Wetzel | Was mit Demenz noch alles geht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 59, 167 Seiten

Reihe: Reinhardts Gerontologische Reihe

Wetzel Was mit Demenz noch alles geht

Personzentrierte Aktivierung Schritt für Schritt
2. aktualisierte Auflage 2024
ISBN: 978-3-497-61950-4
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Personzentrierte Aktivierung Schritt für Schritt

E-Book, Deutsch, Band 59, 167 Seiten

Reihe: Reinhardts Gerontologische Reihe

ISBN: 978-3-497-61950-4
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Menschen mit Demenz erleben im Verlauf der Krankheit unterschiedlichste Phasen, die für sie selbst und für ihr Umfeld nicht immer einfach sind. Dabei brauchen sie zunehmend Unterstützung bei vielen Alltagstätigkeiten. Wie können Fachkräfte mit ihrer Pflege Sicherheit und Geborgenheit vermitteln? Wie können sie die gemeinsame Zeit nutzen, um Fähigkeiten zu erhalten, die Persönlichkeit zu stärken und Erinnerungen hervorzulocken? Dieses Buch vermittelt die theoretischen Grundlagen einer personzentrierten Pflege bei Demenz. Es zeigt Schritt für Schritt, wie sie im Alltag umgesetzt werden kann. Vielfältige Methoden, von der biografischen Schatzkiste bis zur tiergestützen Intervention, werden mit Fallbeispielen in jeweils sechs Phasen von der Bedarfsermittlung bis hin zur Dokumentation vorgestellt.

Ruth Wetzel, Balzheim, Krankenschwester, Altentherapeutin, Gerontopsychiatrische Fachkraft, Gedächtnistrainerin, Referentin für Generationen- und Altenarbeit ist freiberuflich tätig als Dozentin und Referentin mit dem Schwerpunkt Demenz in Weiter- und Fortbildungen.
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Zielgruppe


Pflege(-fach-)kräfte, Gerontopsychiatrische Fachkräfte, Betreuungskräfte, Alltagsbegleiter:innen, Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen, Altentherapeut:innen, Gartentherapeut:innen in Ausbildung, Beruf und Lehre


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Inhalt
Vorwort 9
Einleitung 11
1 Aktivierung im Alter 13
1.1 Was verstehen wir unter Aktivierung und Motivation? . . . . . . . . . . 14
1.2 Warum brauchen wir Aktivierung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.3 Individuell sinnvolle Aktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
1.4 Wie öffnen wir Türen zu Menschen mit Demenz? . . . . . . . . . . . . . . 18
2 Was Sie über Demenz wissen müssen 20
2.1 Hauptsymptome der Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.3 Demenzarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.4 Krankheitsverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
3 Personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood 25
3.1 Was heißt es, eine Person zu sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3.2 Identität als notwendiges Persönlichkeitsgerüst . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3.3 Welche Bedürfnisse hat ein Mensch mit Demenz? . . . . . . . . . . . . . . 29
3.4 Psychische Bedürfnisse nach Tom Kitwood . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
4 Das Prinzip der Geborgenheit 35
5 Biografie und Leibgedächtnis 38
5.1 Biografiearbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
5.2 Besonderheiten des Leibgedächtnisses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
6 Allgemeine Situationsanalyse der Aktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
6.1 Eingeschränkte Alltagskompetenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
6.2 Bedarfsanalyse der sozialen Betreuung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
6.3 Sogenanntes herausforderndes Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
6.4 Interventionsmöglichkeiten bei Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
7 Wohn- und Lebensformen für Menschen mit Demenz . 54
8 Methodische Ansätze in der Alltagsbetreuung Schritt für Schritt . 56
8.1 Erinnerungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
8.2 10-Minuten-Aktivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.3 Die biografische Schatzkiste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
8.4 Milieutherapie / Milieugestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
8.5 Musik - "der Königsweg" . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
8.6 Gartentherapie / Naturerleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
8.7 Tiergestützte Intervention . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
8.8 Esskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
8.9 Feste feiern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
8.10 Bewegung in der Wohngruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
8.11 Rituale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
8.12 Kreativität im Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
8.13 Spiritualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
9 Kooperationsarbeit . 154
9.1 Angehörigenarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
9.2 Ehrenamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
9.3 Ver


1 Aktivierung im Alter

BEISPIEL

Frau Zimmer, 99 Jahre alt, sitzt daheim in ihrem Ohrensessel; ihre Füße liegen bequem auf einem bunt gepolsterten Hocker. Es ist Montag, 9.30 Uhr – eigentlich ein gewohnter Arbeitstag für eine Hausfrau, Mutter und Großmutter. Die zeitliche Orientierung bietet ihre Armbanduhr. Das Anlegen dieser Uhr ist am Morgen Pflicht. Das selbständige Richten der Mahlzeiten kann sie nicht mehr übernehmen. Sie lebt bei ihrer Tochter im Haus, die diese Unterstützung liebevoll übernimmt.

8.00 Uhr ist Frau Zimmers gewohnte Frühstückszeit. Kommt das Frühstück einmal nicht pünktlich, ruft Frau Zimmer ihre Tochter oder klopft mit ihrem Gehstock auf den Fußboden.

Das Problem ist, sie sitzt und sitzt und sitzt. Die Kontinenz der Blase aktiviert sie noch zum selbständigen Toilettengang. Aber was ist dann? Sie sitzt wieder, nickt vielleicht ein. Sie kann ihren Alltag nicht mehr selbst gestalten; sie sitzt tagein, tagaus.

Wenn ihre Tochter nicht gewohnte Reize setzen würde im geistigen, physischen und sozialen Bereich, würde Frau Zimmer langfristig verkümmern, was unterschiedliche Probleme nach sich zöge. Sie leidet altersbedingt an arthritischer Schmerzproblematik, insbesondere in den Hüftgelenken, einem Altersdiabetes und einer Alzheimer-Demenz im mittleren Stadium. Sie ist zeitlich, örtlich und zur Person orientiert, aber die Alltagskompetenz ist eingeschränkt.

In diesem Fallbeispiel spürt man deutlich: „Das ist nicht die Normalität!“ Aber was heißt Normalität? Erwin Böhm (2012) nutzt in seinem psychobiografischen Pflegemodell den Begriff des Normalitätsprinzips. Er beschreibt es so, dass jeder Mensch durch seine Herkunft, Sozialisation, Kultur und Erfahrungen eine eigene Lebensform entwickelt hat. Diese ergibt sein Bild eines normalen Verhaltens und Handelns.

Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch: „Verwirrt nicht die Verwirrten – neue Ansätze geriatrischer Krankenpflege“ von Erwin Böhm.

Zu den persönlichen Lebensformen eines Menschen zählen z. B.,

  worin er den Sinn des Lebens sieht,

  womit er sich beschäftigt,

  welche sozialen Kontakte er pflegt,

  wie er sich kleidet,

  wie und was er isst,

  usw.

Ist dies nun aufgrund physischer, psychischer und sozialer Einschränkungen durch unterschiedliche Ursachen nicht mehr selbständig möglich, können Defizite entstehen, die im Alter die Lebensqualität stark einschränken. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wird die Unterstützung bei den gewohnten Lebensformen eines alten Menschen sehr wichtig. Das erkennt man auch deutlich im Beispiel von Frau Zimmer: Würde die Tochter ihr nicht jeden Morgen die Armbanduhr anlegen, könnte Frau Zimmer ihren normalen gewohnten Alltag nicht „aktiv“ erleben.

Warum und in welchen Situationen Menschen, insbesondere alte Menschen, Aktivierung brauchen, möchte ich Ihnen in den nächsten Kapiteln verdeutlichen.

1.1Was verstehen wir unter Aktivierung und Motivation?

DEFINITION

Aktivierung geht auf das Adjektiv aktiv (lateinisch: activus „tätig, wirksam“) zurück. Unter Aktivierung versteht man allgemein ein In-Tätigkeit-setzen, ein In-Gang-bringen. Aktivität und Beschäftigung sind menschliche Grundbedürfnisse.

Der Mensch bewegt sich in seinem ganzen Leben immer zwischen

  Aktivität und Passivität,

  Anspannung und Entspannung,

  Tun und Lassen.

Für das körperliche und seelische Wohlbefinden ist ein Gleichgewicht zwischen diesen Polen sehr wichtig. Kommt aus irgendeinem Grunde ein Ungleichgewicht zustande, spürt das jeder Mensch anders. Er kann sich unwohl, unausgeglichen, angespannt, unzufrieden, missmutig, zornig oder ängstlich fühlen – was bis hin zur depressiven Verstimmung und / oder Depression führen kann

Um einem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, hat jeder gesunde Mensch die Möglichkeit, über die Motivation wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

Abb. 1.1: Der Prozess der Motivation

Motivation kann durch Instinkte, Bedürfnisse, innere und äußere Reize und die persönlichen Erwartungen positiv aktiviert werden. Ein kranker Mensch aber braucht Unterstützung durch einen anderen Menschen, der das Ungleichgewicht erkennt und diesem durch Aktivierung entgegenwirkt.

Am Bedürfnis von Frau Zimmer, „pünktlich zu frühstücken“, lässt sich der Motivationsprozess gut darstellen.

Abb. 1.2: Der Motivationsprozess am Beispiel von Frau Zimmer

1.2 Warum brauchen wir Aktivierung?

In seiner Hierarchie menschlicher Bedürfnisse (Abb. 1.3) nannte der Psychologe Abraham Maslow die unteren vier Stufen essenzielle oder Defizitbedürfnisse. Ihre Erfüllung ist für ein gesundes Leben in jedem Alter notwendig und wichtig.

Abb. 1.3: Bedürfnispyramide orientiert an Maslow (2010)

Unsere Bedürfnisse haben wichtige Eigenschaften:

  sie variieren je nach Lebensalter, Herkunft (Stadt oder Land) und Kultur,

  sie sind größtenteils universell, d. h. alle Menschen brauchen die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse,

  sie sind formbar, z. B. durch Werbung,

  und sie sind Energiequellen für unsere Handlungen.

In unserer Gesellschaft ist für jeden Einzelnen sehr wichtig, die größtmögliche Selbständigkeit zu erhalten. Die Freizeit nach seinen Vorstellungen zu verbringen, den Aufenthaltsort zu wählen oder den Personenkreis, mit dem ich in Kontakt treten möchte, ist eine individuelle freie Entscheidung.

Das ändert sich, wenn ein Mensch durch geistige und / oder körperliche Defizite – durch ambulante, teilstationäre oder stationäre Pflege – von anderen abhängig ist.

  Alle möglichen Funktionen reduzieren sich auf den Heimbereich oder die häusliche Umgebung.

  Alles Tun vollzieht sich in unmittelbarer Gegenwart einer Gruppe, die eine gleiche Art von Betreuung erwartet.

  Der Tagesablauf ist weitgehend vorprogrammiert.

Das Zuhause eines alten, kranken Menschen verändert sich, die gewohnte Normalität kann nicht immer gelebt werden. Rückzugsgedanken werden deutlich sicht- und hörbar. Man erlebt in solchen Situationen häufig Verhaltensmerkmale wie Initiativverlust und geringes Interesse an der eigenen Zukunft. Dem soll entgegengewirkt werden durch individuell angepasste und sinnvolle Aktivierung.

1.3 Individuell sinnvolle Aktivierung

Wir nutzen das Wort „sinnvoll“ in unserem Sprachgebrauch sehr häufig. Das Leben soll Sinn haben, soll sinnvoll sein! Das ist natürlich bei jedem Menschen – ob jung oder alt – unterschiedlich besetzt. Jeder hat individuelle, für ihn sinnvolle Bedürfnisse und Vorlieben, die durch seine Sozialisierung, Kultur und Erfahrungen geprägt sind. Diese Bedürfnisse zu erkennen, Ressourcen zu wecken und diese sinnvoll zu nutzen ist bei körperlicher, psychischer und sozialer Pflegebedürftigkeit die wichtigste Aufgabe unserer personzentrierten, aktivierenden Pflege und Betreuung.

Bei Frau Zimmer wissen wir von ihren Vorlieben und Erfahrungen sehr wenig. Wir kennen ihre Anamnese. Durch Verknüpfung der Symptome ihrer Erkrankungen können wir die geistigen und körperlichen Einschränkungen verstehen. Aber was hat Frau Zimmer früher gerne gemacht? Was waren für sie sinnvolle Tätigkeiten? Um dies im Sinne einer professionellen Betreuung herauszufinden, brauchen wir weitere Informationen aus ihrer Biografie (vgl. Kap. 5).

1.4 Wie öffnen wir Türen zu Menschen mit Demenz?

Wie erreiche ich einen Menschen mit Demenz? Wie öffne ich die Tür zu seiner Welt? Diese Fragen stellen sich tagtäglich die Personen, die mit ihnen im ambulanten oder (teil-)stationären Bereich zu tun haben, aber natürlich auch die betroffenen Angehörigen in der häuslichen Umgebung.

Es ist eine herausfordernde Aufgabe, da jeder betroffene Mensch mit Demenz seine individuellen Lebenserfahrungen und Gewohnheiten hat. Situationen aus seiner Lebensgeschichte haben seine Erfahrungen geprägt. Hinzu kommen die Verhaltensweisen, die durch das Krankheitsbild der Demenz auftreten können.

Daraus wird deutlich, dass neben den Grundlagen der Erkrankung Demenz und den methodischen Ansätzen die geschichtlichen Hintergründe, die Kultur und die Biografie bei jedem zu betreuenden Menschen wichtig sind.

Abbildung 1.4 macht deutlich, wie viele Schlüsselreize oder Trigger ich als Zugang zu Menschen mit Demenz nutzen kann. Dadurch will ich jedem Menschen Lebensfreude und Lebensqualität vermitteln und erreichen, dass er sich verstanden fühlt und...


Ruth Wetzel, Balzheim, Krankenschwester, Altentherapeutin, Gerontopsychiatrische Fachkraft, Gedächtnistrainerin, Referentin für Generationen- und Altenarbeit ist freiberuflich tätig als Dozentin und Referentin mit dem Schwerpunkt Demenz in Weiter- und Fortbildungen.



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