E-Book, Deutsch, 492 Seiten
White Der Nachmieter
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-416-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 492 Seiten
ISBN: 978-3-96148-416-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gillian White stammt aus Liverpool und arbeitete mehrere Jahre als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Mit ihrem Mann und zwei Hunden lebt sie in Totnes, Devon. Vier ihrer Romane wurden vom britischen Fernsehen erfolgreich verfilmt. Bei dotbooks veröffentlichte Gillian White ihre Spannungsromane »Denn du bist mein«, »Hexenwiege«, »Ein unheimlicher Gast«, »Der Peststein«, »Der Fluch der alten Dame«, »Du kannst uns nicht entkommen«, »Die Einsamkeit der Lüge«, »Der Nachmieter«, »Das Ginsterhaus«, »Das Familiengrab« und »Das Hotel bei den Klippen«. Die letzten drei Romane sind auch im Sammelband erhältlich.
Weitere Infos & Material
1
Flat I, Albany Buildings, Swallowbridge, Devon
Sie ist nicht zu schwach, um zu Fuß zu gehen, um Gottes willen. Wenn es sein müsste, könnte sie sogar schnell laufen. Sie war immer stolz auf ihren Willen, auf ihr Durchhaltevermögen.
In der Tat hatte es in Irenes Leben oft genug Zeiten gegeben, in denen sie Trost fand in den einfachen Weisheiten Faith Steadfasts – der Antwort der Hausfrauen auf Rudyard Kipling.
Ist dir manchmal schwer ums Herz,
bist müde von des Lebens Bürde,
gib nicht auf und lächle weiter,
deiner Seele Kraft schafft jede Hürde.
Doch zum Teufel, sie hätte es nie für möglich gehalten, einmal so viel Seelenkraft aufbringen zu müssen.
Je länger sie läuft, umso stärker empfindet Irene Peacock den Druck. Sie werden zusehends wütender. Wenn man sie dieses Mal erwischt, geht's ihr an den Kragen, daran zweifelt sie nicht im Geringsten. Entweder das oder man raubt ihr für immer das bisschen an Energie, das ihr noch verblieben ist.
Sie hatte mit ihrer Strumpfhose gekämpft. Am Ende hatte sie diese einfach auf dem Boden liegen lassen, mit dem Gefühl, ihre Fußfesseln zurückzulassen.
Ihre dünnen grauen Haare fallen ihr wirr auf die Schultern. Haare wie Zuckerwatte. Das Unterhemd, das sie ihr gaben, hält sie warm, fühlt sich an wie ein warmer Hauch auf ihrer Brust. Mit zusammengebissenen Zähnen steigt sie den Berg hinauf – den Berg, den sie als Kinder auf dem Schulweg hinaufstürmten, fröhlich hüpfend in ihren Baumwollkleidchen. Dabei flogen die Worte nur so hin und her, damals vor siebzig Jahren ... und nun fahren diese Töne von früher in ihrem Kopf Karussell.
»Haus zu vermieten, habt ihr's vernommen. Wenn du rausgehst, kann Irene Mott reinkommen!«
Ach, was war sie für eine gute Seilspringerin gewesen! Egal, wie schnell das Seil geschwungen wurde, sie sprang nie darauf.
Die Haarschleifen an ihren Zöpfen passten stets zu ihrem Kleid, an diesen Zöpfen, die so streng nach hinten gekämmt waren, dass sie Kopfschmerzen verursachten, mit dem schnurgerade gezogenen Mittelscheitel. An die Namen der vielen Freundinnen kann sie sich allerdings kaum noch erinnern, was jedoch keine Rolle spielt, weil die meisten bereits tot und ihre Kleider bei der Kleidersammlung gelandet sind.
Seelenstärke? Lieber Gott. Sie hatte nie damit gerechnet, derart allein gelassen zu werden – niemals. Vor allem nicht, als sie verheiratet war, ihr Kind aufzog und alle Hände voll zu tun hatte. Sie hatte angenommen, das Leben sei ein fortwährendes Kettenreißen, jeder zöge heftig an den Händen des anderen, bis die ganze Kette mit einem lauten Klirren auseinander brach.
Ganz zu schweigen vom Gefühl, berührt zu werden – es gibt inzwischen nicht einmal mehr jemanden, der ihr zuhört, der Respekt vor ihr hat. Sie hat entsetzliche Angst davor, nicht mehr sprechen zu können, so wie ein paar der Leute, die einen Schlaganfall erlitten hatten. Eines Tages wird sie den Mund aufmachen, und es wird nur schwer verständliches Zeug herauskommen, und dann wird sie nicht einmal mehr in der Lage sein, um Hilfe zu rufen.
Wenn man in einen dieser Stühle gepackt wurde, konnte man froh sein, wieder auf die Beine zu kommen.
Und zu allem Überfluss leidet sie noch an Verstopfung, wegen dieser ständigen Eier. Das ist nicht gerade angenehm, ständig diese Blähungen. Dazu kommt, dass sie häufig einschläft, sanft in ihrem Sessel entschlummert. Mischen sie ihr etwas in ihr Horlicks? In ihrer Tasse waren doch früher auch keine solchen grauen Brösel, und sie hatte auch noch nie so viel geschlafen. Inzwischen kann sie schon gar nicht mehr zwischen Schlafen und Wachen unterscheiden. Sie wird immer unsicherer. Wahrscheinlich ist sie kurz davor, den Verstand zu verlieren. Manchmal spürt sie sogar William neben sich, seinen sicheren, festen Schritt.
Einige dort hinten lagen im Bett, auf der Seite, wie Babys, nässten ein und furzten. Sie weicht ihnen aus so gut sie kann, aus Angst, von dieser Hilflosigkeit infiziert zu werden. Wenn sie nicht aufpasst, wird man sie auch in ein solches Bett stecken – und dann wird man noch grober angefasst.
Sie setzt ein tapferes Gesicht auf, versucht, zuversichtlich zu bleiben. Dabei ruft sie sich Faith Steadfast in Erinnerung – ihre Schwiegermutter schenkte ihr wunderbar illustrierte Bücher dieser Autorin zu Weihnachten –, ruft sich einige der Mut machenden Lieder in Erinnerung, die sie in der Kriegszeit sangen. Irene ist gepflegt, das war sie immer. Kalte, von Wäschestärke starrende Leintücher mit der Wäschemarke in der Ecke, einem blauen Stempel, der wie ein Heidelbeerfleck aussieht. Schmale Betten, die viel zu hoch sind, um bequem zu sein. Man bekommt die Zehennägel geschnitten und Fleisch mit zwei Gemüsebeilagen aufgetischt, dazu Eis als Nachspeise und Eier, Eier, Eier. Ein Dahinvegetieren. Man sitzt um Resopaltische herum, meist ruhig wie Kinder, die ein schlechtes Gewissen haben, und reicht einander die Salz- und Pfefferstreuer aus Plastik. Die ganze Nacht über war aus dem Fernsehraum immer wieder lautes Gelächter und Händeklatschen zu hören. Augenlider bieten dort drinnen keinen Schutz, sie sind durchlässig für die Bilder.
Bei dem Gedanken an all die Jahre, in denen sie so vieles für selbstverständlich hielt, stöhnt sie auf.
Ihr Rücken schmerzt, doch die Angst ist das Schlimmste. Sie läuft weiter, eine schmächtige, gebeugte Gestalt in einem himmelblauen Mantel, Hauspantoffeln, mit einer Strickmütze auf dem Kopf und einer gehäkelten Tasche über der Schulter. Natürlich viel zu warm angezogen für so einen Tag, aber sie schaffte es vor Aufregung nicht, sich das Kleid zuzuknöpfen, und verzichtete daher darauf, weshalb ihr nichts übrig blieb, als den Mantel anzuziehen, um einigermaßen ordentlich auszusehen. Ihr Spazierstock hat einen Hundekopf als Griff. Er hatte William gehört – der Griff war glatt poliert von seiner Hand. Letztes Mal hatte man sie mit dem Krankenwagen abgeholt. Sie musste ihre Fahrt zurück nach Greylands antreten – eine roten Decke über ihren käseweißen Beinen, als wäre sie ein Unfallopfer, ein eingewickeltes menschliches Überbleibsel. Diese Schande, diese Demütigung. »Sie strapazieren die Geduld von uns allen, Irene«, hatte sie sich anhören müssen. Man hätte denken können, sie sei Interpol ins Netz gegangen und nicht vom Geschäftsführer des Drogerieladens verpfiffen worden. Und dabei hatten sie ein Gesicht so finster wie noch nie aufgesetzt. Doch sie bereute nichts. Sie behauptete einfach, es nie wieder zu tun. »Warum möchten Sie denn davonlaufen und so etwas tun?«
Flieg, Käfer flieg. Verstehen sie es wirklich nicht?
Sie läuft die Straße entlang ohne aufzufallen.
Und wirkt der Tag selbst noch so düster,
das Leben sinnlos, voller Sorgen,
ein freundlicher Blick, ein fröhlicher Gruß,
schon winkt ein besseres Morgen.
Irene atmet tief durch und humpelt weiter, sie hat es beinahe geschafft. Sie muss unbedingt wieder nach Hause, solange sie noch über so etwas wie ein Zuhause verfügt, ein verwundeter alter Fuchs auf dem Weg in seinen Bau. Bevor sie Demenz diagnostizieren – und was käme als Nächstes? Würden sie so weit gehen, ihr einen elektronischen Sender als Armband aufzuzwingen, damit sie jederzeit wissen, wenn sie der Eingangstür zu nahe kommt? Damit ihre Alarmglocken schrillen, als wäre sie eine Einbrecherin in eine Welt, die zu bewohnen sie nicht das gottgegebene Recht besitzt. Fürchten sie, sie könne ihnen die Luft rauben und sich mit einem Sack voll Sore aus dem Staub machen? Und Frankie hat die Vollmacht, hält ihre Mutter wohl für zu »wirr«, als dass sie sich selbst um ihr Bankkonto kümmern könne. »Wir möchten nicht, dass du dir in deinem Alter über so etwas den Kopf zerbrechen musst, Mum.« Ihre freundlichen Worte funkelten vor Eiseskälte. Pfundmünzen, keine hübschen Banknoten. Sie gaben ihr kleine Beträge, ein Taschengeld, um der Zeitungsfrau etwas zustecken zu können. Sie versteckten ihre Zigaretten und in den letzten drei Monaten war es ihr nicht einmal gelungen, genug Geld für eine Flasche Gin zusammenzukratzen.
»Jetzt seien Sie doch vernünftig. Wer soll sich denn zu Hause um Sie kümmern?«
Sie setzten einen fragenden Blick auf. »Wie wollen Sie mit dem Einkaufen, dem Kochen, dem Saubermachen, Anziehen und der Hygiene klar kommen, Irene?«
»Was ist, wenn Sie stürzen und sich die Hüfte brechen?«
»Ich habe nette Nachbarn«, antwortete Irene und ignorierte die tadelnd erhobenen Finger, »und dann ist da noch meine Tochter, Frankie.«
Die Augen, die auf sie gerichtet waren, verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Es wäre doch ungerecht, Frankie und Ihren Nachbarn eine so große Last aufzubürden, nicht wahr? Es gibt eine Grenze, was man den Nachbarn und der Familie zumuten darf. Und ist Ihre Tochter nicht berufstätig? Sie ist doch Lehrerin?«
»Ja«, antwortete Irene der Frau voller Stolz.
Egoistisches altes Weib, flüsterten sie hinter ihrem Rücken über sie und zerrissen sich das Maul über so intime Dinge wie ihre Blase. Und dann dachten sie sich einen Test aus, um sie hereinzulegen. Rührei sollte sie kochen und gleichzeitig heiße Schokolade mit Milch. Wer, bitte schön, soll mit einer derart unmöglichen Kombination zurechtkommen? Dazu müsste man schon Koch in dem großkotzigen Savoy sein. Um die Rühreier richtig zu machen, braucht man einen ordentlichen Schneebesen, und den hatte sie nicht. Ihrer war verrostet. Als sie es nicht schaffte, seufzten sie und bedachten sie mit traurigen Blicken, während sie über ihr Urteil nachdachten. Das war das erste Mal, dass sie weggelaufen war. Es endete damit, dass sie, unfähig, sich dem...




