen, dem nächsten Ort im Westen. Hätte man sie dabei erwischt, dann wäre es ihnen dreckig gegangen. Statt in Westdeutschland wären sie in einem DDR-Gefängnis gelandet, wenn die Vopos sie nicht gar den Russen überstellt hätten. Und bei denen war alles möglich; man konnte auch in das Räderwerk des Gulag geraten.

Als sie am Nachmittag durch den Wald bergab gingen, wussten sie nicht mehr, wo sie eigentlich waren. Weil aber die Bäume so ruhig im Sonnenschein standen und nur ein Eichhörnchen in den Zweigen herumsprang, kam ihnen alles so harmlos vor, dass sie übermütig und albern wurden. Arno beklagte laut, dass kein roter Strich ihnen ankündigte, wo die DDR endlich aufhöre. Da glänzte von weiter unten ein Bach durch die Baumstämme, und an dem Bach, auf ihrer Seite, verlief ein Waldweg, auf dem zwei DDR-Grenzsoldaten mit Gewehren auf den Rücken gingen. Der Weg führte bergan und dicht an ihnen vorbei. Sie waren sofort ernüchtert; gerade konnten sie noch hinter zwei Baumstämmen Schutz suchen. Die Vopos unterhielten sich, während die beiden Republikflüchtlinge, wie sie im Amtsdeutsch der DDR nun hießen, so um die Bäume herumgehen mussten, dass sie nicht gesehen wurden. Es war eine Angstpartie, bei der ihnen die dummen Witze vergingen. Schließlich verschwanden die Grenzer hinter der nächsten Kurve, und Arno gab Max ein Zeichen. Der wollte noch warten, aber am Ende gingen sie vorsichtig bergab, sahen nach beiden Seiten, und als sich auf dem Weg, so weit sie sehen konnten, nichts bewegte, rannten sie hinüber, wateten durch den Bach, gingen auf der anderen Seite weiter, und als sie wenig später auf wohlgekleidete Spaziergänger trafen, fragten sie, ob dies der Westen sei. So kamen sie nach Braunlage, wo sie die Jugendherberge suchten.

Am nächsten Morgen fühlten sie sich wie in einer anderen Welt. Die Wirklichkeit hätte sie auch enttäuscht: Das Wetter war grau wie in der DDR, und der Wald war auch im Osten grün gewesen. Nur sahen die Menschen und die Straßen in Braunlage gepflegter aus. In einer Bank tauschten sie ihre paar Ostmark um; sie bekamen bitter wenig Westgeld dafür. Dann fuhren sie per Anhalter weiter. In Hamm in Westfalen gingen sie aufs Arbeitsamt. Sie traten ins Amtszimmer eines verdutzten Sachbearbeiters, sagten, dass sie vorübergehend Arbeit suchten, und tatsächlich rief der Mann einen Bauern in einem nahegelegenen Ort an und sagte, er habe hier zwei Jungs, die aus dem Osten kämen, aber manierlich aussähen und arbeiten wollten. Besonders schien ihm zu gefallen, wie ordentlich sie ihre Decken auf die Rucksäcke gebunden hatten.

Als sie herauskamen, hielten sie wieder ein Auto an, das sie die paar Kilometer in das Dorf mitnahm. Sie meldeten sich bei dem Bauern, der sagte, was er von ihnen erwarte und was er ihnen geben würde. Sie willigten ein und wurden über dem Pferdestall untergebracht, wo schon zwei Knechte wohnten, älter als sie, wohl auch, nach...



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