Wheaton | Emily Eternal | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Wheaton Emily Eternal

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-23488-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-23488-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Emily ist eine KI. Sie wurde designt und programmiert, um den Menschen in allen Lebenslagen zu helfen. Und obwohl das eigentlich gar nicht möglich sein sollte, liebt Emily die Menschen. Aber als die Sonne zu erlöschen droht, hat auch sie kein Programm, um das zu verhindern. Dennoch fasst sie einen Plan, um die Welt zu retten. Doch nicht jeder glaubt an ihre guten Absichten, und so wird Emilys Liebe zu den Menschen auf eine harte Probe gestellt ...

M. G. Wheaton wurde in Texas geboren und arbeitete zunächst in der IT-Branche, bevor er sich als freischaffender Journalist und Autor selbstständig machte. Seine Artikel erschienen unter anderem im »Hollywood Reporter«, im »SFX Magazine« und in der Zeitschrift »Total Film«. Er schreibt außerdem Drehbücher und plottet Videospiele. M. G. Wheaton ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Los Angeles.
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1


Es ist dunkel. Viel zu dunkel für einen Nachmittag. Und der Himmel ist auch nicht da, wo er hingehört.

In meinen Ohren dröhnt brüllender Wind. Dann folgt ein lautes Krachen, das klingt, als würde die Erde aufbrechen. Es wird immer lauter, knirscht wie ein umstürzender Wald.

Der Boden unter mir löst sich auf, und ich stürze in die Finsternis.

»Es hat geregnet, als wir ins Bett gegangen sind«, sagt Regina mit zitternder Stimme. Sie dringt aus weiter Ferne zu mir. »Es hieß, das Schlimmste sei vorbei. Der Pegelstand des Flusses sank wieder.«

Jemand schreit. In dem Ganzkörperspiegel an ihrer Schranktür sehe ich Regina als Teenager. Sie trägt einen rosa-blauen Pyjama mit Pandabärenmuster. Vierzehn ist sie, sieht aber viel jünger aus. Wieder ein Schrei. Regina blickt in den Flur hinaus.

»Meine Schwester war in ihrem Zimmer«, fährt die Regina von heute fort. Jetzt laufen ihr Tränen über das Gesicht. »Ich konnte sie nicht sehen, aber hören.«

Diese Erinnerung ist falsch. Draußen im Flur öffnet sich eine Tür, und Teenager-Regina sieht ein verängstigtes kleines Mädchen vor sich – ihre Schwester Marci. Sie klammert sich mit beiden Händen an ihr Bett. Es kracht wieder, dann sind Bett, Mädchen und das gesamte Zimmer verschwunden.

Doch ich betrachte das nicht als Lüge. Vielleicht eher als notwendige Auslassung. Das Erinnerungsvermögen arbeitet selektiv, vor allem, wenn es um Traumata geht. Aus diesem Grund entwickeln sich Babys so, dass sie keinerlei Erinnerung an ihre frühen emotionalen Ängste haben.

»Was ist mit deiner Mutter?«, frage ich. »Wo war sie?«

Im Hier und Jetzt fühlt Regina, wie ich ihre Hand nehme. Spürt meine Anwesenheit, meine Wärme, die ihr bewusst macht, dass sie in Sicherheit ist. Das alles geschah vor langer Zeit.

»Ich weiß nicht«, antwortet Regina. »Sie war im Schlafzimmer, muss es aber irgendwie nach oben geschafft haben.«

Das Zimmer von Teenager-Regina ist in Bewegung geraten, alles dreht sich, aus Wänden, Boden und Decke brechen große Brocken heraus. Reginas Puls beschleunigt sich, und ich lege meine Hände an ihre Ellbogen. Automatisch beugt sie sich vor, neigt ihren Körper in meine Richtung wie bei einer Umarmung.

»Erzähl es mir«, fordere ich fast flüsternd.

Sie nickt, und plötzlich erscheint ihre Mutter neben ihrer jüngeren Ausgabe. Obwohl ihre Lippen sich nicht bewegen, hört Regina ihre Stimme. Nimm meine Hand.

»Sie hat mich aufs Dach geführt«, erklärt sie mir.

Die Wände des Teenagerzimmers verschwinden nun ganz, der Fußboden verwandelt sich in die Überreste eines Hausdachs. Das laute Dröhnen kommt nicht vom Wind, sondern von dem breiten, tosenden Fluss, der die Ruine von Reginas Haus umspült. Es regnet, wenn auch nicht besonders stark.

Ich erhöhe meine Prozessorgeschwindigkeit, damit Regina meine Abwesenheit nicht bemerkt, während ich die Aufzeichnungen zu ihrem Fall durchgehe, die auf meinem Server gespeichert sind. In Wirklichkeit war der Fluss gerade mal sechs Meter breit. Und die heftigen Wellen, die gegen das bröckelnde Haus schlugen? Ebenfalls frei erfunden. Laut späterer Schätzung des nationalen Wetterdienstes floss das Wasser mit nicht mehr als zehn Meilen pro Stunde.

Die offensichtlichste Verfälschung hat ihr Erinnerungsvermögen allerdings bei der Anwesenheit ihrer Mutter vorgenommen. Als das Erdreich unter dem Haus, das nach einer Woche Dauerregen völlig ausgehöhlt war, wegbrach, stürzte auch der Teil des Hauses, in dem sich Regina und ihre Schwester befanden, zusammen mit mehreren Tonnen Erde in den Fluss. Die Leiche ihrer Mutter wurde allerdings in einem der Räume gefunden, die noch am Ufer standen. Sie war sofort tot, als der erste Stock in sich zusammenfiel und das Erdgeschoss unter sich begrub.

Das hat man Regina auch mehrmals erklärt, aber sie konnte oder wollte es nicht akzeptieren. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Erinnerungen korrekt sind.

»Was ist dann passiert?« Ist passiert. Ein sprachlicher Hinweis darauf, dass sie überlebt hat.

»Ich bin in einem Krankenwagen aufgewacht. Mein Vater hat mich später zu der Stelle gebracht, wo sie mich gefunden hatten. Er war an diesem Wochenende nicht in der Stadt. Ich hatte mich am Ufer in einem umgestürzten Baum verfangen.«

Obwohl sie sich selbst jetzt dort sieht, hat sie keine wirkliche Erinnerung daran. Es ist nur die Version, die ihr Verstand aus den Fakten erschaffen hat. Und genau da liegt das Problem.

»Regina?«, frage ich vorsichtig. »Ich verlasse jetzt die Schnittstelle.«

Sofort befinde ich mich wieder im Gebäude des iLAB, genauer gesagt in einem Zimmer, das eingerichtet ist wie das einladende, wenn auch leicht akademisch angehauchte Büro eines Therapeuten. Regina sitzt auf dem breiten, braunen Sofa mitten im Raum. Ich sitze ihr direkt gegenüber in einem Ledersessel – oder zumindest nimmt sie es so wahr. Knapp unter dem Ohr trägt sie einen Interfacechip am Hals, ein kleines Stück rechtlich geschützte Nanotechnologie, das diesen Austausch erst möglich macht.

Mithilfe dieses Chips kann ich Reginas Sinne manipulieren: sehen, riechen, hören, tasten. Ihre Augen sagen ihrem Gehirn, dass ihr eine weiße Frau Anfang dreißig mit braunem Haar, blau-grünen Augen und freundlichen Gesichtszügen gegenübersitzt. Ihre Ohren behaupten, dass ich eine durchschnittlich klingende Stimme besitze, nicht zu tief und nicht zu hoch, mit einem leichten Akzent aus Neuengland. Und laut ihrer Nase benutze ich überwiegend duftneutrale Seife und Shampoo mit Kiwigeruch, trage kein Parfum, sondern nur Deodorant, das an Babypuder erinnert. Wenn ich ihre Hand berühre oder sie umarme, empfindet sie mich als warm und fest in der Haltung, ohne dabei steif zu sein. Eine gute Umarmerin.

Im Gegenzug verschafft mir der Chip uneingeschränkten Zugang zu ihrem Gehirn, also sämtlichen Gedanken, Erinnerungen, erlernten Verhaltensmustern, Hoffnungen, Träumen, Ängsten und allem, was dazwischenliegt. Unter Anwendung von Bioalgorithmen kann ich eine umfangreiche neurale Karte vom Geist eines Individuums erstellen, die dann im therapeutischen Kontext dazu genutzt wird, dem Patienten bei seinen großen und kleinen Problemen zu helfen. Einst Jahre umfassende Analysen, sogenannte Gesprächstherapien, die Diagnostizierung eines Schädel-Hirn-Traumas und sogar strafrechtlich relevante psychologische Gutachten können so in einer einzigen Sitzung abgearbeitet werden.

Wenn man bedenkt, womit sich die Menschheit heute konfrontiert sieht, kam diese neue Technologie, die den Leuten dabei hilft, ihre Traumata zu verarbeiten, genau zum richtigen Zeitpunkt.

»Hi«, sage ich nun.

»Hi«, antwortet Regina und lehnt sich zurück. Fast wirkt es so, als wäre ihr diese Nähe zu mir unheimlich.

»Das war bestimmt nicht leicht«, stelle ich fest und richte mich ebenfalls ein wenig auf. »Hast du etwas Neues gesehen?«

Regina schüttelt den Kopf. Heute haben wir unsere dritte Sitzung, sind allerdings zum ersten Mal direkt in das traumatische Ereignis eingetaucht, das schon lange ihr Leben bestimmt.

»Die Frage ist doch wohl eher, was du gesehen hast«, erwidert sie.

Die Wahrheit: Sie hat ihr Leben lang geglaubt, dass sie ihre Schwester hätte retten können oder ihre Mutter sich dafür entschieden hat, sie zu retten und nicht Marci. In jedem Fall gibt sie sich die Schuld am Tod der beiden. Deshalb sieht der reißende Fluss in ihrem Geist auch so viel schlimmer aus. Ihr Unterbewusstsein versucht, ihr einen Ausweg aufzuzeigen, zu beweisen, dass sie nichts hätte tun können. Unfassbar, nicht wahr? Das menschliche Gehirn in all seiner zerbrechlichen Komplexität macht etwas Schlimmes noch schrecklicher, und das alles mit dem Ziel der Selbsterhaltung.

Aber das kann ich ihr nicht sagen. Es wäre nichts anderes als der Versuch, sie von einer ihrer tiefsten Überzeugungen abzubringen. Das kann sie nur selbst tun. Meine Aufgabe als Therapeutin besteht nicht darin, ihr Antworten zu liefern, sondern sie dazu zu bringen, die richtigen Fragen zu stellen.

Zumindest während der verbliebenen sechs Monate bis zum Weltuntergang.

»Ich sehe sowohl die Wirklichkeit als auch die stark davon abweichenden Verschiebungen, die dein Geist vorgenommen hat«, erkläre ich ihr. »Je älter du wurdest, desto mehr hat dein Verstand diese Fiktionen als Wahrheit anerkannt – als echte Erinnerung. Das führt wiederum dazu, dass diese Erinnerungen mit immer mehr Emotion beladen werden, was deinem Verstand die Möglichkeit gibt, sie intensiver auszuschmücken, die Fiktion weiter auszudehnen. Der stärkste emotionale Eindruck von diesem Tag ist Angst, also macht dein Geist alles furchteinflößender. Außerdem konntest du das Gefühl des Verlustes nie abschütteln, weshalb dein Geist diesen Teil der Erinnerung verstärkt und all die Gefühle, die du im Lauf der Jahre angestaut hast, in diese kurze Zeitspanne zwängt. Das ist ein ziemlicher Ballast.«

»Dann belüge ich mich also selbst?«, fasst Regina zusammen. »Und mache es schlimmer, als es eigentlich war?«

»Ganz und gar nicht«, versichere ich. »Für dich ist die Erinnerung nur durch all das verstärkt, was das Ereignis in deinem Leben ausgelöst hat. Die ursprüngliche Erinnerung, wie ich sie sehe – ihre reine Form, das Chaos, die Einfachheit, die wahre Angst –, könnte dein Gehirn gar nicht verarbeiten. Also präsentiert es die Fakten in einer Art und Weise, die zu deinen emotionalen Reaktionen passt. Klingt das logisch?«

Nein,...


Lungstrass-Kapfer, Charlotte
Die Liebe zu Büchern und Sprache brachte Charlotte Lungstrass-Kapfer auf ziemlich direktem Weg zum Übersetzen, sodass sie heute ihre Tage (und manchmal auch Nächte) damit verbringt, Vertreter ihrer Lieblingsgenres Fantasy und Krimi in ein deutsches Gewand zu kleiden. Sie lebt mit Mann, Kind und diversen Haustieren in der Nähe von München. Einblick in ihre Arbeit gibt sie (wenn sie es nicht vergisst) auf Instagram: @clkpages.

Wheaton, M. G.
M. G. Wheaton wurde in Texas geboren und arbeitete zunächst in der IT-Branche, bevor er sich als freischaffender Journalist und Autor selbstständig machte. Seine Artikel erschienen unter anderem im »Hollywood Reporter«, im »SFX Magazine« und in der Zeitschrift »Total Film«. Er schreibt außerdem Drehbücher und plottet Videospiele. M. G. Wheaton ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Los Angeles.



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