Wiater | Der Bräutigam | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 401 Seiten

Wiater Der Bräutigam

Psychothriller | Zwei Schwestern, eine Entführung und ein grausamer Serienkiller - packende Psychospannung aus Deutschland
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-790-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Psychothriller | Zwei Schwestern, eine Entführung und ein grausamer Serienkiller - packende Psychospannung aus Deutschland

E-Book, Deutsch, 401 Seiten

ISBN: 978-3-98952-790-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein rauschendes Familienfest, das zum Albtraum wird Im Alten Land geht die Angst um. Der sogenannte »Bräutigam« entführt immer wieder Frauen, ohne Spuren zu hinterlassen. Seine Opfer werden nie gefunden. Der einzige Hinweis: eine anonyme Hochzeitsannonce in der örtlichen Zeitung, wenig später gefolgt von einer Todesanzeige.? Auf einer Familienfeier erfahren die Architektin Nora und ihre jüngere Schwester Sofie von seinen Verbrechen. Die beiden tun das Ganze als Gruselgeschichte ab. Doch am nächsten Morgen ist Sofie verschwunden. Obwohl die Polizei unter Hochdruck ermittelt, geraten die Nachforschungen schnell in eine Sackgasse. Bald darauf wird Noras größte Angst zur schrecklichen Gewissheit: In einer seiner makabren Annoncen verkündet der Bräutigam die anstehende Heirat mit Sofie. Wenn Nora ihre kleine Schwester retten will, gibt es nur ein Mittel: Sie muss dem Mörder von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Und ihr bleibt nicht viel Zeit, bis er ihr sein tödliches Ja-Wort gibt ...? Als Printausgabe und Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich sowie als eBook bei dotbooks

Benjamin Wiater, Jahrgang 1982, Ex-Student der Germanistik und Philosophie in Köln, Prag und Berlin, war unter anderem als Lagerarbeiter, Ashram-Hausmeister, Bartender und Krav-Maga-Trainer tätig. Er lebt in Köln und schreibt am liebsten psychologische Thriller. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seinen Thriller »Der Bräutigam«.
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Kapitel 4


Das Halbdunkel des Gartens verbarg Sofie. Aber unterhalb der Jacke, die über ihren Schultern hing, schimmerte ihr gelbes Kleid. Nora hätte sie bemerkt, wenn sie nicht so in Gedanken vertieft gewesen wäre.

»Ich musste mal durchatmen«, sagte sie.

Sofie trank aus der Bierflasche, die sie in der Hand hielt. »Ich auch. Witzig, dass wir uns in dem Riesengarten genau die gleiche Stelle ausgesucht haben. Muss schwesterliche Telepathie sein.«

Sofie ließ locker die Beine von der Mauer baumeln. Doch Nora merkte auch ihr die Befangenheit an, die ihr den Magen zusammenkrampfte. Ein Teil von ihr wollte zurück ins Hotel flüchten. Andererseits war das die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatte.

»Sagt man das nicht über Zwillinge?«

Zwillinge waren sie nicht. Dass sie Schwestern waren, sah man dagegen auf den ersten Blick. Beide hatten sie die braunen Augen ihres Vaters und die längliche Gesichtsform ihrer Mutter. Manchmal konnte Nora nicht anders, als in Sofie eine jüngere und wildere Version von sich selbst zu erkennen, die sich schon mal knallbunte Strähnen in die Haare färbte oder eine Weile ein Piercing in der Nase getragen hatte. Nora hatte sich gefragt, ob Sofie dadurch einen deutlichen Unterschied zwischen ihnen schaffen wollte, damit sie bloß niemand verwechselte.

»Ach, klar. Zwillinge.« Sofie stellte die Flasche auf die Mauer. »Wahrscheinlich haben wir so was deshalb nicht.«

»Eine Zeit lang hatten wir etwas Ähnliches«, sagte Nora.

Trotz ihrer sechs Jahre Altersunterschied waren sie als Kinder unzertrennlich gewesen. Sofie lief Nora überallhin nach, wollte alles tun, was sie tat. Nora war stolz, eine große Schwester zu sein, baute mit Sofie Bauklotztürme, schaukelte mit ihr auf dem Spielplatz, las ihr vor. Selbst in der Pubertät verstanden sie sich gut, auch wenn sie sich in völlig andere Richtungen entwickelten. Sofie fuhr Skateboard und feierte auf Hiphop-Partys. Nora war im Badmintonverein und ging ins Theater. Während sie zielstrebig aufs Architekturstudium zusteuerte, blieb Sofie ein Freigeist. Ihre schwesterliche Verbundenheit überstand selbst die ersten Jahre nach der Scheidung. Über Hunderte Kilometer hielten sie per Telefon, E-Mail und WhatsApp Kontakt. Doch letzten Endes hatte das Zerbrechen ihrer Familie auch sie auseinandergerissen.

»Ja«, sagte Sofie. »Eine Zeit lang.«

Sie fielen in Schweigen. Trotz ihres Blazers fröstelte Nora in der Herbstkälte. Sofie, obwohl leichter angezogen, schien sie nichts auszumachen. Sie kramte eine Schachtel Lucky Strike aus der Jackentasche und zündete sich eine an. Die Flamme des Feuerzeugs beleuchtete ihr Gesicht. Das Gesicht einer jungen Frau, die nach Südamerika gehen, Abenteuer erleben, sich fern der Heimat großen Herausforderungen stellen würde. Gleichzeitig, dachte Nora, immer noch das Gesicht eines Mädchens.

»Ich wusste nicht, dass du rauchst.« Sich als große Schwester aufzuspielen, war keine gute Fortsetzung. Aber etwas Besseres fiel Nora nicht ein.

Sofie nahm einen tiefen Zug und stieß den Rauch in einer Wolke aus.

»Nur dann und wann beim Feiern.« Sie hielt Nora die Zigarette hin. »Willst du?«

Nora rauchte nicht. Doch bei dem, was sie besprechen mussten, teilten sie besser schon vorher die Friedenspfeife. Nora nahm die Zigarette, setzte sich neben Sofie auf die Mauer und zog, ohne zu inhalieren. Sie gab Sofie die Lucky zurück, die ihr dafür die Bierflasche reichte. Vom Hotel waberten die Geräusche der Feier herüber. Vor ihnen lagen die Dunkelheit und Stille von Wiesen und Wald.

»Echt schön, die Goldhochzeit«, sagte Sofie. »Hast du super hingekriegt. Oma und Opa sind voll happy.«

In den letzten Jahren hatte es wenig mehr als Small Talk zwischen ihnen gegeben, sicheres Terrain, auf dem sie tun konnten, als wäre zwischen ihnen alles in bester Ordnung.

»Ja, sie freuen sich riesig, uns alle um sich zu haben.«

Nora trug eine Perlenkette, Ohrringe und ihren Verlobungsring. Sofies Schmuck bestand aus geflochtenen bunten Bändern um ihr Handgelenk und einem Mondamulett, das an einer schlichten Kordel um ihren Hals hing. Auf ihrem Unterarm formten die feinen Linien eines Tattoos einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln.

»Sogar unsere Eltern reißen sich zusammen«, sagte Nora.

Sofie runzelte die Stirn. Das war kein sicheres Terrain mehr. Nora war überrascht, als ihre Schwester darauf einging.

»Ausnahmsweise.« Sie drückte die Zigarette auf der Mauer aus. »Die meiden einander zwar wie zwei Leprakranke, die Schiss haben, sich beim anderen anzustecken. Wenigstens springen sie sich nicht an die Gurgel.«

»Stimmt. Eine nette Abwechslung.«

Sie konnten es dabei belassen, einfach hier sitzen und die Ruhe genießen. Warum riskieren, dass die dünne Verbindung zwischen ihnen brach?

Weil das Thema, dachte Nora, sonst immer zwischen uns stehen wird.

»Hör mal, Sofie. Ich wollte mir dir über etwas reden. Etwas, über das wir längst hätten reden sollen.«

»Oh-oh. Was kommt denn jetzt?«

Sofies Schultern verspannten sich, widersprachen ihrem lässigen Tonfall.

»Wir haben nie darüber geredet, wie das nach der Scheidung gelaufen ist.«

Sofie rutschte unbehaglich auf den Mauersteinen hin und her. »Und?«

»Als die Ältere hätte ich das ansprechen müssen. Aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte. Darum habe ich es ständig aufgeschoben. Das will ich nicht mehr, wo du bald fortgehst.«

»Ich verschwinde ja nicht auf Nimmerwiedersehen. Ich komme wieder.«

Es war ein Angebot, ihnen einen weiteren Aufschub zu gewähren, am besten einen so langen, bis alles vergessen war.

»Schon.«

Es würde nie vergessen sein. Wenn Nora es aus der Welt schaffen wollte, war das der einzige Weg. Es lag nicht allein daran, dass Sofie ins Ausland reisen würde, sondern auch an ihrer bevorstehenden Hochzeit. Es hätte sich nicht richtig angefühlt, eine neue Familie zu gründen, ohne die Probleme ihrer alten bereinigt zu haben. Ihre Eltern konnte sie nicht wieder zusammenbringen. Vielleicht konnte sie sich wenigstens mit ihrer Schwester versöhnen.

»Es ist nur … Ich will nicht, dass du nach Südamerika fliegst, ohne zu wissen …«

»Was?«

Nora gab sich einen Ruck. »… wie leid es mir tut, was damals gelaufen ist. Angefangen damit, dass ich mit Mutter gegangen bin und du bei Vater bleiben musstest.«

Es war erleichternd, es auszusprechen, und gleichzeitig beängstigend. Wie würde Sofie es aufnehmen?

»Hm.«

Sofie stützte sich mit beiden Händen auf die Mauer und stieß die Hacken gegen die Feldsteine.

»Du warst ein Teenie. Klar, dass du aus Hochfeld rauswolltest. Außer einer miefigen Dorfkneipe hatte das Kaff nichts zu bieten, erst recht nicht für Jugendliche. Kein Club, keine Konzerte, nicht mal ein Kino. Als ich später in dem Alter war, habe ich es da auch kaum ausgehalten. Alles so eng und spießig. Wenn mir jemand die Chance gegeben hätte, stattdessen in Berlin oder einer anderen Großstadt zu wohnen, hätte ich mich genauso darauf gestürzt.«

Nora hatte sich nicht nur deshalb aus ihrem Heimatort rausgesehnt, sondern vor allem wegen ihrem Vater. Heute hatte sie ein abgeklärtes Verhältnis zu ihm. Damals war er für sie eine Schreckgestalt gewesen. Geschlagen hatte er sie nie. Dafür unterdrückte er sie mit Leistungsansprüchen und Forderungen, denen sie nicht gerecht werden konnte, mit cholerischen Anfällen über schlechte Noten oder sonstige Verfehlungen. Nora fühlte sich wie eine Gefangene in ihrem Elternhaus. Sein Umgang mit ihr war einer der Gründe für die Scheidung. Nora empfand sie als Befreiung. Für sie stand sofort fest, dass sie mit ihrer Mutter die Stadt wechseln würde.

Dass sie Sofie mitnahmen, duldete ihr Vater nicht. Nora war die Tochter gewesen, die er statt des erwünschten Sohns gekriegt hatte, eine Enttäuschung, die sie mit den besten Noten nicht aufwiegen konnte. Sofie hingegen war sein Goldschatz. Nicht ein einziges Mal erhob er ihr gegenüber die Stimme, nicht einmal nach einer Mathe-Fünf und wenn sie beim Schuleschwänzen erwischt worden war. Wenn er wütend war, brauchte sie ihn nur zu umarmen und auf die Wange zu küssen, und er war besänftigt. Manchmal verübelte Nora ihr diese Bevorzugung. Dabei wusste sie, es war nicht Sofies Schuld. Ohne sie umzuziehen, fühlte sich an, als würde sie Sofie ihrem Vater ausliefern. Sie fürchtete, sein Zorn könnte sich nun auch gegen sie richten. Doch Nora hatte für sich keinen anderen Weg gesehen.

Sie drehte die Bierflasche in den Händen. »Ich wollte dich nicht im Stich lassen.«

»Ach Quatsch.«

Nora versuchte, ihr ins Gesicht zu sehen. »Du warst nicht sauer auf mich?«

Sofie zuckte mit den Schultern. »Am Anfang schon. Aber auch nicht so richtig. Ich wusste ja, dass es so das Beste für alle war. Dad hätte dir sonst das Leben noch mehr zur Hölle gemacht. Oder ihr hättet euch die Köpfe eingeschlagen. Für mich ging es.«

Sie rieb ein Stück ihres Kleids zwischen den Fingern. Nora wartete, dass sie weitersprach.

»Ich meine, easy war es nicht«, sagte Sofie schließlich. »Er hat Mom für alles Schlechte in seinem Leben die Schuld...



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