Wieland / Michel | Das große Lesebuch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Wieland / Michel Das große Lesebuch

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401871-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

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ISBN: 978-3-10-401871-3
Verlag: S. Fischer
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Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur.
Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.

Christoph Martin Wieland ist nicht nur ein großer Aufklärer und Vorläufer der Weimarer Klassik gewesen. Er ist ein Klassiker, den es unbedingt wiederzuentdecken gilt: Seine menschenfreundliche Ironie, sein radikaler Kosmopolitismus mitten in der Provinz, seine atemberaubende Fähigkeit zum Dialog – alles das macht seine Prosa zu einem bis heute wirksamen Gegengift gegen jede Form des Fundamentalismus. ›Das große Lesebuch‹ bietet einen umfassenden Überblick über Wielands beeindruckendes Gesamtwerk.

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Christianer


Unstreitig war ein so seltner und von dem herrschenden Egoism unsrer Zeit so stark abstechender Gemeingeist eine der wirksamsten Ursachen der so schnellen Vermehrung der Christianer. Wer wollte nicht in eine zahlreiche Gesellschaft zu treten wünschen, deren Glieder in jedem Fall auf die thätigste Unterstützung von allen übrigen rechnen dürfen? Es kommen aber noch verschiedene andere hinzu, wovon ich nur die hauptsächlichsten berühren will. : alle weichen, gutartigen, von der Ansteckung des herrschenden Verderbnisses frey gebliebenen, und zu einer gewissen herzerhebenden Schwärmerey geneigten Seelen, zumahl unter dem zärtern Geschlecht, sind, so zu sagen, als natürliche Kandidaten des Christenthums zu betrachten, und werden schon durch den bloßen Anblick der Liebe und Eintracht, der Gemüthsruhe, der guten Ordnung und Zucht, und der stillen unscheinbaren, aber beglückenden häuslichen Tugenden, die unter den Christianern herrschen, für diese guten Menschen, und folglich auch für den Glauben, der sie dazu macht, eingenommen und gewonnen. : auf der andern Seite finden sich auch unter denen, die der Welt bis zum Überdruß genossen haben, oder die von ihr verlassen worden sind, so wie unter der Menge von großen Sündern, die von ihrem erwachten Gewissen schwer gedrückt und geängstiget werden, manche, denen das Asyl, das ihnen hier aufgethan wird, – die Hoffnung von allen ihren Sünden rein gewaschen und sogar in die der aufgenommen zu werden – um so willkommener ist, da die Eleusinischen und andere Mysterien, wo diese Bequemlichkeit sonst auch zu haben war, ihren Kredit immer mehr und mehr verlieren. : die Religion, die in gewissem Sinne der Menschheit überhaupt unentbehrlich ist, wird insonderheit für gewisse Gattungen von Menschen, in irgend einer Epoke des Lebens, ein der und des . Aber dann ist ihnen auch mit einer Religion, die in bloßen religiösen Gebräuchen und Festivitäten besteht, und deren Ansehen sich bloß auf ein hohes Alterthum gründet, wenig gedient. Sie verlangen eine Religion, die in Geist und Herz eingreift, die auf beide wohlthätig wirkt, die dem Niedergeschlagenen aufhilft, den Betrübten tröstet, den Schwachen stärkt, den Leidenden erquickt. Wer sich in diesem Falle befindet, wird natürlicher Weise eine Religion, die alles dieß verspricht und , einer alten vorziehen, die nur noch ein leeres Fantom ohne Geist und Leben ist, und weder den Kopf noch das Herz befriediget.

Ich sagte dir vorhin, der erste Stifter des Christenthums scheine die Absicht nicht gehabt zu haben, der Urheber einer neuen , in der gewöhnlichen Bedeutung dieses Wortes, zu seyn. Allein so bald sein Institut von den Juden zu den übrigen Völkern überging, mußte es nun gewisser Maßen für das besondere Bedürfniß der letztern eingerichtet werden, und, da es mit der alten Vielgötterey nicht wohl bestehen konnte, nothwendig die einer annehmen, die an die Stelle der alten träte, und das alles wirklich leistete, was jene durch eitle vergebens zu bewirken gesucht hatte. Diese Nothwendigkeit scheinen die Vorsteher der Christianer immer mehr einzusehen, und ihre ganze Verfassung darnach einzurichten. Was im Geiste des ersten Stifters bloße reine Angelegenheit des Herzens war, gewinnt nun unvermerkt eine , in der ich bereits die ganze Anlage zu künftigen und , zu und , zu einem , der unsern Griechischen und Römischen an Pracht, und zu einer , welche die alte Jüdische an Furchtbarkeit hinter sich zurück lassen, ja sogar zu einer neuen Art von und von , unter welchem der Geist und das Wesen des ersten Instituts endlich erdrückt werden wird, erblicke. Schon jetzt haben die Christianer sich zu einer geheimen Gesellschaft, die ihre und hat, gebildet; schon jetzt haben sie ihre , die kein Auge entweihen darf; und indem sie von den unsern, als von Erfindungen der bösen Geister, mit Verachtung und Abscheu sprechen, finden ihre Vorsteher es doch (um dem Reiche Gottes desto mehr Unterthanen zu gewinnen) wohl gethan, die Formen und die Sprache des geheimen Gottesdienstes zu auf die feierliche Begehung einer gewissen, von ihrem Meister kurz vor seinem Tode zu seinem Andenken gestifteten symbolischen Handlung, anzuwenden. »Sie allein sind im Besitz des und des wahren Mittels die zu ; auch sie haben ihre ; und was der zu seinen Eingeweihten betrüglicher Weise verspricht, , und , davon können sie allein den ihrigen die vollständigste Gewißheit geben.« – Wie stolz und anmaßend auch diese Behauptungen der klingen, so gründen sie sich auf das Bewußtseyn ihrer guten Sache, und es ist nicht zu läugnen, daß in dieser Rücksicht der Vortheil ganz auf ihrer Seite ist.

Zu allem diesem kommt noch eine Art von , wodurch ihre Gemeinen, und (vermöge der engen Verbindung, worin sie mit einander stehen) das ganze Christianische Wesen als , der von regiert wird, so zu sagen einen besondern Staat im Staate ausmachen, der entweder von noch in Zeiten unterdrückt werden muß, oder ihn selbst zuletzt verschlingen wird. Die ihrer Gemeinen sind in verschiedene Klassen abgetheilt, und die so genannten haben sich, als Stellvertreter der Apostel, bereits eine Art von obrigkeitlichem Ansehen zu verschaffen gewußt, welches sich mit dem Wachsthum der Gemeinen natürlicher Weise immer weiter ausdehnen wird. Einen Glaubensgenossen, oder, nach ihrer Art zu reden, einen , vor die ordentliche Römische oder von Römern angeordnete Obrigkeit zu ziehen, ist eines der größten Verbrechen in ihren Augen. Ihre Vorsteher schlichten nicht nur alle unter ihnen über streitige Rechtsfragen, wiewohl selten vorfallende Händel, sondern üben auch ein sehr scharfes Censurund Strafamt über ihre Untergebenen aus; und da alle Verbrechen, die etwa in ihrem Mittel begangen werden, zu Vermeidung des (wie sie es nennen) mit der äußersten Sorgfalt verheimlicht und dem Auge des gesetzmäßigen Richters entzogen werden, so leuchtet die Unschuld und Unsträflichkeit der Christianer, in Vergleichung mit den Anhängern der alten Religion, welche noch die ungleich größere Mehrheit ausmachen, um so viel stärker hervor, erhält sich immer in ihrem alten Ruf, und erwirbt ihnen unter dem bessern Theile des Volks immer neue Anhänger.

Was dieser, auf möglichste Unabhängigkeit vom Staat abzweckenden, obgleich bis jetzt noch unschuldigen Verfassung die Krone aufsetzt, ist die Einrichtung, vermöge deren jede Gemeine, die nicht etwa ihrer Armuth oder zufälliger Umstände wegen selbst Unterstützung bedarf, eine mehr oder weniger reiche besitzt, die mit der größten Gewissenhaftigkeit verwaltet, und zu allen Arten von , (wie sie es nennen) zu Unterstützung armer Wittwen, Erziehung verlaßner Waisen, Verpflegung dürftiger oder zu Arbeit unvermögender alter Leute, kranker, gefangener, oder vertriebener Brüder und Schwestern, u. dergl. auch im Nothfall zu Handreichung an andre nothleidende Brüder-Gemeinen, verwendet wird. Da es nichts seltnes ist, daß begüterte Christianer (deren Anzahl immer zunimmt) ihr ganzes Vermögen, oder doch einen beträchtlichen Theil, diesem schenken, so ist leicht zu sehen, daß diese ökonomische Einrichtung für die Fortdauer und den immer steigenden Flor eines so wohl organisierten, höchst moralischen kleinen Staats in dem äußerst unmoralischen großen Staate mit der Zeit wichtig werden kann.

*

Dieß, lieber Hegesias, ist das Wesentlichste, was ich von dem Ursprung und der innern Verfassung der Christianer bisher zu erfahren Gelegenheit hatte. Wie viel auch zur Vollständigkeit daran fehlen mag, so ist es doch mehr als hinlänglich, dir zu zeigen, wie sehr sie sich von allen übrigen Menschen, die verachtungsweise unter dem Nahmen begriffen werden, unterscheiden. Denn du wirst aus meiner Erzählung bemerkt haben, daß sie für alles, was an ihnen karakteristisch ist, entweder oder der alten erfunden, und sich überhaupt an eine Menge sonderbarer gewöhnt haben, welche zusammen genommen eine eigene ausmachen, die den Profanen ohne einen besondern Schlüssel unverständlich ist, und weit mehr, als man meinen sollte, zur Befestigung und Ausbreitung ihrer Sekte beyträgt. Und nun sage mir, was meinst du, was, bey so bewandten Sachen, aus diesen Leuten werden, oder (um mich in ihrer Manier auszudrücken) was dieser Baum für Früchte bringen wird?

. Wenn du selbst, ehrwürdiger Apollonius, mir Meinung davon nicht bereits zu erkennen gegeben hättest, so würde ich sagen, daß ich wenig oder nichts von ihnen erwarte. Da sie im Lauf von sechzig Jahren, ohne es selbst zu merken, schon so weit von dem Pfade ihres ersten Führers abgekommen sind, wie weit werden sie sich erst in fünf oder sechs Generazionen von ihm verirret...



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