Widerin | Das Stinktier, der Sheriff und ich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Abenteuer & Fernweh

Widerin Das Stinktier, der Sheriff und ich

Mit dem Fahrrad von Kanada nach Florida
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-667-11529-4
Verlag: Delius Klasing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit dem Fahrrad von Kanada nach Florida

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Abenteuer & Fernweh

ISBN: 978-3-667-11529-4
Verlag: Delius Klasing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seine Radreise durch die USA sollte etwas Besonderes werden: einmal quer durch Nordamerika. Im ersten Anlauf zwangen Thomas Widerin besondere Umstände zum Abbruch. Doch für den Flugretter, Leistungssportler und Polizisten ist Aufgeben keine Alternative. Schon bald sitzt er wieder im Sattel und fährt die restlichen 8.000 Kilometer von der kanadischen Grenze bis nach Miami – und das mitten im amerikanischen Wahlkampf.

• Nordamerika mit dem Rad während des US-Wahlkampfs
• Begegnungen mit Menschen, Tieren und den eigenen Grenzen
• Spannender und humorvoll erzählter Reisebericht nicht nur für Fahrrad-Fans
• Fortsetzung der Abenteuer aus dem ersten Band Meilenweit bis zur Kühlbox

Stinktiere, Sheriffs und Schlägereien – ein Reisebericht

Sein Trip durch die USA ist voller Überraschungen. Bei einer Begegnung mit drei Stinktieren auf einem Zeltplatz am Toronto Lake zieht er erwartungsgemäß den Kürzeren und hat noch Tage später mit den olfaktorischen Folgen zu kämpfen. Doch bei einem Sheriff findet er Unterstützung. Ein Frühstück in einem Diner nahe Louisiana endet in einer Massenschlägerei zwischen den Hillary- und Trump-Anhängern – ausgelöst durch seine vermeintlich harmlose Frage, wer denn wohl den Wahlkampf gewinnen würde. Ein Indianer-Häuptling lädt ihn zum Pfeiferauchen in sein Zelt ein und anschließend verliert der Tiroler jegliches Gefühl für Raum und Zeit …

Seinen USA-Reisebericht beendet Thomas Widerin gewohnt humorvoll mit einer Statistik der anderen Art: Anzahl der Hundeangriffe, Reifenpannen und außergewöhnlichen Tierbegegnungen.

Das Stinktier, der Sheriff und ich. Mit dem Fahrrad von Kanada nach Florida ist packend, verblüffend und lustig – und voller Informationen für alle, die ebenfalls eine Radtour planen oder von einem USA-Trip träumen!

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WHITEHORSE: ZURÜCK AN DEN START


Die Boeing 747 neigt sich leicht auf die Seite. Wegen des Sinkfluges spüre ich einen Druck in beiden Ohren. In meinem Bauch kribbelt es: Neugierde, Vorfreude und Respekt. Eine lang gezogene Rechtskurve bringt uns in Richtung Landebahn. Bisher konnte ich von der Weite Yukons nicht viel erkennen. Unter mir befand sich während der letzten beiden Stunden eine dichte Wolkendecke. Nun sticht das Flugzeug hindurch. Mächtige Bergketten und riesige Waldflächen tauchen aus dem Nebel auf. Mein Blick trifft auf ein lang gezogenes graues Band, das sich auf der Nordseite der Stadt majestätisch durch den Wald schlängelt: der Alaska Highway! »Mein« Alaska Highway, der mich in den nächsten Wochen Richtung Süden führen wird. Nur wenige Augenblicke später setzt der Flieger auf. Mit gemischten Gefühlen bleibe ich noch für eine Weile sitzen. Ich bin wiedergekommen. Dorthin, wo sich vor wenigen Jahren mein Leben auf so dramatische Weise geändert hat.

Vier Jahre zuvor bin ich schon einmal hier gewesen. Nicht per Flugzeug, sondern mit meinem Fahrrad. Ich war auf dem Weg von der Prudhoe Bay im nordwestlichen Alaska nach New York und hatte Whitehorse als Zwischenstopp ausgewählt. Hier machte ich zwei Tage Pause, wollte mich regenerieren und meine Vorräte auffüllen. Das Zweite war kein Problem, aber die Regeneration gelang mir leider nicht. Ganz im Gegenteil: Als ich wieder auf mein Fahrrad stieg, um auf dem Alaska Highway weiter Richtung Süden zu strampeln, war mein Schicksal bereits besiegelt. Ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, mit dem ich Whitehorse damals wieder verließ. Ich war leer, ausgebrannt, antriebslos und stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Eine Stimme reißt mich aus meinen Erinnerungen. Die Flugbegleiterin schaut mich fragend an. In meine Gedanken versunken, habe ich gar nicht bemerkt, dass fast alle Passagiere den Flieger bereits verlassen haben. Ich öffne den Sicherheitsgurt, nehme das Handgepäck aus dem Fach und begebe mich zum Ausgang. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Mein gedanklicher Kurztrip zurück hat mich ein wenig verwirrt. Zu groß war das Desaster, das ich damals erlebt habe.

Das Erste, was ich im Flughafengebäude bewusst wahrnehme, ist ein mächtiger ausgestopfter Grizzly. Hoch aufgerichtet steht er da und begrüßt die Ankommenden. Ich bin im Land der Bären. Im Großraum Alaska und Yukon gibt es eine der weltweit größten Populationen von Schwarzbären und Braunbären, hier besser als Grizzlys bekannt. Vermutlich werde ich auf dem ersten Teil meiner Reise noch genügend Bekanntschaft mit beiden Arten machen. Ich habe mich darauf gut vorbereitet. Zumindest theoretisch. Dass Theorie und Praxis manchmal weit auseinanderliegen können, musste ich jedoch schon des Öfteren schmerzlich erfahren.

Mein etwas ungutes Gefühl im Magen, das ich seit der Landung verspüre, wird stärker. Das hat allerdings nichts mit dem drohend wirkenden Raubtier zu tun – etwas anderes steht mir bevor: Ich muss zur Gepäckausgabe. Der vielleicht größte Unsicherheitsfaktor der gesamten Reise manifestiert sich in jenem Teil des Flughafens, in dem sich das Förderband befindet. Hier wird das Gepäck nach dem Entladen zu den Passagieren in die Wartehalle befördert. Aber nur dann, wenn es auch tatsächlich im Flugzeug gewesen ist. Leider ist das nicht immer der Fall. Weltweit bleiben täglich Hunderte Gepäckstücke auf Umsteigeflughäfen zurück oder werden trotz modernster Computertechnik in den falschen Flieger verladen. Vor diesen Förderbändern erlebte ich schon manche kleine Katastrophe. Entweder meine Taschen waren beschädigt, waren unvollständig oder sie haben gar komplett gefehlt. Wirklich schlimm war es im Sommer 2012 in New York, anlässlich meines ersten großen Radprojektes. Drei Tage dauerte es, bis mir mein Fahrrad doch noch in das Hotel geliefert wurde. Dazwischen lagen schlaflose Nächte, einige Fahrten zum Flughafen und ein nicht enden wollender Druck in der Magengegend. Meine erste große Reise stand damals kurz vor dem Ende, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Das Förderband der Gepäckausgabe beginnt zu laufen, und gleich zu Beginn kann ich meine beiden Reisetaschen entgegennehmen. Zuversichtlich schiebe ich meinen Gepäckwagen in die gegenüberliegende Ecke der Halle, wo sich der Schalter für die Ausgabe des Sondergepäcks befindet. Dort muss ich meinen Fahrradkarton abholen. Niemand ist da. Ich setze mich vor die Tür, auf eine meiner Taschen. Jetzt heißt es warten. Es tut sich nichts. Das Fahrrad ist mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand. Dieses Fahrrad und alle wichtigen Zusatzausrüstungen sind in einem extra starken Karton verpackt, gut geschützt gegen alle möglichen Gefahren. Und ich habe einen Direktflug gebucht. Also fallen die Risikofaktoren Umsteigen und Umladen weg. Langsam leert sich die Halle. Meine Anspannung steigt. Ich mag das Gefühl nicht, wenn sich Anspannung in der Magengegend bemerkbar macht. Nun begeben sich auch die letzten Passagiere zum Ausgang. Einen Moment später bin ich allein. Meine pessimistische Seite meldet sich, und ich beginne zu grübeln. Doch plötzlich geht eine Tür auf, über der ein großes Hinweisschild auf Sperrgepäck hängt. Und da ist er, der Karton mit meinem Fahrrad. Von einer Sekunde zur anderen fällt mir eine große Last von den Schultern, und sofort löst sich mein Magenproblem in Luft auf.

Die Einreiseformalitäten sind in wenigen Minuten erledigt. Auch beim Zoll habe ich keinerlei Probleme. Augenblicke später stehe ich mit dem großen Karton und meinen zwei Reisetaschen vor dem Flughafen im Freien. Von der gegenüberliegenden Wiese aus begrüßt mich eine große Werbetafel. »Welcome to Whitehorse – Capital of the Yukon«, steht auf einem bunten Holzschild, dazu Symbole für einen Raddampfer und eine Sonne vor blauem Himmel. Whitehorse ist die Hauptstadt des kanadischen Territoriums Yukon und liegt direkt am gleichnamigen Yukon River. Ab 1896, während der Zeit des Klondike-Goldrausches, war es ein wichtiger Umschlagplatz für die Versorgungsgüter der Goldsucher. Zudem bildete es einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt für die Raddampfer. Nach dem Abklingen des Goldrausches wurde es ruhig um den Ort, bis er 1942 durch den Bau des Alaska Highway wieder einen Aufschwung erlebte. 1950 wurde Whitehorse dann zur Stadt ernannt; heute leben dort knapp 28.000 Einwohner.

Ich benötige ein Taxi. Gleich die ersten beiden Taxifahrer schütteln den Kopf, als sie meinen großen Karton erblicken. Für den ist mindestens ein Van notwendig. Leichter gesagt als getan. Ein solcher Van ist unter den anwesenden Taxis nicht dabei. Jetzt kommt mir der Zufall zu Hilfe. Es spricht mich ein etwas ungepflegt aussehender älterer Mann auf meinen Karton an. Er fragt mich, ob sich darin ein Fahrrad befinden würde. Er sei nämlich auch begeisterter Radfahrer. Wir kommen sofort ins Gespräch, und der Radfahrerkollege bietet mir schließlich an, mich mit seinem Truck in mein Hotel zu bringen. Beide Reisetaschen und der große Karton werden kurzerhand auf die Ladefläche des Geländewagens geschoben. Mein Helfer stellt sich als Sam vor. Er ist in Whitehorse geboren und aufgewachsen, seine Vorfahren sind jedoch aus Deutschland. Im Großraum der Stadt leben viele deutsche Auswanderer, die sich hier in der Wildnis niedergelassen haben. So ganz nebenbei erzählt Sam, dass er 2005 eine Auszeit genommen hätte, um mit seinem Fahrrad entlang der »Panamericana« bis nach Südamerika zu fahren. Diese berühmte Straßenverbindung führt von der Prudhoe Bay im nordwestlichen Alaska durch 15 Länder immer Richtung Süden und endet 22.000 km später in Feuerland, am südlichsten Zipfel des Kontinents. Als Sam davon zu erzählen beginnt, steigt meine Herzfrequenz.

Die Fahrt zum Hotel ist rasch vorbei. Viel zu rasch, denn ich hätte gern noch mehr mit meinem freundlichen Helfer gesprochen. Vermutlich könnte er mir viele gute Tipps für meine Reise geben. Sam hilft mir noch beim Ausladen. Bevor er sich dann verabschiedet, verabreden wir uns für den nächsten Abend auf ein Bier. Oder zwei.

Der erste Eindruck meines Motels in Whitehorse ist recht positiv. Die Dame in der Lobby schaut zwar ein wenig ungläubig, als ich den großen Radkarton hereinschiebe, aber sie lächelt und ist von Anfang an sehr freundlich zu mir. Ich lege meinen Reisepass und die Reservierungsunterlagen auf den Tresen. Nach einem kurzen Blick in die Dokumente wechselt sie von Englisch zu Deutsch. Sie kommt aus Deutschland. Vor drei Jahren verschlug es sie hierher, an den Yukon. Aus einem Urlaubsaufenthalt sind mittlerweile drei Jahre geworden. Julia, so heißt die freundliche Empfangsdame, hat ihren jetzigen Ehemann in Whitehorse getroffen und wurde der Liebe wegen hier sesshaft. An ihrem Dialekt kann ich sofort erkennen, woher genau sie stammt: Sie ist Schwäbin und zelebriert die schwäbische Aussprache bis ins Kleinste. Dieser Dialekt ist mir gut bekannt, denn meine Lebensgefährtin stammt ebenfalls aus dem Schwabenland. Und so zaubert Julias Sprechweise ein wenig Heimatgefühl für mich herbei.

Die Buchung des Zimmers habe ich noch von zu Hause aus getätigt. Vor jedem Start einer Radreise halte ich mich die ersten drei...



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