E-Book, Deutsch, 266 Seiten
Wichert Blinde Liebe (Kommentiert)
Verbesserte Auflage
ISBN: 978-80-268-4835-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Psychologischer Liebeskonflikt im deutschen Realismus des 19. Jahrhunderts
E-Book, Deutsch, 266 Seiten
ISBN: 978-80-268-4835-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Blinde Liebe' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Fünf Jahre waren vergangen. In dem Städtchen hatte sich wenig verändert. Zwei neue Häuser waren gebaut oder noch im Bau, einige andere abgeputzt. Dem längst schadhaft gewordenen rostbraunen Spitzdach der alten Kirche waren frischrothe Ziegelreihen eingeflickt, worüber die ästhetisch Gebildeten sich entrüsteten, die Uhr am Rathhause hatte noch immer die Gewohnheit, falsch zu gehen, einige Kaufmannsschilder glänzten in neuer Aufschrift, einige Schaufenster zeigten sich den Anforderungen der Zeit gemäß vergrößert, der Apotheker ließ die ganze Nacht durch über seiner Thür eine rothe Laterne brennen, und im Gymnasium waren während der letzten Sommerferien sämmtliche Schulzimmer geweißt; die üblichen Todesfälle, Hochzeiten und Kindtaufen in den Honoratiorenfamilien hatten vorübergehend von sich reden gemacht. Sonst hatte das Intelligenzblättchen nicht viel zu melden gehabt.' Ernst Wichert (1831-1902) war ein deutscher Schriftsteller und Jurist. In seinen Bühnenstücken und Prosaarbeiten entsprach er dem Bedürfnis des wilhelminischen Bürgertums nach Bestätigung seiner Werte und des Glaubens an die Zukunft des Bismarck-Reiches. Sie bilden ein kulturhistorisch authentisches Bild des 19. Jahrhunderts.
Weitere Infos & Material
II.
Am anderen Morgen lauerte der Professor noch stundenlang auf einen Wink von Agnes. Da sie aber mit gewohnter Ruhe ihren häuslichen Pflichten nachging und für seine fragenden Blicke und bekümmerten Mienen gar kein Verständniß zu haben schien, mußte er sich endlich doch dazu entschließen, den fatalen Brief zu schreiben.
Er hätte mit wenigen Zeilen Alles sagen können, was in solchem Falle zu sagen war und für den andern Theil Bedeutung hatte. Aber dazu konnte seine Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit sich nicht verstehen. Er beschrieb vier große Seiten und mußte dann noch die Schlußformel an den Rand setzen. Wie sehr er ihn hochschätze und verehre, und wie leid es ihm thue, daß er keine erfreuliche Antwort geben könne, und wie es so schön gewesen wäre, wenn Alles nach Wunsch hätte gehen können, und wie warm er zugeredet habe, und wie nun einmal ein unerklärlicher Eigensinn Agnes völlig blind mache — das Alles bekam Herr Steiger weitläufig zu hören. Und dann Bitten, die nothgedrungene Absage doch nur nicht übel zu nehmen, ihm und seiner Familie die alte Freundschaft zu bewahren, das gute nachbarliche Verhältniß fortzusetzen und sich damit zu trösten, daß Agnes bei all ihren trefflichen Eigenschaften doch wohl nicht die richtige Frau für ihn hätte sein können. Endlich wieder Betheuerungen seiner herzlichsten Ergebenheit, mit der er zeitlebens bleibe sein … u. s. w. Seufzend überlas er den Brief nochmals, seufzend schloß er ihn, seufzend übergab er ihn dem Hausmädchen zum Hinuntertragen.
Und dann blieb er noch lange Zeit in größter Aufregung, immer mit Gedanken darüber beschäftigt, wie der arme Abgewiesene sein Leid tragen werde und wie man ihm über die Verdrießlichkeit am humansten hinweghelfen könne.
Er hatte Mühe, Agnes nicht merken zu lassen, daß er recht ärgerlich auf sie war. Schien es ihr doch gar nicht einmal ein bißchen zu Herzen zu gehen, daß sie den braven Mann gekränkt und den alten Papa in diese arge Verlegenheit gebracht hatte. Er würde ihr doch »mehr Herz« zugetraut haben.
Der Fabrikant ertrug übrigens das Unabwendbare wie ein Held. Der Kummer warf ihn nicht nieder, brachte ihn nicht einmal aus der gewohnten Fassung. Denselben Abend schon klopfte er wieder bei seinem verehrten Miether an und fragte ihn, ob sie zusammen nach der Stadt gehen wollten, ein Glas Bier zu trinken. Waldstätter wußte ihm Dank für diese heroische Selbstbeherrschung. Er selbst konnte sich nicht so leicht den Anschein geben, als ob nichts vorgefallen sei. Er fing wieder mit Versicherungen des Bedauerns an. Aber Herr Steiger schnitt ihm bald das Wort ab. »Ich kenne ja Ihre freundlichen Gesinnungen gegen mich,« sagte er, »und weiß sie zu schätzen; bei einem Schritt, wie ich ihn soeben gethan, ist der Erfolg natürlich immer ungewiß; jedenfalls liegt die Möglichkeit des Mißlingens nicht ferner als die des Gelingens. Ich nehme ein ungewöhnliches Vertrauen in Anspruch. Hätte mir’s geschenkt werden können, so wäre das ein Glückszufall gewesen, der mich hoch erfreut haben würde; aber ich durfte nicht auf ihn rechnen und habe deshalb auch kein Recht, mich wegen des Versagens einer schönen Hoffnung zu beklagen. Uebrigens bin ich närrisch genug, sie noch nicht ganz aufzugeben. Fräulein Agnes kennt nun meine Absichten; vielleicht sieht sie mich deshalb mit anderen Augen an, als bisher, und findet zu mir ein Verhältniß, das sich ohne solche Aussprache schwer anbahnen konnte. Wie dem auch sei, wir wollen den Leuten nichts zu reden geben und daher unseren freundnachbarlichen Verkehr in gewohnter Weise fortsetzen, womit Sie sich ja auch schon einverstanden erklärt haben; das Geheimniß zu wahren, darf ich wohl nicht vergeblich bitten. Und so ist’s am besten, wir sprechen über die Sache erst wieder, wenn sich die Umstände zu meinen Gunsten geändert haben sollten.«
Diese Auffassung erleichterte den alten Herrn sehr. Jetzt erst recht wendete er alle ehrliche Mühe darauf, seinem verehrten Wirth zu beweisen, daß nichts zwischen ihnen stehe. Der Umgang wurde viel freundschaftlicher als bisher: Herr Steiger fand sich öfters zu einer Tasse Thee ein und lud seine Einwohner Sonntags zu Mittag ein. Da der Spätsommer nochmals warmes Wetter brachte, begegnete man einander auch im Garten und verabredete sogar gemeinsame Ausfahrten nach dem im alten Walde gelegenen schwarzen See und nach der romantisch gelegenen Walkmühle; bei solchen Vergnüglichkeiten waren auch einige andere Hausfreunde gern betheiligt, so ein junger Kollege Dr. Max Belling und sein Freund, der Gerichtsassessor Funkel, dessen Kommissorium — er vertrat einen erkrankten Richter — sich unerwartet verlängerte. Sie machten den Damen um die Wette den Hof, ohne sich doch in ernstliche Gefahr zu bringen, und waren angenehme, nicht störende Gesellschafter.
Auch Agnes schien das Bedürfniß zu fühlen Herrn Steiger durch ihr Benehmen zu erkennen zu geben, das sie, wenn sie auch seine Hand ausgeschlagen habe, doch gegen ihn durchaus nicht eingenommen sei. Sie ging ihm nicht nur nicht aus dem Wege, wenn er sich ihr freundlich näherte, sondern trat selbst an ihn heran, so oft sich dazu eine schickliche Gelegenheit fand, und ließ sich mit ihm gern in längere Gespräche ein. Dabei zeigte er sich viel belesener und in den schönen Wissenschaften unterrichteter, als sie’s vorausgesetzt hatte, allerdings meist ohne wärmere Theilnahme und im Urtheil trocken. Sie wurden mit einander jetzt erst gut bekannt, aber der Professor irrte, wenn er im Stillen daraus den Schluß zog, Steiger könne am Ende doch noch sein Stück durchsetzen. Je mehr die Unbefangenheit, die beide geflissentlich zur Schau stellten, jeden künstlichen Zwang verlor, und je freier und offener sie miteinander verkehrten, um so deutlicher wurde es beiden, daß sie himmelweit verschiedene Menschen seien, die keine innerliche Berührung haben könnten. Wenn Agnes dies sogleich instinktiv gefühlt hatte und ihre erste Annahme jetzt nur bestätigt fand, so machte ihr Verehrer die ihm überraschende Erfahrung, daß er sie sich aus der Entfernung ganz anders vorgestellt hatte, als sie ihm jetzt erschien, und das Verständniß ihrer Eigenart seine Neigung keineswegs zum Wachsen brachte. Ihr geistiges Wesen interessirte ihn, aber es war immer nur das, woran er sich halten sollte, und so verlor ihre körperliche Schönheit den sinnlichen Reiz, den er früher durch das Auge empfangen hatte. Er mußte sich gestehen, daß er den Antrag an den Professor nicht gebracht haben würde, wenn er damals so klug gewesen wäre, wie jetzt; und wenn er auch immer noch überzeugt war, daß die Ehe bei den trefflichen Eigenschaften der jungen Dame eine glückliche hätte werden können, so war er doch innerlich froh, daß sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen durfte. Mit unverkennbarer Vorsicht vermied er nun Alles, was als eine Bewerbung hätte gedeutet werden können.
Frida hatte sich im Aerger über den Eigensinn der Schwester sogleich die Aufgabe gestellt, bei Herrn Steiger durch liebenswürdigstes Benehmen gleichsam die unverschuldet empfangene Unbill in Vergessenheit zu bringen. Ihre Bestrebungen begegneten darin denen ihres Vaters, obgleich sie anderer Art waren. Ihre heitere Natur machte ihr’s leicht, Mittel und Wege zu finden. Sie brauchte ja nur zu zeigen, daß sie ganz anders sei, als Agnes, um ihm die Vermuthung nahe zu legen, daß sie auch anders denke und empfinde. Wozu in die Tiefen hinabsteigen, wenn das Leben auf der Oberfläche so lustig sein konnte? Wozu immer nach Principien handeln wollen, da doch jeder Fall so viel Besonderes hatte? Wozu das Gute verwerfen, weil es nicht das Bessere war? Sie hätte sich zu einem leichtsinnigen Streich, der ihr und der Familie Schande bringen konnte, nie verleiten lassen, um alles in der Welt nicht! Aber zwischen den rigorosen Anschauungen der Schwester, die ihr Beklemmungen verursachten, und der rigorosen Philistermoral, für die sie kein Verständniß hatte, lag doch das breite Gebiet vom Wohlanständigen bis zum Nichtanstößigen, und hier Hand in Hand, »mit allen vernünftigen Leuten« zu gehen, schien ihr durchaus nicht bedenklich. Sie benutzte jede Gelegenheit, Herrn Steiger zu beweisen, daß sie ihn auch zu diesen zähle und sich in seiner Gesellschaft sehr wohl fühle. Die Munterkeit, mit welcher dies geschah, wirkte ansteckend. Er lachte viel, wenn sie beisammen waren, die ganze Unterhaltung bestand in launigen Bemerkungen, die nur eben für den Augenblick berechnet schienen, und wenn sie einmal eine Weile ernst verhandelten, machten sie sich hinterher um so ausgelassener übereinander lustig. Steiger erkannte sich selbst gar nicht mehr wieder und sagte kopfschüttelnd gleichsam zu seiner Entschuldigung: »Man sollt’s gar nicht glauben, was in dem kleinen Frauenzimmer steckt. Man muß mit, ob man will, oder nicht.«
Mit den Kindern tollte sie im Garten und im Flur, wie wenn sie selbst in ihrem Alter wäre. Oder sie erzählte ihnen Märchen und gruselige Geschichten; die beiden Mädchen hielten sie dabei umarmt und küßten sie zum Dank, immer abwechselnd rechts und links, der kleine Junge saß ihr im Schoß und achtete auf die Grimassen, durch die sie die Wirkung erhöhte. Steiger traf die Gruppe öfters. Es fiel ihm nun ein, daß er Agnes nie um die Kinder bemüht gesehen hatte, daß diese immer nur von ihr mit einer Art von ehrfürchtiger Scheu sprachen. »Sie scheinen eine große Kinderfreundin zu fein, Fräulein Frida,« bemerkte er einmal, stehen bleibend.
»Man hat immer seinen köstlichen Spaß mit ihnen,« antwortete sie, »sie können so närrisch ernst und so ernst närrisch sein. Ein unterhaltenderes Spielzeug giebt’s gar nicht.«
»Sie helfen ihnen aber auch bei den...




