E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Wetzel Entfernte Geliebte
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7317-6168-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6168-6
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach dem Studium an der Mu?nchner Filmhochschule und in Großbritannien lebt Maike Wetzel als Schriftstellerin, Theater- und Drehbuchautorin in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise. In der Villa Aurora in Los Angeles entstand ein Teil der Erzählungen in Entfernte Geliebte (2019). Ihr Romandebu?t Elly (2018) wurde unter anderem mit dem Robert-Gernhardt-Preis ausgezeichnet. PROLL! von Adrian Figueroa nach ihrem Drehbuch gewann den Deutschen Kurzfilmpreis 2021.www.maikewetzel.de
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Fremde Fenster
Letzten Sommer sagte ein Mann zu einer Frau, ich liebe dich. Die beiden saßen in einem Café in einer kleinen deutschen Stadt. Die Stadt ist so klein, dass sie nicht mal einen eigenen Namen hat. Sie teilt ihn sich mit einem anderen Ort. Die Frau schaute in die Sonne, der Mann wiederholte, ich liebe dich. Er fragte sich, ob er den richtigen Ton getroffen hatte. Seine Lippen waren rau, er fuhr mit der Zunge darüber. Eine Schwalbe flog ganz dicht über den Asphalt vor dem Rathaus hinweg. Die Frau schwieg. Sie rieb sich mit dem Zeigefinger den Schlaf aus den Augenwinkeln, ihr Gesicht zog sich dabei in die Länge, ihr geschlossener Mund formte ein stummes »Oh«. Die Frau war gerade erst aufgestanden und mit dem Mann zu dem Café gewankt, sie hatte nicht mit einem solchen Angriff gerechnet. Im Grunde war alles sehr einfach, sie trieben auf einem sicheren Fluss. Sie würden sich versichern, vertrauen, sich gegenseitig umgarnen wie Efeu, der das Haus umspinnt. Genauso würde ihre Liebe wachsen, dicht und grün, bis kein Licht mehr nach innen dränge. Einer von ihnen oder sie beide würden zur Heckenschere greifen und zum Schluss bliebe nicht mehr übrig als ein Haufen Äste am Boden. Das dachte die Frau, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hätte gern etwas gemurmelt, etwas Weiches, Zärtliches. Aber Birkenpollen, die in ihren Kaffee getrudelt waren, belegten ihre Stimme und so hüstelte sie. Sie fand es schwierig genug, eine Person zusammenzuhalten. Wie sollte ihr das mit zweien gelingen? Auch der Mann hatte wohl Angst, wahrscheinlich vor der Leere am Morgen. Um sie zu vertreiben, sagte er vorschnell, ich liebe dich. Wusste er überhaupt, was er da sagte? Wusste sie es? Die Frau kratzte sich den Handrücken und summte ein Lied, zur Beruhigung. Es war »Veronika, der Lenz ist da«, wenn ich mich nicht irre. Die Frau hätte gern für immer geschwiegen. Sie wollte in diesem Moment verharren. Sie wusste, der Mann erwartete eine Antwort. Der Mann sprach ihr innerlich die Worte vor, die er hoffte zu hören. Sie las den Satz auf seiner Stirn, aber sie sprach ihn nicht aus. Stattdessen sagte sie: Ich habe geträumt. Sie hatte aber gar nicht geträumt. Ich habe geträumt, dass das Haus sich bewegte, es rannte. Ich war im obersten Stockwerk und hatte Angst, dass das Gebäude zusammenstürzen würde. Der Mann dachte »einstürzen«, es heißt »einstürzen«, nicht »zusammen«, oder? Er war sich nicht sicher, hoffte aber, dass zusammenstürzen ein gutes Omen in seiner Sache war. Er sagte, wahrscheinlich war deine Blase schuld. Du musstest im Schlaf auf die Toilette gehen und konntest nicht, diese Unterdrückung machte sich im Traum Luft, Freud erklärt es so. Innerlich fluchte er, denn mit dieser Entgegnung war das Gespräch in die falsche Richtung geglitten. Dabei hatte er gerade etwas gesagt, mehr als das: Er hatte sich gestellt. Er fühlte sich im Stich gelassen. Er bestrich sein Brötchen zum zweiten Mal mit Butter, die Marmelade im Schälchen vor ihm trocknete bereits. Die Frau rief, zahlen, bitte! Sie war verblüfft, der Kellner hörte sie sofort. Der Mann am Cafétisch schaute sie an. Die Frau erinnerte sich, dass er gut aussah, wenn er traurig war. Er sah auch jetzt gut aus. Seine Augen waren hell und klar, die Augenbrauen undefiniert wie die eines Kleinkindes, sie schienen immer hochgezogen zu sein. Die Frau kramte nach ihrem Portemonnaie. Ein winziger schwarzer Käfer lief über ihre Tasche. Mit dem Fingernagel schubste sie ihn hinunter. Während die Frau die Rechnung beglich, löste der Mann sein Dilemma. In Gedanken ergänzte er die Antwort, die sie ihm schuldig geblieben war. Das Ergebnis entmutigte ihn nicht.
Der Mann brach auf zum Bahnhof. Nachdem er den Cafétisch verlassen hatte, dachte die Frau an die letzte Nacht. Sie dachte, Pappardelle mit Anchovis. Sie dachte, kleine Fische. Sie wollte denken, alles sei richtig. Die Worte, die Gesten, die griffen wie die Zähne eines Reißverschlusses. Ritsch-ratsch, auf und zu, Fächerspiele. Du-ich, ich-du, ichichdudu, duichichdu. Sie saßen auf einem umgestürzten Baumstamm im Wald. Ein hellblaues Schild glomm in der Dämmerung. »Trimm-dich-Pfad« hatte er ihr vorgelesen. Darunter rannte ein schwarzes Strichmännchen Richtung Schildrand. Der Mann und die Frau kicherten über das Geräusch ihrer Mägen, die sich gegenseitig zu antworten schienen. Sie schlugen nach den Mücken. Eine saß auf seinem Ellenbogen, sie stach ihren Rüssel in seine Haut. Der Mann und die Frau schauten zu, während die Mücke saugte. Er behauptete, es blieben keine juckenden Beulen zurück, wenn man das Insekt nicht störe. Ihr Gift verspritzten Schnaken nur bei hastigem Abbruch der Mahlzeit. Die Mücke saugte sich satt an seinem Blut. Endlich war sie fertig und flog davon. Die Frau spürte die kalte Abendluft an ihrem Rücken. Ihn juckte bald darauf der Mückenstich. Er zwang sich, nicht zu kratzen.
Die Frau wohnte zwanzig Kilometer von der kleinen Stadt entfernt, sie waren nur zum Frühstück und wegen des Bahnhofs hierher gefahren. Der Mann schrieb ihr noch vom Fahrkartenschalter aus eine Karte. Er warf sie ein, bevor er abfuhr.
Liebes,
unter dem Bild einer jugendlichen Augenpartie las ich neulich: »Sie machen sich Sorgen über Ihr Älterwerden? Ein Tuberkulose-Kranker in der Dritten Welt würde sich darüber freuen.«
Nur ein Auge ist auf dem Plakat abgebildet. Die Frau erscheint einäugig, der Spruch auch – das Bild wurde beschnitten, der Text verdreht uns die Ansicht. Was hilft, verrät das Kleingedruckte. Es enthält eine Bankleitzahl.
Ich las dies, dachte kurz darüber nach und wusste doch: Wenn ich für jemand gut sein könnte, dann für Dich und nicht für fremde Lungen.
Verzeihe mir, ich predige. Gestern hast Du mich angefasst und heute bin ich allein. Das ist schwer zu begreifen. Ich versuche es gar nicht. M.
Die Frau zog die Karte morgens aus ihrem Briefkasten. Sie war Lehrerin und gerade auf dem Weg zur Schule. Sie zückte einen Rotstift und notierte zwischen und neben den Zeilen des Mannes:
Die Liebe ist das einsamste Geschäft der Welt. Alle Kunden zahlen in fremder Währung bei einem stummen Computer mit großen Augen. Traurig ist das nicht. Nur komisch. Deine F.
Die Karte des Mannes war nun fast vollständig mit den zwei konkurrierenden Handschriften gefüllt. Die launische Schrift der Frau, die sich mal nach rechts, mal nach links neigte und Buchstaben ausließ, ungeduldig über Silben hinweg sprang, füllte alle Leerstellen, die der Mann gelassen hatte. Seine regelmäßige, altmodisch zirkelnde Schrift war umzingelt von ihren hastigen Lettern. Die Frau steckte die vollendete und befriedete Karte in den Schulkopierer. Obwohl sie vorgab, das Schriftstück umgehend zurückzusenden, wollte sie insgeheim doch festhalten, was der Mann ihr schrieb. Sie kopierte beide Seiten. Das Foto verwischte leicht. Die Karte zeigte die schmucklose Stelle des Rheins, an der Loreley auf ihrem Felsen die Schiffer in den Tod bürstete. Die Frau schickte die Karte zurück an die Privatadresse des Mannes, sechshundert Kilometer von ihrem Wohnort entfernt.
Doch die Karte erreichte den Mann nicht mehr zu Hause, er war bereits wieder unterwegs, gestrandet in Wiesbaden. Hier hatte er seine Geschäftsreise unterbrochen und wartete auf eine Verbindung, um zurück zu der Frau zu fahren. Es war ihm egal, ob sein Job deswegen platzte. Er arbeitete für das Jugendherbergswerk an einer neuen Broschüre. Er sollte über die älteste ihrer Herbergen berichten, sie lag in Altena. Doch statt nach Nordrhein-Westfalen würde der Intercity ihn nun in zwei Stunden zu der Frau bringen. Er vertrieb sich die Wartezeit im Café des Staatstheaters. Er beobachtete alte Damen in dicken Pelzmänteln, die Operettenkarten für den Abend abholten, dabei aufgeregt mit ihren manikürten Knotenfingern winkten und sich in Hundeleinen verhedderten. Der Mann zählte vier Nutriamäntel und zwei Nerze. Vom Mobiltelefon aus telefonierte er mit seiner Wohnungsnachbarin. Die Studentin hatte eine Schwäche für ihn. Sie kümmerte sich während seiner Abwesenheit um den Briefkasten und um sein Haustier. Heute hatte sie die zurückgesandte Postkarte der Frau herausgefischt. Der Mann bat sie, den Text vorzulesen. Sie begann mit seinen Worten, er unterbrach sie hastig. Gehorsam beschränkte die Studentin sich auf die Anmerkungen der Frau. Der Mann hörte aufmerksam zu. Im Gedächtnis blieben ihm nur die fehlende Anrede und »Alle Kunden zahlen in fremder Währung«. Der Rest des Geschriebenen vermischte sich in seinem Kopf zu einer vagen Botschaft, deren gefühlsmäßige Färbung er irgendwo zwischen violett und entenschnabelgelb ansiedelte. Das waren zu unsichere Farben, um ihnen entgegenzufahren, entschied er. Das Kläffen eines Zwergpudels riss ihn aus seinen Gedanken. Das Tier stand direkt neben ihm. Der Mann griff wieder zum Kugelschreiber und notierte auf die Papierserviette des Cafés:
Meine Liebe, würden Sie ahnen, worum es ginge, hackte man Ihnen Arme und Beine ab. Was bliebe Ihnen? Was bliebe uns? Dies ist Vorschlag und Frage zugleich. Inszenieren Sie es auf Ihrem persönlichen Speiseplan wie gehabt.
Ich werde an die Lenne fahren. Wissen Sie, warum? Ich schrieb, Sie antworteten kaum, der Rest bleibt ungesagt. Soll das ewig so weitergehen?
Ich erfuhr gerade, wir lebten in einer Zeit des subtilen Argwohns. Die Ironie sei das süße Gift unserer Sprache, sie zersetze die Worte ins Ungefähre. Das orakelte ein pausbäckiges Farmerkid aus West Virginia in der Wochenzeitung. Ich habe Anlass, ihm zu glauben. Wenn Du doch dasselbe von mir sagen könntest. Wünscht sich M.
Der Mann galt seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr als jugendlich, in der Jugendherberge in Altena musste er sich als Senior eintragen. Er...




