Wiebusch | Das Mosaik meines Lebens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Wiebusch Das Mosaik meines Lebens

Vom Glück, sich selbst und andere zu verstehen | Eine anregende Erzählung und Einladung zur Selbstreflexion für Frauen in der Lebensmitte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-423-44323-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vom Glück, sich selbst und andere zu verstehen | Eine anregende Erzählung und Einladung zur Selbstreflexion für Frauen in der Lebensmitte

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-423-44323-4
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die wundervolle Welt in dir Lisa ist im Hamsterrad ihres Alltags gefangen und hat das Gefühl, die Verbindung zu sich selbst und den Menschen, die sie liebt, zu verlieren. Sie fragt sich, was sie wirklich will. Die Suche nach Antworten führt sie nach Griechenland, wo sie ungeahnte Überraschungen erwarten. Lisa entdeckt ein rätselhaftes Mosaik, in dessen Geheimnis sie eine alte Bekannte einweiht, und erkennt, dass sie den Schlüssel zu Glück und Freiheit selbst in der Hand hält. - Eine anregende Erzählung und Einladung zur Selbstreflexion für Frauen in der Lebensmitte - kurzweilig, empathisch, voller Wärme - für die Leser*innen von Tessa Randau und John Strelecky

Michaela Wiebusch, 1971 geboren, ist Schauspielerin ( >Stauffenberg<, >Zerv - Zeit der Abrechnung<, >Ein starkes Team<, >Wochenendrebellen<), Psychologische Beraterin und Paarberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
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Das Glück von gestern


Wohin verschwinden eigentlich all die schönen Augenblicke, die wir verpassen oder einfach so verstreichen lassen? Man kann sie nicht sammeln oder gar auf später verschieben. Wenn wir diese Momente nicht leben, sind sie unwiederbringlich für uns verloren. Warum lassen wir viele kostbare Zeiten des Glücks und der Schönheit einfach so vergehen, als gäbe es unendlich viel davon?

Immer öfter habe ich mir in den letzten Monaten vorgestellt, dass ich eines Tages wehmütig auf mein Leben zurückblicken und mich fragen werde, warum ich im Laufe der Jahre beinahe all meine Träume aufgegeben habe.

Bevor auch der letzte sich in Luft auflöste, traf ich eine Entscheidung. Ich begab mich auf eine Reise, eine Reise zurück zu mir.

Hier stehe ich nun, und mein Blick schweift in die Ferne. Das Hotel befindet sich inmitten eines Olivenhains und liegt nur einen kurzen Spaziergang vom Meer entfernt. Jetzt im Herbst sind die Früchte reif zur Ernte. Ihr Anblick und der Duft lassen mich an den würzigen und intensiven Geschmack frischen Olivenöls denken, mit dem ich viele Kindheitserinnerungen verbinde. Es ist der Duft von Freiheit und Glück, ein unglaublich schönes Gefühl aus fernen Tagen. Schon lange vermisse ich diese Magie in meinem Leben. Ich habe sie gegen einen Berg von Verpflichtungen eingetauscht, in dem ich drohe unterzugehen.

Viele Jahre lang habe ich meine Ferien hier an der Küste im schlichten Ferienhaus meiner Eltern verbracht. Daher ist mir die Gegend so vertraut wie eine zweite Heimat. Meine Schwester und ich halfen den Einheimischen oft bei der Olivenernte. An den Abenden saßen wir, erschöpft von der anstrengenden Arbeit und getränkt von der kräftigen griechischen Herbstsonne, an einem langen Esstisch, tunkten genüsslich unser Brot in das golden schimmernde Öl, das aus unserer Ernte gewonnen worden war, und fühlten uns restlos glücklich. Der Duft und Geschmack dieser Abende waren ein Erlebnis für die Sinne, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Zum ersten Mal nach vielen Jahren bin ich jetzt an diesen Ort zurückgekehrt.

Als ich eben meinen Mietwagen durch die engen Gassen lenkte und die weiß getünchten Häuser mit den blauen Türen und Fensterrahmen sowie die winzigen Vorgärten mit den Bougainvilleen sah, da schien es mir, als wäre die Zeit stehen geblieben. Noch immer hat der Massentourismus diesen Teil der Peloponnes nicht erreicht. Die wenigen schlichten Hotels und Ferienhäuser, die es gibt, haben das ursprüngliche Dorfleben nicht verändert. Und auch die Einheimischen sind immer noch so gastfreundlich und zuvorkommend wie in meinen Kindertagen.

Leider mussten meine Eltern ihr Ferienhaus vor ein paar Jahren verkaufen, weil sie das Geld brauchten, um ihre Rente aufzubessern. Daher habe ich mir ein Zimmer in einem Hotel gesucht, das direkt in der romantischen Bucht meiner Erinnerungen liegt. Dort angekommen, bezog ich mein spartanisch eingerichtetes Zimmer und trat gleich neugierig auf den Balkon hinaus.

Während der warme Wind mir nun sanft das Gesicht streichelt, stimmen die Zikaden die vertraute Musik des Südens an. Das sanfte Abendlicht überzieht die spiegelglatte Meeresoberfläche mit einem silbern glänzenden Schleier und färbt den Horizont in ein zartes Rosa. Ich würde mich diesem Moment gern hingeben, doch so einfach ist das nicht. Physisch bin ich zwar angekommen, aber mein Geist scheint noch nicht hier zu sein.

Ich hadere mit der Entscheidung, diese Reise allein zu machen. Etwas in meinem Innern sträubt sich dagegen, dass ich hier bin und diesen Moment genießen darf.

Ich muss an meinen letzten Streit mit Fin denken. Kurz vor der Abreise gerieten wir aneinander und taten dann, was wir seit geraumer Zeit in solchen Momenten immer tun: Wir bissen uns in den ewig gleichen Diskussionsschleifen fest. Ja, unsere Streitgespräche sind vorhersehbar geworden. Wir beharren beide auf unseren Standpunkten, halten krampfhaft an unseren Meinungen fest und kämpfen erbittert darum, recht zu haben. Dabei halten wir die eigenen Argumente für die einzig richtigen und die des anderen für gänzlich falsch. Sich in der Schlacht geschlagen geben, will keiner. Und meist bleibt es nicht bei der ursprünglichen Streitfrage. Wir finden andere Gründe, um uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Und je mehr wir uns hochschaukeln, desto zermürbender werden unsere Gespräche – was mich traurig macht und der Grund dafür ist, warum ich an meinem Plan, mir eine Auszeit von meinen beruflichen und familiären Aufgaben zu nehmen, festgehalten habe. Mit dem Ergebnis, dass ich jetzt hier im Paradies stehe und nicht loslassen kann, weil mich mein Gewissen plagt.

Ich frage mich, ob es von mir nicht doch egoistisch war, Fin mit Fabi und Lotte allein zu lassen. Unser Alltag ist auch schon anstrengend genug, wenn wir uns die Arbeit teilen. Gedankenverloren greife ich zum Handy und drücke die Kurzwahltaste.

Fins tiefe Stimme ertönt am anderen Ende der Leitung. »Bist du etwa schon da?«

»Ja, ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich gut angekommen bin. Alles in Ordnung bei euch?«

»Alles gut«, entgegnet er knapp.

Im Hintergrund streiten die Kinder lauthals.

»Sekunde«, sagt er, dann höre ich ihn rufen: »Hey! Ich telefoniere hier gerade mit Mama. Könnt ihr mal bitte etwas leiser sein? Ich verstehe sonst kein Wort.«

»Was ist denn da los bei euch?«, frage ich und versuche beiläufig zu klingen, obwohl ich das brennende Verlangen habe, mich einzumischen. Zu Hause würde ich die Situation jetzt übernehmen, damit Fin nicht noch genervter wird, als er es ohnehin schon ist.

»Alles gut«, wiegelt er ab.

Ich höre, wie die Situation im Hintergrund eskaliert. Überhaupt nichts ist gut. Im Gegenteil. Fabi provoziert mal wieder seine jüngere Schwester. Als pubertierender Dreizehnjähriger behandelt er Charlotte wie ein Baby – was sie mit ihren acht Jahren definitiv nicht mehr ist.

»Charlotte! Fabian! Es reicht!«, brüllt Fin. »Wenn ihr jetzt nicht sofort aufhört, dann könnt ihr euer Fernsehen vergessen!«

»Du lässt sie um diese Zeit noch fernsehen?«, frage ich. »Ist das nicht ein bisschen spät?«

Die Kinder haben Fin nicht zugehört, und Fin hat wiederum mir nicht zugehört. Der Streit im Hintergrund geht einfach lautstark weiter.

»Gib mir doch mal Fabi«, fordere ich. »Ich rede mit ihm. Er soll seine schlechte Laune nicht an Lotte auslassen. Er ist schließlich alt genug, um sich gegenüber seiner kleinen Schwester zusammenzureißen.«

»Ist jetzt nicht dein Ernst, oder?« Fin klingt verblüfft, aber auch verärgert.

»Wieso? Ich will dir doch nur helfen.«

»Du hast dich entschieden, ohne uns wegzufahren, weil du dich nur um dich selbst kümmern wolltest. Also tue das bitte auch und lass den Rest meine Sorge sein. Ich muss jetzt auflegen. Du hörst ja, was hier los ist. Gute Nacht.«

Ich spüre seine unterschwellige Wut auf mich und meine Entscheidung. Ohne ein weiteres Wort legt er auf.

Ich ärgere mich. Ein bisschen über mich selbst, aber sehr viel mehr über seine Vorwürfe und seine unfreundliche Art. Leider befördert das Telefonat mein schlechtes Gewissen und vergrößert die Sorge, einen Fehler gemacht zu haben. Ist Fin zu Recht sauer, dass ich ihn allein gelassen habe? Andererseits: Steht es mir nicht zu, mich wenigstens für ein paar Tage nur um mein eigenes Wohlbefinden zu kümmern? Warum glaubt meine Familie, mich rund um die Uhr auf Trab halten zu müssen? Dennoch: Habe ich die drei im Stich gelassen? Ich weiß nicht, ob meine Entscheidung richtig war, und fühle mich deshalb unglücklich.

Um auf andere Gedanken zu kommen, mache ich einen kleinen Spaziergang. Vom Hotel aus führt ein schmaler, gewundener Pfad durch den Olivenhain hinunter zum Meer. Der feinsandige Naturstrand ist umgeben von Felsen. Dort, wo die Steilküste vom Meer unterspült worden ist, hat sich eine große Höhle gebildet, die nicht sehr tief in den Felsen hineinreicht, aber eine beeindruckende Höhe hat.

Der Strand ist menschenleer. Das kristallklare Wasser verführt zum Schwimmen. Ich freue mich auf eine Abkühlung. Während ich mich in der Höhle umziehe, fällt mein Blick auf eine Handvoll Bambusstöcke draußen auf dem Strand, die in Form eines kleinen Zeltes zusammenstehen und ein auf dem Sandboden liegendes Gitter einzäunen. Es gibt an diesem Strandabschnitt rund ein Dutzend dieser seltsam anmutenden Mini-Tipis. Ich weiß, dass sie von Naturschützern aufgebaut werden, um die Nester der hiesigen Schildkröten zu schützen – nicht nur vor kleinen Raubtieren, sondern vor allem vor unbedachten Touristen.

Ich erinnere mich, dass wir als Kinder wach bleiben durften, um die frisch geschlüpften Schildkrötenbabys auf ihrer kurzen Wanderung ins Meer zu beobachten. Oft schliefen wir zwar beim Warten ein, aber wir wollten dieses aufregende Abenteuer jeden Sommer aufs Neue erleben und fühlten uns wie kleine Heldinnen, wenn es uns gelang, die Schildkrötenwanderung mit eigenen Augen zu sehen.

Ich schlendere am Strand entlang und lasse den Blick schweifen. Die Schönheit der Natur auf der Peloponnes ist einzigartig. Warum bin ich in all den Jahren eigentlich nie mit Fin hier gewesen? Hatte ich womöglich Sorge, dass er mir mit ironischen Bemerkungen und schlechter Laune das Idyll meiner Kindheit madig machen könnte?

Mir wird klar, wie grundverschieden wir sind. Unsere Ehe befindet sich seit geraumer Zeit in einer Schieflage. Ich fühle mich von Fin nicht nur alleingelassen, sondern auch unverstanden, besonders wenn es um den alltäglichen Kram geht. Manchmal scheint es mir, als würde das Lebensglück aller...


Wiebusch, Michaela
Michaela Wiebusch, 1971 geboren, ist Schauspielerin ( ›Stauffenberg‹, ›Zerv - Zeit der Abrechnung‹, ›Ein starkes Team‹, ›Wochenendrebellen‹), Psychologische Beraterin und Paarberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Goppel, Gisela
Gisela Goppel, geboren 1980, studierte Design an der Universität der Künste in Berlin und Illustration in Barcelona. Sie arbeitet für internationale Zeitschriften- und Buchverlage und lebt in Regensburg.

Michaela Wiebusch, 1971 geboren, ist Schauspielerin ( ›Stauffenberg‹, ›Zerv - Zeit der Abrechnung‹, ›Ein starkes Team‹, ›Wochenendrebellen‹), Psychologische Beraterin und Paarberaterin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.



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