E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: ONE
Wieja Herzfunkeln und Winterträume
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0964-4
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: ONE
ISBN: 978-3-7517-0964-4
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weihnachtszauber in London!
Ein gefühlvoller Roman über große Träume, ein Praktikum in London und unverhoffte Gefühle
Die achtzehnjährige Hanna liebt Weihnachten, und sie träumt schon lange davon, den 24. Dezember in London zu verbringen. Deshalb passt es mehr als perfekt, dass das Vorstellungsgespräch für ein Praktikum in ihrer Lieblingsstadt kurz vor den Feiertagen stattfinden soll. Aber vorher braucht Hanna erst mal das nötige Kleingeld für ihre Reise. Deshalb nimmt sie einen Job als Weihnachtselfe an. Blöderweise übertrifft Jared - der Weihnachtsmann, mit dem sie ein Team bilden soll - mit seiner mürrischen Art sogar den Grinch. Als Hanna ausgerechnet ihn auf dem Weg von Deutschland nach England wiedertrifft, beginnt für die beiden eine turbulente Reise. Im Schein der funkelnden Lichter Londons blickt Hanna hinter Jareds Fassade - und wider Erwarten fängt es zwischen den beiden an zu knistern ...
Corinna Wieja ist schon immer gern in Bücherwelten versunken. Nach einem kurzen Irrweg als Industriekauffrau hat sie ihre Leidenschaften Schreiben, Lesen und Übersetzen zum Beruf gemacht. Sie übersetzt audiovisuelle Medien, Werbetexte und Bücher. Als Autorin schreibt sie am liebsten unterhaltsame und spannende Geschichten für junge Leser und Leserinnen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Jared
River
oder:
Weihnachten ist voll überbewertet
Nein, ich hasse die Weihnachtszeit nicht. Allerdings gehört sie auch nicht zu meinen Lieblingsjahreszeiten. Meiner Meinung nach wird Weihnachten völlig überbewertet. Alle Welt schwafelt von Besinnlichkeit und Nächstenliebe. Was man jedoch tatsächlich bekommt, ist Stress. Gereizte Mitmenschen. Erinnerungen, die man lieber vergessen will, und oberflächliches, aufgesetztes »Oh-du-fröhliche«-Getue. Die lachend beieinandersitzende Familie wird zelebriert, obwohl bei vielen gerade zum Fest der Liebe Streit an der Tagesordnung ist. Und dann erst diese Heuchelei und der Versuch, sich mit Spenden und Geschenken von ein paar Schuldgefühlen freizukaufen, um im restlichen Jahr guten Gewissens die Augen vor der allgegenwärtigen Not und den Bedürfnissen anderer fest verschließen zu können.
Dabei ist es so einfach, das Kostbarste und Günstigste zugleich zu verschenken: Zeit. Den anderen das Gefühl geben, dass sie wichtig sind, und ihnen zuhören. Das ist, wie ich finde, viel wertvoller als jeder Gutschein, jedes Schmuckstück oder die unpersönliche Geldgeschenkkarte, die mein Erzeuger jedes Jahr über seine Assistentin zu schicken pflegt. Erst heute habe ich wieder eine Mail von ihr bekommen, mit der Frage, ob ich die Nachricht zu Dads Charity-Weihnachtsdinner erhalten hätte, und dass sie meine Antwort erwarten würde. Was soll ich da überhaupt? Mir anschauen, wie glücklich er mit seiner neuen Familie ist? Das tu ich mir bestimmt nicht an. Wie beim Lesen der Einladungsmail letzte Woche, die mir ausgerechnet ins Postfach geflattert ist, während ich im Supermarkt war, sinkt meine Laune auch jetzt im Turbotempo auf Nordpol-Minusgrade.
Ich versuche gerade halbherzig, sie mit Josh Grobans Song River und einer Runde Zocken wieder ins Plus zu bringen, als mein Freund Shinji mir eine rote Zipfelmütze überstülpt. Entsetzt ziehe ich die Kopfhörer von den Ohren. »Nicht dein Ernst!« Mit dem Ding komme ich mir so lächerlich vor wie der Gartenzwerg, der im Blumentopf neben der Haustür meiner Gran steht.
»Doch! Das ist deine Arbeitskleidung.« Mein Mitbewohner grinst so breit wie ein lebendig gewordener Smiley.
Mein Blick fällt auf den roten Mantel und den weißen Bart in Shinjis Händen. »Blimey! No fucking way.« Unwillkürlich springe ich vom Sofa auf und weiche einen Schritt zurück – als wäre ich ein Vampir, der mit einer Knoblauchkette bedroht wird.
Buttons hopst hoch und schnappt spielerisch nach dem Mantelsaum, als Shinji mir das Kostüm über die Schulter legt, weil ich die Arme verschränke.
»Du hast es mir versprochen, Jared.« Shinjis Stimme klingt verschnupft. Nicht nur, weil er offenbar genervt ist, sondern weil seine Nase tatsächlich verstopft ist. Geräuschvoll zieht er den Rotz nach oben.
»Und du hast behauptet, es ist ein ganz normaler Aushilfsjob«, erwidere ich vorwurfsvoll und verfrachte das Kostüm mit spitzen Fingern aufs Sofa.
»Ist es ja auch.« Shinji lässt sich in den Sessel plumpsen und trompetet lautstark in eins der vielen Taschentücher, die er wie papierne Schneeflocken um sich herum verstreut. »Jetzt komm schon. Thomas, der Chef der Agentur, ist einverstanden. Ansonsten sucht er sich jemand anderen, und dann bin ich definitiv raus. Was echt schade Schokolade wäre, denn ich hab noch nie so leicht Geld verdient. Wenn du mich aber vertrittst, bis ich wieder fit bin, kann ich danach übernehmen. Es ist doch bloß für höchstens eine Woche.«
Ich seufze abgrundtief, schalte die Konsole aus und hole mir die Spaghettizange und eine Schüssel aus der Küche, um damit die zerknüllten Schnodderfahnen einzusammeln. Als Shinji mich gebeten hat, für ihn im Einkaufszentrum einzuspringen, habe ich angenommen, ich würde Regale einräumen, nicht den Weihnachtsmann spielen.
»Ehrlich, du sitzt da nur drei Stunden rum, unterhältst dich mit den Kindern und fragst sie nach ihren Wünschen. Ab und zu macht auch mal jemand ein Foto, und am 6. ist Kindergarteneinsatz. Lockerleicht verdiente Kohle.« Shinji lässt sich in die Polster zurücksinken. Er wirkt ein bisschen müde. Vermutlich macht ihm die Erkältung doch mehr zu schaffen, als er zugeben will. Und nein, es ist keine Männergrippe, sondern ein echter grippaler Infekt. Mit Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen. Deshalb hat ihn der Arzt erst einmal aus dem Verkehr gezogen. Bleibt nur zu hoffen, dass ich mich nicht inzwischen angesteckt habe. Das kann ich so kurz vor der Klausur ungefähr so gut gebrauchen wie eine Alieninvasion. Obwohl die vermutlich ihre Vorteile hätte und mir die Father-Christmas-Sache ersparen würde.
»Einen Kindergarteneinsatz?« Ich befördere die Taschentücher in den Mülleimer, Schüssel und Spaghettizange ins Spülbecken und stecke dem aufgeregt um mich herumtänzelnden Buttons ein Leckerli zu, ehe ich zu Shinji ins Wohnzimmer zurückkehre.
»Ja. Das bedeutet, dass du in Kindergärten gehst und statt Schoko-Nikoläuse die Geschenke der Erzieherinnen verteilst. Vorher musst du sie noch ein Gedicht aufsagen lassen. Also die Kinder, nicht die Erzieherinnen.« Er grinst. »Man wird empfangen wie ein Star.« Shinji wackelt mit den Augenbrauen. »Übrigens bekommst du eine niedliche Elfenassistentin und triffst haufenweise Chicks. Studien bestätigen, dass sich die meisten Paare auf der Arbeit oder beim Einkaufen kennenlernen. Und ich Genie hab beides kombiniert und damit meine Chancen verdoppelt. Und bald auch deine.« Sein Grinsen reicht inzwischen von einem Ohr zum anderen.
Aha, nun verstehe ich, warum mein Freund, mit dem ich mir seit eineinhalb Jahren die Studentenwohnung teile, so gerne den Weihnachtsmann spielt. Er nutzt den Job als Tinder-Ersatz. »Danke, aber nein danke. Ich brauche keine Chancen. Ich hab genug damit zu tun, mich auf die KI-Klausur vorzubereiten.«
Shinji schnieft, ob aus Verachtung oder weil er die Nase im wahrsten Sinne des Wortes voll hat, kann ich nicht beurteilen.
»Laaangweilig«, meint er. »Du musst doch auch mal wieder ein wenig Spaß haben. Wozu ist die Uni denn da, wenn nicht, um das Leben zu feiern?«
»Ähm, zum Studieren«, erwidere ich und bücke mich, um den Plüschbären aufzuheben, den Buttons mir vor die Füße gelegt hat. Erwartungsvoll schaut er mich an. Der kleine rotbraune Norfolk-Terrier ist das Einzige, was mir von Mum geblieben ist. Bis auf den Brief, der geschlossen ganz unten in meiner Schreibtischschublade liegt. Ich drücke mich immer noch davor, ihn zu lesen.
Das letzte Jahr war hart. Belastend. Monatelang war ich wie in Trance herumgelaufen. Betäubt. In den Filmen sind sie immer so gefasst. Ich bin wütend. Auf Gott und die Welt. Warum musste ihr das passieren? Warum mir? Inzwischen ist es über ein Jahr her, und allmählich wird es ein wenig leichter. Dachte ich jedenfalls. Weihnachten bringt die Erinnerung und die angstvollen Monate vom Vorjahr jedoch mit voller Wucht wieder zurück. Sie hat das Fest der Liebe und Familie geliebt. Nur dass von der nicht mehr viel übrig ist. Meine Gedanken schweifen zu Gran. Im Gegensatz zum letzten Jahr hat sie mich nicht bedrängt, meinen Geburtstag und Weihnachten zu Hause in England zu feiern. Sie hat es klaglos akzeptiert, als ich ihr vor ein paar Tagen abgesagt habe. Und darüber bin ich froh.
»Ey, man muss auch mal Pause machen, damit das Gehirn das ganze erlernte Wissen überhaupt verdauen und speichern kann«, holt Shinji mich aus meinen Gedanken. »Das ist wissenschaftlich erwiesen. Außerdem sind sowieso bald Weihnachtsferien. Hab ich schon erwähnt, was es dieses Jahr bei uns zu essen gibt?«
»Nur ungefähr zehntausend Mal«, sage ich abwesend und knautsche dabei den Bären in meiner Hand, der ein empörtes Quietschen von sich gibt. Buttons springt kläffend an mir hoch, und ich werfe das Plüschtier durchs Zimmer. »Ich weiß inzwischen bis zu den Zutaten genau, was deine Mum zum Weihnachtsdinner auftischen wird.«
»Ja, das wird ein Fest.« Shinjis Blick schwenkt zu Buttons, der seinem Spielzeug nachjagt. »Was ist mit dir? Hast du deinem Vater schon geantwortet? Das solltest du tun, Mann, bevor er dir endgültig den Geldhahn zudreht.«
»Nein, ich hab ihm noch nicht geantwortet«, gebe ich zu und lasse mich aufs Sofa plumpsen.
Shinji verdreht die Augen. »Ey, ich versteh ja, dass es dir schwerfällt, mate. Aber Weihnachten ist doch die Zeit der Versöhnung. Glaubst du nicht, es wird allmählich Zeit, diesen ganzen Mist hinter dir zu lassen und nach vorn zu schauen? Auch wenn die Familie einem ganz schön auf den Keks gehen kann – und glaub mir, ich spreche aus Erfahrung –, ohne sie ist man nur ein halber Mensch.«
»Wer bist du? Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht?«, erwidere ich genervt. »Verschone mich mit dieser Phrasendrescherei und misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein.« Natürlich weiß ich, dass Shinji im Prinzip recht hat. Aber dieses »Nach vorn schauen« ist eben leichter gesagt als getan. Mal abgesehen davon, dass Dad in meinem Leben die meiste Zeit...




