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E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Wetzel Wetzeljahre

50+ Jahre als Zwillinge - Jetzt erst recht!
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7233-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

50+ Jahre als Zwillinge - Jetzt erst recht!

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-6957-7233-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ab 50 ist man das eigene Update. Die eineiigen Zwillinge Annette und Michaela blicken mit viel Witz und Ironie auf Höhen und Tiefen einer halben Dekade als Zwillinge zurück: Sie haben mit dem Rucksack die Welt bereist, im Ausland gelebt, geliebt und auch mal gelitten, steile Karrieren hingelegt und aufgegeben, sich als Twin-Models ausprobiert, zwei Start-Ups gegründet und wieder aufgelöst und vier Kinder großgezogen. In ihrer Pubertät 2.0 fragen sie sich, was sie eigentlich daraus gelernt haben und nehmen die große Frage ins Visier: Wie geht's jetzt weiter? Standstreifen ab 50? Von wegen! Anschnallen und zurück geht's auf die Überholspur. Eine selbstironische Autobiografie, die zum 50Plus- Selbermachen anregt (aber mit Selbsthilfebüchern nix zu tun hat). Auf ihrem Instagram Kanal @thewetzeltwins posten sie Fotos, Videos und Material zu diesem Buch.

Annette und Michaela Wetzel, Jahrgang 1971, absolvierten nach einer traumatischen Banklehre ein Marketing-Studium in Münster. Sie haben kombiniert in sechs Welt-Metropolen (und Kaarst!) gelebt, sind knapp dem Gefängnis in Sierra Leone entkommen, haben skurrile Twin-Model-Erfahrungen gesammelt, im Konzern weltweite Marken geführt, tanzten auf CNN über den Bildschirm, sind Mütter geworden und haben als Co-Founder zwei Start-Ups gegründet. Mittlerweile leben sie in Hamburg und München und genießen ihre Pubertät 2.0.
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All eyes on us!


Es ist schweinekalt, gefühlte minus fünf Grad mit Nieselregen. Ich zupfe mein dünnes T-Shirt und die Glitzer-Jeansjacke zurecht. Meine Zähne klappern und meine Hände sind taub und steif. Ich stopfe heimlich einen Schal unter meinen Po, damit ich in dem knallroten Plastikflugzeug keine Blasenentzündung bekomme. Dann drehe ich mich zu dem spätpubertären Typen mit der ausdrucksstarken Brille um, der sich neben mir auf dem Kinderkarussell festkrallt. Ich strahle ihn an, als ob er Rick Astley persönlich wäre, werfe den Kopf zurück und lasse meine toupierten Haare im Wind wehen. Wir wirbeln im Kreis, bunte Lichter ziehen an uns vorüber und ich suggeriere mit aufgesetztem Lachen den Spaß meines Lebens.

Willkommen im falschen Film.

Ich hasse Karusselle und grundsätzlich alles, was mit Jahrmärkten zu tun hat. Ich bin kein Fan von Menschenmassen, die sich auf engstem Raum von Wurfbude zu Fahrgeschäft zu Riesenrad drängen, sich beim Autoscooter-Rempeln ein Schleudertrauma zuziehen und sich sehenden Auges bei der Losbude übers Ohr hauen lassen. Ich bin eine gebrannte Mandel und scheue jede Kirmes.

Warum also jetzt? Mit 17 Jahren auf einem Kinderkarussell? Und überhaupt – wer ist dieser Typ, den ich in meinem Leben noch nie gesehen habe und der sich jetzt an mich schmiegt und mir (versuchte) heiße Blicke zuwirft? Und warum halte ich verschiedenfarbige Luftballons in der Hand und gebe vor, mich so sensationell zu amüsieren als würde mein ganzes bisheriges Leben in genau diesem Moment gipfeln, in dem ich durchnässt und durchgefroren im Kreis gewirbelt werde?

Na, weil ich dafür bezahlt werde. Als Fotomodell.

Das Karussell steht mutterseelenallein auf einem Parkplatz in Düsseldorf-Flingern. Kirmes? Keine Spur. Stattdessen sind große Scheinwerfer auf meinen Kollegen und mich gerichtet und zwei Dutzend Personen wuseln um die zentrale Figur des Geschehens herum: den allmächtigen Fotografen, der hinter seiner riesigen Kamera über Erfolg oder Wiederholung der vor ihm befindlichen Szene richtet. Es war mein erstes professionelles Shooting und gleich eine recht große Produktion. Der Auftraggeber war eine Bank und das Motiv war für eine Printkampagne, die jugendliche Klientel für ein Starterkonto erwärmen sollte.

Netty: Kleiner Spoiler-Alarm, liebe Leserinnen und Leser: Wir sind niemals in Hochglanzmagazinen, auf High-End-Modenschauen, in prestigeträchtigen TV-Spots oder auf glamourösen Werbeplakaten am Times Square erschienen. Schockierend, aber nicht überraschend: Wir haben da weit, weit, weit, weit, weeeeeeit kleinere Brötchen gebacken als die gerade aufkommenden Supermodels der 90er Jahre.

Drei Jahrzehnte später habe ich nun auch endlich herausgefunden, warum das so war. Ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, das Google-Orakel befragt, Experten aus dem Business hinzugezogen, sodann des Pudels Kern entlarvt und schlussendlich meine These empirisch validiert. Voilà: Unser Modelfaktor lag um 6,1 Punkte unter dem der Supermodels.

Netty: Jetzt bin ich gespannt.

Meine Wetzelsche Modelformel® besagt Folgendes: Der Erfolg eines Models setzt sich zusammen aus körperlichen Anforderungen (Variable X), Persönlichkeitsmerkmalen (Y) und einer professionellen Vertretung (Z), wobei die Gewichtung jeweils abnimmt:

0,6*X + 0,3*Y + 0,1*Z = Modelerfolg.

Netty: Heureka! Rufen Carl Friedrich Gauß und ich. Und das von einer Matheniete.

Variable X

Die körperlichen Anforderungen an ein Model waren in den 90er Jahren relativ eindeutig: minimum 1,75 m Körperlänge, besser noch 1,78 m aufwärts. An dieser Stelle hätte vielleicht jeder, der das minimale Einstiegskriterium bereits um ein halbes Geodreieck verfehlte schon die Flinte ins Korn geworfen. Nicht so wir. Klar qualifizierten wir uns damit nicht für die (Vorsicht Wortspiel!) großen Jobs, aber kleinere Engagements, mit etwas anderem Fokus, waren wie für uns gemacht. Zum Beispiel, wenn ein schwangerer Bauch gebraucht wurde. Gegen Ende unserer Modelkarriere landete ich so in einem Shooting für eine deutschlandweite Gärtnereikette. Fragt mich nicht nach dem Zusammenhang zwischen einem werdenden Elternpaar und den Vorzügen eines Gartenbaubetriebs – ich bin mir sicher, dieser ging schlüssig aus dem Werbetext hervor. Das war auch nicht mein Problem. Meines war vielmehr, dass mein männlicher Counterpart durchaus dem Größenprofil entsprach und mich damit um zwei Kopflängen überragte. Eine umgedrehte Obstkiste später und das Hindernis war beseitigt, sodass der Strahlkraft meines Antlitzes und meines Bauches nichts mehr im Wege stand.

Neben der Größe spielen zweifelsfrei auch die Körpermaße eine gewichtige Rolle. 90-60-90, Size Zero – auch hier müssen wir uns klare Punktabzüge eingestehen.

Als ich in den 90er Jahren von einem längeren Auslandsaufenthalt in Neuseeland zurückkehrte, bei dem ich mich hauptsächlich von Chocolate Chip Cookies ernährt hatte, erkannte mich Netty am Flughafen kaum wieder. Ich hatte inzwischen zwei Konfektionsgrößen übersprungen und nannte Love Handles, Bauchansatz und Doppelkinn mein Eigen. Bevor ich hier korrigierend eingreifen konnte, wurden wir für den Imageprospekt eines Herstellers von Motorradbekleidung gebucht. Wir sollten uns beide neben einer Harley Davidson Maschine positionieren und dabei lasziv mit einem »stoned Blick« mit der Kamera flirten. Erst beim Shooting stellte sich heraus, dass das bitte im Bikini zu passieren hätte. Das stellte uns vor eine doppelte Herausforderung: Wie schaut man stoned, wenn man das noch nie war? Und vor allem: Wie sollten wir den Zwillingseffekt glaubhaft rüberbringen, wenn zwischen uns ein wohlgenährtes Neuseeland-Bäuchlein lag? Sehr peinliche Situation. Das Set wimmelte von Profimodels, Agenturtypen, Auftraggebern und einer riesigen Fotografen-Entourage. Und alle hatten Fragezeichen im Gesicht. Eindeutig gehörten wir nicht zur Kategorie der langbeinigen Fotomodelle, die sich um uns herum auf diversen Krafträdern räkelten – und nun lieferten wir auch nicht so richtig in unserer Königsdisziplin (Zwilling) ab. Das Ergebnis dieses eher unrühmlichen Auftrags war, dass wir neben der Harley auf dem Boden kauerten, die Arme vor uns verschränkt, um vom ungleichen Körperzustand abzulenken. Dabei boten wir einen Gesichtsausdruck feil, von dem wir annahmen, dass er dem Briefing »stoned« nahekommen würde: kurzsichtig, entrückt und leicht komatös.

Im Anforderungskatalog eines Models darf natürlich auch die Gesichtsoptik nicht fehlen: Symmetrie, ausdrucksstarke Augen und eine ebenmäßige, reine Haut. Bingo! In unserer langen Brillenkarriere wurde uns mehrfach ein symmetrischer Augenabstand attestiert. Der Rest sollte auch als einigermaßen harmonisch durchgehen. An unseren Augen war weiter nichts auszusetzen, außer dass sie nicht wirklich blau, auch nicht grün, sondern je nach Lichteinfall eher blau-grün-grau waren. Ebenso wie das Aufrunden der Körperlänge wurde dies auf unseren Sedcards einfach als »Blau« abgekürzt. Die obligatorische Pubertätsakne war uns zum Glück gnädig gestimmt und so konnten wir bis auf saisonale Sommersprossen beim Thema »ebenmäßig und rein« eigentlich ganz gut mithalten.

Netty: Wobei ich mich an einen Dreh für einen Kinospot erinnern kann, bei dem ich mit meinem männlichen Pendant die Vorzüge einer TVSchrankwand für eine Möbelkette in Szene set-zen sollte. Der Regisseur bestand darauf, dass ich immer von links nach rechts ins Bild laufen sollte, dabei hielt ich eigentlich die andere für meine Schokoladenseite. Aber auf meiner Stirn prangte ein großer Pickel, den es durch einen Schlagschatten zu vertuschen galt…

Wenn man eine Skala von eins bis zehn zugrunde legt, wobei Claudia, Naomi, Linda, Cindy oder Helena allesamt eine Zehn abgeräumt hätten, verleihe ich uns mal eine glatte Zwei für den Aspekt »körperliche Anforderung«.

Netty: Also wirklich … eine Drei ist da schon drin!

Variable Y

Die Aufnahmekriterien namhafter Modelagenturen im Hinblick auf die Persönlichkeit lassen sich im Großen und Ganzen verdichten auf: selbstbewusster Auftritt, professioneller und kommunikativer Umgang sowie eine positive Ausstrahlung.

In einem Wort (oder sind es zwei?): Home-Run. Getreu unserem Motto »Wo wir sind, ist oben« strotzten wir vor Selbstvertrauen. Geschult durch Banklehre, Studium und später durch unsere Management-Tätigkeiten wussten wir ziemlich genau, was der Kunde von uns erwartete, und setzten alles daran, entsprechend abzuliefern. Insbesondere, wenn wir im Doppelpack gebucht wurden, brachten wir Leichtigkeit und Witz in die Produktionen ein. Selbst die absurdesten Aufträge zogen wir ohne mit der Wimper zu zucken enthusiastisch durch. Bei einem Shooting für eine Supermarktkette sollten wir gemeinsam in einen vanillegelben XXXL-Pulli steigen und verschmitzt in die Kamera lachen. Gesagt, getan!

Bei der Fotosession für einen Elektroanbieter war vorher schon klar, dass es sich um eine deutschlandweite, multimediale Kampagne handeln würde. Als ich den Zuschlag...



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