E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Whiting Mondhelle Tage
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7469-7051-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-7469-7051-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Paul M. Whiting wurde 1950 in der Nähe von Boston (USA) geboren. Nach dem Studium der Germanistik übersiedelte Whiting 1979 nach Deutschland, das er zu seiner Heimat gemacht hat. Nach Beendigung seiner Lehrtätigkeit am Gymnasium arbeitet Whiting weiterhin als freiberuflicher Autor für einen großen deutschen Bildungsverlag. Sein Debütroman 'Morac' erschien 2017 bei Tredition.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
II
In Calais angekommen, trennte sich Edwin als erstes von dem Diener, den die Verwandtschaft ihm beigegeben hatte, sowie von dem großen Reisekoffer mit seiner Garderobe, den er mit dem Diener nach Dover zurückschickte. Als nächstes kaufte er sich einen einfachen, wetterfesten Mantel, robuste Wanderstiefel, einen Hut gegen die Sonne, einen Rucksack und eine in Leder gebundene Mappe mit vielen leeren Seiten. Ihm war bewusst, dass er in der altrömischen Provinz Gallien mit seinem Latein nicht weit kommen würde, und Französisch hatte bei Magister Manley nicht im Lehrplan gestanden. Also hatte er sich vorgenommen, sich als Wanderarbeiter auszugeben und bei der ersten Gelegenheit anheuern zu lassen. Dort käme er für den Anfang ohne weitreichende Sprachkenntnisse aus; gleichzeitig hätte er Gelegenheit, im täglichen Umgang mit Mitarbeitern und Vorgesetzten seine Ausdrucksfähigkeit zu erweitern. Sobald es nichts mehr für ihn zu tun gäbe, wollte er wieder seinen Ranzen schnüren und weiterziehen.
So kam er im Verlaufe des ersten Jahres durch halb Frankreich, lernte Ackerbau, Viehzucht und Weinbau gleichsam von unten kennen und konnte am Ende ganz passabel in der Landessprache parlieren. Abends saß er in der Gesindestube oder, wenn es die Wetterverhältnisse erlaubten, draußen im Freien und machte in seiner Ledermappe Notizen und Skizzen zu den Methoden und Gerätschaften, die er bei seiner Arbeit kennengelernt hatte. Durch diese Tätigkeit erregte er, ohne es zu wollen, den Argwohn seiner Arbeitsgenossen, denn von ihnen konnte keiner lesen oder schreiben, und denen, die es konnten, trauten sie nicht.
So kam es nicht ganz überraschend, dass er eines Tages von der Feldarbeit weggerufen wurde. Schweigend folgte er dem breiten Rücken des Vorarbeiters zum Gutshaus, wo er in ein großes Zimmer geführt wurde. Er solle dort warten, sagte der Vorarbeiter ohne Angabe von Gründen und ließ ihn dort allein zurück.
Kurze Zeit später ging die Tür abermals auf, und ein kleiner, wohlgekleideter Mann mit Schnurrbart betrat den Raum. Edwin wusste, dass das Anwesen einem Vicomte de M. gehörte; den Gutsherrn selber hatte er allerdings noch nie zu Gesicht bekommen. Er war ziemlich sicher, dass dieser Mann nicht der Vicomte war. Er setzte sich ohne Gruß hinter einen großen, altmodischen Schreibtisch und fing an zu reden, ohne zu ihm hochzuschauen.
»Wer sind Sie? Und wozu mischen Sie sich unter die Landarbeiter?«
»Ich darf zu meiner Entlastung vorweg sagen, dass ich nichts Verwerfliches oder gar Kriminelles im Schilde führe. Mein Name ist Edwin Crawford, mein verstorbener Vater war Baron von Montmouth in der Grafschaft Kent. Da ich einen Teil seiner Güter dereinst leiten soll, bin ich bestrebt, mich angemessen auf meine künftige Tätigkeit vorzubereiten. Über Ihre Region habe ich verschiedentlich gehört, dass man hier in der landwirtschaftlichen Produktion und ganz besonders in der Viehzucht einen ausnehmend hohen Stand erreicht hat. Deswegen habe ich mich hier anheuern lassen, um aus erster Hand von Ihnen zu lernen, und wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie mir dies weiterhin gestatten würden.«
Einen Augenblick lang starrte ihn der kleine Mann von unten an, als ob ihm plötzlich der Atem abhandengekommen wäre. Dann sprang er hoch und wies Edwin einen Sessel.
»Aber Herr Baron—warum haben Sie nicht gleich…« Er holte von einem Sideboard ein Silbertablett mit einer Karaffe und zwei Gläsern. Als er anfing, eine stark duftende lederfarbene Flüssigkeit einzuschenken, rief Edwin: »Für mich bitte nicht—ich trinke aus Prinzip keinen Alkohol. Aber wenn es keine Umstände macht…ein Glas Wasser wäre willkommen.«
Der kleine Mann griff nach einer silbernen Glocke und klingelte. Ein Dienstmädchen erschien in der Tür und nahm die Bestellung entgegen.
Der Schnurrbartträger stellte sich jetzt vor. Er heiße Émile Gontard und sei Verwalter der Landgüter des Vicomtes. Bereitwillig bot er sich an, dem Herrn Baron persönlich die Organisation des Hofes zu erläutern. Edwin nahm das Angebot dankend an, zu Recht vermutend, dass es dazu ohnehin keine Alternative gegeben hätte. Tatsächlich erwies sich Gontard als tüchtiger und sachkundiger Führer, der auf die vielen Fragen Edwins detailliert und mit kaum verhohlenem Stolz antwortete. Insbesondere auf dem Gebiet der Tierzucht war der Betrieb außerordentlich fortschrittlich organisiert. Gontard zeigte ihm die bereits seit Jahren geführten Herdbücher des Gutshofes und erläuterte ihm, wie durch Auswahl und Sorgfalt bei der Zucht man bestrebt sei, hohe Qualität zu erreichen und zu halten.
Einen einzigen Nachteil hatte das neue Arrangement: Gontard bestand darauf, dass Edwin in eigens für ihn hergerichtete Zimmer des Gutshauses umzog. Für Edwin, dem die Zimmereinrichtung nicht spartanisch genug sein konnte, war es nicht nur ungewohnt, sondern förmlich zuwider, auf weichen Kissen zu liegen. Er wartete jeden Abend, bis der Kammerdiener ihm das Bett zurechtgemacht hatte, dann warf er alles auf die Erde und schlief auf der nackten Matratze, die ihm ohnehin zu weich war. Morgens stand er zeitig auf, um das Bett halbwegs wieder zu ordnen, bevor der Diener kam.
Als aus den Tagen Wochen wurden, ohne dass der Vicomte auch nur Erwähnung fand, brachte Edwin das Gespräch auf den abwesenden Hausherrn. »Der Vicomte?«, fragte Gontard, dessen Mundwinkel spöttisch nach oben zeigten. »Nein, den wird der Herr Baron wohl kaum zu Gesicht bekommen, außer er sucht ihn persönlich auf an seinem Lieblingsort, den Spieltischen von Nizza oder Monte Carlo. Der Herr Baron, der sich mit bewundernswertem Eifer darauf vorbereitet, dereinst eine nützliche Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen, wird es mir nachsehen, wenn ich einen Großteil unseres Adels und ganz besonders den Vicomte mit dem Kuckuck vergleiche, der seine Eier ins gemachte Nest legt und andere für sich schaffen lässt, während er sich amüsiert. Wäre diese Spezies nicht mit hohen und höchsten Privilegien ausgestattet auf die Welt gekommen, wäre sie längst dem Schicksal jener Urzeitriesen anheimgefallen, die den ganzen Tag fressen mussten, um bei ihrem unstillbaren Appetit nicht zu verhungern!«
Edwin wusste nicht, ob er über den Feuereifer, mit dem der kleine Mann seine Ansichten zum Besten gab, schmunzeln oder sich brüskiert fühlen sollte. »Dann sind Sie also—ein Republikaner?«
»Mitnichten, Herr Baron! Den Adel abschaffen—das war vielleicht vor fünfzig Jahren einer Überlegung wert. Aber unser Adel von heute ist auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen. Schauen Sie sich nur die amerikanischen Staaten an—haben sie einen Adel? Nein, sie haben keinen, und es läuft bestens ohne ihn. Auch in Ihrer Heimat gibt es nicht nur Herzöge und Prinzen, sondern auch Fabrikanten und Bankiers, die schon jetzt mehr Geld und mehr Einfluss besitzen als der gesamte Hochadel. Reichtum ist der neue Adel, Wissenschaft und Fortschritt das Mittel, Reichtum zu erlangen. Prinzipiell steht dieser Weg jedem offen. In der Praxis sind es allerdings nur wenige, die bereit sind, ihn zu beschreiten; dem Adel ist er zu beschwerlich, und den unteren Klassen fehlen sämtliche Voraussetzungen. Eine Handvoll Münzen in der Tasche und eine Flasche Rotwein auf dem Tisch—damit ist ihr Ehrgeiz vollends befriedigt.«
Edwin verabschiedete sich von seinem Gastgeber mit zwiespältigen Empfindungen, und einige Tage später nahm er endgültig Abschied und setzte seine Reise fort. Er hatte Gontards Angebot ausgeschlagen, ihn bis zum nächsten Ort mit einer Kutsche des Vicomtes fahren zu lassen, und ging zu Fuß über die staubige Landstraße. Trotz der hochsommerlichen Hitze war er froh, wieder für sich zu sein. Die Ansichten Gontards hatten ihn gleichzeitig angezogen und verwirrt. Eine gewisse Sympathie hegte er für die egalitäre Gesinnung des Verwalters. Eine Oberschicht der Tüchtigen—das klang nach Sparta und Athen, nach Ordnung und dem Streben nach Selbstvervollkommnung. Bei Gontard mündete alles jedoch in einen seichten Materialismus, eine Herrschaft der Geschäftstüchtigen. Allein schon die Vorstellung weckte in ihm einen tief sitzenden Ekel. Er gab sich einen Ruck und beschloss, das Vergangene hinter sich zu lassen.
Daher war es ihm alles andere als lieb, als er am Abend beim Betreten des einzigen Wirtshauses des kleinen Ortes, den er soeben erreicht hatte, eine bekannte Gestalt am Tisch erblickte. Er hieß Étienne und war Stallknecht auf dem Gutshof des Vicomtes. Jetzt lag er halb auf dem Tisch, in seiner Hand ein leeres Glas und in seinem Blick eine düstere Mischung aus Wut und Ratlosigkeit. Als er Edwin erkannte, kam plötzlich Leben in sein Gesicht.
»Monsieur Charles!« rief er. »Monsieur Charles, Sie schickt der Himmel! Setzen Sie sich zu mir und sagen Sie mir, ob es ein größeres Unrecht geben kann, als mir widerfahren ist!«
Edwin stutzte einen Augenblick über die...




