E-Book, Deutsch, Band 2, 530 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
White Wo die Angst regiert
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-920-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller: Lancashire Killings 2 | Eine Kleinstadt in Angst und Schrecken
E-Book, Deutsch, Band 2, 530 Seiten
Reihe: Lancashire Killings
ISBN: 978-3-98690-920-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Neil White wuchs in Yorkshire auf. Seit seiner Kindheit begeistert ihn nichts so sehr wie die Musik von Johnny Cash und Bücher, vorzugsweise Science Fiction und Kriminalromane. Während seines Jura-Studiums packte ihn die Lust, selbst zu schreiben. Heute ist Neil White der erfolgreiche Autor zahlreicher Spannungsromane. Die Website des Autors: neilwhite.net/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Thriller-Serie »Lancashire Killings« mit den Einzelbänden: »Wer in den Schatten lebt« »Wo die Angst regiert« »Wenn der Hass entbrennt« »Wen die Rache treibt« Außerdem erschienen bei dotbooks seine Thriller »Die Stimme des Verrats« und »Ein tödlicher Verdacht«.
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Kapitel 4
Ich war auf dem Weg zu Sam Nixons Büro und durchquerte zügig die Fußgängerzone von Blackley, Filialen großer Ketten auf der einen, der Eingang zu einem großen Einkaufszentrum auf der anderen Seite. Früher hatten viktorianische Fassaden die Straße gesäumt, damals, als die Stadt noch der glamouröse große Bruder von Turners Fold gewesen war. Diese Vergangenheit hatte man aber schon vor Jahrzehnten abzuschütteln versucht; allerdings wirkte das neue Stadtzentrum schon jetzt veraltet. Es waren nicht viele Leute unterwegs, nur ein paar Schüler sowie Verkäuferinnen, die auf hohen Absätzen zur Arbeit stöckelten.
Ich sah, dass Sam bereits auf mich wartete. Seine Kanzlei lag im ersten Stock über einem Kopiercenter, den Eingang bildete eine Glastür im Parterre, an der in goldenen Lettern sein Name prangte. Hier versammelten sich von Zeit zu Zeit seine Mandanten, weil es geschützt und warm war und weil man so leichter die Namen der Dealer austauschen konnte. Sams Ehefrau Helena fungierte als Türsteherin – eine Frau mit strohblondem Haar, dürren Armen und einer spitzen Nase. Sie war früher selbst einmal Anwältin gewesen, aber eine mehrjährige Kinderpause und zu hohe Promillewerte hatten dieser Karriere ein Ende gesetzt. Stattdessen kümmerte sie sich nun um den Papierkram und verwaltete das Geld, damit Sam sich ganz seiner Arbeit widmen konnte.
Ich begrüßte Helen mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. Ihre Haut fühlte sich kalt an, ihr Gesicht war blass.
»Was macht das Geschäft?«, fragte ich.
»Wie sagt man so schön? Verbrechen zahlt sich nicht aus.«
»Wieso? Fehlen euch die Mandanten?«
Ihr Lachen klang verbittert. »Mandanten zu bekommen ist kein Problem. Schwierig ist es nur, für die Arbeit auch angemessen bezahlt zu werden.«
Ich erwiderte nichts, da ich mir vorstellen konnte, dass wir unterschiedlicher Ansicht waren, ab wann eine Bezahlung angemessen war. Stattdessen ließ ich mich von ihr am Empfang vorbei in Sams Büro führen, einen großen Raum, in dem sich nur ein Schreibtisch aus Holzimitat und ein paar abgewetzte Stühle befanden, die er bei der Auflösung eines anderen Büros günstig erstanden hatte. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Akten, der dunkelblaue Blackstone’s, Sams bevorzugtes Nachschlagewerk, diente als Briefbeschwerer. Insgesamt strahlte der Raum Kargheit und Kälte aus. Sam Nixon & Co. hatten nicht genügend Mittel in die Firma eingebracht, um auch nur einen einzigen Gedanken an Luxus oder einen Hauch von Bequemlichkeit zu verschwenden.
Als ich eintrat, stand Sam auf und hielt mir die Hand hin. »Hallo, Jack. Schön, dich zu sehen.«
Ich schüttelte seine Hand und bemerkte die Müdigkeit, die sich hinter seinem Lächeln verbarg. Sam wirkte, als ob die Arbeit ihn ziemlich mitnahm. Er war nicht viel älter als ich, wir waren beide Mitte dreißig, doch sein Miene war von Sorge geprägt, sein Haaransatz rückte unerbittlich nach hinten, und der noch verbliebene Rest war grau meliert. Außerdem hatte er abgenommen, und unter den Augen waren deutliche Falten zu erkennen.
Sam Nixon versorgte mich immer wieder mit Storys für mein Blatt, was sich gelegentlich auf ein knappes Nicken beschränkte, wenn er ins Gericht kam – ein Zeichen dafür, dass ein Fall es wert war, ihn genauer zu verfolgen. Was ich veröffentlichte, war für seine Mandanten zwar unangenehm, aber sein Name wurde auf diese Art regelmäßig in der Zeitung erwähnt, und das bescherte ihm ständigen Nachschub. Für mich war es nur mein Job, für ihn kostenlose Werbung.
»Was macht Laura?«, fragte er.
»Sie kümmert sich um die Leute, die über Nacht verhaftet worden sind.«
»Das ist gut fürs Familienleben«, meinte Sam und nickte zustimmend.
Ich lächelte und spielte für einen Moment den glücklichen Freund, da ich wusste, ich war nicht allein im Zimmer.
Laura war Detective bei jenem Team der Blackley Police, das für über Nacht aufgelesene und in Haft genommene Einbrecher und gewalttätige Ehemänner zuständig war. Die Kollegen von der Nachtschicht lagen längst im Bett und schliefen, während Lauras Team sich um die aufgebrachten Festgenommenen und den Papierkram kümmern musste. Zwar bedeutete das für Laura geregelte Arbeitszeiten, aber es hieß auch, dass sie die meiste Zeit des Tages feindselige Gefangene tief unten im Zellentrakt des Polizeipräsidiums befragen musste, wo der Gestank der Zellen nach Schweiß und Erbrochenem sich an ihre Kleidung heftete.
Was Sam anging, war ich skeptisch. Wenn ein Strafverteidiger mich als Erstes nach dem Befinden meiner als Polizistin arbeitenden Freundin fragte, dann klang das für mich, als wollte er sichergehen, sie nicht in seiner Nähe zu haben.
»Du weißt ja, wie es in Blackley zugeht«, sagte ich. »Da wimmelt es von Verbrechern, die ihr mehr als genug Arbeit machen.«
»Schieb die Schuld auf die Anwälte, die diese Verbrecher alle wieder rausholen«, meinte Sam ironisch.
Während er redete, drehte ich mich zu den anderen Besuchern um, einem Paar im mittleren Alter, das sich sichtlich unbehaglich fühlte. Ich erkannte die beiden wieder, sie waren in der vergangenen Woche wiederholt in den Nachrichten zu sehen gewesen. Als ich Sam anschaute, wirkte der mit einem Mal auffallend nervös.
»Jack, das sind Ray und Lucy Goode.«
Ich lächelte höflich. Ich wusste längst, wen ich vor mir hatte. Ihre Tochter war vor Kurzem in die Schlagzeilen geraten, eine hübsche junge Lehrerin mit sommersprossigem Gesicht, die ihr kastanienfarbenes Haar auf dem veröffentlichten Fotos glatt frisiert trug. Sarahs Freund Luke hatte als Trainer in ihrem Fitnesscenter gearbeitet, und die beiden hatten eine ganz normale Beziehung geführt, bis Luke vor einer Woche erstochen in ihrem Bett aufgefunden worden war. Von Sarah fehlte seither jede Spur.
In der örtlichen Zeitung war das ein paar Tage lang Thema gewesen, und sogar überregionale Blätter hatten kurz darüber berichtet, aber das Fernsehen war allen anderen Medien um Längen voraus gewesen, wurde doch dort die Pressekonferenz ausgestrahlt, bei der Mrs Goode in Tränen ausbrach und ihre Tochter inständig bat, nach Hause zurückzukehren. Als es danach aber keine weiteren Neuigkeiten gegeben hatte, war es schnell wieder ruhig um die Sache geworden. In der offiziellen Darstellung galt Sarah Goode zwar als vermisst, in den Augen der Polizei war sie jedoch eine Mörderin auf der Flucht.
»Das ist Jack Garrett«, stellte mich Sam vor. »Unser engagierter Lokalreporter.« Als ich nichts dazu sagte, fügte er an: »Die beiden würden gern mit dir reden, wenn du einverstanden bist.«
Ich nickte zustimmend, wandte mich aber wieder an Sam: »Wieso ausgerechnet mit mir?«
»Es ist wohl besser«, meinte er ein wenig verlegen, »wenn sie dir das selbst sagen.« Er ging zur Tür. »Wenn mich jemand braucht, ich bin nebenan.«
Überrascht sah ich ihm nach und fragte mich, warum er nicht im Zimmer bleiben wollte. Die Tür wurde mit einem leisen Klicken zugezogen, und es machte sich betretenes Schweigen breit, das nur vom Ticken der Wanduhr und vom Knarren der Stühle unterbrochen wurde, wenn Mr oder Mrs Goode sich nervös bewegten.
Ich versuchte, mir ein Bild von dem Ehepaar zu machen. Sie waren beide über fünfzig. Sie trug einen knielangen Rock und einen Blazer, marineblau mit Goldknöpfen, die grauen Haare waren zu kleinen Löckchen frisiert. Er schien sich in seinem alten braunen Anzug nicht wohlzufühlen, sondern wirkte, als hätte er ihn schon seit Langem nicht mehr getragen. Ich sah, wie sich der Hemdkragen in seinen Hals schnitt. Sein rötlich braunes Haar war auf ein paar Büschel reduziert, die er quer über den Kopf gekämmt trug.
»Ich nehme an, es geht um Sarah, richtig?«, setzte ich dem Schweigen schließlich ein Ende.
Sie schauten sich an, nickten kurz, und dann begann Mrs Goode zu reden: »ja, es geht um unsere Tochter.« Zwar sprach sie mit fester Stimme, aber nach der Art, wie sich die Knie der beiden berührten, zu urteilen, brauchte jeder den anderen als moralische Stütze. Die Frau fuhr mit der Zunge über ihre Lippen und rückte die Handtasche auf ihrem Schoß gerade, dann antwortete sie: »Wir möchten, dass Sie uns helfen, sie zu finden.«
Sie sagte es so selbstverständlich, als würde sie davon ausgehen, dass ich auf jeden Fall daran interessiert war.
Nur war ich das nicht. Ich schrieb keine großen Storys mehr. Das hatte ich zugunsten des Familienfriedens und meiner gemeinsamen Zukunft mit Laura und Bobby aufgegeben. Ich versuchte mitfühlend zu klingen. »Tut mir leid, solche Artikel schreibe ich nicht mehr. Ich bin Gerichtsreporter, mehr nicht.«
»Aber Sie haben mal viel mehr als das gemacht«, hielt Mrs Goode dagegen. »Mr Nixon hat mir davon erzählt, über was Sie alles berichtet haben.«
»Das war früher. Außerdem bin ich Reporter, kein Privatdetektiv.«
»Wir dachten, das würde eine gute Geschichte ergeben, wenn Sie sie finden«, beharrte sie.
Bedächtig schüttelte ich den Kopf. »Ich sehe da keine Geschichte, jedenfalls keine von der Art, wie ich sie schreibe.«
Beide senkten enttäuscht den Blick. Mrs Goode presste die Lippen zusammen, eine Träne lief ihr über die Wange.
Schließlich ergriff Mr Goode das Wort. »Nicht mal, wenn Sie sie zuerst finden sollten?« Er sprach leise und zögerlich.
Mit gespieltem Bedauern erwiderte ich: »Die Polizei wird vor mir mit ihr reden müssen, und wenn Sarah angeklagt wird, werde ich nichts schreiben dürfen, was sich in irgendeiner Weise auf den Fall auswirken könnte. Das würde dann sechs Monate oder vielleicht noch länger bei meinem Redakteur auf dem Schreibtisch liegen, ohne dass ein Wort davon nach draußen dringen darf.«
»Es...




