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Wiechern | Fliegende Teppiche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

Wiechern Fliegende Teppiche

Mein Leben als Beduinin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7502-4740-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Mein Leben als Beduinin

E-Book, Deutsch, 381 Seiten

ISBN: 978-3-7502-4740-6
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Nassibuk - Schicksal, sagen die Beduinen und meinen damit: Alles wird kommen, wie es kommen muss. Das gesamte Leben ist in einem großen Buch verzeichnet und man kann seiner Bestimmung nicht entkommen. Stimmt das? Wenn ich heute daran zurückdenke, war es eine knappe Stunde, in der ich mich entschied, mein gesamtes bisheriges Leben vollkommen über den Haufen zu werfen. Eine Teilbiografie über das Leben einer jungen Frau, die beschließt, ihr weiteres Leben als Beduinin zu führen. Eine wahre Geschichte die wie ein Märchen beginnt...

Simone Wiechern wanderte 1994 als 25-Jährige auf den Sinai/Ägypten aus. Dort tauchte sie tief in die Kultur der Beduinen ein, lernte ihre Sprache und wurde schon bald als Mitglied der Gemeinschaft integriert. Als stolze Besitzerin eines Kamels verbrachte sie viele Stunden in der Wüste und ließ sich von deren bizarren Klarheit inspirieren. Skizzenblock und Federn waren immer in der Satteltasche.
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Voller Sehnsucht in Berlin


»Das Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst, was du willst,
sondern darin, dass du immer willst, was du tust.«

- Leo N. Tolstoi -

Ich lag auf dem einsturzgefährdeten Balkon meiner Wohnung in Berlin Friedrichshain und suchte die Sterne am Firmament. Doch nur ein rabenschwarzer Baldachin war dies im Vergleich zu dem unbeschreiblichen Himmelszelt des Sinai, das ich so sehr vermisste. Das Wetter war jedoch angenehm und ich konnte der Enge der vier Wände entfliehen, meine Isomatte und Bettzeug auf den Balkon verfrachten und meine Augen schließen. Jetzt war es ein Leichtes, mir vorzustellen, ich wäre noch dort; im Land meiner Sehnsucht, wo der Himmel zum Greifen nah war und die Sterne, üppig hingeworfener Diamanten gleich, glitzerten und funkelten. In den Nächten dort hatte mich diese Aussicht bedingungslos glücklich gemacht. Die unzähligen Sternschnuppen konnten einfach mit ihrer Schönheit prahlen, ohne ihrer Aufgabe als Wunscherfüller nachkommen zu müssen. Noch einmal nahm ich den kleinen Sack mit Bergkräutern, den mir eine alte Beduinin geschenkt hatte, unter meinem Kissen hervor und inhalierte den Duft von Weite und Ferne. Kurz vor dem Einschlafen hoffte ich, dies würde mich wenigstens in meinen Träumen wieder an den Ort bringen, der eine ungeahnte Sehnsucht in mir auslöste und vor allem nachts in meinen Gedanken war.

Salim holte uns zwei Taschenlampen und Neoprenschuhe, die schon recht mitgenommen aussahen. Wir wanderten zu einem nahe gelegenen Riff. Er bat mich, dicht hinter ihm in dem knöcheltiefen Wasser zu laufen und mich so langsam und lautlos wie möglich zu bewegen. Wir hatten Neumond und es herrschte absolute Windstille; perfekte Voraussetzungen für unser Vorhaben, wie mich Salim aufklärte. Einzig der Schein unserer Taschenlampen war zu sehen und ich wunderte mich, wie viele Meerestiere wir beobachten konnten. Fische, Schnecken und Seesterne in allen Größen und Farben krochen hier des Nachts über die Riffplatte. Doch erst mal kein Zeichen der Kreatur, die wir suchten. Es war gar nicht so einfach, in dieser stockfinsteren Nacht über die Korallen zu steigen, und ich versuchte meine Füße so vorsichtig wie möglich zu platzieren, um das Riff nicht zu beschädigen. Einige Male rutschte ich aber doch auf dem glibberigen Untergrund aus und ratschte mir die Knöchel an den scharfen Kanten des Untergrunds blutig. Doch Abenteuerlust und Jagdfieber waren geweckt und da hielten mich keine kleinen blutenden Wunden auf. Für Haie war es hier zu meiner Beruhigung nicht tief genug.

Plötzlich blieb der Beduine stehen, hielt mich am Arm und deutete auf etwas in einem kleinen Loch vor uns. Ich zuckte mit den Schultern und sah - nichts. Er leuchtete direkt in den Spalt, und jetzt konnte auch ich etwas erkennen: zwei kleine orange leuchtende Punkte, die das Licht seiner Taschenlampen reflektierten. 

Das sind die Augen, gab mir Salim per Zeichensprache zu verstehen und bückte sich ganz langsam. Dann, mit einer blitzschnellen Bewegung, griff er zu und zog einen kleinen Hummer daraus hervor. Sein strahlendes Lächeln reichte von einem Ohr zum anderen und entblößte eine Reihe schwarz verfärbter Zähne, die dem Riff gefährlich ähnelten. Er bugsierte ihn in den dafür mitgebrachten Stoffbeutel und bat mich, da er scheinbar davon ausging, ich wüsste nun, wie ein Hummer aussah, etwas entfernt neben ihm zu gehen. Ich hatte das sprichwörtliche Anfängerglück. Schon nach einigen Minuten sah ich wieder zwei Leuchtperlen im matten Schein meiner Lampe blinken und winkte Salim zu mir. Als er sah, was ich gefunden hatte, rieb er sich die Hände und forderte mich auf, zuzugreifen. Doch gern überließ ich ihm diese Aufgabe und diesmal lohnte sich der Fang wirklich. Ein wunderschönes Tier hatte er da in der Hand; eigentlich viel zu schade es mitzunehmen, aber mir war klar, dass Salim diesen Fang nie und nimmer wieder hergeben würde. Er sagte mir, es wäre nun genug für unser Frühstück und wir gingen zurück ans Ufer. 

Wieder im Camp, entzündeten wir ein Feuer direkt vor seiner Hütte aus den unterwegs mitgebrachten Palmwedeln und ein wenig Holzkohle, die noch in der alten Feuerstelle lag. Noch bevor die Kohle richtig durchgeglüht war, hatte ich schon Tee bereitet und wir erwarteten den Sonnenaufgang. Salim hatte den Hummer in der Zwischenzeit in der Campküche vorgekocht und legte ihn nun für eine Weile auf die glühenden Kohlen. Er bot mir meinen Fang an, aber ich entschied mich für den kleineren. Eine hitzige Diskussion entbrannte, in der mir schnell klar wurde, dass es nur einen Verlierer geben konnte. Ich nahm also doch den größeren. Gerade als die Sonne hinter den Bergen Saudi Arabiens aufging, hatten wir einen dekadenten Gaumenschmaus, wie ich ihn selten zuvor erlebt hatte. 

Das unbarmherzige Klingeln des Weckers holte mich zurück in den Berliner Morgen, der mal wieder grau und trist war. Noch verschlafen schleppte ich mich ins Zimmer. Beton ist härter als Wüstensand. Alle Glieder reckend und steckend ließ ich mich am Frühstückstisch nieder.

»Wie lange willst du eigentlich noch auf dem Balkon nächtigen?«, fragte mich mein Freund mit einem verständnislosen Grinsen auf seinem Gesicht und schob mir die Kaffeekanne herüber.

Ich goss mir die schwarze, wie immer viel zu starke Brühe in meinen Becher und zuckte nur mit den Schultern. Ich war noch ganz gefangen in den schönen Traumbildern, die genau so noch vor einigen Wochen real geschehen waren und von denen ich mich nicht trennen wollte. Dort würde ich jetzt auf das offene Meer blicken, der strahlende Glanz der Sonne würde den Tag zum Leuchten bringen, ich hätte ein Glas Tee in der Hand und Hummer zum Frühstück!

»Gehst du gleich erst in die Uni oder arbeiten?«, brachte mich Klaus wieder in die Wirklichkeit zurück.

»Zur Uni, warum fragst du?«, antwortete ich verträumt.

»Dann können wir zusammen los, ich habe gleich eine Vorlesung.«

»Ich habe ein freiwilliges Tutorium in arabischer Grammatik. Diese ist so umfangreich, da kann ich gar nicht genug lernen, um das jemals zu verstehen. Es gibt Unmengen von Regeln und noch zahlreicher sind die Ausnahmen dazu.«

»Weißt du mittlerweile, welches Fach du noch studieren willst, um einen Magisterabschluss machen zu können?«, wollte Klaus wissen.

»Ja, ich bin mir aber noch nicht ganz sicher«, entgegnete ich.

»Ich kann dir nach wie vor Politik empfehlen, die Professoren und Angebote sind wirklich hochinteressant an der Freien Universität. Außerdem können Axel und ich dir dann immer mit Rat und Tat beistehen. Dann kannst du dich vielleicht demnächst etwas mehr an unseren nächtlichen Debatten beteiligen, ohne dass wir dir immer die Hintergründe erläutern müssen.«

›Politik verstehen‹, fragte der Zweifel in mir, ›geht das überhaupt?‹

Putativ gingen mein Freund und sein Bruder, der mit uns auf 40 qm lebte und ebenfalls Politik studierte, davon aus.

›Wäre ja mal eine Herausforderung‹, sagte die Kühnheit.

Ich nahm mir erst einmal ein Brötchen, weil es erstens zu früh war, ständig verbal zu reagieren und zweitens, weil meine Gefühle plötzlich anfingen wild durcheinanderzureden. Obwohl ich meinte, noch nicht wach zu sein, waren sie schon putzmunter. Kaum fiel das Wort Debatte, schon fühlten sie sich aufgefordert loszulegen:

›Politik? Brotlose Kunst, für jemanden mit weichem Kern‹, spuckte der Selbsterhaltungstrieb seine Worte verächtlich aus.

›Und doch hoch interessant, würde ich sagen‹, konterte die Faszination.

›Finde ich auch. Einfach nur auf Demos rennen, ohne die genaue Problematik zu verstehen, ist Kinderkacke‹, sagte die Intelligenz ziemlich resolut und mit einem Vokabular, das sehr untypisch für sie war. Sie war wohl etwas beleidigt, auf diesem Gebiet nicht glänzen zu können.

›Ganz meine Meinung. Ihr bekommt ja mit, dass sie sich selber nie wohlfühlt, wenn sie mit den Jungs zusammensitzt und dem Gespräch nicht ganz folgen kann. Mir geht es dabei auch nicht gut‹, sagte die Zufriedenheit.

›Tatsächlich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen‹, neckte die Ignoranz, ›mich interessiert das Weltgeschehen nicht im Geringsten.‹

›Was interessiert dich schon?‹, motzte die Intelligenz recht überheblich.

›Mich interessiert es auch gerade nicht‹, meldete sich der Hunger energisch. ›Müsst ihr schon beim Frühstück solche Diskussionen führen? Lasst sie doch erst mal einen Happen essen.‹

Ich biss in mein Brötchen, das ich mir während des Kopfradios geschmiert hatte und kaute langsam. Ich biss ein weiteres Mal ab und trank einen Schluck Kaffee, der mit dem Brötchen zusammen etwas erträglicher schmeckte. Klaus anschauend antwortete ich auf seine Frage:

»Ich werde mich am besten in die Grundschulpädagogik einschreiben. Mit Kindern verstehe ich mich eindeutig besser als mit Politikern. Politik kann ich als Wahlpflichtfach nehmen. Dann könnten wir einige Kurse gemeinsam belegen und uns die Nächte weiterhin mit euren endlosen Diskussionen um die Ohren schlagen. Die Hauptsache für mich ist, ich schaffte das alles neben der Arabistik. Die ist mir wirklich wichtig. Je mehr ich über die Kultur und Sprache der Araber erfahre, desto neugieriger werde ich.«

Ich leckte mir den heruntergelaufenen Tropfen Marmelade vom Finger und ergänzte mit verschmitztem Gesicht:

»Wer weiß, vielleicht lasse ich mich ja später einmal in einem arabischen Land nieder, dann finde ich als Lehrerin bestimmt immer einen Job....



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