E-Book, Deutsch, 322 Seiten
Wiers Wer wohnt schon in der Ziethenstraße?
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-8647-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Kindheit im Revier
E-Book, Deutsch, 322 Seiten
ISBN: 978-3-7557-8647-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Brigitte Wiers arbeitete nach dem Krieg als Krankenpflegerin in England, eröffnete später ein Kunstgewerbegeschäft in Wattenscheid und studierte mit 44 Jahren Sozialpädagogik in Dortmund. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und zahlreichen Gedichte, Reportagen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Als bildende Künstlerin hat sie Ausstellungen in vielen Städten des Ruhrgebiets mit Collagen und Materialobjekten aus Fundstücken aller Art bestritten.
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Nicht allein das A-B-C
„Mit dem ersten Schultag beginnt der Ernst des Lebens!“
Wie oft hatte man mir diesen Spruch schon um die Ohren gehauen. Und so ahnte ich bereits, dass mir mit dem Eintritt in die Schule Einiges bevorstand. Hatte ich deshalb in der Nacht vor der Einschulung diesen denkwürdigen Traum? Mutterseelenallein wandelte ich darin über den höckerigen Rand der Mauer, die das geheimnisumwitterte Schulgelände von dem Leben der übrigen Welt trennte. Ich trug ein Körbchen am Arm wie Rotkäppchen, jedoch war ich nicht auf dem Weg zur Großmutter, sondern wollte nur einen neugierigen Blick auf den Bau werfen, in dem ich künftig einen Teil meines Lebens zubringen sollte. Da lag sie nun vor mir, die schon arg angegraute katholische Volksschule. Links daneben entdeckte ich als bedrohlichen Schatten die ebenso verwitterten Steinblöcke der evangelischen Volksschule - zwei feindliche Brüder, die sich hinter derselben hohen Mauer versteckten, doch ihre Pausenhöfe fein säuberlich durch Maschendraht voneinander getrennt.
Nebelweiß trat die Sonne zwischen den Bäumen hervor, ohne dass sich das Szenario merklich erhellte. Lautlos ließ ich mich von der Mauer herab gleiten, überquerte den Schulhof, öffnete die schwere Eingangstür und betrat das dunkle Treppenhaus mit seinen von vielen Kinderhänden poliertem Holzgeländer. Die Schule wirkte kalt und abweisend. Wände, Bänke, Ecken, Winkel, alles roch nach Schule, nach Kreide und Staub. Plötzlich fiel vom ersten Stockwerk eine messerscharfe Stimme herab: „Du da unten, was machst du da?“
„Ich ... äh, ich wollte ...“ stotterte ich und blickte angstvoll nach oben. Ein knapper, beherrschter Schritt, und der Hausmeister erschien auf der Treppe, schwarz gekleidet, das graue Haar in der Mitte streng gescheitelt. „Was suchst du hier?“ fragte er grimmig. Ja, was suchte ich eigentlich hier? Wenn ich das nur selber wüsste! Doch bevor ich antworten konnte, löste sich der Schatten des Inquisitors ebenso wie das Schulgebäude in Luft auf, und ich fand mich wieder in meinem Bett. Was hatte dieser Traum zu bedeuten? Hatte ich etwa Angst vor der Schule? Fürchtete ich gleichzeitig, wonach ich mich sehnte? Doch wenn die Großen schon alles können und man in allem hinter ihnen her hinkt, dann ist das keine erhebende Sache. Seit ich begriffen hatte, dass die schwarzen Zeichen auf den Buchseiten Geschichten enthielten, erschien mir das so wunderbar, dass ich seitdem auf jedes weiße Blatt mit Leidenschaft Schnörkelreihen malte, die jedoch niemand entziffern konnte. Nun sollte ich endlich richtig Lesen und Schreiben lernen, sollte ich endlich aus dem Schatten der älteren Geschwister heraustreten, Doch die Erzählungen der Brüder dämpften meine Vorfreude. In ihren Augen waren die Lehrer froschblütige Pädagogen, die von der Wissenschaft nur den gelehrten Staub kannten und ihren Schülern die Liebe zur Lehre mehr austrieben als eintrichterten.
Als Mama mich an ersten Schultag zur Schule begleitete, fühlte ich mich hin und her gerissen. Die Ängste, sie konnte ich nicht einfach in der Schultüte zwischen all dem Zuckerzeug vergraben. Der Lärm auf dem Schulhof verwirrte mich zusätzlich. Nur zögernd ließ ich Mamas Hand los und reihte mich ein in die Gruppe derer, die wie ich an diesem Tag zum ersten Mal die Segnungen der Schule empfangen sollten. Eine Glocke ertönte. Schweigend erstiegen wir die Stufen, die zum Haupteingang führten. Anders als im Traum stand die schwere Holztür bereits offen, und wir betraten den hallenden Gang, von dem rechts und links die Klassenräume abgingen. Am Ende des Flures lag unser Klassenzimmer. Schon beim ersten Eintritt flößten mir die hundertjährigen Bänke und das holzwurmdurchlöcherte Katheder Ehrfurcht ein. Ein beklemmender Geruch nach Tinte und Kreidestaub schlug mir entgegen. Drei Reihen zerkratzter Pulte mit eingeritzten Herzen und dunkelblauen Tintenklecksen warteten auf vierzig Jungen und Mädchen. Ich bekam meinen Platz zugewiesen in der zweiten Bank gleich neben dem Fenster. Der Blick auf die vertrauten Platanen, die die Allee vor der Schule säumten, flößte mir wieder Vertrauen ein.
Neben mir saß Johanna, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Verlegen grinste sie mich an, ebenso verlegen grinste ich zurück. Na, schön, hieß das, lassen wir alles auf uns zukommen; der Ernst des Lebens kann beginnen. Auf einer riesigen, nur notdürftig gereinigten Tafel waren einige Buchstaben gemalt, und als ich zum ersten Mal aufgerufen wurde, fügte ich stolz das O, das M und das A zu zusammen. Die Lehrerin aber - eine ältliche Frau mit Namen „Siebenschön“, die jedoch eher hässlich als schön aussah - begnügte sich nicht mit diesem Erfolg. Immer neue Buchstaben warf sie an die Tafel, bis mir der Kopf schwirrte. Endlich läutete die Glocke das Ende des Unterrichts ein. Unter Schreien und Gelächter stürmten wir davon und machten uns auf den Heimweg. Doch kaum hatten wir den Schulhof verlassen, da bimmelte auch die Glocke der evangelischen Schule, und schon kreuzten deren Zöglinge unsere Bahnen. Im gleichen Moment begann ein wohl traditionelles Spiel, aufregend und erschreckend zugleich. Anzügliche Redensarten flogen hinüber und herüber, man titulierte uns als „katholische Frösche“, während meine Schulkameraden mit „evangelische Ketzer“ konterten. Nach diesen verbalen Attacken ging die Schlacht über zu handfesteren Rüpeleien. Mit den Worten: „meine Mutter hat gesagt, ich solle alle katholischen Kakerlaken tot treten“, sprangen die evangelischen Schüler uns als ihre vermeintlichen Gegner auf die Füße. Natürlich folgte die Retourkutsche gegen die evangelischen Schuhspitzen auf dem Fuße. Zum Glück aber erschöpften sich darin die Auseinandersetzungen zwischen den Konkurrenten beider Konfessionen. Es folgte kein buntes Handgemenge, kein weiteres Hauen und Stechen. Hatte man zwei, drei Spezies die Füße platt getreten, hörte der Spuk auf. Und spätestens, wenn die Schule außer Sichtweite war, vergaß man, welches Kind katholisch, welches evangelisch betete, und man schlenderte den Rest des Weges einträchtig nebeneinander her.
Ich kann nicht sagen, dass ich gern in die Volksschule gegangen bin, aber so ungern auch wieder nicht. Nach Fräulein Siebenschön, die ein wenig kalt und unnahbar war, zum Glück aber bald in Rente ging, kam Fräulein Pfannkuchen. Sie hieß wirklich so und hatte passend zu ihrem Namen ein liebes, rundes Pfannkuchengesicht, das von einem zur Schnecke gewundenen Zopf gedeckelt wurde. Einige Lehrer haben in jener Zeit noch den Rohrstock geschwungen. Auch meine Geschwister wurden von diesem grausigen Utensil nicht verschont. Toni durfte gleich mehrmals sein Hinterteil über der Bank ausstrecken als Strafe für so manchen dummen Jungenstreich, Selbst mein liebes Schwesterchen Anna musste einmal nach vorne kommen, weil sie im Unterricht geschwätzt hatte. Fräulein Pfannkuchen jedoch hielt nichts von solch kruden Erziehungsmethoden. Sie arbeitete eher mit Lob als mit Tadel, und deshalb wird sie bis heute von mir als Reliquie aus einer freundlichen Zeit hoch geschätzt.
Auf meinem Weg zur Schule begleiteten mich das ganze Jahr hindurch die Platanen der Yorkstraße. Im Herbst rief das Rascheln ihrer bunten Blätter unter meinen Füßen ein Gefühl der Lebensfreude in mir wach. Im Winter war’s der Schnee, der - angeschmiegt an die kahlen Äste der Baumriesen - meine Phantasie anregte, und im Frühjahr beobachtete ich stets mit neuer Spannung das Aufblühen der Blattknospen, die ihre braune Schutzhülle sprengten und sich in ihrem zarten Grün zeigten. Im Sommer dagegen genoss ich den Schatten, den die mächtigen Zweige mit ihrem dichten Laub spendeten und beobachtete fasziniert die tanzenden Sonnenstrahlen, die den Weg durch das leise wispernde Blätterwerk fanden.
Im Gegensatz zu den Platanen nehme ich meine Schulkameraden aus dieser Zeit nur noch schemenhaft wahr. Doch deutlich erinnere ich mich daran, dass so manche Mitschüler den gewaltsamen Versuchen der Lehrer, ihnen Wissen einzubläuen, auf bemerkenswerte Weise Widerstand leisteten. Sie sprangen herum, stiegen auf Tische und Stühle und vollführten ein großes Geschrei. Aus ihren wilden Spielen habe ich mich weitgehend heraus gehalten. Ich zog mich in den Pausen lieber still in mich selbst zurück - ein wenig beachtetes graues Mäuschen. Nicht einmal die üblichen Schülerflirts, die den Schulalltag prickelnder machten, waren mir vergönnt. Ganz im Gegensatz zu meiner Busenfreundin Hella, die – ein Jahr nach mir eingeschult - von einer Eroberung zur anderen taumelte. Und das bereits mit sieben, acht Jahren. Sie war halt so ein Schneewittchentyp – weiße Haut, rote Wangen, (denen sie durch häufiges Kneifen noch mehr Farbe zu geben versuchte) pechschwarzes Haar und als Kontrast dazu himmelblaue Augen.
Ach, diese Hella mit ihren Unschuldsaugen, die ihre Wimpern mit einem abgebrannten Streichholz nachzog, um ihrem koketten Augenaufschlag noch mehr Wirkung zu verleihen. Ja, für Hella waren die ersten Schuljahre sicher aufregend und schön,...




