E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Whitaker Von hier bis zum Anfang
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99960-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-492-99960-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chris Whitaker arbeitete zehn Jahre als Finanztrader, bevor er sein Leben änderte und sich dem Schreiben zuwandte. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise, schon jetzt gilt Whitaker in England als Sensation. »Von hier bis zum Anfang« wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt. Whitaker lebt zusammen mit seiner Ehefrau und drei Kindern.
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1
Walk stand am Rand einer aufgeregten Menge. Einige von ihnen kannte er seit seiner Geburt, andere seit deren. Urlauber mit Kameras, Sonnenbrand und unbeschwertem Lächeln.
Die Lokalnachrichten waren jetzt auch da, eine Reporterin von KCNR. »Dürfen wir kurz mit Ihnen sprechen, Chief Walker?«
Er lächelte, schob die Hände tief in die Taschen und schlängelte sich durch die Menge, als die Leute plötzlich erschrocken nach Luft schnappten.
Stück für Stück und laut stürzte das Dach ein, krachte aufs Wasser weiter unten. Die Grundmauern blieben roh und skelettartig stehen, als wäre es nie mehr als ein unbewohntes Haus gewesen. Seit Walk denken konnte, hatte es den Fairlawns gehört, hatte in seiner Kindheit noch weit vom Ozean entfernt gestanden. Vor einem Jahr war das Grundstück abgesperrt worden, weil die Klippen erodierten, hin und wieder kamen Leute von California Wild, maßen und schätzten.
Kameras wurden hochgehalten, Aufregung breitete sich aus, als es Schindeln regnete und die vordere Veranda halb absackte. Milton, der Schlachter, ging auf ein Knie runter und schoss das Bild des Tages vom umgeknickten Flaggenmast mit der Fahne im Wind.
Der jüngere der Tallow-Söhne lief zu dicht heran. Seine Mutter zog ihn so fest am Kragen, dass er rückwärts auf den Hintern plumpste.
Dahinter versank die Sonne mit dem Gebäude, zerhackte das Wasser mit orange- und lilafarbenen Schnitten und namenlosen Schattierungen. Die Reporterin bekam ihre Story, verabschiedete ein eher unbedeutendes Stück Geschichte, das kaum der Rede wert war.
Walk sah sich um und entdeckte Dickie Darke, der ungerührt zuschaute. Er stand da wie ein Riese, fast zwei Meter zehn. Dickie handelte mit Immobilien, ihm gehörten mehrere Häuser in Cape Haven und ein Club am Cabrillo, eine Kaschemme von der Sorte, in der das Laster zehn Dollar und einen kleinen Batzen Rechtschaffenheit kostet.
Sie blieben eine weitere Stunde lang stehen, Walks Beine wurden müde, als die Veranda endlich aufgab. Schaulustige widerstanden dem Impuls zu applaudieren, dann machten sie kehrt und gingen zurück zu ihren Grills, Bieren und Feuerstellen, deren flackerndes Licht Walk auf seiner Abendpatrouille begleitete. Sie liefen über den grauen Steinweg, zwar trocken verlegt, aber trotzdem robust. Dahinter stand der Wunschbaum, eine große Eiche, so breit, dass ihre Äste gestützt werden mussten. Das alte Cape Haven gab sich alle Mühe, fortzubestehen.
Walk war einst mit Vincent King auf diesen Baum geklettert, in einer Zeit so fern der Gegenwart, dass sie kaum noch von Bedeutung war. Er legte eine zittrige Hand auf seine Schusswaffe, die andere an den Gürtel. Sein Kragen war gestärkt, er trug eine Krawatte, die Schuhe frisch geputzt. Die Tatsache, dass er seinen Platz in der Welt akzeptierte, wurde von vielen bewundert, von anderen belächelt. Walker war Kapitän eines Schiffs, das seinen Hafen niemals verließ.
Er entdeckte das Mädchen, das sich gegen den Strom der Menschen bewegte. Sie hatte ihren Bruder an der Hand, der nur mühsam mit ihr Schritt hielt.
Duchess und Robin, die Radley-Kinder.
Er ging los, rannte ihnen fast entgegen, weil er alles über sie wusste, was es zu wissen gab.
Der Junge war fünf und weinte stumme Tränen, das Mädchen war gerade erst dreizehn geworden und weinte nie.
»Eure Mutter«, sagte er. Keine Frage, sondern eine Feststellung von solcher Tragik, dass das Mädchen nicht einmal nickte, sich nur umdrehte und voranging. Sie bewegten sich durch dämmrige Straßen, die trügerische Ruhe von Lattenzäunen und Lichterketten. Über ihnen ging der Mond auf, leitete und verspottete ihn, wie er es schon seit dreißig Jahren tat. Vorbei an prächtigen Häusern aus Glas und Stahl, die sich der Natur widersetzten, ein Anblick von schrecklicher Schönheit.
Die Genesee runter, wo Walk immer noch im alten Haus seiner Eltern lebte. Dann in die Ivy Ranch Road, wo sie sich jetzt dem Haus der Radleys näherten. Abblätternde Farbe an den Fensterläden, ein umgedrehtes Fahrrad, der Reifen daneben. In Cape Haven war alles, was nicht perfekt war, gleich schrecklich.
Walk löste sich von den Kindern und rannte den Weg entlang, von drinnen drang kein Licht heraus, nur das Flackern eines Fernsehers. Er schaute zurück, Robin weinte immer noch, und Duchess sah ihm nach, streng und unerbittlich.
Er fand Star auf der Couch, eine Flasche neben sich, dieses Mal keine Pillen, ein Schuh am Fuß, der andere nackt, kleine Zehen, lackierte Nägel.
»Star.« Er ging auf die Knie und tätschelte ihre Wange. »Star, komm, wach auf.«
Er sprach ruhig, weil die Kinder jetzt an der Tür standen; Duchess hatte einen Arm auf ihren Bruder gelegt, da dieser sich so schwer an sie lehnte, als habe er keine Knochen mehr in seinem kleinen Körper.
Er bat das Mädchen, den Notruf zu wählen.
»Hab ich schon.«
Er zog Stars Lider mit dem Daumen hoch und sah nichts als Weiß.
»Wird sie wieder gesund?«, fragte der Junge.
Er schaute rüber, hoffte auf Sirenen, blickte mit zusammengekniffenen Augen in den feuerroten Himmel.
»Würdet ihr draußen Ausschau halten, wo sie bleiben?«
Duchess verstand ihn und ging mit Robin hinaus.
Star schüttelte sich, kotzte ein bisschen und schüttelte sich wieder, als hätten Gott oder der Tod Besitz von ihrer Seele ergriffen und sie müsste sich jetzt befreien. Walk hatte jede Menge Geduld gehabt, dreißig Jahre waren seit Sissy Radley und Vincent King vergangen, doch Star lallte immer noch von Eternalismus, dem Aufeinanderprallen von Vergangenheit und Gegenwart, den Weichen für die Zukunft und von Dingen, die sich nicht wiedergutmachen ließen.
Duchess fuhr mit ihrer Mutter. Walk würde später mit Robin nachkommen.
Sie schaute dem Sanitäter zu. Er versuchte es nicht mit einem Lächeln, und sie war ihm dankbar dafür. Er hatte dünnes Haar und schwitzte, vielleicht war er es leid, Menschen zu retten, die so fest entschlossen waren, zu sterben.
Eine Weile blieben sie vor dem Haus stehen, und durch die offene Tür des Rettungswagens sah sie Walk, der seine Hand auf Robins Schulter legte. Robin brauchte das, den Trost eines Erwachsenen, das Gefühl von Sicherheit.
Auf der anderen Straßenseite bewegten sich die Vorhänge, während Schatten stille Urteile fällten. Dann sah sie am Ende der Straße Kinder aus ihrer Schule, die mit roten Gesichtern fest in die Pedale traten. Nachrichten verbreiteten sich schnell in einer Stadt, in der schon Bebauungspläne Stoff für Schlagzeilen boten.
Die beiden Jungs machten neben dem Streifenwagen halt und ließen ihre Räder fallen. Der Größere ging atemlos auf den Krankenwagen zu, eine Haarsträhne klebte in seinem Gesicht.
»Ist sie tot?«
Duchess hob das Kinn und sah ihm fest in die Augen. »Verpiss dich.«
Der Motor brummte, als die Tür zugeschlagen wurde. Die Welt hinter dem Milchglas verstummte.
Autos schlängelten sich um Biegungen, bis sie über den Hang kippten, dahinter lag der Pazifik. Felsen durchstießen die Oberfläche wie die Köpfe von Ertrinkenden.
Sie betrachtete ihre Straße, bis sie deren Ende erreichten, bis Bäume aufragten, sich über der Pensacola trafen, Äste wie Hände, verschränkt im Gebet für das Mädchen und ihren Bruder – angesichts der Tragödie, die lange vor ihrer beider Geburt begonnen hatte.
Die Nacht kam wie viele andere, verschluckte Duchess so vollständig, dass sie sicher war, niemals wieder Tageslicht zu sehen, zumindest nicht wie andere Kinder. Das Vancour Hill Hospital kannte Duchess nur allzu gut. Ihre Mutter wurde fortgebracht, und sie blieb auf dem polierten Boden stehen, das Licht glänzte darauf. Sie behielt die Tür im Blick, bis Walk mit Robin hereinkam. Dann ging sie zu ihm, nahm die Hand ihres Bruders, führte ihn zum Fahrstuhl und fuhr mit ihm in den zweiten Stock. Bei gedämpftem Licht schob sie zwei Stühle im Familienzimmer zusammen. Gegenüber befand sich der Materialraum, und Duchess besorgte sich zwei weiche Decken, baute aus den Stühlen ein Bett. Robin stand betreten herum, Müdigkeit zehrte an ihm, kroch in die dunklen Ringe unter seinen Augen.
»Musst du mal?«
Nicken.
Sie ging mit ihm zur Toilette, wartete ein paar Minuten, achtete darauf, dass er sich die Hände gründlich wusch. Sie fand Zahnpasta, drückte ein bisschen davon auf ihren Finger und fuhr ihm damit über Zähne und Zahnfleisch. Er spuckte aus, sie tupfte seinen Mund ab.
Dann half sie ihm aus den Schuhen und über die Armlehnen der Stühle und deckte ihn zu. Er rollte sich ein wie ein kleines Tier.
Und sah sie an. »Lass mich nicht alleine.«
»Niemals.«
»Wird Mom wieder gesund?«
»Ja.«
Sie machte den Fernseher aus, das Zimmer war dunkel, die Notbeleuchtung tauchte sie beide in ein so sanftes Rot, dass Robin schon eingeschlafen war, als sie die Tür erreichte.
Im klinischen Licht des Krankenhausgangs blieb sie mit dem Rücken zur Tür stehen. Sie würde niemanden hier hereinlassen, im dritten Stock gab es noch ein weiteres Familienzimmer.
Eine Stunde später tauchte Walk wieder auf und gähnte, als gäbe es einen guten Grund. Duchess wusste, wie er die Tage verbrachte, den Cabrillo entlangfuhr, diese perfekten Meilen von Cape Haven bis weit dahinter, jedes Blinzeln eine Momentaufnahme, so paradiesisch, dass die Menschen quer durchs Land reisten, um sich dort Häuser zu kaufen, die sie dann zehn Monate im Jahr leer stehen ließen.
»Schläft er?«
Sie nickte.
»Ich hab nach eurer Mutter gesehen, sie wird wieder.«
Sie nickte erneut.
»Du kannst gehen und dir was zu trinken holen. Da steht ein Automat neben dem …«
»Ich...




