E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Wetzel Unterwegs. Sieben Erlebnisse
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86992-016-0
Verlag: AtheneMedia-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
7 Geschichten
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-86992-016-0
Verlag: AtheneMedia-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinz Wetzel, im Brandenburgischen Ziesar geboren, floh im Alter von 16 Jahren aus der damaligen DDR in den Westen Berlins. Nach Studium und Heirat zog es ihn mit seiner jungen Familie erst nach Frankreich, dann in die USA und schließlich nach Kanada. Dort ist er Professor an der University of Toronto. In Deutschland wurde er durch zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt. Nach der Emeritierung schrieb er Romane: Auf nach Hellas! Wo die Bäume im Wasser stehn und Damals in drei deutschen Ländern.
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Er war aber doch nicht schnell genug gewesen. Eine von ihnen, die ihn noch nie gemocht und auch keinen Hehl daraus gemacht hatte, war schon aus der Turnhalle gelaufen. Sie hatte Florians Ausruf auch so schon für rassistisch gehalten und war mit dieser Meinung zu ihrer neuen Klassenlehrerin gegangen. Die hatte ihre Chance erkannt und sie weiter zum Schulleiter geschickt, der keine Wahl hatte: Er musste die Klage der Schülerin in Florians Personalakte schreiben.
Nun war Florian ja nicht unbedingt eine rassistische Bermerkung unterlaufen; man hätte den Ausruf bei einigem guten Willen auch so verstehen können, wie er gemeint war. Der Schulleiter jedenfalls hatte, als er die Klage der Schülerin in Florians Personalakte geschrieben hatte, eine Bemerkung in diesem Sinn dazugeschrieben.
Aber Jolánda glaubte an die rassistische Interpretation, wenigstens tat sie so. Sie verbreitete sie im Kollegium. Und wenn es auch viele gab, die nicht daran glaubten, so gab es doch andere, die das für möglich hielten. Denn hatte man nicht schon von Florians Großvater gehört, und war die Waffen-SS nicht vom Rassismus durchsetzt gewesen? Wieder einmal konnte man sehen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fiel.
So hatten sich im Kollegium zwei Seiten gebildet: Wer nicht glaubte, dass sich Florian mit der Kollegin eingeschlossen hatte, wäre auch überrascht gewesen, seinen Großvater unter den Verbrechern zu sehen. Er hätte Florian nicht zugetraut, dass er ohne die richtige Lizenz jagen geht und dass er ein Rassist ist. Wer jedoch das eine für möglich hielt, setzte auch sonst kein Vertrauen in ihn. Ines hatte natürlich längst erkannt, dass die erste Gruppe Recht hatte. Nun war es aber Florian selbst, der anfing zu zweifeln.
Hatte er nicht doch manchmal hinter der Kollegin hergesehen, mit der er sich eingeschlossen haben sollte; hatte er mit ihr, die schon andere Männer verführt hatte, nicht auch wenigstens etwas geflirtet? Was die SS betraf, so war er sich auch nicht schlüssig, ob sein Großvater nicht doch an dem Massaker in Polen beteiligt gewesen war. Könnten seine Eltern nicht mit ihm nach Südafrika gezogen sein, um unangenehmen Fragen nach der Vergangenheit aus dem Weg zu gehen? Und das Jagen ohne Lizenz? Hatte er nicht immer schon etwas gegen die hohen Gebühren gehabt, die er als Ausländer dafür zahlen musste, auch wenn er in Südafrika wohnte und arbeitete? Hatte er nicht doch seine Absicht ein einziges Mal wahr gemacht und so getan, als ob er Südafrikaner wäre? Aber ein Rassist war er nicht. Nein, das nicht. Nur: Konnte er nicht manchmal doch in die Luft gehen, wenn schwarze Südafrikaner etwas partout nicht begreifen wollten, oder wenn sie bei ihrer Arbeit allzu langsam waren? Deshalb fand er es möglich, dass er bei seinem Ausruf am Absprungbalken auch etwas Rassistisches gemeint hatte. So fing nun Florian selbst an, Jolándas Geschichten möglicherweise für wahr zu halten, sodass nur Jolánda und Ines – jede auf ihre Weise – von ihrer Unwahrheit überzeugt waren, Jolánda, weil sie von der Unwahrheit wusste, und Ines, weil sie ein bestimmtes Gefühl davon hatte. Wenn aber Florian auf diese Geschichten angesprochen wurde, merkten seine Gesprächspartner die Unsicherheit.
Ines und Florian fuhren wie geplant ein Jahr später wieder nach Europa. Florian wollte mit der vermuteten Niederlage fertig werden und Ines, die an keine Niederlage glaubte, wollte ihm helfen. Zugleich wollten sie ihre Fahrt dazu nutzen, ihre frühere Heimat, in der sie lange nicht gewesen waren, abgesehen von den paar Tagen im vorigen Jahr, wiederzusehen. Sie gingen also zum Flughafen, setzten sich in ein kleines Flugzeug nach Johannesburg und stiegen dort in eine Boeing um, mit der sie nach Deutschland flogen. Dort mieteten sie sich diesmal kein Auto, weil Florian sagte, dass er lieber aus dem Zugfenster sehe als auf die Kofferraumdeckel der Autos vor ihm. Schon vor einem Jahr waren die Straßen dermaßen voll gewesen, dass sie kaum vorwärts gekommen waren.
Sie hatten vor, zuerst nach München zu fliegen, dann wollten sie in den Schwarzwald, dann nach Berlin, wo Ines vor rund fünfundzwanzig Jahren in die Schule gegangen war, und dann nach Mecklenburg-Vorpommern, wo Florian noch Verwandte hatte. Schließlich wollten sie auch nach Ratzeburg, denn Florian gehörte nicht zu denen, die etwas versprechen und dann nach Ausflüchten suchen, um es nicht halten zu müssen.
Zu Anfang der Fahrt war er ziemlich bedrückt: Er musste sich sagen, dass seine Karriere schon an ihr Ende gekommen sei, obwohl er erst dreiundvierzig Jahre alt war. Auch Ines wurde demnächst schon fünfunddreißig. Aber er war, wie die meisten Männer, der Meinung, dass Frauen nicht so sehr auf ihre Karrieren bedacht sind. Hatte es ihm nicht Ines auch deshalb weitaus mehr angetan als Jolánda, mit der er zuvor befreundet gewesen war?
Sie blieben einige Tage in München. Das Wetter war nicht durchgehend schön; es war aber auch nicht wirklich schlecht, und sie konnten in der Innenstadt, in Nymphenburg und in Schwabing herumlaufen und in die Schaufenster sehen, alles Dinge, für die sie vor einem Jahr, als sie nach Oberitalien weitergefahren waren, keine Zeit gehabt hatten. Sie saßen manchmal auch in Biergärten und freuten sich, wenn sie die Sprache der Einheimischen nur zur Hälfte verstanden und sich die andere Hälfte dazudachten, denn dann konnten sie sich etwas ausdenken, das ihnen in den Kram passte. Dann fuhren sie weiter in den Schwarzwald, über Freiburg nach Titisee. Sie machten lange Spaziergänge, und manchmal, wenn sie an einem Abhang aus dem Wald traten, konnten sie im Südwesten sehen, wie die Alpen leuchteten.
In Berlin gingen sie in den Reichstag und in die Staatsoper. Sie suchten auch Ines‘ alte Schule auf, die sie besucht hatte, bevor sie mit ihren Eltern nach Südafrika gekommen war. Sie fuhren nach Nikolskoe, und Florian wollte über die Glienicker Brücke gehen, was, als er hier wohnte, für Westberliner ganz unmöglich gewesen war. Wenn Florian über seine Jugend nachdachte, fühlte er sich überhaupt wie in Beton gehüllt. Daran war nicht allein die Deutsche Demokratische Republik schuld. Sein Vater war noch, wie sein Großvater, ganz in der deutschen Tradition erzogen worden: Bei Tisch wurde nicht gesprochen; es wurde früh zu Bett gegangen und früh wieder aufgestanden, es wurde immer nur die Wahrheit gesagt; und man hielt an seiner Ehre fest, was immer man darunter verstand.
Jetzt war Berlin voll von Denkmälern an die Unmenschlichkeiten, die zum Teil aus dieser Tradition resultierten und unter denen immer andere Gruppen von Menschen gelitten hatten: Die Museen und Denkmäler für die ermordeten Juden, für die geistig Kranken, für die Homosexuellen, für die Ausländer, für die Männer, die für den Versuch, Hitler umzubringen, ihr Leben eingesetzt hatten, schließlich auch für die Erschossenen, die nicht in dem nachfolgenden Staat, der Deutschen Demokratischen Republik, leben wollten, standen überall.
Die beiden liefen von einer Sehenswürdigkeit zur andern, und immer wieder belebten die Denkmäler ihre Diskussionen, bis sie endlich zum Fernbahnhof Lichtenberg hinaus und von dort nach Greifswald fuhren. Hier in einem Dorf in der Nähe war Florian gerangewachsen. Sie wollten sich ein Hotelzimmer in der Stadt nehmen und auch in das Dorf fahren, wo er noch Verwandte hatte. Einmal hatte er sie während der DDR-Zeit besucht. Davon erzählte er Ines, während sie mit der Eisenbahn durch Wälder und Seen nach Greifswald fuhren.
Nun saßen sie einige Zeit später wieder im Zug und fuhren – diesmal ganz ohne Kontrolle – nach Ratzeburg. Sie mussten mehrmals umsteigen. Alexander, so hieß Florians neuer Bekannter, war schon am Bahnhof, um sie abzuholen. Die beiden erinnerten sich an das vergangene Jahr und an den Zufall, der sie zusammengeführt hatte. „Ich habe immer an Sie denken müssen und an das ‚Tohuwabohu‘, von dem Sie damals gesprochen haben. Ist das denn inzwischen beseitigt?“ fragte Alexander. Wie aus der Pistole geschossen antworteten beide darauf. Ines sagte „ja“, während Florian mit „leider nein“ dagegenhielt. Alexander wusste nicht, woran er war. „Einer muss ja recht haben“, sagte er lachend.
Alexander, ein früherer...




