E-Book, Deutsch, 327 Seiten
White Das Hotel bei den Klippen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-796-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 327 Seiten
ISBN: 978-3-95824-796-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gillian White stammt aus Liverpool und arbeitete mehrere Jahre als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Mit ihrem Mann und zwei Hunden lebt sie in Totnes, Devon. Vier ihrer Romane wurden vom britischen Fernsehen erfolgreich verfilmt. Bei dotbooks veröffentlichte Gillian White ihre Spannungsromane »Denn du bist mein«, »Hexenwiege«, »Ein unheimlicher Gast«, »Der Peststein«, »Der Fluch der alten Dame«, »Du kannst uns nicht entkommen«, »Die Einsamkeit der Lüge«, »Der Nachmieter«, »Das Ginsterhaus«, »Das Familiengrab« und »Das Hotel bei den Klippen«. Die letzten drei Romane sind auch im Sammelband erhältlich.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Jesus«, klagte der Mann, der auf sein Leben zurückblickte. »Warum suchte ich immer dann vergebens nach deinen Fußspuren neben mir, wenn es mir schlecht ging? Warum ließest du mich im Stich, wenn ich dich am nötigsten brauchte?«
Und Jesus antwortete ihm so gelassen, als ob er seit Jahren auf diese Frage gewartet hätte. »Mein Sohn, wenn es dir schlecht ging, gab es deshalb nur eine Spur im Sand, weil ich dich auf meinen Schultern trug.«
Kirsty wirft einen wütenden Blick auf diese frommen Zeilen über dem Kaminsims. Sie hingen an diesem Ehrenplatz im Wohnzimmer, seit ihre Schwiegermutter den Spruch bei einem schrecklichen Weihnachtsfest feierlich dort angebracht hatte. Ein Riss lief quer durch den Rahmen, der den Spruch einfasste. Notdürftig hatte sie den Riss mit einem Klebstreifen geflickt. Ihr Haus, ihr ganzes Leben schienen voller Risse und schwarzer Löcher zu sein. Zehn kurze Minuten hat sie, um dem Haus zu entkommen, in dem sie acht Ehejahre ertragen hatte. Als wäre sie krank und ans Bett gefesselt gewesen. Abgeschottet hinter einer dunklen Glasscheibe.
Sie denkt an ihre Kinder – es gab keine Alternative, als sich vorübergehend von ihnen zu trennen, aber mit sechs und sieben waren sie einfach zu klein, um das zu begreifen. Kirsty hatte sich nicht getraut, sie in ihre Pläne einzuweihen, aus Angst, sie könnten alles verraten. Es war keine Zeit gewesen, ihnen zu erklären, dass sie wiederkommen und sie holen würde, sobald alles geregelt war. Erst heute Morgen, nachdem er in die Arbeit gegangen war, hatte Kirsty sie aufgeweckt und angezogen und ihnen behutsam mitgeteilt, dass sie heute nicht in die Schule müssten. Dass stattdessen Tante Tessa sie mit ihrem Auto abholen würde und sie zu Maddy brächte.
Die Kinder hätten bei ihr bleiben können, wenn sie ins Frauenhaus gegangen wäre, aber das hatte sie nicht gewollt.
Die größte Angst hatte sie vor dem Frühstück an diesem Morgen gehabt. Sie hatte befürchtet, der Stress könnte zu viel für sie werden, sie könnte anfangen zu weinen oder durch einen Blick sein Misstrauen erregen, aber merkwürdigerweise war sie so ruhig gewesen wie selten. Ihre Nervosität wirkte wie ein Betäubungsmittel, das ihr bei der schwierigen Aufgabe half, ihn ohne das Geknurre und Gefluche aus dem Haus zu bekommen, das normalerweise zu seinem morgendlichen Ritual gehörte. Wie sehr träumte sie davon, irgendwann einmal von Vogelgezwitscher geweckt zu werden und nicht mehr zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang von seinem schnaufenden Körper auf ihr.
Er hatte sie zum Abschied geküsst, nicht gemerkt, wie sie zusammengezuckt war und war zur Arbeit gefahren, so wie immer.
Er besteht darauf, dass seine Socken gebügelt und zusammengelegt werden. Ein halber Teelöffel Senf auf jeder Schinkenscheibe. Exakt ein halber Teelöffel.
Kirsty wirft einen hastigen Blick auf die Uhr an der Wand – Marks & Spencer, sie hatte sie selbst gekauft. Als sie jung verheiratet waren, hatte sie sie für geschmackvoll gehalten. Wie lächerlich, dass sie sich wegen so einer Banalität Gedanken gemacht hatte. Sie stopft ihre Sachen in seine Adidas-Sporttasche: ihren Kulturbeutel, ihre Unterwäsche, Schuhe und die einzigen zwei Taschenbücher, die er nicht zerrissen hatte. Ihre Bücher, ihre geliebten Bücher. Sie hatten Kirsty am Leben erhalten und davor bewahrt, verrückt zu werden. Das hatte er gespürt, und die rebellische Kraft, die von ihnen ausging. Und weil er Rivalen in ihnen sah, veranlassten diese Bücher Trevor zu seinen heftigsten Wutausbrüchen. Nach ihren Kindern waren es ihre Bücher, die Kirsty erfinderisch und mutig werden ließen. Lesen machte sie glücklich, also versteckte sie ihre Bücher überall im Haus und riskierte dabei jedes Mal Prügel, jedes Mal, wenn er das Haus durchwühlte und dabei eines fand. Manchmal ließ er sie dann, als Strafe, auf den Knien laut aus einem der Bücher vorlesen, machte sich lustig über die Dialoge oder versetzte ihr einen Hieb mit der Faust, dass sie durch das Zimmer flog. Ihre übrigen Sachen sind in dem Koffer, den sie gekauft hatten, als sie alle nach Weston fuhren. Sie fröstelt bei dem Gedanken an diesen Urlaub. Ihren einzigen Urlaub. Am Schluss war sie alleine mit den Kindern nach Hause gefahren. Ohne Fahrkarten, der Schaffner im Zug war großzügig gewesen.
Nein, das Frühstück heute war keineswegs der gefährlichste Moment in ihrem Leben gewesen. Vor sechs Monaten, als sie zaghaft anfing, diese tödliche Lähmung aus Angst abzuschütteln, war ihr Leben in Gefahr gewesen. Damals hatte sie zum ersten Mal begriffen, mit wem sie da verheiratet war, dank der Hilfe der Samariter und später mit der Hilfe des Zentrums, das diese ihr empfohlen hatten. Anfangs war sie zu eingeschüchtert gewesen, um von dem Telefonhäuschen in der Massey Street aus anzurufen. Aus Angst, er könnte irgendwo in der Nähe auf der Lauer liegen, es wissen, so wie er es immer wusste, wenn sie gegen eine seiner Regeln verstieß, sich nicht loyal oder in seinen Augen schlampig verhielt.
Zu Kirstys Erleichterung bestanden die Samariter nicht darauf, dass sie ihre Identität preisgab. Aber vielleicht, so schlugen sie vor, sollte sie trotzdem irgendeinen Namen nennen, damit sie entspannter miteinander sprechen konnten, sie und die Fremde mit der warmherzigen Stimme. Zitternd nannte sie den Namen »Valerie«, weil sie glaubte, ihr Leben wäre ganz anders verlaufen, hätte man ihr den Namen Valerie gegeben. Valerie schien ihr ein so starker Name zu sein, nicht der Name eines Menschen, den man nach Lust und Laune ebenso gut Miststück, Schlampe, Nutte nennen konnte oder eines Menschen, der nach einer Mutter genannt worden war, die bei seiner Geburt gestorben war.
Mami. Mutti. Mama. Als Kind hatte sie sich alle Versionen laut aufgesagt, weil sie wissen wollte, wie sie sich anhörten.
An dem Tag, als sie die Samariter anrief, war sie zu spät zur Arbeit gekommen, und er hatte später wissen wollen, warum man ihr 2 Pfund 45 von ihrem Lohn abgezogen hatte. Ohne rot zu werden, behauptete sie, sie hätte den Bus versäumt. Ohne die Hoffnung zu haben, jede Woche mit dieser Ausrede durchzukommen.
Mit einer beinahe schon krankhaften Gier hatte sie angefangen, in ihrer Mittagspause zu telefonieren. Zu Beginn hatte sie kaum ein Wort herausgebracht, doch nach kurzer Zeit sprudelte der angestaute Hass, den er ihr hineingeprügelt hatte, nur so aus ihr heraus.
Die Mädchen neckten sie und dichteten ihr einen Lover an. Nannten ihn ihren Reservebetthasen. Und wenn sie das Geld in den Schlitz warf, sangen sie: »Häschen hüpf!«
Sie hatte Panik davor, dass Trev herausfinden könnte, was los war, oder sie durchschauen, mit seinem Röntgenblick ihre Gedanken lesen könnte. Ihr das Gehirn ausleeren und es durchwühlen, so wie er es manchmal mit dem Abfalleimer machte und den Müll über den ganzen Küchenboden verstreute. Doch sogar damals, als sie langsam dabei war, sich zu erholen, verspürte sie noch immer dieses perverse Verlangen des Opfers, vor seinem Peiniger auf die Knie zu fallen und ihm alles zu gestehen, um Gnade zu flehen, ihm einen Stock in die Hand zu geben, damit er sie schlagen und so ihre Schuldgefühle lindern konnte.
Das Telefon zu Hause konnte sie nicht benutzen, da die Anrufe inzwischen einzeln in der Abrechnung aufgeführt wurden. Er ging sie pedantisch durch und machte ihr wegen jeder unbekannten Nummer eine Szene, sogar wenn er selbst telefoniert hatte.
So blieb ihr nichts anderes übrig, als mit der Lüge zu leben. Das fiel ihr am schwersten. Nur in ihren Büchern fand sie Trost.
Sie wusste nicht mehr, warum sie ihn geliebt hatte.
Jahrelang hatte sie gehofft, er würde sich ändern.
Er liest den Sportteil in der Sun. Er macht das Rätsel in People. Wenn im Fernsehen die Lottogewinner gezeigt werden, spuckt er auf den Teppich.
Kirsty steht in der offenen Haustür, eine zierliche Gestalt in Jeans und dunkelblauem Parka, in der Hand die Schlüssel, um etwas aus ihrem Leben auszusperren. Das Haus liegt so ruhig da. Beinahe friedlich. Nichts, das auf Angst oder Schrecken hindeutet, alles ist sauber und ordentlich, wenn nicht immer wieder Erinnerungen aufblitzen und sie quälen würden. Nummer 24 Barkers Terrace sieht immer leer aus, wenn sie alles aufgehoben und weggeräumt hat, ganz nach seinem Geschmack, ein Haus so leer und deprimierend, dass sich bestimmt niemand darin wohl fühlen kann. Wie schön müsste ein Zuhause sein, in dem ein liebevoller Partner auf einen wartet. Ein unaufgeräumtes Haus, in dem es nach selbst gebackenem Kuchen duftet, überall Blumentöpfe stehen, Stöße von Büchern und Kinderbilder an den Wänden. Aber die Möbel in Kirstys Haus schimmern trübselig vor sich hin, und ein Bedürfnis überkommt sie, etwas Ekelhaftes auf dem Teppich zurückzulassen, ein gebrauchtes Tampon oder einen Haufen Kot – niemand in ihren Büchern würde so etwas Entsetzliches tun. Als einen Minimalisten würden ihren Mann diese Künstlertypen bezeichnen, denen Sterilität und Kälte gefällt. Eine makellos aufgeräumte Küche – nicht einmal ein Geschirrhandtuch auf dem Abtropfständer ist erlaubt. Kein Nippes auf den Regalbrettern. Kein Kissen auf dem Sofa. Kein Sofatisch. Keine Bilder, nur ein gerahmter Spiegel über dem Kamin und der Bibelspruch seiner Mutter. Aber Trevs Besessenheit entspringt einer Paranoia, hat man Kirsty gesagt, und allmählich beginnt sie, das zu begreifen.
Niemand schien besonders überrascht oder schockiert von ihrer Geschichte zu sein. Die passierten einfach zu oft. »Er ist geisteskrank«, erklärten sie ihr. »Er braucht Hilfe.« Und: »Sie müssen stark sein und tapfer.«
Sobald sie durch diese Tür gegangen ist, muss sie hier nie wieder putzen. Nie wieder mit ihren Kindern flüstern oder sie...




