Wiesenthal | Die Sonnenblume | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Wiesenthal Die Sonnenblume

Über die Möglichkeiten und Grenzen von Vergebung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95890-022-6
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Über die Möglichkeiten und Grenzen von Vergebung

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-95890-022-6
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie sind ein KZ-Häftling. Ein sterbender SS-Soldat bittet Sie um Vergebung. Was tun Sie?

Vor ebendieser Entscheidung stand der Holocaust-Überlebende Simon Wiesenthal im Jahr 1942. In seiner Erzählung Die Sonnenblume schildert der große Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit seinen Gewissenskonflikt, der ihn noch Jahrzehnte später nicht losließ. Hatte er das Richtige getan? Darf das Unverzeihliche verziehen werden? Wenn ja, wie? Wenn nein, wie weiterleben?

Simon Wiesenthals Fragen rühren an die Grundfesten des Menschseins. Über 60 herausragende Männer und Frauen stellen sich ihnen: Geistliche und Theologen, Psychologen und Philosophen, Holocaust-Überlebende und Menschenrechtsaktivisten. Ihre Antworten sind so unterschiedlich wie ihre Erfahrungen in der Welt und zeigen, dass Wiesenthals Frage heute genauso aktuell ist. Das Buch fordert uns heraus, unsere eigene Haltung zu Vergebung und Versöhnung, Gerechtigkeit und Mitgefühl infrage zu stellen.

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Weitere Infos & Material


Olivier Abel | 1999


Olivier Abel (* 1953, Frankreich) ist Professor fu¨r Ethik und Philosophie am Institut Protestant de Théologie, Montpellier und Paris. Seine Forschungsarbeiten drehen sich um Erinnerung und Vergebung. Er bekleidet mehrere Gastprofessuren u.a. an der Galatasaray-Universität Istanbul. Er war Präsident der protestantischen Ethik-Kommission in Frankreich (1986–2000).

Sehr verehrter Herr Wiesenthal, Ihre Frage ist nicht bloß unausweichlich, sondern zwingt sich uns geradezu auf, ist ein Aufruf. Auch wenn Sie sie vor nunmehr dreißig Jahren in die Welt geworfen haben, ist sie für uns noch heute von absoluter Aktualität. Unmittelbar präsent. Um sie beantworten zu können, muss ich jedoch meine Perspektive ändern. Mich in die Position des Menschen begeben, der imstande wäre zu sagen, wer überhaupt verzeihen kann. Aber wer bin ich, dass ich solche Positionen dem Erzähler oder mir selbst zuschreiben kann? Ihnen nicht zu antworten wäre allerdings auch eine Antwort. Wir sind Ihnen alle eine Antwort schuldig auf Ihre Fragen, auch wenn wir nicht alle für die Taten, um die es geht, verantwortlich sind. Weil es sich bei der Frage, die uns hier zusammenbringt, nicht um eine private, sondern um eine politische Frage handelt, anlässlich der wir uns alle versammeln, zusammenstehen und demselben Ereignis gegenübertreten. Durch Ihre Frage sind wir zu Zeitgenossen geworden. Diese Tatsache, und nur diese, erlaubt es mir, auf Ihre Frage zu antworten, Ihnen, die Sie diese Frage vor dreißig Jahren gestellt haben, in einer anderen Zeit, ja fast in einer anderen Welt.

Die Verschiebung der Perspektive ist keinesfalls einfach. Weil die Kluft mit der Zeit unüberwindbar wird. Man glaubt, angesichts des Bösen wären sich alle einig. Aber dann stellt man fest, dass es kaum ein Thema gibt, über das man sich weniger einig wäre. Daher ist es auch so schwierig, eine universelle Moral, die auf dem gemeinsamen Kampf gegen das Unglück basiert, zu errichten. Unglück ist nie etwas Allgemeines, es ist für jeden etwas anderes, das ist das Unglück. Wir sehen das Böse nicht an derselben Stelle. Dieselbe brutale Tat interpretieren wir unterschiedlich, nehmen unterschiedliche Positionen dazu ein, haben ganz unterschiedliche Auffassungen von unserer Verantwortung oder Haftung im Hinblick auf Ihre Frage. Und sie divergieren umso mehr, als der Abstand zwischen den Generationen wächst: Was für die Eltern Glück bedeutete, ein Ideal war, ist für die Kinder mit Ekel verbunden, wird zum Fluch – und um zu der ursprünglichen Frage zurückzukehren: Was verzeihlich war, wird unverzeihlich oder umgekehrt. Was passiert, wenn die Generation, die das Desaster erlebt hat, verschwindet, jene Generation von Opfern,Tätern, Zeugen? Was passiert, wenn uns die Schockwelle die Generationenmauer durchbrechen lässt? Jene, denen das Vergangene zu deutlich vor Augen war, als dass sie das Vergessen suchten, weichen denen, die sich nicht genügend erinnern, als dass man nicht versuchen würde, sie daran zu erinnern. Die Bedingungen für Vergebung werden durch diese Kluft zutiefst erschüttert.

Sie sehen schon, worauf ich mit meinen Positionen hinauswill. Man kann sich nicht selbst vergeben: Der andere ermöglicht es mir, mich anders zu sehen, aber das erfordert einen Wechsel der Perspektive, die Einnahme einer anderen Position. Ich denke daher, dass Ihr Erzähler recht hatte: Er konnte nicht vergeben, was anderen angetan worden war, wie Josek bemerkt, als er die – völlig richtigen – Gründe nennt, warum der Erzähler nicht vergeben konnte. Um vergeben zu können, muss einem selbst das Unrecht widerfahren sein. Diesen Platz kann niemand anderes einnehmen. Wie Emmanuel Levinas geschrieben hat, kann ich nur für mich vergeben, für die anderen jedoch fordere ich Gerechtigkeit. Dies ist die erste Bedingung für eine moralisch mögliche Vergebung, eine Vergebung, die Gerechtigkeit voraussetzt. Es gibt eine weitere Bedingung für Vergebung, die der ersten ähnelt und die in der Geschichte von Simon und dem sterbenden SS-Mann erfüllt wurde: Vergeben kann man nur dem, der sein Unrecht erkennt. Daher haben Sie recht, wenn Sie am Ende Ihrer Geschichte von den ehemaligen Henkern sprechen, die niemals um Vergebung gebeten haben. Dem möchte ich hinzufügen, dass niemand sich diese Position anmaßen kann: Niemand kann anstelle eines anderen büßen. Vergebung ähnelt in dieser Hinsicht mehr der Rache als dem Recht: Das Recht will die Betroffenen voneinander trennen, den sozialen Frieden wiederherstellen, es kennt nichts, was nicht verjähren könnte. Die Vergebung hingegen schert sich nicht um Verjährung und Amnestie: Das Erinnern, von der Vergebung befragt, überlebt alle Prozesse. Vergebung kann nicht von einem Dritten kommen, das Recht hingegen verbietet, Selbstjustiz zu begehen, und führt den Dritten ein, mit einem ganzen Schutzwall von Vertretern und Regeln. Die Vergebung ist viel archaischer, unmittelbarer. Sie ist keine Formel oder magische Geste, unabhängig vom Kontext und den Gesprächspartnern. Es steckt viel Arbeit darin, die nötigen Bedingungen dafür zu versammeln. Die Vergebung, um die gebeten wird, ist auch nicht zwangsläufig die Vergebung, die man erlangt. Gehen wir aber einen Schritt weiter und stellen uns vor, der SS-Mann hätte nicht nur um Vergebung gebeten, sondern Simon wäre auch derjenige gewesen, dem das Unrecht widerfahren und der tatsächlich autorisiert gewesen wäre zu vergeben: Wahrscheinlich kann man ohnehin nur wirklich vergeben, was sich wirklich bestrafen lässt.

Ihr Erzähler hat richtig gehandelt, nicht zu vergeben, denn die Bedingungen für Vergebung waren nicht gegeben. Als ich meine Antwort hier abschließen wollte, lieber Herr Wiesenthal, erfasste mich plötzlich Scham. Sie sind zwar nicht da, doch ich weiß, dass ich Ihre Frage eigentlich nicht beantwortet habe. Sie haben gar nicht versucht, jedem seine Position zuzuschreiben, sonst hätten Sie nicht Ihre Perspektive gewechselt, Sie hätten nicht eine Erzählung verfasst, die solche Perspektivwechsel, eine solche Verschiebung durchspielt. Sie hätten uns nicht dazu gezwungen, unsere Position zu verlassen und uns an diesen öffentlichen Ort zu begeben, an dem Sie Ihre Frage stellen. Es scheint so, als hätten Sie Voraussetzungen für ein moralisches, gerechtes, an Bedingungen geknüpftes Vergeben gesucht und formuliert: Und gleichzeitig wussten Sie besser als jeder andere, dass diese Bedingungen nicht gegeben waren. Trotzdem haben Sie die Frage gestellt. Sie haben das Zurückhalten einer ganz anderen Art von Vergebung in den Raum gestellt.

Wo soll ich neu beginnen? Sie schreiben selbst, unter solchen Umständen hat man niemals recht. Im Grunde gibt es unter solchen Bedingungen keine Moral, keine Regeln mehr, man befindet sich nicht mehr in der normalen Welt. Unter diesen Bedingungen, in so dunklen Zeiten weitet sich die Pupille der Moral. Man sieht, was man sonst nicht sieht. Es ist das Zwielicht des Lagers. Vergebung ist hier immer unmoralisch. Sie kann supra- oder infra-moralisch sein, sie kann eine überwältigende und eine quasi unmögliche Geste sein, so außergewöhnlich, dass man nicht weiß, ob sie wirklich passiert ist, sie kann aber auch einfach nur eine Geste sein, die zum Überleben nötig ist.

Vielleicht gibt es ohnehin nie wirklich Vergebung? Zumindest wenn man davon ausgeht, dass der Vergebende seinen Akt der Vergebung nicht nur sofort vergisst, sondern dass der, dem vergeben wird, derart erschüttert ist, dass er sein früheres Ich nicht mehr begreift – bis sich das Gedächtnis beider vermischt und die Vergangenheit neu verteilt wird. So verschwindet die Vergebung just in dem Moment, da sie erscheint. Sie verschwindet in dem Moment, da sie sich ihrer selbst bewusst wird. Die Geste, die die Fliege vom Kopf des Sterbenden verjagt – vielleicht liegt hierin Vergebung, aber keiner darf wissen, dass sie stattgefunden hat. Es ist ein gebrochenes Wort, das mit dem amnesischen Vergessen brechen will, aber auch mit der Erinnerung an den Groll, nur:Wie soll das gehen?

Denn die Vergebung weiß, dass die vergangenen Verbrechen fortdauern, solange der Deckel des Schweigens nicht gehoben wird, sie weiß, dass die alten Wunden sich wieder öffnen können. Kann man vergessen, was nicht wieder repariert werden kann? Manch einer hat geglaubt, vergessen zu haben, war aber nur »amnesisch«, da das Trauma so tief saß. Solange man nicht mit dem Vergessen, mit der Verdrängung von Klagen und Wut aufhört, bleibt die vergessene Vergangenheit gegenwärtig, wiederholt sich, immerfort. Das Grauen ist nicht beendet, nur weil es »vergessen« wurde, es setzt sich endlos fort, solange man nicht mit dem Vergessen aufhört und bereit ist, daraus ein Erinnern zu machen. Erst wenn man anerkennt, was sich ereignet hat, kann man das Fortwirken der Vergangenheit bis hinein in die Gegenwart stoppen. Die Vergebung ruft die Vergangenheit in Erinnerung, und zwar nicht nur die Vergangenheit unwiederbringlicher Verluste und Trauer, sondern auch die Versprechen eines glücklichen Lebens, die zerstört wurden.

Die Vergebung weiß aber auch, dass die teuflische Logik des Grolls mit der Zeit immer mehr Gewicht erlangt und von Generation zu Generation weitergegeben wird, solange nicht die Möglichkeit des Zusammenlebens in der Gegenwart eröffnet wurde. Kann man etwas, das sich nicht wiedergutmachen lässt, wirklich im Gedächtnis behalten? Muss man eine Schuld bewahren, wie einen alten Groll, den man immer wiederkäut, wie eine Narbe, die nicht vernarben kann und die mit der Wunde selbst nichts mehr zu tun hat? Solch ein krankes Gedächtnis ist unfähig, sich an etwas anderes zu erinnern. Vergebung stellt hier einen Weg zur Heilung dar: Eben weil man über das nicht Wiedergutzumachende getrauert hat, weil man sich mit der...



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